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Grenzen einer Philosophie des Fleisches
Intentionalität als Grundlage
psychologischer Forschung
Ulrich Weger
Unter dem Schlagwort »embodied
cognition« hat sich in den letzten Jahren eine Forschungsrichtung etabliert, der
zufolge das Denken aus den Handlungsmöglichkeiten des Körpers entsteht. Demnach
können abstrakte Begriffe nicht ohne weiteres vorgestellt werden, weil es für
diese Begriffe keine körperlichen Handlungsmuster gibt. Konsequent angewandt,
führt diese Denkrichtung dazu, sämtliche Manifestationsarten des Bewusstseins
als reine neuronale Erzeugnisse misszuverstehen. Die »Philosophie der Freiheit«
findet somit ihre Negation in einer solchen »Philosophie des Fleisches«.
In ihrem Buch »Philosophy in the Flesh« argumentieren die
Autoren Lakoff und Johnson, dass unser Denken die
gleichen
neuronalen Grundlagen einbezieht, die auch der Wahrnehmung
und dem motorische Verhalten zugrunde liegen,1
und dass deshalb
der Ort des Denkens und Urteilens derselbe sei wie der
Ort
des Wahrnehmens und des motorischen Verhaltens.2
Unser
Denken konstituiere sich mithin aus denjenigen Inhalten,
welche
diesen unseren neuronalen Fakultäten zugänglich sind.
Tatsächlich findet sich eine reichhaltige Literatur, die auf entsprechende
Zusammenhänge hindeutet - zum Beispiel löst das
Nachdenken über eine Tätigkeit in der Tat neuronale Aktivität
in jenem Gebiet des motorischen Kortex aus, das an der eigentlichen
Ausführung der jeweiligen Tätigkeit beteiligt ist. Die
Annahme
einer gemeinsamen neuronalen Grundlage von Verhalten,
Erfahrung und Denken führt dann auch zu einer klaren
Position: »Es gibt keinen Verstand, der unabhängig vom Körper
ist, und es gibt keine
Gedanken, die unabhängig vom Körper
und Gehirn existieren«.3
Der Standpunkt der »Philosophie der Freiheit« Rudolf
Steiners
unterscheidet sich grundsätzlich von dieser Sichtweise: Wahrnehmung
und Begriff entstammen nicht dem gleichen Ursprung, sondern bilden
unabhängige Quellen der Erkenntnis. Der Begriff
der
Ursache etwa - etwa die Bewegungsübertragung von einem auf einen anderen
Körper - ist nicht als Information in der Sinneswelt
gegeben. In den Sinneseindrücken finden sich immer
nur
Korrelationen
- das Aufeinanderzubewegen eines Körpers auf einen anderen; das Berühren
beider; das Stehenbleiben des ersten und das Fortbewegen des zweiten.
Der Begriff der Verursachung kommt von einer anderen Seite hinzu - er
erschließt sich erst
dem Denken des Beobachters, das sich dann auf die Wahrnehmung
bezieht. Wenn man sich in diesem Sinne über
das Verhältnis des
Denkens zur eigenen Körpergrundlage klar werden will, muss man noch
einen Schritt weiter gehen: Das Denken kann man selbst beobachten und
sich dadurch darüber klar werden, dass auf dieser Ebene der Beobachtung
die Auseinandersetzung mit diesem meinem Denken ein Verständnis
der neuronalen
Grundlage nicht voraussetzt. Auf der Ebene der Beobachtung des Denkens
schiebt sich nichts zwischen Ziel und Quelle der Beobachtung. Man kann
das Denken auf diese Weise unmittelbar, ohne externes Hilfsmittel
studieren und als eigene, intentional hervorgebrachte Tätigkeit erleben
und sich dann klar werden, dass die neuronale Grundlage ein
»Erfüllungsgehilfe« zur Bewusstwerdung dieses Denkens ist, aber nicht
eigentlich ihr Verursacher.
Konsequenz der
Außenbetrachtung
Bei dieser
Gegenüberstellung der »Philosophie im Fleisch« und der »Philosophie der
Freiheit« kommt es hier besonders auf einen Unterschied an: Wenn man,
wie heute in der Psychologie üblich, eine Verhaltensmessung vornimmt, so
stellt man selbstverständlich fest, dass mit dem Denkvorgang ein
physiologischer Vorgang korrespondiert - die neuronale Aktivität. Das
für die Außenbetrachtung des Experimentators sichtbar und messbar
werdende Verhalten ist eine »Philosophie im Fleisch«, und zwar deshalb,
weil sich Verhalten für einen Außenbetrachter gar nicht anders als durch
das Fleisch und einen Körper vermittelt äußern kann. Die heute in der
Psychologie übliche Methode der Verhaltensmessung (durch physiologische
Verfahren, die Analyse von Blickbewegungen, Reaktionszeiten,
Fehlerraten, durch Fragebögen, Interviews etc.) kann deshalb gar nicht
anders als zu einer Philosophie im Fleisch zu kommen: Es ist eine
Philosophie, die im Grunde genommen eine vollkommen plausible,
schlüssige und logische Konsequenz einer methodischen Vorgehensweise
ist, die sich an menschlichen Verhaltensäußerungen orientiert. Zu der
Einsicht, dass das Denken nicht durch den Leib erzeugt werde, sondern
auf einer anderen Ebene wirksam sei, die unabhängig vom Körper ist,
kann man nicht durch eine Verhaltensbeobachtung von außen gelangen. Die
Unabhängigkeit des Denkens vom Leib kann nur auf der Ebene des eigenen
Erlebens nachvollzogen werden - sie ist nicht durch eine Beobachtung von
außen erschließbar. Dieses Vorgehen erfordert immer die unmittelbare
Gegenwärtigkeit des Tätigen selbst in der ersten Person - wenn die
Beobachtung durch die dritte Person erfolgt, handelt es sich nicht mehr
um eine Erforschung des Erlebens, sondern um eine solche des Verhaltens.
Der Vorgang des Erlebens ist die Wahrnehmung des eigenen Verhaltens, das
dem jeweiligen (seelischen) Phänomen eine Aussprachemöglichkeit auf der
Ebene des eigenen Bewusstseins bietet. Wenn ich eigenes Verhalten,
eigene Tätigkeit erlebend anschaue, kann Bewusstsein von Urheberschaft
entstehen, und die Erkenntnis von Freiheit wird möglich. Wenn ich
fremdes Verhalten, fremde Tätigkeit beobachte, wird das Bewusstsein von Urherberschaft und die Erkenntnis von Freiheit erst durch eine
Schlussfolgerung möglich - indem ich nämlich dieses Verhalten bzw. diese
Tätigkeit in einen Bezug zum eigenen Erleben bringe. Die psychologische
Grundlagenforschung ist heute zu allererst eine Verhaltenswissenschaft,
und es soll hier der Frage nachgegangen werden, in welcher Form
menschliches Erleben in die Erforschung der Phänomene aufgenommen werden
kann, um auf diese Weise Phänomene wie das Denken, Fühlen, und Wollen
wirklichkeitsgemäß verstehen zu können. Das Fernziel dabei ist, durch
ein solches wirklichkeitsgemäßes Verständnis mehr und mehr Bewusstsein
für die Wesensnatur dieser Seeleneigenschaften zu erlangen, um so einst
Herr im Hause des eigenen Denkens, Fühlens und Wollens zu werden! Eine
wirkliche Berücksichtigung authentischer Erfahrung aus der Sicht der
Erste-Person Perspektive ist in der noch jungen Geschichte der
universitären Psychologie im Grunde genommen ein Novum. Die
»konventionelle« introspektive Psychologie, wie sie vor allem zu Beginn
des vergangenen Jahrhunderts praktiziert wurde, hat nämlich mit einem
solchen Ansatz kaum etwas zu tun. Bei der introspektiven Methode sucht
der Beobachter zwar durchaus sein eigenes Erleben zu erforschen, aber es
geht nicht darum, dass sich solches Forschen im Beobachter selbst zu
einer Erkenntnis verdichtet. Vielmehr wird dieses Erleben wiederum
veräußert und einem Versuchsleiter zugänglich gemacht, der die
jeweiligen Beschreibungen registriert, womöglich über verschiedene
Aussagen anhand genau festgelegter Kriterien ermittelt, und dann
aufgrund dieser Datenlage zu einem Urteil kommt. Zu Beginn des
vergangenen Jahrhunderts verfolgte etwa die Würzburger Schule einen
introspektiven Ansatz. Den Teilnehmern wurde etwa ein Wort oder ein Satz
vorgelesen, den sie dann bestätigen
oder zurückweisen sollten. Anschließend galt es, den
eigenen
Gedankenverlauf, der zu der jeweiligen Antwort führte, zu beschreiben.
Dieser wurde vom Versuchsleiter protokolliert und
mit
den Antworten anderer verglichen.4
Es zeigt sich an einem
solchen Vorgehen jedoch, wie das individuelle Erleben auf
einer
Verhaltensebene erfasst und somit von seinem
ursprünglichen
Bewusstseinsträger getrennt wurde. Wenn die Wahrnehmung der
eigenen Erfahrung und
die Interpretation - die Begriffsbildung -
auf zwei verschiedene
Bewusstseinsträger verteilt sind (die
Wahrnehmung der eigenen Erfahrung
auf den Teilnehmer, die
Begriffsbildung auf den
Experimentator), so ist dadurch jedoch einer ganzen Fülle von
Problemen der Weg geebnet, wie etwa
dem der unterschiedlichen Maßstäbe, der kommunikativen Missverständnisse,
der falschen Wahrnehmung etc.
Wenn diese Kommunikationsprobleme vermieden werden
sollen, müssen Wahrnehmung und Begriffsbildung bei der Erforschung des
Erlebens in einer Person vereinigt sein. Die unmittelbare
Beobachtung in der ersten Person ist deshalb eine zentrale
Voraussetzung zur Erforschung individuellen Erlebens. Die
Beobachtung des eigenen Erlebens ermöglicht gegenüber einer äußeren
Verhaltensbeobachtung die Bewusstwerdung eines Ich-Bezugs,
und dieser Ich-Bezug ist es, der uns darauf aufmerksam
macht,
dass wir selbst Einfluss nehmen und »Herr im Hause«
der
Seelentätigkeiten sein können. Damit nun die Beobachtung
des
Erlebens zu einer wirklichen Erforschung werden kann, ist
eine
weitere Voraussetzung notwendig: die aktive, intentionale
Tätigkeit des Teilnehmers, die erst die Ursachen und Zusammenhänge
dieses Erlebens zu erkunden gestattet.
Ein
Beispiel kann das verdeutlichen: Ich betrachte ein Kippbild
- zum
Beispiel einen Neckarwürfel - ein Würfel, der zwar auf
einer zweidimensionalen Fläche
gezeichnet ist, aber so, dass er dreidimensional erscheint. Ich
betrachte den Würfel und erlebe
eine gewisse Fläche als Vorderseite.
Nun kann ich durch gezielte
»Manipulation« - ein intentionales Vorgehen - diese Vorderseite
in meinem Erleben zur Hinterseite umgestalten, indem ich
nämlich einen bestimmten Punkt
fixiere und die Ebene dann als
hinten denke. Hier vereinigen sich
Wahrnehmung und Begriff in
einem Bewusstseinsträger - im Beobachter selbst. Es ergibt sich
eine Veränderung im Erleben (die
Orientierung des Würfels nämlich)
, die durch meine eigene Aktivität hervorgerufen wird und
als durch diese Aktivität verursacht
verstanden werden kann.
Durch intentionales
Vorgehen wird Kausalität erkennbar.5
Das Erleben der doppelten Würfelsicht ermöglicht eine
wichtige
Erkenntnis: dass nämlich ein Verständnis der Phänomene nicht durch die
Wahrnehmung allein begründet ist. Diese Erkenntnis
kann
sich nur dem Beobachter selbst als ein unmittelbares Erlebnis kundtun.
Ein Experimentator kann dieses Erleben nicht beobachten, sondern nur
etwa den Ausdruck der verschiedenen Wahrnehmungsperspektiven - das Echo,
den Schattenwurf des
Erlebnisses - an einem äußeren Verhalten ablesen, z.B. an einem
physiologischen Korrelat, an einer Reaktionsmessung,
einer
mündlichen Beschreibung etc. Das Erleben, das in diesem
Falle
einen ganz wesentlichen Bestandteil des Phänomens
ausmacht,
bleibt
beim Beobachter selbst verortet und das Phänomen wäre nur unvollständig
erfasst, wenn der Beobachter diese Erlebensdimension
nicht an sich selbst erforschte. Diese Erforschung
wird durch das intentionale Vorgehen
möglich - dadurch kann nicht
nur ein genaueres Bild von der Natur seelischer Vorgänge (z.B.
von der Natur des Denkens) entstehen, sondern es entsteht
ein Ansatzpunkt, das eigene Erleben selbst zu schulen und in die
Hand zu nehmen.
Werkzeug
zur Erforschung des eigenen Erlebens
Im intentionalen Vorgehen liegt also ein Werkzeug zur
Erforschung
des eigenen Erlebens vor - und dieses intentionale Handeln kann sich in
zwei Gesten äußern, nämlich sowohl als »veranlassende«
als auch als »zurückhaltende« Intentionalität:
I.
Veranlassende Intentionalität: In einer aufschlussreichen
Studie, die bereits vor mehr als 70 Jahren durchgeführt wurde,
zeigte der amerikanische Forscher Carmichael, dass Wahrnehmungseindrücke
durch einfache Etikettierungen beeinflusst
werden
können.6 Carmichael bat seine Versuchsteilnehmer, eine
Reihe von Bildern zu betrachten (siehe nächste Seite,
Figur 1,
Mittelstreifen). Zusätzlich hörten die Teilnehmer jeweils eine
von zwei möglichen Bezeichnungen. Bei einem späteren Gedächtnistest
zeigte sich, dass das Erinnerungsbild stark von der
sprachlichen Etikettierung beeinflusst war. Wenn zum Beispiel
zwei Kreise und ein Verbindungsstrich als »Brille« oder
aber als
»Hantel« bezeichnet wurden, ergab sich bei der anschließenden
graphischen Wiedergabe ein Verzerrungseffekt (siehe Figur 1,
Seitenstreifen). In diesem Beispiel handelt es sich um ein
experimentelles Vorgehen - die Intentionalität ist gleichsam beim
Versuchsleiter verortet, und das Ergebnis lässt sich am Verhalten
der beiden Versuchspersonengruppen ablesen, die mit der jeweiligen
Etikettierung konfrontiert wurden.
Das experimentelle Vorgehen wird nun zu einem
intentionalen Vorgehen, wenn der Beobachter selbst den Blickwinkel
wechselt und dadurch unterschiedliche Erlebnisse selbst in sich hervorruft
und diese Unterschiede bewusst beobachtet. Manchmal
ertappt
man sich z.B. dabei, wie man sich auf eine Sichtweise
festlegen will - z.B. dass ein Anderer etwas falsch gemacht hat;
dann aber stößt man plötzlich darauf, dass eine andere
Interpretation
möglich ist und dass bei gleicher Ausgangslage auf
der
Wahrnehmungsseite diese andere Interpretation in unserem Denken
verwirklicht werden kann. Nun kann man willkürlich (intentional)
zwischen beiden denkbaren Alternativen hin- und herwechseln - bis bis
man wiederum eine Sicht als wahr oder richtig erkennt. So kann man immer
deutlicher zu der Erkenntnis
gelangen, dass ein Erlebnis nicht allein im Wahrnehmungseindruck
begründet ist, sondern seine zweite Entstehungsquelle
in
einer konzeptuellen Information findet, dem Begriffsinhalt,
der das Erlebnis mit konstituiert. Die Ebene des Erlebens ist
die Ebene, auf welcher diese beiden Seiten der Realität
unmittelbar
verstanden werden können. Intentionales Vorgehen als
das Handwerkszeug dieser Ebene des
Erlebens sensibilisiert für
jene zwei Quellen der
Erfahrung und distanziert von einer rein sinnesphysiologisch begründeten
Auffassung vom Denken.

Figur
1:
Beispiel für ein
experimentelles Vorgehen: Auszug aus den von Carmichael et al.
(1932) verwendeten ambivalenten Bildern (Mitte) und
Wiedergabe durch die
Versuchsteilnehmer (links und rechts).
Entnommen
aus C. Cornoldi et al. : »Stretching the imagination: Representation
and tranformation in mental imagery«, Oxford
University Press 1996.
Die entscheidende Schlussfolgerung dieser ersten Stufe
ist also, dass die Phänomene keine absolute Wirkung auf unser Erleben
ausüben, sondern diese Wirkung durch das Individuum
mitgestaltet wird und - und das ist an dieser Stelle das Bedeutende:
sogar intentional beeinflusst werden kann. Die
Intervention beruht
dann auf der eigenen, bewussten Initiative des Beobachters,
und die bewusst gewordene Wirkung kann deshalb in eine
ursächliche Verbindung zu dieser Intervention gebracht werden:
Ich erlebe, wie mein Denken das Phänomen mit begründet,
wie es an seiner Realität nicht unbeteiligt ist. Das Erforschen des
Erlebens
aus der
Sicht des Individuums, das mit Hilfe einer »in-tentionalen
Intervention« gelingt, kann als Gegenstück zu dem
Erforschen des Verhaltens aus der Sicht des Experimentators
betrachtet werden, das mit Hilfe einer »instrumentellen
Intervention«
gelingt.7
II. Zurückhaltende Intentionalität:
Intentionalität kann sich einerseits durch einen gezielten »Eingriff«
äußern, wie im vorangehenden
Abschnitt verdeutlicht. Auf diese Weise treffen
wir
eine Auswahl aus dem Raum der zur Verfügung stehenden
Möglichkeiten, von denen sich dann jeweils eine bestimmte in unserer
Erfahrung verwirklicht. Dies ist aber nur die eine Seite
der
Intentionalität.
Intentionalität kann nämlich auch umgekehrt darin
bestehen,
gezielt
auf eine Auswahl zu verzichten, und ein Erleben abzuwehren, das uns
vorschnell auf eine Schlussfolgerung festlegt.
Dadurch wird dem Wahrnehmungsinhalt eine verlängerte Aussprachemöglichkeit
gegeben. Dieses Zurückhalten von Vorstellungen
und Beurteilungen erfordert gleichsam eine zurückhaltende
Intentionalität, die jedoch ebenso eine aktive Einflussnahme
auf den Prozess der Erkenntnisgewinnung ausübt wie die
veranlassende Intentionalität. Durch die veranlassende Intentionalität
wird eine Veränderung herbeigeführt, die gezielt mit
dem
eigenen Verhalten in Verbindung gebracht werden kann. Durch die
zurückhaltende Intentionalität der zweiten Stufe wird
eine
voreilige Erkenntnis, die sich eigentlich aufdrängt, unterbunden
und stattdessen dem Phänomen eine Aussprachemöglichkeit
gegeben, welche die Erfahrung erweitert. Auf diese Weise
ergibt sich ebenfalls vermittels der eigenen Intentionalität
eine Veränderung - eine Erweiterung
- der Erfahrung, die neue Erkenntnisse möglich macht. Im
Arzt-Patienten Verhältnis ist
es beispielsweise ein häufiges Problem, dass der Arzt bei
der
anfänglichen Anamnese den Patienten bei dessen Symptombeschreibung
schon nach wenigen Sätzen unterbricht und es
auf
diese Weise nicht zu einer vollständigen »Fallaufnahme«
kommt. Im Sinne der
zurückhaltenden Intentionalität wird es
hier auf Seiten des Arztes also
zunächst erforderlich sein, die Versuchung der Urteilsbildung so lange
hinauszuzögern, bis der
Patient Gelegenheit hatte, alle ihm wichtigen Symptome zu erwähnen.
Erkenntnis entsteht in diesem Falle also dadurch, dass
man eine unvermittelte Einflussnahme
zurückhält. Durch die aufnehmende Haltung des offenen Zuhörens nimmt man
einen aktiven Einfluss auf
das Geschehen - den Erkenntnisprozess,
denn der Patient würde ja ohne das
Zuhören des Arztes nicht berichten und der Erkenntnisgewinn wäre dann verhindert. Die beiden
Seiten der Intentionalität sind zwei Grenzbereiche,
an denen sich die menschliche
Freiheit entzündet und bewusst
erlebbar
wird. Das lässt sich besonders am
Beispiel der Aufmerksamkeit
verdeutlichen: Auf der einen Seite in der freiwilligen Hinwendung
unserer Aufmerksamkeit auf ein Phänomen, das sich uns nicht durch
eine Selbstverständlichkeit, sondern
erst durch die gezielte Zuwendung der Aufmerksamkeit offenbart. Und auf
der anderen Seite in dem freiwilligen Abwenden
unserer Aufmerksamkeit von einem
Phänomen, das sich aufdringlich zeigt und sich in den
Mittelpunkt zu drängen sucht, das
wir aber durch eigene Intentionalität aus unserem Bewusstsein
fernhalten, weil seine Beachtung noch nicht an der Reihe
ist und ablenkt. Diese
veranlassenden und zurückhaltenden Aufmerksamkeitsströme sind wie
Schwert und Schild des Ich
im Kampf um seine Freiheit.
In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass
Rudolf
Steiner den Beginn der geistigen Schulungsarbeit als
einen Vorgang
darstellt, in dessen Verlauf die Ausbildung dieser beiden
Fähigkeiten eine besondere Bedeutung hat - das gezielte, willkürliche
Hervorrufen einer Vorstellung, vor allem einer sinnlichkeitsfreien,
symbolischen Vorstellung, auf der das Bewusstsein
ruht.
Und dann wiederum das willkürliche Fortschieben einer
solchen Vorstellung aus dem Bewusstsein, das der zweite Freiheitsgestus
ist.8 Diese beiden Seiten sind die zwei Dimensionen
der Freiheit, die hier im unmittelbar individuellen Erleben zur
Geltung kommen. Durch ein Schulen intentionalen Handels sind
wir nicht länger auf eine Verhaltensbeobachtung von außen
angewiesen,
sondern können selbst forschend und erlebend den Phänomenen begegnen.
1
Zum Thema »embodiment«
siehe auch: P. M. Niedenthal
et al.: Embodiment in Attitutes,
Social Perception, and Emotion.
In
»Personality and Social
Psychology Review«,
9, 2005, S. 184-211. P.M. Niedenthal:
Embodying Emoti
on.
In »Science«, 316, 2007,
S. 1002-1005. S.L.
Beilock & L.E.
Holt: Embodied preference judgments.
In »Psychological
Science«, 18, 2007, S. 51-57.
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2
»An embodied concept is
a neural structure that is actually
part of, or makes use
of, the sensorimotor system of our brains. Much of conceptual
inference is, therefore,
sensorimotor inference. If concepts are, as we
believe, embodied in
this strong sense, the
philosophical consequences
are enormous. The locus
of reason (conceptual inference) would be the same
as the locus of
perception and motor control, which are
bodily functions«.
Aus: G.Lakoff & M. Johnson: Philosophy
in the Flesh.
New York 1999, Seite 20.
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3
Ebenda, S. 266.
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4 Zur Übersicht siehe Paul Ziche
(Hrsg.): Introspektion. Texte zu Selbstwahrnehmung des Ichs, Springer Verlag,
1999.
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5 Dazu H. Kiene: Komplementäre
Methodenlehre der klinischen Forschung. Cognition based medicine. Springer,
2001. In seinem Buch beschreibt der Arzt Helmu Kiene den Ansatz der
»abbildenden Korrespondenz« (S.22), der das Aufdecken von kausalen
Zusammenhängen am Einzelfall ermöglicht, vor ausgesetzt zwei Bedingungen sind
erfüllt: eine überzufällige Korrelation zwischen einer Ursache und einem
Ergebnis; und - hier von entscheidender Bedeutung -: der Beobachter führt einen
Vorgang durch intentionale Einwirkung herbei. So ist zum Beispiel die Bewegung
des Computercursors am Bildschirm unmittelbar als durch die Armbewegung
ursächlich bedingt erkennbar, weil diese Cursorbewegung mit der eigenen
Handbewegung korreliert und ich selbst die Bewegung der Hand bewusst veranlasse
und die Cursorbewegung jederzeit beschleungen, verlangsamen oder ganz
unterbrechen kann.
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6 L. Carmichael/H.P. Hogan/ A.A.
Walter: An experimental study of the effect of language on the reproduction of
visual-ly perceivedform. In: »Journal of Experimental Psychology«, 15, 1932,
73-86.
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7 Ronald Brady beschreibt
Intentionalität als ein die Phänomene konstituierendes Geschehen, welches
dasjenige vervollständigt, was durch die Sinne als Potential veranlagt wird.
Brady stellt dar, wie Intentionalität bereits wirksam ist, wenn wir etwa eine
mehrdeutige Aussage in einem bestimmten Sinne verstehen oder wenn wir verdeckte
Objektteile in unserer Vorstellung erschließen. Intentionalität in diesem Sinne
verstanden geht dem Erkennen voraus - sie zeigt, wie das Denken selbst
schaffend tätig und an der Realität der Dinge mit beteiligt ist. Diese für
gewöhnlich vorbewusste Intentionalität kann ins Bewusstsein gerufen werden und
ermöglicht dann ein Gewahrwerden und gezieltes Erforschen des Zusammenhangs von
Wahrnehmung und Begriff - ein Erforschen der Natur des Denkens, wie es auch hier
skizziert wird. Siehe: R. Brady: Getting rid of metaphysics. In: »Elemente der
Naturwissenschaften«, 75:2, 2001, S. 61-78.
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8 Siehe etwa Rudolf Steiner:
Naturbeobachtung, Experiment, Mathematik und die Erkenntnisstufen der
Geistesforschung (GA 324), Vortrag vom 22.3.1921, in welchem die Rede ist vom
Umgang mit imaginativen Vorstellungen: »Es ist eine Übung, die außerdem in
einem stark das Gefühl der inneren Freiheit lebendig macht, wenn man durch
Willkür solche Vorstellungen im Bewusstsein präsent macht, [und sie] dann
wiederum herausschafft ..«
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Autorennotiz:
Ulrich Weger,
Besuch der
Waldorfschule in Münster, anschließend Zivildienst und
Studium der Psychologie.
Promotion zum Thema Blickbewegungsprozesse
beim Lesen. Derzeit als Forschungsmitarbeiter an der University
of Toronto/Canada, ab Herbst 2007
Lecturer an der University of
Kent/UK. Der Autor ist sehr an
einem Austausch zu Problemen und Möglichkeiten der
Forschungsmethode innerhalb der Psychologie
interessiert und erhofft sich
das Zusammenfinden einer
Arbeitsgruppe zu diesem Thema. -
Kontakt: Ulrich Weger,
Althausweg 50, 48159 Münster.
E-Mail: ulrich.weger(at)utoronto.ca
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