Die Drei 8-9/ 2008

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

was wäre der Mensch ohne seinen Leib? Egal ob er sich mit ihm identifiziert oder ob er ihn flieht: Er ist sein Schicksal, und zwar nicht nur im Krankheitsfall. Für die einen ist er das Eins und Alles; sie können nicht über ihn hinausblicken. Für die anderen ist er Ekel und Gefängnis, aus dem sie sich befreien möchten und dem sie doch ausgeliefert sind. Durch den Leib gehört der Mensch einer Gattung an, die sich ans Tierreich anschließt. Und zugleich gibt es kaum etwas Individuelleres als den menschlichen Leib; mit ihm kommt meine Individualität erst zum Tragen und tritt in Erscheinung. Bin ich dann mein Leib? Was wird aus der Unterscheidung zwischen Ich und Leib?
»Und er nahm das Brot, sprach das Dankgebet, brach es und gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis« (Lk 22,19) – In dieser Handlung nimmt Christus im Letzten Abendmahl seine Opfertat voraus. Ihr Nachvollzug als Bitte und Gnade bildet seit dem als Wandlung den Kern des christlichen Kultus. In ihr wird gewissermaßen von oben her eine Identität hergestellt, die den Leib heiligt. Doch sie wird nur wirksam, wenn ihr etwas entgegenbracht wird durch das über sich hinauswachsende Ich, das im Vorgang der Leibverwandlung zu sich selber findet. Insofern bilden niederstes und höchstes Wesensglied des Menschen eine existentielle Einheit, die in jedem Moment in Entwicklung begriffen ist. Leib und Ich offenbaren sich gegenseitig in der menschlichen Gestalt.
In den Beiträgen dieses Heftes werden die verschiedensten Begriffe verwendet: Körper, Organismus, Leib, Gestalt. Alle hängen miteinander zusammen, und doch können sie nicht gleich gesetzt werden. Ja, nicht einmal die einzelnen Begriffe werden überall im gleichen Sinne verwandt. Da die Gesichtspunkte, unter denen sich die Autoren der Thematik annähern, höchst unterschiedlich sind, sahen wir als Redaktion es auch nicht für sinnvoll an, hier eine Vereinheitlichung vorzunehmen. So ist der Leser angehalten, sich das jeweils Gemeinte aus dem unmittelbaren Zusammenhang zu erschließen. Ein solches »dynamisches« Lesen entspricht auch am ehesten dem Anliegen dieses Heftes, das nicht definitorisches Wissen vermitteln, sondern Wahnehmungs- und Erkenntnisprozesse anregen will. So erst kann aus Leibverständnis Leibverwandlung werden.

 

Ihr Stephan Stockmar