Die Drei 07/ 2007

 

 

 

 

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Auf der Suche nach der Biografie von Shakespeare

Hanno Wember

Welche Gemeinsamkeit lässt sich für Ralph Waldo Emerson, Mark Twain, Charles Chaplin, Henry James, Sigmund Freud, Otto von Bismarck, Walt Witman, John Galsworthy, Orson Wells und Vladimir Nabokov angeben? Die Zusammenstellung dieser Namen erscheint zu willkürlich und zufällig, als dass auf diese Frage eine ernsthafte Antwort gesucht werden könnte. Aber diesen so unterschiedlichen Persönlichkeiten aus den letzten 150 Jahren ist tatsächlich etwas gemeinsam: Sie hielten es für unmöglich, dass die Werke Shakespeares von William Shakspere (so die häufigste Schreibweise seines Namens) aus Stratford (1664-1616) stammen.

Heinrich Heine hielt es für ein Glück, dass vom Leben Shakespeares fast nichts bekannt ist. Diese Ansicht hat viele nachvollziehbare Aspekte. Doch ob man dies nun auch als Vorteil ansieht oder als Nachteil empfindet - es ist fraglich, ob der »paradiesische« Zustand des Nichtwissens auf Dauer Bestand haben wird. Thomas Looney war 1920 der Meinung, Edward de Vere (1550-1604) als den Autor entdeckt zu haben, dessen Werke unter dem Pseudonym Shake-Speare (oder Shakespeare) veröffentlicht wurden.1 Es war dies nur einer von vielen Versuchen, den »wahren« Autor ausfindig zu machen, und es verging noch sehr viel Zeit, bis erkennbar wurde, dass dieser Arbeit ein besonderes Gewicht zukommen sollte.

Shakespere aus Stratford: »ein monumentales Spekulatorium«.

Die wenigen Daten, die aus Shaksperes Leben bekannt sind, veranlassten R.W. Emerson zu der knappen Feststellung: »I cannot marry this fact to his verse«. Folgt man dieser Ansicht, lässt sich die Frage nach der Autorenschaft jedenfalls nicht so leicht als unberechtigt abtun. In zahlreichen Shakespeare-Biografien wird immer wieder versucht, die mangelhafte Faktenlage durch Vermutungen zu ersetzen. Formulierungen wie »wir dürfen annehmen, dass«, »es ist wahrscheinlich, dass«, »wir brauchen nicht zu bezweifeln, dass« verdecken nur dürftig, dass die wenigen gesicherten Daten keine Biografie ergeben. Doch so wird es möglich, die wenigen Seiten, die für eine Darstellung ausreichen würden, auf mehrere hundert Seiten auszudehnen. Es handelt sich dabei aber nicht um Biografien, sondern um Phantasien der Biografen. So nennt Sigrid Löffler den viel beachteten Versuch von Stephen Greenblatt, zu zeigen, »wie Shakespeare zu Shakespeare wurde«, ein »monumentales Spekulatorium, dirigiert von Mutmaßungen, Annahmen, Hypothesen, Behauptungen ...« (Literaturen 1-2/2005) Angesichts einer beispiellosen Suchaktion, die fast nichts ergeben hat, bleibt die Tatsache bestehen, dass das Wenige, das dann doch gefunden wurde, in keinem Zusammenhang mit dem dichterischen Werk steht. Schlimmer noch: Nicht nur plumpe, sondern auch gefährliche Fälscher waren am Werk, die versucht haben, dem offensichtlichen Mangel abzuhelfen. J. P. Collier, dessen Shakespeare-Ausgabe zwischen 1842 und 1853 erschienen ist, hatte Zugang zu Originaldokumenten und hat seine Fälschungen direkt in diesen angebracht - eine Tatsache, die viele Shakespearebiografien verschweigen. Bis heute hat sich die Shakespeareforschung in der wichtigen und schwierigen Frage nach den Entstehungsdaten der Dramen nicht von Dokumenten distanziert, die aus dem Umkreis von Collier stammen. Die Motive sind nachvollziehbar und verständlich: Der Widerspruch zwischen dem überragenden Werk des Dichters und den ärmlichen biografischen Daten erschien vielen als kaum zu ertragen. So griff man eher zum Mittel der Fälschung, als dass man bereit war, die ursprüngliche Annahme zu prüfen.

Es wird selten beachtet, dass der Hinweis auf Stratford in der ersten Gesamtausgabe von Shakespeares Dramen (»First Folio« von 1623) sehr vage, ja rätselhaft ist und dieser Ort keineswegs als sein Geburtsort bezeichnet wird. Doch andere Hinweise gibt es nicht! Die Arbeit von Thomas Looney wurde zunächst kaum beachtet und geriet mehr oder weniger in Vergessenheit. Durch Ruth Loyd Miller (1975) und Charlton Ogborn (1984) wurde sie wieder aufgenommen, erheblich erweitert und neu bekannt gemacht. Umfangreiche und detaillierte Forschungen der letzten 20 Jahre haben zusätzliche Fakten und Indizien zu Tage gebracht, durch die Looneys Arbeit vielfältige Bestätigungen erfuhr und über die man nicht einfach hinweggehen sollte. Die autobiografischen Bezüge im Werke Shakespeares zum Leben von Edward de Vere (siehe unten) sind so zahlreich, dass es sehr schwer wird, hier immer nur von Zufall zu sprechen. Viele Details in den Dokumenten der Veröffentlichungsgeschichte weisen immer wieder deutlich auf Edward de Vere als den Verfasser hin; viele Anspielungen in Texten und Bildern zeitgenössischer Werke können verständlich werden, wenn man den Autor in Edward de Vere erkennt. Die Indizien sind ungemein vielfältig, ihre Anzahl ist so groß, die Richtung, in die sie zeigen, immer eindeutig, so dass das schlichte Beharren auf der bisher als gültig angesehenen Lehrmeinung, wie sie in den Shakespeare-Biografien oder -Handbüchern zu finden ist, zunehmend problematisch wird. Natürlich ist jedem unbenommen, ein dichterisches Werk auch ohne Kenntnis der Biografie des Autors aufzunehmen. Wird aber nach der Biografie gefragt, dann sollte - wenn sie denn bekannt ist - schon die richtige genannt werden! Bei Shakespeare ist jedoch zu bezweifeln, dass die gemeinhin angenommene die des Autors ist.

Neuere Arbeiten

Walter Klier und Joseph Sobran zeigen in ihren Darstellungen die sehr spannend zu lesende Endeckungsgeschichte und auch den Kampf  um die Erkenntnis von Thomas Looney.2 Beide erörtern jeweils in einem ersten Teil ihres Buches zunächst die Fragwürdigkeit der Strat-ford-Annahme, um dann mit Edward de Vere, dem 17. Grafen von Oxford, und seiner Biografie den Bezug zum Werke Shakespeares herzustellen. Kliers Buch eröffnete die Diskussion in Deutschland, die u. a. durch eine vernichtende Buchkritik von Rudolf Augstein sehr schnell fast wieder erstickt wurde. Unter dem Titel »Der Fall Shakespeare« ist das Buch in einer zweiten erweiterten Auflage wieder verfügbar und bietet verglichen mit J. Sobran die größere Fülle an Details. Wer es für sinnvoll hält, etwas über die Autorenschaftsfrage der Werke Shakespeares zu erfahren und sich sachlich zu informieren, sollte dies Buch lesen. Sobran verdeutlicht an vielen Beispielen, wie sich das Individuelle und Unnachahmliche im Wortschatz und im Sprachstil der Werke Shakespeares auch in den Briefen Edward de Veres zeigt.

Aufschlussreich kann auch die Lektüre von Shaksperes Testament aus Stratford sein, das im Original und in Übersetzung im Anhang zu J. Sobrans Buch zu finden ist. Dieses wichtige Dokument der Shakespeare-Forschung wird nur sehr selten als Ganzes wiedergegeben und viele Biografien zitieren daraus nur sehr kurz. Eine erstaunliche Tatsache, denn es wird doch für einen Originaltext des Dichters gehalten. Das Verschweigen wird aber verständlich, denn wer sich durch die Seiten dieses Dokuments gearbeitet hat, dem wird es schwer fallen, für möglich zu halten, dass dies von dem Dichter stammt, der Romeo und Julia, Shake-Spears Sonette, Hamlet und den Sommernachtstraum geschrieben hat.

Mark Anderson, dessen Werk »Mit anderem Namen Shakespeare« bisher nur in Englisch vorliegt,3 geht einen anderen Weg. Der Diskussion über Shakspere aus Stratford widmet er keine ausführliche Darstellung, sondern er stellte sich der Aufgabe, eine umfangreiche Biografie Edward de Veres zu schreiben. Er hat damit seiner Überzeugung nach auch eine Biografie Shakespeares vorgelegt.

 

»Shakespeares Gestalten leben«

»... bei Shakespeare empfinden wir, dass er in seinem Erlebnis darinsteht, dass er das alles ganz selbst erlebt hat.«4 Diese Aussage Rudolf Steiners ist vor dem Hintergrund des Lebens von William Shakspere aus Stratford unverständlich und nicht nachvollziehbar; es findet sich dort einfach nichts, was sich als selbst erlebt in den Dramen spiegelt. Sie findet aber vielfältige Bestätigungen, wenn man die Biografie von Edward de Vere betrachtet. Wenn »Shakespeares Gestalten leben« (Steiner), dann deshalb, weil sie selbst erlebt sind. Anderson biete dazu eine Fülle an Material. Die Nähe verschiedener Handlungsstränge im Hamlet zu Ereignissen in Edward de Veres Leben ist mehr als überraschend. Die Begegnung de Veres mit dem Humanisten Johannes Sturmius (1507-1589) in Straßburg könnte Gegenstand einer geistesgeschichtlichen Forschung werden. Seine Reisen in Italien erklären die sehr genauen Ortskenntnisse, die für Shakespeares »italienische« Dramen immer Rätsel aufgaben.
Die teilweise geographische Unbildung, die man für Shakspere aus Stratford annahm, gipfelte immer im Hinweis auf die unglaubliche böhmische Küste im Wintermärchen. Auch hier gibt es eine einfache und klärende Antwort: Zwar liegt Böhmen nicht am Meer, wohl aber dehnte sich das Königreich Böhmen im 16. Jahrhundert bis zur Adria aus, und in der Zeit, als Edward de Vere die Mittelmeerländer bereiste, gab es ein Küste von Böhmen (als Königreich). Nicht ohne Betroffenheit erfährt man, dass die unschuldig der Untreue beschuldigte Frau, die durch die Eifersucht des Mannes zu Grunde gerichtet wird - ein Thema, das viele Shakespeare-Dramen durchzieht, am stärksten in Othello und im Wintermärchen -, ein durchlebtes und durchlittenes Lebensthema von Edward de Vere war. Über die Fülle an Bestätigungen, die Looneys Entdeckung auch durch Funde in jüngster Zeit erfahren hat, kann sich der Leser in den genannten Büchern selber ein Bild verschaffen. Am überraschendsten ist der Fund von Edward de Veres »Geneva Bible«, bei der sich in den zweifellos von seiner Hand stammenden Anmerkungen und Unterstreichungen ein hoher Grad an Übereinstimmung mit den Stellen in Shakespeares Werk nachweisen ließ, die sich auf Bibelstellen beziehen. Es wird überzeugend dargestellt, warum es für Edward de Vere in der höfischen Gesellschaft zwingend war, unter einem Pseudonym zu schreiben. In der Literatur ist dies ja auch unter anderen Bedingungen nicht unbekannt. Da er aber vermutlich selber auch als Schauspieler auftrat - für einen Adligen eine schwere Verletzung des höfischen Codes -, war auch hier ein Strohmann gleichen Namens notwendig.

 

Shakespeare und Bacon

Auch die immer wieder zu hörende Vermutung, dass das Werk Shakespeares ein Autorenkollektiv als Verfasser hätte, wird in diesem Kontext behandelt und findet eine einfache und einleuchtende Auflösung.
Als im 19. Jahrhundert die Zweifel an der Autorenschaft von Shakspere aus Stratford wuchsen, wurde auch die These entwickelt, in dem Philosophen Francis Bacon den wahren Autor zu sehen. Diese Ansicht lässt sich heute kaum noch vertreten. J. Sobran befasst sich ausführlich damit und kann auf umfangreiche Sprach- und Wortschatzvergleiche hinweisen, die den Schluss erlauben: »Bacon konnte nicht die Werke Shakespeares schreiben, aber ebenso konnte Shakespeare nicht Bacons Werke schreiben.« Der sich hier andeutende Gegensatz wird auch im Hinblick auf die Frage nach Edward de Veres Autorenschaft bedeutsam. Richard Ramsbotham hat 2004 mit »Who Wrote Bacon?«5 eine Arbeit vorgelegt, in der er Shakespeare und Bacon als Polarität beschreibt. Er legt dar, welche bis heute fortwirkenden Impulse sie für die Welt der Wissenschaft einerseits und der Welt der Kunst andererseits gegeben haben und entwickelt so einen Ansatz, der sich als sehr fruchtbar erweist. Die Verbindung zwischen beiden sieht R. Ramsbotham in König Jakob und er bezieht sich dabei ausdrücklich auf Rudolf Steiner, der diesem in geistesgeschichtlicher Hinsicht eine außerordentliche Bedeutung zugesprochen hat. R. Ramsbotham bezeichnet Jakob I als Schutzherrn/Gönner (patron) von Shakespeare und Bacon, der die so unterschiedlichen Werke gleichermaßen gefördert hat. Die Äußerung Rudolf Steiners, die manchem rätselhaft erscheint, kann durch diese Betrachtung verständlich werden.
Auch wenn man diesem Ansatz gerne folgt, bleibt doch etwas ungelöst: Soweit bekannt, hat sich kein Nachweis finden lassen, dass sich Jakob I und Shakespeare jemals begegnet sind. Aber dass Jacob I. und Edward de Vere sich begegnet sind, ist unstrittig. Ja mehr als das, Jacob I. spricht von ihm ganz unerwartet sogar von »Great Oxford". Woher diese Wertschätzung kommt, ist bisher nie schlüssig erklärt worden. Die de-Vere-These kann dies aber erklären: Man darf vermuten, dass Jakob I. die eigentliche Aufgabe von Edward de Vere kannte, wenn er ihn - historisch eindeutig belegt -, mit einer erheblichen jährlichen Geldzahlung großzügig unterstützt hat. Der Grund für diese Zuwendungen, der bisher völlig rätselhaft blieb, kann so verständlich werden. So zeigt sich auch an einer unerwarteten Stelle die Tragfähigkeit der de-Vere-Annahme.

Ein Tabuthema

Dennoch: Es fällt schwer, von einer lange bekannten, als sicher geltenden und vielleicht sogar liebgewordenen Vorstellung Abschied zu nehmen. Eine mögliche neue Einsicht kann zunächst wie ein Schock wirken, und es dauert oft lange, bis man die Fruchtbarkeit einer neuen Erkenntnis sieht und die Fruchtlosigkeit der alten begreift: Heftige, auch emotionale Reaktionen sind da nicht unerwartet. An deutschen Universitäten ist die Autorenschaftsfrage ein Tabu. Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft, deren Verdienste für das Werk Shakespeares unbestreitbar sind, lehnt es unverändert ab, die Frage der Autorenschaft überhaupt zu erörtern.
Anders an einigen US-amerikanischen Universitäten und inzwischen auch einer englischen: Hier wird die Autorenschaftsfrage ernst genommen und ihre wissenschaftliche Untersuchung als notwendig erachtet. Bis diese Entwicklung auch die Wissenschaft in Deutschland erreicht, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Indessen waren auch in Deutschland außerhalb der universitären Anglistik Forscher tätig. Das »Neue Shake-Speare« Journal dokumentiert hier eine ungemein große Fülle an Material. Wer sich tiefer mit der Autorenschaftsfrage befassen will, dem ist das Studium dieser Bände sehr zu empfehlen. Es liegen seit 1997 elf Bände vor - der letzte erschien im April 2007. Alle Bände sind noch erhältlich.6 Band 2 beschäftigt sich z.B. mit Entdeckungen und Fälschungen, Band 5 mit Shakespeare und Italien, Band 9 mit Edward de Veres Lyrik.
Der Leser erfährt hier viele Details zu allen Aspekten der Forschungsgeschichte, aber auch über die Angriffe, mit denen versucht wurde und wird, die Verbreitung von Looneys Entdeckung zu verhindern.
Gegen ihn werden zwei Haupteinwände erhoben:

  • Looney habe nur einen von zwanzig anderen Versuchen unternommen, einen unbekannten Autor nachzuweisen und sei daher unbedeutend. - Durch die Einordnung in eine Reihe von Fehlschlägen gewinnt dies Argument kein Gewicht. Nur die Prüfung im Einzelfall hilft hier weiter. Die genannten Bücher entkräften diesen Einwand, der keine inhaltliche Auseinandersetzung bedeutet.
     

  • Die Lebensdaten von Edward de Vere (1550-1604) schlössen ihn als Autor von Shakespeares Werken aus, da eine Reihe Dramen erst nach 1604 entstanden seien.

Wenn dies zuträfe, wäre es ein Ausschlussargument, dass jede weitere Beschäftigung mit Edward de Vere als Autor von Shakespeares Werken zu einer überflüssigen Sache machen würde. Hier ist aber Vorsicht geboten. Sicher bekannt ist nur, wann die Dramen zum ersten Mal im Druck erschienen. Wann sie davor geschrieben und u. U. auch aufgeführt worden sind, ist in keinem Fall mit Sicherheit nachgewiesen. Der vorgebrachte Einwand darf sich nicht auf sichere Daten stützen. Wie sich das Argument bei genauerer Betrachtung aber sogar in sein Gegenteil verkehrt und für Edward de Vere spricht, ist bei J. Sobran und W. Klier nachzulesen. Das Vorbringen von Argumenten gegen eine neue Theorie ist eine berechtigte Sache, dies aber mit Polemik, die auch vor Diffamierungen nicht zurückgeschreckt, zu tun, ist etwas anderes. Es macht nachdenklich, in welch emotionaler Art die Looney-Annahme bekämpft wird. Das Ausmaß ist rational kaum mehr verständlich und erinnert fast an Glaubenskämpfe. Diese Ebene wurde schon von Heinrich Heine mit seinem sehr gewagten und vermutlich bitter ironischen Vergleich von »dem nordischem Bethlehem, welches Stratford upon Avon geheißen« angesprochen. Es wäre zu wünschen, dass die Auseinandersetzung nicht weiter in diese Richtung abgleitet. Es drängt sich aber die Vermutung auf, dass die geahnte Schwäche der eigenen Position auch hier wie so oft zur Polemik verleitet.
Bedenkt man, welcher Wert zur Würdigung der Dichterwerke der deutschen Klassik darin liegt, dass wir die Biografien kennen, dann wird der Gewinn deutlich, der durch eine überzeugende Shakespearebiografie entstünde. Der Grund zu einer erweiterten Shakespeare-Rezeption wäre gelegt. Die Suche nach einer Biografie ist alleine schon ein berechtigtes Interesse. Diese Forschungen leichtfertig zu verwerfen, könnte eine verhinderte Biografie bedeuten. Dass man nicht nur danach gesucht hat, sondern mit der Biografie Edward de Veres auch die Shakespeares bekannt wurde, davon sind die Autoren oder Herausgeber der hier genannten Veröffentlichungen überzeugt, und, wie ich meine, mit guten Gründen. Ob sich die Leser dem anschließen mögen, bleibt jedem überlassen. Aber soviel sei versprochen: Die Lektüre wird nicht langweilen.
Als gemeinsames Motto dieser auch recht verschiedenen Werke ließe sich in der Art eines shakespeareschen Narren ein Satz von David Hilbert über Georg Cantor vielleicht so abwandeln: »In das Paradies, aus dem uns John Thomas Looney, Ruth Loyd Miller und Charlton Ogburn vertrieben haben, soll uns niemand zurückversetzen können!« Von Goethe wird der Satz zitiert: »Jeder Schriftsteller schildert sich in seinen Werken - auch wider Willen - selber«. Sollte sich Goethe im Falle des Dichters, dem er nach eigenem Bekunden am meisten verdankt, geirrt haben? Wer diesen Irrtum nicht annehmen will, den braucht kein Vorwurf darüber zu treffen, dass er sich dabei in Gesellschaft mit Persönlichkeiten wie Ralph Waldo Emerson, Mark Twain und Henry James u. a. findet.
 

1 J. Thomas Looney: »Shakespeare« identified in Edward de Vere the Seventeenth Earl of Oxford, New York 1920. (zurück zum Text)

2 Walter Klier: Der Fall Shakespeare, Verlag Uwe Laugwitz, Buchholz in der Nordheide 2004,320 Seiten, 18 EUR. - Joseph Sobran: Genannt Shakespeare. Aus dem Englischen von Heidi Zerning, DuMont Verlag, Köln 2002, 370 Seiten, 34,90 EUR. (zurück zum Text)

3 Mark Anderson: Shakespeare by Another Name, Gothham Books, New York 2005 (Paperbach 2006), 600 Seiten. (zurück zum Text)

4 Rudolf Steiner: Erziehungs- und Unterrichtsmethoden auf anthroposophischer Grundlage (GA 304), Dornach 1979, Vortrag vom 24.4.1923. (zurück zum Text)

5 Richard Ramsbotham: Who Wrote Bacon? William Shakespeare, Francis Bacon and James I, a Mystery of the Twenty-first Century, Temple Lodge Publishing, Forest Row 2004, 162 Seiten(Taschenbuch). (zurück zum Text)

6 Robert Detobel, Uwe Laugwitz (Hrsg.): Neues Shake-Speare Journal Bd. 1-11, Verlag Uwe Laugwitz, Buchholz in der Nordheide 1997 - 2007, je Band ca. 170 Seiten, 15 EUR (www.laugwitz.de) (zurück zum Text)

HANNO WEMBER, Studium der Mathematik, Physik und Erziehungswissenschaften, Oberstufenlehrer in Hamburg. Kontakt: Wember[AT]gmx.net