Die Drei 07/ 2007

 

 

 

 

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Grenzen einer Philosophie des Fleisches

Intentionalität als Grundlage
psychologischer Forschung

Ulrich Weger

Unter dem Schlagwort »embodied cognition« hat sich in den letzten Jahren eine Forschungsrichtung etabliert, der zufolge das Denken aus den Handlungsmöglichkeiten des Körpers entsteht. Demnach können abstrakte Begriffe nicht ohne weiteres vorgestellt werden, weil es für diese Begriffe keine körperlichen Handlungsmuster gibt. Konsequent angewandt, führt diese Denkrichtung dazu, sämtliche Manifestationsarten des Bewusstseins als reine neuronale Erzeugnisse misszuverstehen. Die »Philosophie der Freiheit« findet somit ihre Negation in einer solchen »Philosophie des Fleisches«.

In ihrem Buch »Philosophy in the Flesh« argumentieren die Autoren Lakoff und Johnson, dass unser Denken die gleichen neuronalen Grundlagen einbezieht, die auch der Wahrnehmung und dem motorische Verhalten zugrunde liegen,1 und dass deshalb der Ort des Denkens und Urteilens derselbe sei wie der Ort des Wahrnehmens und des motorischen Verhaltens.2 Unser Denken konstituiere sich mithin aus denjenigen Inhalten, welche diesen unseren neuronalen Fakultäten zugänglich sind. Tatsächlich findet sich eine reichhaltige Literatur, die auf ent­sprechende Zusammenhänge hindeutet - zum Beispiel löst das Nachdenken über eine Tätigkeit in der Tat neuronale Aktivität in jenem Gebiet des motorischen Kortex aus, das an der ei­gentlichen Ausführung der jeweiligen Tätigkeit beteiligt ist. Die Annahme einer gemeinsamen neuronalen Grundlage von Verhalten, Erfahrung und Denken führt dann auch zu einer klaren Position: »Es gibt keinen Verstand, der unabhängig vom Körper ist, und es gibt keine Gedanken, die unabhängig vom Körper und Gehirn existieren«.3

Der Standpunkt der »Philosophie der Freiheit« Rudolf Steiners unterscheidet sich grundsätzlich von dieser Sichtweise: Wahr­nehmung und Begriff entstammen nicht dem gleichen Ursprung, sondern bilden unabhängige Quellen der Erkenntnis. Der Begriff der Ursache etwa - etwa die Bewegungsübertragung von einem auf einen anderen Körper - ist nicht als Information in der Sin­neswelt gegeben. In den Sinneseindrücken finden sich immer nur Korrelationen - das Aufeinanderzubewegen eines Körpers auf einen anderen; das Berühren beider; das Stehenbleiben des ersten und das Fortbewegen des zweiten. Der Begriff der Verur­sachung kommt von einer anderen Seite hinzu - er erschließt sich erst dem Denken des Beobachters, das sich dann auf die Wahrnehmung bezieht. Wenn man sich in diesem Sinne über das Verhältnis des Denkens zur eigenen Körpergrundlage klar werden will, muss man noch einen Schritt weiter gehen: Das Denken kann man selbst beobachten und sich dadurch darüber klar werden, dass auf dieser Ebene der Beobachtung die Aus­einandersetzung mit diesem meinem Denken ein Verständnis der neuronalen Grundlage nicht voraussetzt. Auf der Ebene der Beobachtung des Denkens schiebt sich nichts zwischen Ziel und Quelle der Beobachtung. Man kann das Denken auf diese Weise unmittelbar, ohne externes Hilfsmittel studieren und als eigene, intentional hervorgebrachte Tätigkeit erleben und sich dann klar werden, dass die neuronale Grundlage ein »Erfüllungsgehilfe« zur Bewusstwerdung dieses Denkens ist, aber nicht eigentlich ihr Verursacher.

 

Konsequenz der Außenbetrachtung

Bei dieser Gegenüberstellung der »Philosophie im Fleisch« und der »Philosophie der Freiheit« kommt es hier besonders auf ei­nen Unterschied an: Wenn man, wie heute in der Psychologie üblich, eine Verhaltensmessung vornimmt, so stellt man selbstverständlich fest, dass mit dem Denkvorgang ein physiologischer Vorgang korrespondiert - die neuronale Aktivität. Das für die Außenbetrachtung des Experimentators sichtbar und messbar werdende Verhalten ist eine »Philosophie im Fleisch«, und zwar deshalb, weil sich Verhalten für einen Außenbetrachter gar nicht anders als durch das Fleisch und einen Körper vermittelt äußern kann. Die heute in der Psychologie übliche Methode der Ver­haltensmessung (durch physiologische Verfahren, die Analyse von Blickbewegungen, Reaktionszeiten, Fehlerraten, durch Fra­gebögen, Interviews etc.) kann deshalb gar nicht anders als zu einer Philosophie im Fleisch zu kommen: Es ist eine Philosophie, die im Grunde genommen eine vollkommen plausible, schlüssige und logische Konsequenz einer methodischen Vorgehensweise ist, die sich an menschlichen Verhaltensäußerungen orientiert. Zu der Einsicht, dass das Denken nicht durch den Leib erzeugt werde, sondern auf einer anderen Ebene wirksam sei, die un­abhängig vom Körper ist, kann man nicht durch eine Verhal­tensbeobachtung von außen gelangen. Die Unabhängigkeit des Denkens vom Leib kann nur auf der Ebene des eigenen Erlebens nachvollzogen werden - sie ist nicht durch eine Beobachtung von außen erschließbar. Dieses Vorgehen erfordert immer die unmittelbare Gegenwärtigkeit des Tätigen selbst in der ersten Person - wenn die Beobachtung durch die dritte Person erfolgt, handelt es sich nicht mehr um eine Erforschung des Erlebens, sondern um eine solche des Verhaltens. Der Vorgang des Erlebens ist die Wahrnehmung des eigenen Verhaltens, das dem jeweiligen (seelischen) Phänomen eine Aussprachemöglichkeit auf der Ebene des eigenen Bewusstseins bietet. Wenn ich eigenes Verhalten, eigene Tätigkeit erlebend anschaue, kann Bewusstsein von Urheberschaft entstehen, und die Erkenntnis von Freiheit wird möglich. Wenn ich fremdes Verhalten, fremde Tätigkeit beobachte, wird das Bewusstsein von Urherberschaft und die Erkenntnis von Freiheit erst durch eine Schlussfolgerung möglich - indem ich nämlich dieses Verhalten bzw. diese Tätigkeit in einen Bezug zum eigenen Erleben bringe. Die psychologische Grundlagenforschung ist heute zu allererst eine Verhaltenswissenschaft, und es soll hier der Frage nachgegangen werden, in welcher Form menschliches Erleben in die Erforschung der Phänomene aufgenommen werden kann, um auf diese Weise Phänomene wie das Denken, Fühlen, und Wollen wirklichkeitsgemäß verstehen zu können. Das Fernziel dabei ist, durch ein solches wirklichkeitsgemäßes Verständnis mehr und mehr Bewusstsein für die Wesensnatur dieser Seeleneigenschaften zu erlangen, um so einst Herr im Hause des eigenen Denkens, Fühlens und Wollens zu werden! Eine wirkliche Berücksichtigung authentischer Erfahrung aus der Sicht der Erste-Person Perspektive ist in der noch jungen Geschichte der universitären Psychologie im Grunde genommen ein Novum. Die »konventionelle« introspektive Psychologie, wie sie vor allem zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts praktiziert wurde, hat nämlich mit einem solchen Ansatz kaum etwas zu tun. Bei der introspektiven Methode sucht der Beobachter zwar durchaus sein eigenes Erleben zu erforschen, aber es geht nicht darum, dass sich solches Forschen im Beobachter selbst zu einer Erkenntnis verdichtet. Vielmehr wird dieses Erleben wiederum veräußert und einem Versuchsleiter zugänglich gemacht, der die jeweiligen Beschreibungen registriert, womöglich über verschiedene Aussagen anhand genau festgelegter Kriterien ermittelt, und dann aufgrund dieser Datenlage zu einem Urteil kommt. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts verfolgte etwa die Würzburger Schule einen introspektiven Ansatz. Den Teilnehmern wurde etwa ein Wort oder ein Satz vorgelesen, den sie dann bestätigen

oder zurückweisen sollten. Anschließend galt es, den eigenen Gedankenverlauf, der zu der jeweiligen Antwort führte, zu be­schreiben. Dieser wurde vom Versuchsleiter protokolliert und mit den Antworten anderer verglichen.4 Es zeigt sich an einem solchen Vorgehen jedoch, wie das individuelle Erleben auf einer Verhaltensebene erfasst und somit von seinem ursprünglichen Bewusstseinsträger getrennt wurde. Wenn die Wahrnehmung der eigenen Erfahrung und die Interpretation - die Begriffsbildung -  auf zwei verschiedene Bewusstseinsträger verteilt sind (die Wahrnehmung der eigenen Erfahrung auf den Teilnehmer, die Begriffsbildung auf den Experimentator), so ist dadurch jedoch einer ganzen Fülle von Problemen der Weg geebnet, wie etwa dem der unterschiedlichen Maßstäbe, der kommunikativen Missverständnisse, der falschen Wahrnehmung etc.

Wenn diese Kommunikationsprobleme vermieden werden sol­len, müssen Wahrnehmung und Begriffsbildung bei der Erfor­schung des Erlebens in einer Person vereinigt sein. Die unmit­telbare Beobachtung in der ersten Person ist deshalb eine zen­trale Voraussetzung zur Erforschung individuellen Erlebens. Die Beobachtung des eigenen Erlebens ermöglicht gegenüber einer äußeren Verhaltensbeobachtung die Bewusstwerdung eines Ich-Bezugs, und dieser Ich-Bezug ist es, der uns darauf aufmerksam macht, dass wir selbst Einfluss nehmen und »Herr im Hause« der Seelentätigkeiten sein können. Damit nun die Beobachtung des Erlebens zu einer wirklichen Erforschung werden kann, ist eine weitere Voraussetzung notwendig: die aktive, intentionale Tätigkeit des Teilnehmers, die erst die Ursachen und Zusam­menhänge dieses Erlebens zu erkunden gestattet. Ein Beispiel kann das verdeutlichen: Ich betrachte ein Kippbild

-  zum Beispiel einen Neckarwürfel - ein Würfel, der zwar auf einer zweidimensionalen Fläche gezeichnet ist, aber so, dass er dreidimensional erscheint. Ich betrachte den Würfel und erlebe eine gewisse Fläche als Vorderseite. Nun kann ich durch gezielte »Manipulation« - ein intentionales Vorgehen - diese Vorderseite in meinem Erleben zur Hinterseite umgestalten, indem ich nämlich einen bestimmten Punkt fixiere und die Ebene dann als hinten denke. Hier vereinigen sich Wahrnehmung und Begriff in einem Bewusstseinsträger - im Beobachter selbst. Es ergibt sich eine Veränderung im Erleben (die Orientierung des Würfels nämlich) , die durch meine eigene Aktivität hervorgerufen wird und als durch diese Aktivität verursacht verstanden werden kann. Durch intentionales Vorgehen wird Kausalität erkennbar.5

Das Erleben der doppelten Würfelsicht ermöglicht eine wichtige Erkenntnis: dass nämlich ein Verständnis der Phänomene nicht durch die Wahrnehmung allein begründet ist. Diese Erkenntnis kann sich nur dem Beobachter selbst als ein unmittelbares Er­lebnis kundtun. Ein Experimentator kann dieses Erleben nicht beobachten, sondern nur etwa den Ausdruck der verschiedenen Wahrnehmungsperspektiven - das Echo, den Schattenwurf des Erlebnisses - an einem äußeren Verhalten ablesen, z.B. an einem physiologischen Korrelat, an einer Reaktionsmessung, einer mündlichen Beschreibung etc. Das Erleben, das in diesem Falle einen ganz wesentlichen Bestandteil des Phänomens ausmacht, bleibt beim Beobachter selbst verortet und das Phänomen wäre nur unvollständig erfasst, wenn der Beobachter diese Erlebens­dimension nicht an sich selbst erforschte. Diese Erforschung wird durch das intentionale Vorgehen möglich - dadurch kann nicht nur ein genaueres Bild von der Natur seelischer Vorgänge (z.B. von der Natur des Denkens) entstehen, sondern es ent­steht ein Ansatzpunkt, das eigene Erleben selbst zu schulen und in die Hand zu nehmen.

 

Werkzeug zur Erforschung des eigenen Erlebens

Im intentionalen Vorgehen liegt also ein Werkzeug zur Erfor­schung des eigenen Erlebens vor - und dieses intentionale Han­deln kann sich in zwei Gesten äußern, nämlich sowohl als »ver­anlassende« als auch als »zurückhaltende« Intentionalität: I. Veranlassende Intentionalität: In einer aufschlussreichen Studie, die bereits vor mehr als 70 Jahren durchgeführt wur­de, zeigte der amerikanische Forscher Carmichael, dass Wahr­nehmungseindrücke durch einfache Etikettierungen beeinflusst werden können.6 Carmichael bat seine Versuchsteilnehmer, eine Reihe von Bildern zu betrachten (siehe nächste Seite, Figur 1, Mittelstreifen). Zusätzlich hörten die Teilnehmer jeweils eine von zwei möglichen Bezeichnungen. Bei einem späteren Ge­dächtnistest zeigte sich, dass das Erinnerungsbild stark von der sprachlichen Etikettierung beeinflusst war. Wenn zum Beispiel zwei Kreise und ein Verbindungsstrich als »Brille« oder aber als »Hantel« bezeichnet wurden, ergab sich bei der anschließenden graphischen Wiedergabe ein Verzerrungseffekt (siehe Figur 1, Seitenstreifen). In diesem Beispiel handelt es sich um ein ex­perimentelles Vorgehen - die Intentionalität ist gleichsam beim Versuchsleiter verortet, und das Ergebnis lässt sich am Verhal­ten der beiden Versuchspersonengruppen ablesen, die mit der jeweiligen Etikettierung konfrontiert wurden.

Das experimentelle Vorgehen wird nun zu einem intentionalen Vorgehen, wenn der Beobachter selbst den Blickwinkel wechselt und dadurch unterschiedliche Erlebnisse selbst in sich hervorruft und diese Unterschiede bewusst beobachtet. Manchmal ertappt man sich z.B. dabei, wie man sich auf eine Sichtweise festlegen will - z.B. dass ein Anderer etwas falsch gemacht hat; dann aber stößt man plötzlich darauf, dass eine andere Inter­pretation möglich ist und dass bei gleicher Ausgangslage auf der Wahrnehmungsseite diese andere Interpretation in unserem Denken verwirklicht werden kann. Nun kann man willkürlich (intentional) zwischen beiden denkbaren Alternativen hin- und herwechseln - bis bis man wiederum eine Sicht als wahr oder richtig erkennt. So kann man immer deutlicher zu der Erkennt­nis gelangen, dass ein Erlebnis nicht allein im Wahrnehmungs­eindruck begründet ist, sondern seine zweite Entstehungsquelle in einer konzeptuellen Information findet, dem Begriffsinhalt, der das Erlebnis mit konstituiert. Die Ebene des Erlebens ist die Ebene, auf welcher diese beiden Seiten der Realität unmittelbar verstanden werden können. Intentionales Vorgehen als das Handwerkszeug dieser Ebene des Erlebens sensibilisiert für jene zwei Quellen der Erfahrung und distanziert von einer rein sinnesphysiologisch begründeten Auffassung vom Denken.

 

Figur 1: Beispiel für ein experimentelles Vorgehen: Auszug aus den von Carmichael et al. (1932) verwendeten ambivalenten Bildern (Mitte) und Wiedergabe durch die Versuchsteilnehmer (links und rechts). Entnom­men aus C. Cornoldi et al. : »Stretching the imagination: Representation and tranformation in mental imagery«, Oxford University Press 1996.

 

Die entscheidende Schlussfolgerung dieser ersten Stufe ist also, dass die Phänomene keine absolute Wirkung auf unser Erleben ausüben, sondern diese Wirkung durch das Individuum mitge­staltet wird und - und das ist an dieser Stelle das Bedeutende: sogar intentional beeinflusst werden kann. Die Intervention beruht dann auf der eigenen, bewussten Initiative des Beobach­ters, und die bewusst gewordene Wirkung kann deshalb in eine ursächliche Verbindung zu dieser Intervention gebracht werden: Ich erlebe, wie mein Denken das Phänomen mit begründet, wie es an seiner Realität nicht unbeteiligt ist. Das Erforschen des Erlebens aus der Sicht des Individuums, das mit Hilfe einer »in-tentionalen Intervention« gelingt, kann als Gegenstück zu dem Erforschen des Verhaltens aus der Sicht des Experimentators betrachtet werden, das mit Hilfe einer »instrumentellen Inter­vention« gelingt.7

II. Zurückhaltende Intentionalität: Intentionalität kann sich einerseits durch einen gezielten »Eingriff« äußern, wie im vor­angehenden Abschnitt verdeutlicht. Auf diese Weise treffen wir eine Auswahl aus dem Raum der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, von denen sich dann jeweils eine bestimmte in unserer Erfahrung verwirklicht. Dies ist aber nur die eine Seite der Intentionalität.

Intentionalität kann nämlich auch umgekehrt darin bestehen, gezielt auf eine Auswahl zu verzichten, und ein Erleben abzu­wehren, das uns vorschnell auf eine Schlussfolgerung festlegt. Dadurch wird dem Wahrnehmungsinhalt eine verlängerte Aus­sprachemöglichkeit gegeben. Dieses Zurückhalten von Vorstel­lungen und Beurteilungen erfordert gleichsam eine zurückhal­tende Intentionalität, die jedoch ebenso eine aktive Einflussnahme auf den Prozess der Erkenntnisgewinnung ausübt wie die veranlassende Intentionalität. Durch die veranlassende Inten­tionalität wird eine Veränderung herbeigeführt, die gezielt mit dem eigenen Verhalten in Verbindung gebracht werden kann. Durch die zurückhaltende Intentionalität der zweiten Stufe wird eine voreilige Erkenntnis, die sich eigentlich aufdrängt, unter­bunden und stattdessen dem Phänomen eine Aussprachemög­lichkeit gegeben, welche die Erfahrung erweitert. Auf diese Wei­se ergibt sich ebenfalls vermittels der eigenen Intentionalität eine Veränderung - eine Erweiterung - der Erfahrung, die neue Erkenntnisse möglich macht. Im Arzt-Patienten Verhältnis ist es beispielsweise ein häufiges Problem, dass der Arzt bei der

anfänglichen Anamnese den Patienten bei dessen Symptom­beschreibung schon nach wenigen Sätzen unterbricht und es auf diese Weise nicht zu einer vollständigen »Fallaufnahme« kommt. Im Sinne der zurückhaltenden Intentionalität wird es hier auf Seiten des Arztes also zunächst erforderlich sein, die Versuchung der Urteilsbildung so lange hinauszuzögern, bis der Patient Gelegenheit hatte, alle ihm wichtigen Symptome zu er­wähnen. Erkenntnis entsteht in diesem Falle also dadurch, dass man eine unvermittelte Einflussnahme zurückhält. Durch die aufnehmende Haltung des offenen Zuhörens nimmt man einen aktiven Einfluss auf das Geschehen - den Erkenntnisprozess, denn der Patient würde ja ohne das Zuhören des Arztes nicht berichten und der Erkenntnisgewinn wäre dann verhindert. Die beiden Seiten der Intentionalität sind zwei Grenzbereiche, an denen sich die menschliche Freiheit entzündet und bewusst erlebbar wird. Das lässt sich besonders am Beispiel der Auf­merksamkeit verdeutlichen: Auf der einen Seite in der freiwil­ligen Hinwendung unserer Aufmerksamkeit auf ein Phänomen, das sich uns nicht durch eine Selbstverständlichkeit, sondern erst durch die gezielte Zuwendung der Aufmerksamkeit offenbart. Und auf der anderen Seite in dem freiwilligen Abwenden unserer Aufmerksamkeit von einem Phänomen, das sich auf­dringlich zeigt und sich in den Mittelpunkt zu drängen sucht, das wir aber durch eigene Intentionalität aus unserem Bewusst­sein fernhalten, weil seine Beachtung noch nicht an der Reihe ist und ablenkt. Diese veranlassenden und zurückhaltenden Aufmerksamkeitsströme sind wie Schwert und Schild des Ich im Kampf um seine Freiheit.

In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass Rudolf Steiner den Beginn der geistigen Schulungsarbeit als einen Vor­gang darstellt, in dessen Verlauf die Ausbildung dieser beiden Fähigkeiten eine besondere Bedeutung hat - das gezielte, will­kürliche Hervorrufen einer Vorstellung, vor allem einer sinnlich­keitsfreien, symbolischen Vorstellung, auf der das Bewusstsein ruht. Und dann wiederum das willkürliche Fortschieben einer solchen Vorstellung aus dem Bewusstsein, das der zweite Freiheitsgestus ist.8 Diese beiden Seiten sind die zwei Dimensionen der Freiheit, die hier im unmittelbar individuellen Erleben zur Geltung kommen. Durch ein Schulen intentionalen Handels sind wir nicht länger auf eine Verhaltensbeobachtung von außen an­gewiesen, sondern können selbst forschend und erlebend den Phänomenen begegnen.

1   Zum Thema »embodiment« siehe auch: P. M. Niedenthal et al.: Embodiment in Attitutes, Social Perception, and Emotion. In »Personality and Social  Psychology  Review«, 9, 2005, S. 184-211. P.M. Niedenthal:   Embodying Emoti­
on.
In »Science«, 316, 2007, S. 1002-1005. S.L. Beilock & L.E. Holt:    Embodied   preference judgments.
In »Psychological Science«, 18, 2007, S. 51-57. (zurück zum Text)

2   »An embodied concept is a neural structure that is actually part of, or makes use of, the sensorimotor system of our brains. Much of conceptual  inference is,  therefore, sensorimotor inference. If concepts are, as we believe, embodied in this strong sense, the philosophical consequences are enormous. The locus of reason (conceptual inference) would be the same as  the  locus  of perception and motor control, which are bodily   functions«.   Aus:   G.Lakoff & M. Johnson: Philosophy in the Flesh. New York 1999, Seite 20. (zurück zum Text)

3   Ebenda, S. 266. (zurück zum Text)

4  Zur Übersicht siehe Paul Ziche (Hrsg.): Introspektion. Texte zu Selbstwahrnehmung des Ichs, Springer Verlag, 1999. (zurück zum Text)

5  Dazu H. Kiene: Komplementäre Methodenlehre der klinischen Forschung. Cognition based medicine. Springer, 2001. In seinem Buch beschreibt der Arzt Helmu Kiene den Ansatz der »abbildenden Korrespondenz« (S.22), der das Aufdecken von kausalen Zusammenhängen am Einzelfall ermöglicht, vor ausgesetzt zwei Bedingungen sind erfüllt: eine überzufällige Korrelation zwischen einer Ursache und einem Ergebnis; und - hier von entscheidender Bedeutung -: der Beobachter führt einen Vorgang durch intentionale Einwirkung herbei. So ist zum Beispiel die Bewegung des Computercursors am Bildschirm unmittelbar als durch die Armbewegung ursächlich bedingt erkennbar, weil diese Cursorbewegung mit der eigenen Handbewegung korreliert und ich selbst die Bewegung der Hand bewusst veranlasse und die Cursorbewegung jederzeit beschleungen, verlangsamen oder ganz unterbrechen kann. (zurück zum Text)

6  L. Carmichael/H.P. Hogan/ A.A. Walter: An experimental study of the effect of language on the reproduction of visual-ly perceivedform. In: »Journal of Experimental Psychology«, 15, 1932, 73-86. (zurück zum Text)

7  Ronald Brady beschreibt Intentionalität als ein die Phänomene konstituierendes Geschehen, welches dasjeni­ge vervollständigt, was durch die Sinne als Potential veran­lagt wird. Brady stellt dar, wie Intentionalität bereits wirksam ist, wenn wir etwa eine mehrdeutige Aussage in einem bestimmten Sinne verstehen oder wenn wir ver­deckte Objektteile in unserer Vorstellung erschließen. In­tentionalität in diesem Sinne verstanden geht dem Erken­nen voraus - sie zeigt, wie das Denken selbst schaffend tätig und an der Realität der Dinge mit beteiligt ist. Diese für gewöhnlich vorbewusste Intentionalität kann ins Bewusstsein gerufen werden und ermöglicht dann ein Ge­wahrwerden und gezieltes Erforschen des Zusammenhangs von Wahrnehmung und Begriff - ein Erforschen der Natur des Denkens, wie es auch hier skizziert wird. Siehe: R. Brady: Getting rid of metaphysics. In: »Elemente der Naturwissenschaften«, 75:2, 2001, S. 61-78. (zurück zum Text)

8  Siehe etwa Rudolf Steiner: Naturbeobachtung, Experiment, Mathematik und die Erkenntnisstufen der Geistes­forschung (GA 324), Vortrag vom 22.3.1921, in welchem die Rede ist vom Umgang mit imaginativen Vorstellun­gen: »Es ist eine Übung, die außerdem in einem stark das Gefühl der inneren Freiheit lebendig macht, wenn man durch Willkür solche Vorstel­lungen im Bewusstsein prä­sent macht, [und sie] dann wiederum herausschafft ..« (zurück zum Text)

 

Autorennotiz:

Ulrich Weger, Besuch der Waldorfschule in Münster, anschließend Zivildienst und Studium der Psychologie. Promotion zum Thema Blick­bewegungsprozesse beim Le­sen. Derzeit als Forschungs­mitarbeiter an der University of Toronto/Canada, ab Herbst 2007 Lecturer an der Univer­sity of Kent/UK. Der Autor ist sehr an einem Austausch zu Problemen und Möglich­keiten der Forschungsmetho­de innerhalb der Psychologie interessiert und erhofft sich das Zusammenfinden einer Arbeitsgruppe zu diesem Thema. - Kontakt: Ulrich Weger, Althausweg 50, 48159 Münster. E-Mail: ulrich.weger(at)utoronto.ca