Die Drei 05 / 2005

 

Editorial

 

 

 

Heft bestellen! Startseite

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

im Programmheft zur Dresdener Inszenierung der »Jungfrau von Orleans« von Friedrich Schiller werden junge Frauen nach ihrem Glauben befragt, ob er sie stark mache, ob sie für diesen Opfer bringen würden und auch, ob sie jemanden kennten, der »in ähnlicher Weise gehandelt hat« wie die Jungfrau. Manche der recht unterschiedlichen Antworten beziehen sich auf sehr konkrete Lebenssituationen. So fällt Kathleen, 15-jährige Schülerin, auf die letzt genannte Frage ihre Mutter ein, »die versucht hat, gegen die Alkoholkrankheit meines Vaters anzukämpfen, die alles darüber gelesen und sich ihm aufgeopfert hat.«

Folgt man Rüdiger Safranskis begeisternder Schiller-Biografie, klingt in dieser Antwort durchaus ein Zentralmotiv von Schiller an: »Sein schöpferischer Enthusiasmus hielt ihn am Leben über das Verfallsdatum des Körpers hinaus … Idealismus ist, wenn man mit der Kraft der Begeisterung länger lebt, als es der Körper erlaubt. Es ist der Triumph eines erleuchteten, eines hellen Willens. Bei Schiller war der Wille das Organ der Freiheit.« Im Falle des alkoholkranken Vaters ist der Triumpf nicht gelungen (er ist trotzdem ausgezogen), doch die Mutter hat ihn immerhin für möglich gehalten. Auch an das Sterben des Papstes Johannes Paul II. könnte man hier denken. War es die Kraft des Glaubens, aus der heraus er seinen Kampf gegen das Versagen des Körpers öffentlich in den Medien zelebriert und dadurch Millionen Menschen in ihrem eigenen Glauben bestärkt hat?

Erleben wir also gerade eine Renaissance des Vertrauens in den Geist? Die Faszination gegenüber einem Dramenstoff wie dem der Jungfrau Johanna, der Willenskraft eines Schillers oder des Papstes ist heute groß. »Der Glaube an mich selbst macht mich stark, dass man dann auch das richtige tut, selbst, wenn es mühsam ist« (Isabella, 21, Studentin aus Dresden). Doch groß ist auch immer wieder die Versuchung, sich die Realität des Geistes durch ironische oder sonstige Brechungen vom Leibe zu halten. So in der genannten Inszenierung, in der Johannas Wirkung letztlich psychologisch banalisiert wird. Und so – aus der Sicht Reinhard Bodes – in einem gewissen Sinne auch bei Safranski, der bei Schiller nur eine bloß »ästhetische Religion« erkennen will. Ist dies vielleicht auch Ausdruck einer Scham vor dem Unfassbaren, dem man sich – zu Recht – heute nicht mehr nur durch den Glauben zu nähern vermag?

 

Ihr Stephan Stockmar