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Liebe
Leserin, lieber Leser,
»Stellt
euch nicht dem Bösen entgegen.« Dieses Christuswort aus der Bergpredigt
(Mt 5,39) ist eine Zumutung und fordert immer wieder neu zum »Umgang mit
dem Bösen« heraus.
Das Böse
in der Welt zu erkennen und es in seiner Differenziertheit gemäß der
Geisteswissenschaft zu verstehen ist eines. Ein anderes ist es, dem
Bösen leibhaftig zu begegnen – und dazu bietet der heutige Alltag nahezu
jederzeit Anlass: der Alltag des Denkens ebenso wie der soziale Alltag.
Wie trete ich etwas Falschem oder Unrechtem entgegen, ohne ihm im
eigenen Denken und Tun zu verfallen? Diese Frage führt immer auch in
eine Selbstbegegnung. Entsprechend »persönlich« sind die Beiträge für
dieses Themenheft ausgefallen. Sie laden zur Teilhabe an einer Art
Selbstgespräch ein und regen so an, mit mir selbst ins Gespräch zu
kommen – auch dort, wo es um andere und anderes geht, um Hitler und den
Holocaust, Martin Luther King und Malcolm X oder so große Themen wie die
Entstehung des Bösen. Dabei taucht auch die Frage nach sich heute
verändernden Erscheinungsformen des Bösen auf – nach der Wirklichkeit,
wie wir sie heute kräftig mitgestalten.
Es geht
hier um das Böse als konkretes Lebensproblem, und insofern stellen wir
uns auch mit diesem Heft mitten in die Salutogenese-Thematik hinein, der
wir bereits zwei Hefte gewidmet haben: »Wege aus der Erschöpfung –
Gesundheit aus dem Ich« - (8-9/2004 – vergriffen) und »Angst – Mut –
Vertrauen. Lebens-Schritte am Abgrund« (8-9/2005).
Jacques
Lusseyran hat einmal den Eindruck beschrieben, seine Mitgefangenen im KZ
Buchenwald seien auch an »Ich-Mangel« gestorben (»Gegen die
Verschmutzung des Ich«). Genau darauf zielen Aaron Antonovskys
Untersuchungen an Holocaust-Überlebenden, die ihn zu dem Begriff der
Salutogenese geführt haben: Die Entstehung von Gesundheit hängt
entscheidend von der Fähigkeit ab, sich aktiv, von innen heraus, im
Zusammenhang mit der Welt zu erleben und zu halten (»Kohärenzgefühl«),
auch wenn diese – wie im KZ – nur noch destruktiv wirkt. Und diese
Fähigkeit ist eine des Ichs, des innersten Wesenskerns.
Heute
drängt sich der Eindruck auf, dass die Frage nach dem Ich immer mehr zur
Überlebensfrage in der Gegenwartszivilisation wird. Sie ist der
verbindende rote Faden der vorliegenden, im Ansatz sehr verschiedenen
Beiträge, die nicht nur Inhalte klug bewegen, sondern auf eigene
Erfahrung bauen.
Ihr Stephan Stockmar
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