| |
Liebe Leserin, lieber
Leser,
was wäre der Mensch ohne seinen Leib? Egal ob er sich mit
ihm identifiziert oder ob er ihn flieht: Er ist sein Schicksal, und zwar
nicht nur im Krankheitsfall. Für die einen ist er das Eins und Alles;
sie können nicht über ihn hinausblicken. Für die anderen ist er Ekel und
Gefängnis, aus dem sie sich befreien möchten und dem sie doch
ausgeliefert sind. Durch den Leib gehört der Mensch einer Gattung an,
die sich ans Tierreich anschließt. Und zugleich gibt es kaum etwas
Individuelleres als den menschlichen Leib; mit ihm kommt meine
Individualität erst zum Tragen und tritt in Erscheinung. Bin ich dann
mein Leib? Was wird aus der Unterscheidung zwischen Ich und Leib?
»Und er nahm das Brot, sprach das Dankgebet, brach es und gab es ihnen
und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu
meinem Gedächtnis« (Lk 22,19) – In dieser Handlung nimmt Christus im
Letzten Abendmahl seine Opfertat voraus. Ihr Nachvollzug als Bitte und
Gnade bildet seit dem als Wandlung den Kern des christlichen Kultus. In
ihr wird gewissermaßen von oben her eine Identität hergestellt, die den
Leib heiligt. Doch sie wird nur wirksam, wenn ihr etwas entgegenbracht
wird durch das über sich hinauswachsende Ich, das im Vorgang der
Leibverwandlung zu sich selber findet. Insofern bilden niederstes und
höchstes Wesensglied des Menschen eine existentielle Einheit, die in
jedem Moment in Entwicklung begriffen ist. Leib und Ich offenbaren sich
gegenseitig in der menschlichen Gestalt.
In den Beiträgen dieses Heftes werden die verschiedensten Begriffe
verwendet: Körper, Organismus, Leib, Gestalt. Alle hängen miteinander
zusammen, und doch können sie nicht gleich gesetzt werden. Ja, nicht
einmal die einzelnen Begriffe werden überall im gleichen Sinne verwandt.
Da die Gesichtspunkte, unter denen sich die Autoren der Thematik
annähern, höchst unterschiedlich sind, sahen wir als Redaktion es auch
nicht für sinnvoll an, hier eine Vereinheitlichung vorzunehmen. So ist
der Leser angehalten, sich das jeweils Gemeinte aus dem unmittelbaren
Zusammenhang zu erschließen. Ein solches »dynamisches« Lesen entspricht
auch am ehesten dem Anliegen dieses Heftes, das nicht definitorisches
Wissen vermitteln, sondern Wahnehmungs- und Erkenntnisprozesse anregen
will. So erst kann aus Leibverständnis Leibverwandlung werden.
Ihr
Stephan Stockmar
|
|