Die Drei 8-9/ 2007

 

 

 

 

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In die Existenz

Zu den Zeichnungen und zum Titelbild

Stephan Stockmar
 

Die Zeichnungen von Enno Schmidt bleiben fragmentarisch-vorläufig, wirken manchmal wie Motiv-Collagen oder Diagramme, die einem Prozess folgen und ihn sichtbar machen. Manches ist wie eben während eines Gespräches hingeworfen. Doch dann sind da auch wieder fein ausgearbeitete Elemente wie Schraffuren, Konstruktionen u. ä. Der Strich ist oft kräftig-spontan, dann aber auch wieder weich und zart. Wie überhaupt die Gesten und Beziehungen der Striche und Gebilde zueinander von größter Zartheit sein können - so unvermittelt auch manches sich gegenübersteht. So entstehen Geschichten allein durch die Zeichensprache. Ein verschiedentlich auftauchendes Zeichen ist eine Art sich nach unten öffnende geschwungene Astgabel, die auch - von unten nach oben - wie ein stehendes oder schreitendes Wesen gelesen werden kann, das gelegentlich in eine Art Kopf mündet; die sich zum Negativ verdoppeln kann. Zur Gegenüberstellung kommt so ein Auseinander- oder Zusammentreten, ein Sich-Leeren oder Sich-Füllen. Das Wesen ist nie nur fest umrissener Gegenstand, sondern lebt in der Beziehung, in der Korrespondenz mit der Welt und mit sich selbst, und diese kann sehr spannungsvoll und - scheinbar - ungleichgewichtig sein. Doch diese Spannungen führen nicht in die Isolation, sondern ins Wachsen und Werden - in die Existenz. Nicht aber in etwas Endgültiges, Beruhigendes, sondern ins Risiko; nicht ins Jenseits, sondern ins Diesseits, ins Hier und Jetzt, das ebenso gut hüben wie drüben ist. Existenz ist Prozess und immer mitten drin.

In die Erde greifen

Das Motiv des Schreitens findet sich auch auf dem Gemälde von Enno Schmidt auf der Titelseite. Es ist ein großes Bild (140x130 cm) von starker Kraft. Ich habe den Künstler gebeten, die »Biografie« des Bildes zu erzählen:

»So, wie das braune Bild jetzt aussieht, ist es in wenigen Minuten entstanden. Und hätte mein kleiner Sohn mich nicht zum Essen gerufen, wäre wohl die ganze Fläche braun geworden, bis auf die Gestalt des Gehenden, diese zwei Linien. Wie eine Wünschelrute. Machte man oben, wo die Linien zusammenkommen - oder sich trennen - noch einen senkrechten Strich durch, wäre es das chinesische Schriftzeichen für Mensch. Aber so etwas erfährt man immer erst viel später. Drei Jahre war dieses Bild in der Arbeit. Dass die Farbfläche von größerer Kraft ist als die Geste und die harte, gerade Kante zwischen Farbflächen mehr Dialog und Erotik und simultan mehr Farbspiel zeigt als die vermischten Übergänge, entwickelte ich auf diesem Bild. Viele Bilder sind auf diesem Bild entstanden und wieder übermalt und neue entwickelt worden. Um Polarität ging es, um Vergangenheit und Zukunft, um Wandlung, um die Verlängerung der Zeit im Moment, um Verdichtungen, Rhythmus, Herausfallen aus dem Bild und wieder in ihm Aufsteigen - wobei das Bild das Leben ist. Um das >Auf-dem-Wasser-Gehen< ging es, um diese Fähigkeit - das sieht man oben im Bild noch schemenhaft, weil die rote Farbe der Figuren, die das darstellten, durch alle Farbschichten der darunter liegenden Malerei hindurch in die Leinwand eingezogen ist. Es war auch mal ganz mit dunklem Graphit übermalt, das Bild, und bekam ein rotes Kreuz darauf. So waren es eben immer mehr Substanzen als Farben, die mit der Zeit auf dem Bild zum Einsatz kamen. Viele Themen waren es, die hier verhandelt und wieder abgebrochen und geändert wurden. Es ging durchs Dunkle und Helle. Schließlich übermalte ich es mit Eisenspänen. Es waren auch Fische darauf. Und dann kratzte ich mit Kraft alles ab, die ganzen Materialschichten dieser Biografie, und haute mit einem Mal die beiden Linien darauf mit grünem Stift und malte da herum alles braun. >In die Erde greifen.< Es war der Gedanke: Nicht nach oben streben zum Geistigen, denn Geist sind wir schon selbst; damit in die Erde. Gehen. Und verwandeln oder greifen. - Ein Freund von mir sagte, in so eine kackbraune Erde wolle er aber nicht. Das war im Herbst 1988.«

Enno Schmidt: o.T., 1992. Bleistift auf transparentem Zeichenpapier, 25,2x37,3 cm

Enno Schmidt, geboren 1958 in Osnabrück. Studium der Malerei an der Städelschule in Frankfurt am Main. Ausstellungen im In- und Ausland. Mitbegründer und über die ersten Jahre Geschäftsführender Gesellschafter des »Unternehmen Wirtschaft und Kunst - erweitert, gGmbH«, »Aktion Baumkreuz«, Mitglied der Social Sculpture Research Unit an der Oxford Brookes University, Redakteur des Kulturportals der Stadt Frankfurt für Neue Medien, Lehrbeauftragter am Institut für Unternehmertum an der Universität Karlsruhe, mit Daniel Häni Begründer der Initiative Grundeinkommen in der Schweiz und von grundeinkommen.tv, Basel. Seit 2000 regelmäßiger Autor in der Zeitschrift die Drei. - Enno Schmidt lebt vorwiegend in Frankfurt am Main. Literatur: Heraus aus dem Atelier: Die Kunst ist in den Unternehmen. Johanna Giovannini im Gespräch mit Enno Schmidt, in: die Drei 11/2004. Kontakt: mail[at]enno-schmidt.de; www.enno-schmidt.de