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In die Existenz
Zu den Zeichnungen
und zum Titelbild
Stephan
Stockmar
Die Zeichnungen von Enno Schmidt bleiben fragmentarisch-vorläufig, wirken
manchmal wie Motiv-Collagen oder Diagramme, die einem Prozess folgen und ihn
sichtbar machen. Manches ist wie eben während eines Gespräches hingeworfen. Doch
dann sind da auch wieder fein ausgearbeitete Elemente wie Schraffuren,
Konstruktionen u. ä. Der Strich ist oft kräftig-spontan, dann aber auch wieder
weich und zart. Wie überhaupt die Gesten und Beziehungen der Striche und Gebilde
zueinander von größter Zartheit sein können - so unvermittelt auch manches sich
gegenübersteht. So entstehen Geschichten allein durch die Zeichensprache. Ein
verschiedentlich auftauchendes Zeichen ist eine Art sich nach unten öffnende
geschwungene Astgabel, die auch - von unten nach oben - wie ein stehendes oder
schreitendes Wesen gelesen werden kann, das gelegentlich in eine Art Kopf
mündet; die sich zum Negativ verdoppeln kann. Zur Gegenüberstellung kommt so ein
Auseinander- oder Zusammentreten, ein Sich-Leeren oder Sich-Füllen. Das Wesen
ist nie nur fest umrissener Gegenstand, sondern lebt in der Beziehung, in der
Korrespondenz mit der Welt und mit sich selbst, und diese kann sehr
spannungsvoll und - scheinbar - ungleichgewichtig sein. Doch diese Spannungen
führen nicht in die Isolation, sondern ins Wachsen und Werden - in die Existenz.
Nicht aber in etwas Endgültiges, Beruhigendes, sondern ins Risiko; nicht ins
Jenseits, sondern ins Diesseits, ins Hier und Jetzt, das ebenso gut hüben wie
drüben ist. Existenz ist Prozess und immer mitten drin.
In die Erde greifen
Das Motiv des Schreitens findet sich auch auf dem Gemälde von Enno Schmidt
auf der Titelseite. Es ist ein großes Bild (140x130 cm) von starker Kraft. Ich
habe den Künstler gebeten, die »Biografie« des Bildes zu erzählen:
»So, wie das braune Bild jetzt aussieht, ist es in wenigen Minuten
entstanden. Und hätte mein kleiner Sohn mich nicht zum Essen gerufen, wäre wohl
die ganze Fläche braun geworden, bis auf die Gestalt des Gehenden, diese zwei
Linien. Wie eine Wünschelrute. Machte man oben, wo die Linien zusammenkommen -
oder sich trennen - noch einen senkrechten Strich durch, wäre es das chinesische
Schriftzeichen für Mensch. Aber so etwas erfährt man immer erst viel später.
Drei Jahre war dieses Bild in der Arbeit. Dass die Farbfläche von größerer Kraft
ist als die Geste und die harte, gerade Kante zwischen Farbflächen mehr Dialog
und Erotik und simultan mehr Farbspiel zeigt als die vermischten Übergänge,
entwickelte ich auf diesem Bild. Viele Bilder sind auf diesem Bild entstanden
und wieder übermalt und neue entwickelt worden. Um Polarität ging es, um
Vergangenheit und Zukunft, um Wandlung, um die Verlängerung der Zeit im Moment,
um Verdichtungen, Rhythmus, Herausfallen aus dem Bild und wieder in ihm
Aufsteigen - wobei das Bild das Leben ist. Um das >Auf-dem-Wasser-Gehen< ging
es, um diese Fähigkeit - das sieht man oben im Bild noch schemenhaft, weil die
rote Farbe der Figuren, die das darstellten, durch alle Farbschichten der
darunter liegenden Malerei hindurch in die Leinwand eingezogen ist. Es war auch
mal ganz mit dunklem Graphit übermalt, das Bild, und bekam ein rotes Kreuz
darauf. So waren es eben immer mehr Substanzen als Farben, die mit der Zeit auf
dem Bild zum Einsatz kamen. Viele Themen waren es, die hier verhandelt und
wieder abgebrochen und geändert wurden. Es ging durchs Dunkle und Helle.
Schließlich übermalte ich es mit Eisenspänen. Es waren auch Fische darauf. Und
dann kratzte ich mit Kraft alles ab, die ganzen Materialschichten dieser
Biografie, und haute mit einem Mal die beiden Linien darauf mit grünem Stift und
malte da herum alles braun. >In die Erde greifen.< Es war der Gedanke: Nicht
nach oben streben zum Geistigen, denn Geist sind wir schon selbst; damit in die
Erde. Gehen. Und verwandeln oder greifen. - Ein Freund von mir sagte, in so eine
kackbraune Erde wolle er aber nicht. Das war im Herbst 1988.«

Enno Schmidt: o.T., 1992. Bleistift auf transparentem Zeichenpapier, 25,2x37,3
cm
Enno Schmidt, geboren 1958 in Osnabrück. Studium der Malerei an der
Städelschule in Frankfurt am Main. Ausstellungen im In- und Ausland.
Mitbegründer und über die ersten Jahre Geschäftsführender Gesellschafter des
»Unternehmen Wirtschaft und Kunst - erweitert, gGmbH«, »Aktion Baumkreuz«,
Mitglied der Social Sculpture Research Unit an der Oxford Brookes University,
Redakteur des Kulturportals der Stadt Frankfurt für Neue Medien,
Lehrbeauftragter am Institut für Unternehmertum an der Universität Karlsruhe,
mit Daniel Häni Begründer der Initiative Grundeinkommen in der Schweiz und von
grundeinkommen.tv, Basel. Seit 2000 regelmäßiger Autor in der Zeitschrift die
Drei. - Enno Schmidt lebt vorwiegend in Frankfurt am Main. Literatur: Heraus
aus dem Atelier: Die Kunst ist in den Unternehmen. Johanna Giovannini im
Gespräch mit Enno Schmidt, in: die Drei 11/2004. Kontakt:
mail[at]enno-schmidt.de; www.enno-schmidt.de
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