Die Drei 12/ 2007

 

Editorial

 

 

Startseite

 

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Rüdiger Safranski spricht in seinem neuen Werk mit Enthusiasmus vom geistigen Impuls der Romantik, von der immensen Schöpferkraft seiner Vertreter. Seine weit reichenden Kenntnisse vermittelt er in einer anschaulichen, leicht verständlichen Sprache einer breiten Öffentlichkeit, die sich davon anstecken lässt. Unser Interview gibt einen Einblick in Safranskis einzigartigen Zugriff auf die Besonderheit der romantischen Denkart und ihre Auswirkungen bis heute.
Trotzdem ist Reinhard Bode als Leser von Safranski enttäuscht. Was haben die Romantiker eigentlich erlebt, welche Motive standen hinter ihrer Suche nach dem Unvergänglichen, dem »Weltfremden«, dem Irrationalen? Wer in ihre Gedanken so empathisch eindringt, ihre intimen spirituellen Wege so fein beschreibt, der müsste eigentlich bereit sein, das, was sie berichten, auch als Realität ernst zu nehmen. Ihre Einblicke in eine nicht-sichtbare Welt bleiben aber für Safranski, wie für die meisten unserer Zeitgenossen, Schall und Rauch – Wunschträume, subjektive Visionen, »Verrücktheiten«.
Beide Beiträge im Dialog gesehen zeichnen ein deutliches Bild der Gegenwart: In der Realität des Geistes liegt ein Gefährliches; die Berührung mit der Schwelle wird einerseits sehnsuchtsvoll gesucht, andererseits zuckt man vor dem Blick in den Abgrund zurück. Wir alle kennen das. Die Setzung und Anerkennung konkreter Geistigkeit verlangt Mut – auch gegen den allgemeinen Strom der Begeisterung anzusprechen.
Konkrete Geistigkeit ist zuerst eine Selbsterfahrung: »Ich erfasse mich«. Diese in die Vergangenheit greifende Ich-Geste der sich in den Schwanz beißenden Schlange liegt der anthroposophischen Geisteswissenschaft zugrunde und unterscheidet sie von der »normalen« Wissenschaft ebenso wie von der »normalen« Esoterik. Als eine historische Vorstufe seiner eigenen geistigen Forschung bezeichnet Rudolf Steiner das Rosenkreuzertum. Diesem Zusammenhang geht Andreas Neider in seinem Beitrag bis in die Biographie Steiners hinein nach und endet mit einem Ausblick auf eine zukünftige Erinnerungskultur:
»… Und als strahlendes Erinnerungsleben
Wird der Christus leuchten
in jede unmittelbar gegenwärtige Finsternis.« (R. Steiner)
Wir wünschen Ihnen eine frohe und gesegnete Weihnachtszeit!

 

Ihr Stephan Stockmar