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Am Nullpunkt der Existenz
Ethik diesseits von Gut und Böse
Johannes Nilo
Das Leben ist im 20.
Jahrhundert abstrakt geworden. Wir haben uns daran gewöhnt, es mit Hilfe
von Modellen zu deuten und zu handhaben. Modelle, die trotz ihrer
Unwirklichkeit funktionieren. Auf der anderen Seite ist es sehr viel
wirklicher und konkreter geworden als je zuvor. Wir bestimmen über Leben
und Tod, verstehen beide aber immer weniger. Nehmen wir zum Beispiel die
Tatsache, dass während dieses Jahrhunderts 183 Millionen Menschen auf
Grund von Entscheidungen getötet wurden, die Menschen getroffen haben.
Das ist mehr als in allen vorangehenden Jahrhunderten zusammen.1
Dieses Paradox, dass Menschen in einem nie vorher gesehenen Ausmaß auf
die Wirklichkeit eingewirkt haben und gleichzeitig so abstrakt und fremd
mit ihr umgehen, hat auch für das Nachdenken über das gute Leben, über
die Ethik Folgen. Ich möchte versuchen, dieser neuen Lebenswirklichkeit
ein Stück ihrer Abstraktheit zu nehmen. Es ist ein Wagnis und für die
Begriffsbildung eine Herausforderung. Wesentlicher als die
Abgeschlossenheit eines sicheren Begriffsgefüges scheinen mir aber die
Erfahrungen zu sein, die auf einen zukommen, wenn die Krusten der
Abstraktionen aufbrechen.
»Wie finde ich das Gute?«, lautete meine Frage. Von Anfang an war ich
mit dem Problem konfrontiert, dass es wohl möglich ist, Aussagen zu
machen, über das, was, gut ist, unabhängig davon, wie ich selber
beschaffen bin. Diese Aussagen würden aber das Leben und die
Wirklichkeit selbst nicht greifen, sie blieben beschreibend. Allerdings
würden sie auf mich selber rückwirken und eine Art moralischen Überbau
oder Schatten entstehen lassen. Es tut sich da eine Kluft auf zwischen
dem, wie ich bin oder sein kann und dem, was ich sage. Ich bin zu dem
Schluss gekommen, dass meine Aussagen über das Gute wertlos sind (oder
überflüssig, weil moralisch vorschreibend), wenigstens bis ich eine
Seinsform des Guten selbst gefunden habe.
Moodysson: Lilja
und die Entdeckung der Scham
»Die Menschheit bewegt sich am Abgrund. Wir
brauchen eine
Revolution, denn wenn es nur einfach so weitergeht, kommt es
zur Explosion, dann ist alles aus.« Lukas Moodysson2
Im Jahr 2002 lief
»Lilja-4-Ever« von Lukas Moodysson als Eröffnungsfilm der Filmfestspiele in
Cannes. Der Film basiert auf der wahren Geschichte eines 16jährigen Mädchens,
das in einer Trabantenstadt irgendwo im zerbrochenen Ex-Imperium Sowjetunion
lebt. Sie heißt Lilja. Zusammen mit dem 11jährigen Obdachlosen Volodya wird der
graue Alltag mit Träumen und Geschichten aufgehellt, z. B. wie es wohl nach dem
Tod sein werde, dass Lilja am selben Tag wie Britney Spears Geburtstag hat und
dass Volodya gerne der neue Michael Jordan werden möchte. Wenn die Geschichten
nicht mehr helfen, fliehen sie aus der Tristesse, indem sie Klebstoff
schnüffeln. Als die Mutter mit ihrem neuen Freund in die USA auswandert und
Lilja alleine zurücklässt, gerät diese in eine ausweglose Situation, die in eine
seelische und körperliche Gewaltspirale und schlussendlich in den Tod führt. Um
an Bargeld zu kommen, ist Lilja gezwungen, sich gelegentlich zu prostituieren.
Dies führt sie zu einem jungen Mann, der sie mit nach Schweden nehmen möchte, wo
er ihr Arbeit und Geborgenheit verspricht. Es kommt alles anders. Sie fällt
einer modernen Form der Sklaverei zum Opfer - der Zwangsprostitution oder dem
Traficking. Filmtechnisch nimmt der Regisseur »eine Perspektive ein, die den
Voyeurismus aushebelt und den Betrachter mit ungeheurer Härte alles durchmachen
lässt, was seine Hauptfigur durchmachen muss«. (Jan Brachmann, 4. Dezember 2003,
»Berliner Zeitung«) Ob es sich um einen guten oder schlechten (etwa im Sinne
Jakob Hesler, der von »Empathie-Terror« spricht) Film handelt, steht hier nicht
zur Diskussion. Mich interessiert der Effekt, den der Film haben kann, wenn man
sich auf ihn einlässt. Ich wurde auf den Film aufmerksam durch ein Interview mit
dem Regisseur Moodysson, in dem er auf die Frage, warum er nach seinen bisher so
menschlichen Filmen einen dermaßen schwarzen und hoffnungslosen Film gedreht
habe, antwortet, das sei - im Gegenteil - sein hoffnungsvollster Film. Dieser
Widerspruch hat mein Interesse geweckt. Wie ist es zu verstehen, dass ein Film,
der »keinen Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit«, »keine Hoffnung, keine
Mitmenschlichkeit« bietet, wie es in Filmbesprechungen heißt, Hoffnung erzeugen
soll? Mit anderen Worten, wie kann ein Film, der in einem Milieu spielt und
Handlungen vorführt, die alles andere als gut sind, als Ansatz zum Guten
funktionieren? Für den Regisseur ist das Bild des Engels ein Schlüsselthema im
Film. Darüber zu reden sei schwer, sagt er, aber: »Wenn es etwas gab, was mich
dazu gebracht hat, die Arbeit an diesem Film zu beginnen, dann war es das. Ich
leide an diesem immer wiederkehrenden Gedanken, der mich manchmal vom Schlafen
abhält. Er dreht sich um alle Leute in der Welt, die gefoltert werden. Ich kann
also nicht anders, als die Frage, ob es irgendeine Hoffnung für Leute gibt,
deren Leben einer Hölle gleicht, konkret zu stellen. Für mich ist es keine
theoretische Frage, sondern eine existentielle. Das ist es, was ich mit dem Film
zu erklären hoffe. Ich glaube, dass dem so ist. Es gibt jemanden, der über uns
wacht. Das mag uns nicht helfen, aber die Hoffnung ist alles, was wir haben. Wir
brauchen sie, um in dieser Welt überleben zu können.« Allerdings, die Hinwendung
zum Engel darf nicht die Erfahrung der Grausamkeit überschatten. Der Engel
bietet hier keinen Fluchtweg. Wesentlicher ist meines Erachtens die Erfahrung,
die am entgegengesetzten Ende liegt, in der Abwesenheit der Wirkung des Engels,
in der Verlassenheit und der Nacktheit der eigenen Existenz. Diesen Bereich
kennen wir schlecht, weil er durch das normal und gesund funktionierende
Bewusstsein zugedeckt ist. Wir erleben nicht unsere Existenz in ihrer Reinheit,
sondern immer gefiltert und eingebettet in Gefühlen und Vorstellungen. Die
Aussage »ich existiere« kann ich denken und dabei ganz ruhig bleiben; ich halte
eine Vorstellung meiner Existenz auf einer rein inhaltlichen Ebene fest. Gefühle
sind ihrerseits viel näher an der Existenz. Sie können zwar aufdringlich und
intensiv sein, aber wie wäre eine Erfahrung der eigenen Existenz in ihrer
Nacktheit? Also ohne Filter, ohne Deckung, ohne beruhigende Erklärungen. Was
wäre eine ungefilterte Erfahrung der eigenen Existenz? Vielleicht Scham, wie
Emmanuel Lévinas sie versteht, als Selbstgegenwart des Ich: »Unsere Intimität,
also unsere Gegenwart vor uns selbst, ist Anlass der Scham. Sie enthüllt nicht
unsere Nichtigkeit, sondern die Gesamtheit unserer Existenz. [...] Was die Scham
entdeckt, ist das Sein, das sich entdeckt.«3 Hier bricht das
Bewusstsein in sich zusammen, und wir sind Zeugen der eigenen Auflösung: »In der
Scham hat das Subjekt einzig seine Entsubjektivierung zum Inhalt, wird es Zeuge
des eigenen Untergangs, erlebt mit, wie es als Subjekt verloren geht. Diese
zweifache Bewegung, Subjektivierung und Entsubjektivierung zugleich, ist die
Scham.«4
Steiner: Der
Stachel im Leib
Rudolf Steiner stellt in einem Vortrag vom 16. November 1918 die Frage »Wie
finde ich den Christus?«. Seine Antwort mag überraschen. Man könnte meinen, den
Christus finde man, indem man die Seele rein macht, in einer stets
aufsteigenden, aufbauenden Bewegung. Nun sind aber die Kräfte der Seele selbst
zu schwach, und der so gut gemeinte Aufbau muss sich als Überbau ohne Fundament
herausstellen. Der Hochmut des Menschen, »der heute so gang und gäbe ist,
welcher den Menschen nicht bemerken lässt, dass, wenn er sich auf seine eigenen
Kräfte verlässt, er hochmütig wird gegenüber seinen eigenen Kräften. Wenn man
nicht fühlen kann gegenüber seinem eigenen Hochmut, dass man durch seine eigenen
Kräfte ohnmächtig wird, dann kann man weder den Tod noch die Auferstehung
fühlen«.5 Und um die Erfahrung, dass die menschliche Seele dem
Tod verwandt geworden sei, geht es zunächst. Davon bleibt niemand verschont,
nicht die Klugen und Weisen unter uns, nicht die Reinen und Unbeschmutzten,
nicht die immer Gut-Meinenden. Wer sich selbst gegenüber ehrlich sei, werde die
Erfahrung machen müssen: »Ich kann das nicht fassen, was ich eigentlich
anstrebe. Ich bleibe mit meiner Fassungskraft hinter dem, was ich anstrebe,
zurück; ich empfinde meine Ohnmacht gegenüber meinem eigenen Streben.«6
Der tiefere Grund dieses Ohnmachtsgefühls sei eine bestimmte Krankheit. Und
insofern diese Ohnmacht ein Empfinden dieser Krankheit sei, sei es ein gesundes
Gefühl, denn »[...] man ist ja erst recht krank, wenn man eine Krankheit hat und
sie nicht fühlt.«7
Um welche Krankheit geht es hier? Um die Ableugnung des Göttlichen, des
Vatergottes, also um das, was wir Atheismus nennen. Unter Atheismus versteht
Steiner also nicht eine rein theoretische Überzeugung, etwa als Folge einer
Metaphysik-Kritik, sondern einen »echten physischen Defekt«.8
Und davon könne sich kein Gegenwartsmensch freisprechen; er wirke, zufolge
bestimmter historischer Ereignisse, der Anlage nach bei allen Gegenwartsmenschen
als ein Stachel im Leib. Der Grad des Atheismus' einer Person muss also an einer
Erfahrung am Leibe abgemessen werden: »[...] wenn der Mensch dasjenige
ableugnet, was er jetzt nicht durch seine Seelen-, sondern durch seine
Leibeskonstitution fühlen muss. Leugnet er das ab, was ihm ein gesundes Gefühl
seines Leibes eingibt, dass ein Göttliches die Welt durchzieht, so ist er nach
geisteswissenschaftlichen Begriffen krank, leiblich krank.«9
Die Orientierung der Seele an dem Leib, nicht an irgendwelchen »schönen« Ideen
über das Göttliche, wird zu einer Art Prüfung der eigenen Veranlagung im Sinne
der Frage: Bin ich leiblich für die Welt durchlässig? Und da jeder, der sich
dieser Prüfung unterzieht, wenigstens einen partiellen Defekt des Leibes
feststellen wird und damit den Mangel an Fundament für den Aufbau der Seele,
überkommt ihn die Ohnmacht: »Indem man die Ohnmacht empfindet, sich zum
Göttlichen zu erheben in irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens, fühlt man in sich
jene Krankheit [....]. Und indem man diese Krankheit empfindet, empfindet man,
dass die Seele durch unseren Leib eigentlich, so wie der Leib heute ist,
verurteilt wäre mitzusterben.«10 Wenn die Ohnmacht »genügend
kräftig« empfunden wird, »dann kommt der Umschlag.«11 Die
seelische Lähmung, die Todesverwandtschaft, die »Nichtigkeit des Daseins« kann
in ein zweites Erlebnis umschlagen: Die Möglichkeit, aus der Seele selbst an den
Geist anzuknüpfen oder »die Verherrlichung des Daseins aus uns selber«.12
Agamben: Das Gute als die Selbstergreifung des Bösen
Den italienischen
Philosophen Giorgio Agamben beschäftigt seit Jahren die Frage nach dem Bösen im
20. Jahrhundert. Wie Moodysson und Steiner kommt auch er aus einer Art
Anteilnahme am Bösen zum Guten. Ist Steiner eher vorblickend, wenn er die Frage
»Wie finde ich den Christus?« stellt, so leben Agamben wie auch Moodysson in den
Folgen eines Jahrhunderts, in dem die herkömmliche Moral definitiv an ihrem Ende
angelangt und die Frage nach einer Ethik für das 21. Jahrhundert brisant
geworden ist. Was ist heute noch eine ethische Erfahrung? Eindeutigkeit in der
Frage, was gut und was böse ist, gibt es nicht mehr. Sicher, es ist möglich auf
Grund bestimmter Überzeugungen, wie zum Beispiel der moralischen Normen und
Werte einer Religion, Eindeutigkeit in die Frage zu bringen. Nun haben aber
moralische Werte und Normen faktisch in unserer Gesellschaft keinen höheren
Status mehr als Meinungen. Einer der Ersten, der dies erkannt hat, war Friedrich
Nietzsche, und seit Auschwitz ist es eine unwiderrufliche Wahrheit, dass wir am
Ende einer Epoche stehen, die eine neue Ethik fordert. Das neue, oder mit
Nietzsche gesprochen, wiederentdeckte,13 noch in seiner
Tragweite zu verstehende ethische Prinzip, besteht in einer Umkehrung des
Kausalverhältnisses. Nicht das schon vor dem Handeln moralische, im Sinne von
Gut oder Böse bewertete Motiv entscheidet, ob eine Handlung gut oder böse ist,
sondern erst die Wirkungen, die Konsequenzen einer Handlung werden dies zeigen.
Die Moral liegt also nicht vor dem Handeln fest, sondern bildet sich erst im
Handlungsvollzug selbst auf Grund einer individuellen Entscheidung und zeigt
sich in den Folgen der Taten. Dies ist eine Ethik jenseits von Gut und Böse.
Wenn ich jetzt auf Agamben eingehe, so nicht mit der Absicht, seine Gedanken im
Hinblick auf ihre Konsistenz und Richtigkeit zu prüfen; eine an und für sich
wichtige Aufgabe. Im Rahmen dieses Artikels interessiert mich vielmehr die
Richtung seines Denkens, die er einschlägt, um den Grund des menschlich Guten zu
finden. Dass er dabei den neuzeitlichen Humanismus auf den Kopf stellt, werde
ich hier nur indirekt diskutieren können. Die Reduktion des Menschen auf einen
biologischen Nullwert gilt laut Agamben nicht nur z. B. für KZ-Häftlinge im
Dritten Reich, sondern ist in unserer heutigen Gesellschaft System geworden. Wir
seien alle KZ-Häftlinge, so lautet eine seiner provozierenden Thesen.14
Man kann diese folgendermaßen verstehen. Das Böse ist so tief in die Kultur
eingedrungen, dass es »normal« und »unauffällig« geworden ist. Wir bemerken es
nur nicht, weil wir die Struktur des Lagers noch nicht begriffen haben und
deshalb blind vor dessen heutigen Formen stehen. Dabei sind auch die »normalen«
Reaktionen neu zu befragen. Was ist noch das Gute, wenn das Böse zur Normalität
- also zu dem, was in der Gesellschaft für richtig gehalten wird - geworden ist?
Und so gerät das Bild des aufgeklärten und souveränen Individuums, das wir von
uns selbst noch haben mögen, ins Wanken. »Als das Authentische und das Gute
unter den Menschen noch über einen abgeteilten Bereich verfügten [...], war das
Leben auf der Erde sicher unendlich viel schöner [...]; allerdings war so
jegliche Möglichkeit verstellt, sich das Uneigentliche anzueignen, da jede
Bestätigung des Authentischen die Abschiebung des Uneigentlichen an einen
anderen Ort zur Folge hatte, von dem sich die Moral durch die Errichtung immer
neuer Hindernisse abzugrenzen versuchte. Jedes Ergreifen des Guten bedeutete so
notwendigerweise einen Zuwachs auf Seiten des abgeschobenen Bösen; je mehr
Sicherheit die Mauern des Paradieses boten, umso bodenloser wurde der Abgrund
der Hölle.«15 Agamben formuliert die Verhältnisse von Gut und
Böse neu. Programmatisch heißt es bei ihm: »Ethik beginnt dann, wenn sich
herausstellt, dass das Gute nichts anderes als die Erfassung des Bösen ist«.16
Das Gute ist für ihn das »Statt-Finden« der Dinge; dagegen ist das Böse »die
Reduzierung des Statt-Findens der Dinge auf eine Tatsache«. Das Gute »ist
schlicht und einfach der Punkt, an dem diese [die Dinge] ihr eigenes
Statt-Finden ergreifen, an dem sie mit ihrer eigenen, alles andere als
transzendenten Materie in Berührung kommen. In diesem Sinne - und nur in diesem
- kann das Gute als eine Selbstergreifung des Bösen verstanden werden, und die
Erlösung als das Zu-sich-Kommen des Ortes.«17
Das Gleiche wie hier für die Dinge beschrieben, gilt auch für den Menschen. Das
Wesen des Menschen sei nicht eine bereits vorliegende Essenz, er habe auch weder
eine Berufung noch eine Bestimmung. Diese Eigenschaften würden, so Agamben,
nämlich jede ethische Erfahrung unmöglich machen - es gäbe dann nur Pflichten.
Der Mensch sei hingegen nichts anderes als die Möglichkeit oder die Potenz etwas
zu sein. Und in der Erfahrung dieser seiner Potenz selbst liege die einzige
ethische Erfahrung: »Der Beweis, dass es Böses gibt, [...] beruht schlicht auf
der Tatsache, dass der Mensch, der nicht anderes ist, nicht anderes sein soll
als seine Möglichkeit oder Potenz, sich gewissermaßen selbst mangelt und sich
diesen Mangel aneignen soll, als Potenz existieren soll. Wie Parzival im Roman
Chrétien de Troyes', ist er schuldig durch das, was ihm mangelt, durch eine Tat,
die er nicht begangen hat.«18 Wer aus der eigenen Potenz
herausfällt, was das Gleiche ist wie in der Schuld der Existenz zu verbleiben,
bringt Böses hervor: »Das Böse besteht einzig in der Entscheidung, in der Schuld
der Existenz zu verbleiben«.19 Man könnte zur Verdeutlichung
an dieser Stelle das Wort Impotenz gebrauchen. Impotent im geistigen Sinne wäre
dasjenige Wesen, das sich selbst nicht anzueignen vermag. Zu Agambens Vordenkern
gehört Hannah Arendt, auf die er sich häufig bezieht. Ihre Entdeckung, dass die
Natur des Bösen im 20. Jahrhundert sich nicht durch eine irgendwie geartete
teuflisch-dämonische Tiefe zeigt, wird von Agamben weiterverfolgt. Das Böse bei
Adolf Eichmann ist deshalb banal, weil er ein ganz normaler, vom Durchschnitt
nicht deutlich abweichender Bürger war. Die Vernichtung von mehreren
hunderttausend Juden, die letztlich auf seine Befehle zurückgeht, hat er
durchgeführt wie irgend eine beliebige andere Arbeit; er habe einfach seine
Pflicht getan. In einer Vorlesung über Ethik, die insbesondere dem Phänomen des
Bösen gewidmet ist, sagt Arendt: »Das größte Böse ist nicht radikal, es hat
keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich
ins unvorstellbar Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten.«20
Das Böse kann eben Formen der Normalität, d. h. des Nicht-Radikalen, annehmen.
Jenseits von Gut und Böse ist eine Ethik des Souveränen, des Überlegenen. Doch
das 20. Jahrhundert lehrt uns, dass dies eine Haltung ist, die nicht restlos zum
Guten führt. Bei Agamben kommt es aus der Beschäftigung mit Berichten von
Überlebenden der Konzentrationslager, gekoppelt mit Hannah Arendts Entdeckung,
zu einer Verschiebung: Nicht jenseits, sondern diesseits von Gut und Böse ist
der neue Ort der Ethik: »Und ohne dass wir sagen könnten, warum, spüren wir,
dass dieses Diesseits wichtiger ist als jegliches Jenseits, dass der Untermensch
uns viel mehr interessieren muss als der Übermensch. Diese infame Zone der
Nicht-Verantwortlichkeit ist unser erster Kreis. Aus ihm kann uns kein
Bekenntnis zur Verantwortung befreien, hier buchstabiert man, Minute für Minute,
die Lektion der »furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und
an der das Denken scheitert«.21 Diesseits von Gut und Böse ist
die Ethik einer Person, die vor sich selbst nackt steht. Sie hebt nicht die
Möglichkeit der Selbstbestimmung auf, aber sie formuliert ein neues
Selbstverhältnis. Nichts drückt dieses besser aus als die Scham. Mit Agambens
Worten ist die Scham »das, was entsteht in der vollkommenen Gleichzeitigkeit
einer Subjektivierung und einer Entsubjektivierung, einem Sich-Verlieren und
einem Sich-Besitzen, einer Knechtschaft und einer Herrschaft.«22
Mit der Scham ist etwas wie »eine neue ethische Materie im Lebewesen«23
berührt. Und so scheint mir richtig, mit folgender Erzählung zu enden: »Der
SS-Mann fährt fort: "Du, komm her!" Ein anderer Italiener tritt aus der Kolonne,
ein Student aus Bologna. Ich kenne ihn. Ich sehe ihn an. Sein Gesicht ist rosig
geworden. Ich schaue ihn genau an. Ich habe immer noch dieses Rosa in den Augen.
Er bleibt am Straßenrand stehen. Auch er weiß nicht, was er mit seinen Händen
anstellen soll. [...] Er ist rosig geworden, nachdem der SS-Mann zu ihm gesagt
hat: "Du, komm her!" Er hat sicherlich um sich geblickt, bevor er errötet ist,
aber er war gemeint, und als es keinen Zweifel mehr gab, ist er rosarot
geworden.«24
Autorennotiz:
JOHANNES NILO, geb. 1973 in Schweden. Seit September 2006 in Dornach,
Schweiz, in der Forschungsstelle Kulturimpuls und in der Dokumentation am
Goetheanum tätig. - Kontakt: johannes.nilo[at]goetheanum.ch
1 Peter Englund: Brev från
nollpunkten. Historiska Essä-er,
Stockholm 1996, S. 9.
2 Dieses und weitere Zitate zum Film »Lilja-4-Ever« aus dem
Internet.
3 Emmanuel Lévinas zitiert aus: Giorgio Agamben: Was von
Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge (1998), Frankfurt 2003, S. 91.
4 So lautet Agambens weiterführende Analyse, Ebd., S. 91.
5 Rudolf Steiner: Der Tod als Lebenswandlung (1918), GA 182,
Dornach 1996, S. 182.
6 Ebd., S. 180.
7 Ebd., S. 181.
8 Ebd., S. 162.
9 Ebd.
10 Ebd., 180f.
11 Man beachte die Formulierung »wenn die Ohnmacht genügend
kräftig empfunden wird«. Es handelt sich hier um eine Erfahrung, die bedingt
auftritt, um eine selbst hervorgebrachte. Treffend hat Wolf-Ulrich Klünker diese
Ohnmacht als eine selbst produzierte »künstliche Depression« charakterisiert.
Nicht das Gefühl bringt hier eine Erkenntnis hervor, sondern das Gefühl geht als
Wirkung aus der Selbsterkenntnisbemühung als Ursache hervor. Siehe: Wolf-Ulrich
Klünker: Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung. Zur psychotherapeutischen
Dimension der Anthroposophie, Stuttgart 1997, S. 104.
12 Siehe Anmerkung 5, S. 181.
13 Vgl. Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (1886), KSA, Bd. 5, München 1999, §32.
14 Näheres hierzu in: Giorgio Agamben: Homo Sacer. Die
Souveränität der Macht und das nackte Leben (1995), Frankfurt 2002.
15 Giorgio Agamben: Die kommende Gemeinschaft (2001), Berlin
2003, S. 18.
16 Ebd., S. 17.
17 Ebd., S. 20.
18 Siehe Anmerkung 3, S. 44.
19 Ebd., S. 45.
20 Hannah Arendt: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der
Ethik, München 2006, S.77.
21 Siehe Anmerkung 3, S. 19.
22 Ebd., S. 93.
23 Ebd.
24 Robert Antelme, zitiert bei Agamben, Ebd., S. 89.
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