Die Drei 8-9/ 2007

 

Editorial

 

 

Startseite

 

 

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

»Stellt euch nicht dem Bösen entgegen.« Dieses Christuswort aus der Bergpredigt (Mt 5,39) ist eine Zumutung und fordert immer wieder neu zum »Umgang mit dem Bösen« heraus.

Das Böse in der Welt zu erkennen und es in seiner Differenziertheit gemäß der Geisteswissenschaft zu verstehen ist eines. Ein anderes ist es, dem Bösen leibhaftig zu begegnen – und dazu bietet der heutige Alltag nahezu jederzeit Anlass: der Alltag des Denkens ebenso wie der soziale Alltag. Wie trete ich etwas Falschem oder Unrechtem entgegen, ohne ihm im eigenen Denken und Tun zu verfallen? Diese Frage führt immer auch in eine Selbstbegegnung. Entsprechend »persönlich« sind die Beiträge für dieses Themenheft ausgefallen. Sie laden zur Teilhabe an einer Art Selbstgespräch ein und regen so an, mit mir selbst ins Gespräch zu kommen – auch dort, wo es um andere und anderes geht, um Hitler und den Holocaust, Martin Luther King und Malcolm X oder so große Themen wie die Entstehung des Bösen. Dabei taucht auch die Frage nach sich heute verändernden Erscheinungsformen des Bösen auf – nach der Wirklichkeit, wie wir sie heute kräftig mitgestalten.

Es geht hier um das Böse als konkretes Lebensproblem, und insofern stellen wir uns auch mit diesem Heft mitten in die Salutogenese-Thematik hinein, der wir bereits zwei Hefte gewidmet haben: »Wege aus der Erschöpfung – Gesundheit aus dem Ich« -  (8-9/2004 – vergriffen) und »Angst – Mut – Vertrauen. Lebens-Schritte am Abgrund« (8-9/2005).

Jacques Lusseyran hat einmal den Eindruck beschrieben, seine Mitgefangenen im KZ Buchenwald seien auch an »Ich-Mangel« gestorben (»Gegen die Verschmutzung des Ich«). Genau darauf zielen Aaron Antonovskys Untersuchungen an Holocaust-Überlebenden, die ihn zu dem Begriff der Salutogenese geführt haben: Die Entstehung von Gesundheit hängt entscheidend von der Fähigkeit ab, sich aktiv, von innen heraus, im Zusammenhang mit der Welt zu erleben und zu halten (»Kohärenzgefühl«), auch wenn diese – wie im KZ – nur noch destruktiv wirkt. Und diese Fähigkeit ist eine des Ichs, des innersten Wesenskerns.

Heute drängt sich der Eindruck auf, dass die Frage nach dem Ich immer mehr zur Überlebensfrage in der Gegenwartszivilisation wird. Sie ist der verbindende rote Faden der vorliegenden, im Ansatz sehr verschiedenen Beiträge, die nicht nur Inhalte klug bewegen, sondern auf eigene Erfahrung bauen.

 

Ihr Stephan Stockmar