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Entstehungsmomente des Guten
Angelika
Sandtmann
Warum fällt es uns heute so schwer, etwas oder jemanden als gut zu
bezeichnen? Haben wir doch keinerlei Mühe, überall Schlechtes und Böses zu
sehen. Das liegt nicht nur daran, dass heute alle Wertmaßstäbe längst ins
Rutschen gekommen sind; wir sind auch vorsichtig geworden, die nach außen hin
gute Tat wirklich als gut einzustufen. Es könnten unlautere Motive
dahinterstecken oder die weiteren Folgen könnten sich als schlecht erweisen.
Doch letztlich liegt es an der Qualität des Guten selbst: Das Gute ist ein
flüchtiges »Gut«, sobald man es festhalten will, ist es schon entschwunden. In
der Selbsterkenntnis kann man bitter bemerken, dass das Gute sofort in
Eitelkeit, Stolz u.Ä. umschlägt, sobald ich mir meiner seelischen Haltung
bewusst werde. Das Mitleid, das ich ehrlich empfand, wird schnell zur
Genugtuung, dass es mir selbst besser geht, oder zum Stolz, was ich doch für ein
mitfühlender Zeitgenosse bin. Ruth Ewertowski spricht treffend von der Tragik
des Guten und vergleicht sie mit der Anmut, die durch den Blick in den
Spiegel
verdorben wird. 1
Ist es dann gar nicht mehr möglich, Gutes zu entdecken? So wie ich Anmut
nicht an mir selbst wahrnehmen kann, ohne sie zu zerstören, muss ich auch
zwangsläufig blind sein für das Gute, das ich selbst verwirkliche. Das hindert
einen aber nicht, offen zu sein für das Gute, das von anderen Menschen ausgeht.
Dennoch, wer sich ernsthaft die Frage stellt, wann er in seinem Leben wirklich
Gutes erlebt hat, wird vermutlich nicht besonders viele Eindrücke nennen können.
Mir selbst haben sich einige wenige Erlebnisse tief eingeprägt, da sie eine
Unmittelbarkeit und Echtheit hatten, wie sie sich nur selten ereignet. Jedes Mal
ging es um eine menschlich schwierige Situation, die existentiellen Charakter
hatte. Wahrhaft gut empfand ich das Verhalten jener Menschen, die in der Lage
waren, ein klares Ja (ohne Wenn und Aber) zu einem anderen Menschen
auszusprechen. Das war kein oberflächliches Ja im Sinne von »Kopf hoch, es wird
schon wieder«, sondern ein Ja, das sich durchaus all der nicht zu leugnenden
Probleme bewusst war und dennoch das Ja nicht in irgendeiner Weise einschränkte.
Es war wie aus einer anderen Sphäre gesprochen, die sich nicht blenden und
erschüttern ließ. Gleichzeitig war aber die Bereitschaft da, sich all der
konkreten Schwierigkeiten zu stellen.
Ist es vielleicht gerade die Fähigkeit, im anderen Menschen das Gute
wahrzu-nehmen, die einen auch fähig macht, selbst gut zu sein? Ginge es dann gar
nicht darum, gut sein zu wollen - alle Versuche in diese Richtung scheitern
ohnehin - , vielmehr darum, immer aufmerksamer und offener für das Wesen des
anderen zu werden? Gut wird es dann »wie von selbst«, das heißt ohne unser
bewusstes Gut-Tun. Nur: Für dieses Wahrnehmen ist ein Sensorium, ein Sinn
notwendig, der in uns meist verschüttet ist und erst mühsam wachgerufen werden
muss - der Sinn für das geistige Wesen des anderen Menschen. In besonderen
Lebenssituationen, in denen der Himmel in anderer Weise offen ist als sonst,
gelingt es oft leichter, diesen Sinn zu entwickeln, beispielsweise in der
Begegnung mit Sterbenden. Bei allem Leid und Schmerz leuchtet im Umkreis eines
Sterbenden oft etwas auf, was man als Verwesentlichung bezeichnen könnte: ein
Ordnen der Lebensverhältnisse, ein Rückblick auf die eigene Biographie,
möglicherweise nun mit einem vertieften Verständnis für das eigene
Lebensschicksal. Diese Konzentration des Sterbenden auf das Wesentliche strahlt
auf die ihm Nahestehenden aus: Was ist jetzt wirklich noch wichtig? Nicht schöne
Worte sind gefragt, sondern unmittelbare geistige Präsenz. Das Verhältnis, das
man zu dem Sterbenden in den Jahren zuvor hatte, gestaltet sich im Angesicht des
Todes neu, klärt sich, wird intensiver - und öffnet sich vielleicht für das
Nachtodliche. Solche Momente der Wesensbegegnung sind einmalig, unwiederholbar.
Das gilt auch für die anfangs beschriebenen Situationen, in denen Menschen fähig
waren, ein uneingeschränktes Ja gegenüber einem anderen auszusprechen. Man kann
diese Momente nicht festhalten oder zielgerichtet herbeiführen. Man kann sie
sich aber immer wieder neu vergegenwärtigen. Ihnen wohnt dabei eine
lebenstragende Kraft inne - eine Kraft, auf die man auch in anderen
Lebenssituationen bauen kann. Davon zeugen unter anderem die Schilderungen von
Überlebenden aus den Konzentrationslagern.
Ein beeindruckendes Beispiel dafür gibt Jehoshua Rosenblum. Er gehörte zu den
wenigen überlebenden Häftlingen des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz, die
als Arbeitssklaven die Todesfabrik in Gang halten mussten. Sie waren neben den
NS-Tätern die einzigen direkten Zeugen der Massenermordung. Die SS zwang sie,
die Menschen, die vergast werden sollten, in den Auskleideräumen zu empfangen
und mitzuhelfen, dass alles reibungslos ablief. Danach mussten sie die
Ermordeten aus den Gaskammern entfernen, die Räume reinigen und schließlich die
Leichen verbrennen. Im Unterschied zu den anderen KZ-Häftlingen wurden die
Häftlinge des Sonderkommandos nicht nur zu wehrlosen Opfern, sondern zugleich
auch zu Tätern gemacht. Mit den dadurch entstehenden Schuldgefühlen wurden die
meisten nur fertig, indem sie mit völliger Abstumpfung und Apathie reagierten,
sich in willenlose Roboter verwandelten. Jehoshua Rosenblum arbeitete seit Mai
1944 in einem Auskleideraum. Ihm war wie allen Sonderkommando-Häftlingen unter
Lebensgefahr strengstens untersagt, die Opfer über das Bevorstehende
aufzuklären. Der Anblick eines älteren Rabbiners in der Menschenmenge
ermöglichte ihm eines Tages aus der Apathie herauszukommen. Rosenblum empfand
das starke Bedürfnis, den Rabbiner anzusprechen. Das Gespräch, das er mit diesem
führte, ist ihm noch über 50 Jahre danach wörtlich in Erinnerung geblieben. Er
klärte den Mann auf, dass dies seine letzten Minuten seien und er das Gebet vor
dem Tod sagen solle. Er werde ihm etwas zum Anziehen bringen und auf ihn
aufpassen, dass er jetzt nicht geschlagen werde. »Und dann habe ich
gefragt:"Rabbi, was sagen Sie dazu, dass jeden Tag hier tausende Menschen -
Frauen und Kinder - umkommen?" Da hat er geantwortet: "Man darf nicht klagen,
das ist Gottes Wille! Man muss alles annehmend Und danach habe ich ihn begleitet
bis an die Tür von der Gaskammer und dort hat er mir die Hand gereicht und
gesagt: "Du wirst am Leben bleiben und der ganzen Welt erzählen, was diese
Verbrecher mit uns gemacht haben!" Da habe ich ihm geantwortet: "Rabbi, ich habe
keine Aussicht von hier lebend herauszukommen - jetzt gehst du und morgen gehe
ich! Man vernichtet uns auch, denn die wollen keine Zeugen übrig lassen!" Aber
er sagte: "Nein, du wirst am Leben bleiben und du sollst
berichten"«2
Begegnung auf höherer Ebene in Auschwitz
Wie konnte Rosenblum wissen oder ahnen, dass er tatsächlich einen Mann
angesprochen hatte, der zu einer ganz anderen Handlung als der sonst üblichen
fähig war? Es ist mehrfach belegt, dass bei den gelegentlichen
Aufklärungsversuchen in den Auskleideräumen die ahnungslosen Opfer in der Regel
mit Panik reagierten. Offensichtlich lebte in jenem Rabbiner eine Ausstrahlung,
die Rosenblum aus der allgegenwärtigen inneren Abstumpfung befreien konnte und
ihm ermöglichte, den Rabbiner als individuellen Menschen wahrzunehmen und zu
behandeln. Dieser wiederum nahm das Gespräch da auf, wo es Rosenblum von Anfang
an angesetzt hatte. War es seine gelebte Religiosität, war es die Art der
Ansprache, die dem Rabbiner die Kraft dazu gab? Es fand eine wirkliche Begegnung
zwischen beiden Männern statt - ein Entstehungsmoment des Guten. Beide waren
fähig, sich trotz der Aussichtslosigkeit nicht in geistige Knechtschaft zu
begeben. Die lebenstragende Kraft dieser Begegnung wird wesentlich dazu
beigetragen haben, dass Rosenblum die traumatischen Erlebnisse in Auschwitz hat
überstehen können.
Bisher ging es um Beispiele, in denen die Begegnung mit einem anderen
Menschen im Vordergrund stand. Mitunter gerät man in Situationen, in denen im
inneren Selbstgespräch noch eine andere Begegnung spürbar wird. Ich erinnere
selbst eine Situation, in der eine sehr weittragende Entscheidung anstand, der
ich zunächst nicht gewachsen war. Nur Ohnmacht war anwesend, nicht entscheiden
und handeln zu können. In dem Moment, in dem ich bereit war, mir meine Ohnmacht
ehrlich einzugestehen und mich nicht mehr innerlich dagegen zu sträuben,
verwandelte sich etwas, ohne dass ich aktiv dazu beitrug. Ich fühlte mich wie
getragen von einer guten Kraft oder Macht, die viel weiser war als ich selbst
und die doch auch zu mir gehörte, in mir war. Ich musste gar nicht mehr im Sinne
eines Abwägens der Für und Wider entscheiden. Ich war auf eine andere Ebene
gehoben. Von dort aus wusste ich, dass ich vieles, was bisher in meinem Leben
galt, in gewisser Hinsicht hinter mir lassen würde, wenn ich mich in die eine
Richtung entscheiden würde - doch das beunruhigte mich jetzt nicht mehr. Ich war
in eine andere Sphäre eingetaucht, die mir einen anderen Lebensmut vermittelte.
Auch entstand das sichere Gefühl, dass nur der eine Weg ein guter sein werde.
Das erneute Vergegenwärtigen dieser Erfahrung gibt bis heute Kraft. Sie wird
mich nicht davor bewahren können, vielleicht wieder in Situationen zu kommen, in
denen alles dunkel ist, aber sie lässt mich anders mit der Dunkelheit umgehen.
Autorennotiz:
Angelika Sandtmann, geb. 1962 in Trier. Studium der Germanistik und
Philosophie in Regensburg und Tübingen. Von 1988 bis 1993 wissenschaftliche
Mitarbeiterin am Friedrich von Hardenberg Institut für Kulturwissenschaften in
Heidelberg. Seit Herbst 2004 in der Redaktion der Drei tätig. - Kontakt:
sandtmann[at]mercurial.de
1 Ruth Ewertowski: Die Scham des Guten. Eine kleine
Phänomenologie des Errötens, in: Frank Berger (Hg.): Luzi-fer. Facetten
eines Verführers. Stuttgart 1998, S.73-85.

2 Eric Friedler, Barbara Siebert u. Andreas Kilian: Zeugen
aus der Todeszone. Das jüdische Sonderkommando in Auschwitz, München 2005,
S.153. Das von Rosenblum in einem Interview von 1996 erinnerte Gespräch mit dem
Rabbiner ist dort vollständig wiedergegeben.
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