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Die Drei 8-9/ 2006
Editorial
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Liebe Leserin, lieber Leser,
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»Länder und
Völker«, so lautete der Titel einer populären Buchreihe aus den 1960er Jahren.
Durch sie rückte uns die exotische Welt des Fremden samt ihrer uns fremden
Menschen, wie sie zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch in Tierparks und
Zirkusmanagen vorgeführt wurden, auf informative und reich bebilderte Weise ein
Stück näher, zumal das deutsche Wirtschaftswunder nun auch dem Normalbürger (Bildungs-)Reisen
in immer fernere Länder ermöglichte. Heute, im Zeitalter der Globalisierung,
gehören Fernreisen, urlaubsmäßige wie geschäftliche, schon fast zur Normalität
des Alltags, wie auch Produkte und kulturelle Einflüsse verschiedenster Art aus
anderen Weltgegenden in einer uns schon nicht mehr auffallenden Weise präsent
sind. Außerdem gibt es ein kaum noch zu steigerndes Angebot an oft multimedialen
Informationsquellen.
Wozu also noch »Länderhefte«, wie sie DIE DREI immer wieder herausbringt – über
Europa, Japan, Russland, China, Indien und nun die USA? Das Fremde ist
allgegenwärtig geworden, und zwar oft so stark, dass es uns Angst macht. Dabei
geht es nicht nur um äußere Übergriffe und Abhängigkeiten, um Konkurrenz oder
kulturelle Überformungen, sondern auch um Fragen nach der eigenen Identität. Die
Heimat, das Volk, der Nationalstaat oder irgendwelche kulturellen Leitbilder
schaffen heute keine tragfähigen Identitäten mehr. Sie können sich nur ganz
individuell von innen heraus bilden. Dies geschieht paradoxer Weise gerade in
der Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem zunächst Fremden – nicht in einem
abwehrenden, sondern in einem verstehenden Sinne. Dazu muss ich gleichzeitig
außen und innen sein, empathisch in das Andere eintauchen und zugleich mein
Eigensein behaupten. Rudolf Steiner spricht diesbezüglich vom Erwachen am
Seelisch-Geistigen des anderen Menschen.
Entsprechend gilt dies auch für andere Länder und Kulturen, gerade in einer
globalisierten Welt: Sich in ganz andere Seelenhaltungen, Denk- und
Handlungsweisen hereinzuversetzen, ohne sie gleich am eigenen Maßstab zu messen,
steigert die Selbsterkenntnis und ermöglich erst ein produktives Zusammenleben
und -arbeiten. Gerade in der Beschäftigung mit den USA, über die wir doch
bereits alles zu wissen meinen, ergeben sich da immer wieder Überraschungen und
auch interessante Selbstbegegnungen. Dazu möchte dieses Heft, das unter der
Federführung von Ralf Sonnenberg entstanden ist, Anlass geben.
Ihr Stephan Stockmar