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Auf der Suche nach der Biografie von Shakespeare
Hanno Wember
Welche
Gemeinsamkeit lässt sich für Ralph Waldo Emerson, Mark Twain, Charles Chaplin,
Henry James, Sigmund Freud, Otto von Bismarck, Walt Witman, John Galsworthy,
Orson Wells und Vladimir Nabokov angeben? Die Zusammenstellung dieser Namen
erscheint zu willkürlich und zufällig, als dass auf diese Frage eine ernsthafte
Antwort gesucht werden könnte. Aber diesen so unterschiedlichen Persönlichkeiten
aus den letzten 150 Jahren ist tatsächlich etwas gemeinsam: Sie hielten es für
unmöglich, dass die Werke Shakespeares von William Shakspere (so die häufigste
Schreibweise seines Namens) aus Stratford (1664-1616) stammen.
Heinrich Heine
hielt es für ein Glück, dass vom Leben Shakespeares fast nichts bekannt ist.
Diese Ansicht hat viele nachvollziehbare Aspekte. Doch ob man dies nun auch als
Vorteil ansieht oder als Nachteil empfindet - es ist fraglich, ob der
»paradiesische« Zustand des Nichtwissens auf Dauer Bestand haben wird. Thomas
Looney war 1920 der Meinung, Edward de Vere (1550-1604) als den Autor entdeckt
zu haben, dessen Werke unter dem Pseudonym Shake-Speare (oder Shakespeare)
veröffentlicht wurden.1 Es war dies nur
einer von vielen Versuchen, den »wahren« Autor ausfindig zu machen, und es
verging noch sehr viel Zeit, bis erkennbar wurde, dass dieser Arbeit ein
besonderes Gewicht zukommen sollte.
Shakespere aus Stratford: »ein monumentales Spekulatorium«.
Die wenigen
Daten, die aus Shaksperes Leben bekannt sind, veranlassten R.W. Emerson zu der
knappen Feststellung: »I cannot marry this fact to his verse«. Folgt man dieser
Ansicht, lässt sich die Frage nach der Autorenschaft jedenfalls nicht so leicht
als unberechtigt abtun. In zahlreichen Shakespeare-Biografien wird immer wieder
versucht, die mangelhafte Faktenlage durch Vermutungen zu ersetzen.
Formulierungen wie »wir dürfen annehmen, dass«, »es ist wahrscheinlich, dass«,
»wir brauchen nicht zu bezweifeln, dass« verdecken nur dürftig, dass die wenigen
gesicherten Daten keine Biografie ergeben. Doch so wird es möglich, die wenigen
Seiten, die für eine Darstellung ausreichen würden, auf mehrere hundert Seiten
auszudehnen. Es handelt sich dabei aber nicht um Biografien, sondern um
Phantasien der Biografen. So nennt Sigrid Löffler den viel beachteten Versuch
von Stephen Greenblatt, zu zeigen, »wie Shakespeare zu Shakespeare wurde«, ein
»monumentales Spekulatorium, dirigiert von Mutmaßungen, Annahmen, Hypothesen,
Behauptungen ...« (Literaturen 1-2/2005) Angesichts einer beispiellosen
Suchaktion, die fast nichts ergeben hat, bleibt die Tatsache bestehen, dass das
Wenige, das dann doch gefunden wurde, in keinem Zusammenhang mit dem
dichterischen Werk steht. Schlimmer noch: Nicht nur plumpe, sondern auch
gefährliche Fälscher waren am Werk, die versucht haben, dem offensichtlichen
Mangel abzuhelfen. J. P. Collier, dessen Shakespeare-Ausgabe zwischen 1842 und
1853 erschienen ist, hatte Zugang zu Originaldokumenten und hat seine
Fälschungen direkt in diesen angebracht - eine Tatsache, die viele
Shakespearebiografien verschweigen. Bis heute hat sich die Shakespeareforschung
in der wichtigen und schwierigen Frage nach den Entstehungsdaten der Dramen
nicht von Dokumenten distanziert, die aus dem Umkreis von Collier stammen. Die
Motive sind nachvollziehbar und verständlich: Der Widerspruch zwischen dem
überragenden Werk des Dichters und den ärmlichen biografischen Daten erschien
vielen als kaum zu ertragen. So griff man eher zum Mittel der Fälschung, als
dass man bereit war, die ursprüngliche Annahme zu prüfen.
Es wird selten
beachtet, dass der Hinweis auf Stratford in der ersten Gesamtausgabe von
Shakespeares Dramen (»First Folio« von 1623) sehr vage, ja rätselhaft ist und
dieser Ort keineswegs als sein Geburtsort bezeichnet wird. Doch andere Hinweise
gibt es nicht! Die Arbeit von Thomas Looney wurde zunächst kaum beachtet und
geriet mehr oder weniger in Vergessenheit. Durch Ruth Loyd Miller (1975) und
Charlton Ogborn (1984) wurde sie wieder aufgenommen, erheblich erweitert und neu
bekannt gemacht. Umfangreiche und detaillierte Forschungen der letzten 20 Jahre
haben zusätzliche Fakten und Indizien zu Tage gebracht, durch die Looneys Arbeit
vielfältige Bestätigungen erfuhr und über die man nicht einfach hinweggehen
sollte. Die autobiografischen Bezüge im Werke Shakespeares zum Leben von Edward
de Vere (siehe unten) sind so zahlreich, dass es sehr schwer wird, hier immer
nur von Zufall zu sprechen. Viele Details in den Dokumenten der
Veröffentlichungsgeschichte weisen immer wieder deutlich auf Edward de Vere als
den Verfasser hin; viele Anspielungen in Texten und Bildern zeitgenössischer
Werke können verständlich werden, wenn man den Autor in Edward de Vere erkennt.
Die Indizien sind ungemein vielfältig, ihre Anzahl ist so groß, die Richtung, in
die sie zeigen, immer eindeutig, so dass das schlichte Beharren auf der bisher
als gültig angesehenen Lehrmeinung, wie sie in den Shakespeare-Biografien oder
-Handbüchern zu finden ist, zunehmend problematisch wird. Natürlich ist jedem
unbenommen, ein dichterisches Werk auch ohne Kenntnis der Biografie des Autors
aufzunehmen. Wird aber nach der Biografie gefragt, dann sollte - wenn sie denn
bekannt ist - schon die richtige genannt werden! Bei Shakespeare ist jedoch zu
bezweifeln, dass die gemeinhin angenommene die des Autors ist.
Neuere Arbeiten
Walter Klier und
Joseph Sobran zeigen in ihren Darstellungen die sehr spannend zu lesende
Endeckungsgeschichte und auch den Kampf um die Erkenntnis von Thomas
Looney.2 Beide
erörtern jeweils in einem ersten Teil ihres Buches zunächst die
Fragwürdigkeit der Strat-ford-Annahme, um dann mit Edward de Vere, dem 17.
Grafen von Oxford, und seiner Biografie den Bezug zum Werke Shakespeares
herzustellen. Kliers Buch eröffnete die Diskussion in Deutschland, die u. a.
durch eine vernichtende Buchkritik von Rudolf Augstein sehr schnell fast wieder
erstickt wurde. Unter dem Titel »Der Fall Shakespeare« ist das Buch in einer
zweiten erweiterten Auflage wieder verfügbar und bietet verglichen mit J. Sobran
die größere Fülle an Details. Wer es für sinnvoll hält, etwas über die
Autorenschaftsfrage der Werke Shakespeares zu erfahren und sich sachlich zu
informieren, sollte dies Buch lesen. Sobran verdeutlicht an vielen Beispielen,
wie sich das Individuelle und Unnachahmliche im Wortschatz und im Sprachstil der
Werke Shakespeares auch in den Briefen Edward de Veres zeigt.
Aufschlussreich
kann auch die Lektüre von Shaksperes Testament aus Stratford sein, das im
Original und in Übersetzung im Anhang zu J. Sobrans Buch zu finden ist. Dieses
wichtige Dokument der Shakespeare-Forschung wird nur sehr selten als Ganzes
wiedergegeben und viele Biografien zitieren daraus nur sehr kurz. Eine
erstaunliche Tatsache, denn es wird doch für einen Originaltext des Dichters
gehalten. Das Verschweigen wird aber verständlich, denn wer sich durch die
Seiten dieses Dokuments gearbeitet hat, dem wird es schwer fallen, für möglich
zu halten, dass dies von dem Dichter stammt, der Romeo und Julia, Shake-Spears
Sonette, Hamlet und den Sommernachtstraum geschrieben hat.
Mark Anderson,
dessen Werk »Mit anderem Namen Shakespeare« bisher nur in Englisch vorliegt,3
geht einen anderen Weg. Der Diskussion
über Shakspere aus Stratford widmet er keine ausführliche Darstellung, sondern
er stellte sich der Aufgabe, eine umfangreiche Biografie Edward de Veres zu
schreiben. Er hat damit seiner Überzeugung nach auch eine Biografie Shakespeares
vorgelegt.
»Shakespeares Gestalten leben«
»... bei
Shakespeare empfinden wir, dass er in seinem Erlebnis darinsteht, dass er das
alles ganz selbst erlebt hat.«4
Diese Aussage Rudolf Steiners ist
vor dem Hintergrund des Lebens von William Shakspere aus Stratford
unverständlich und nicht nachvollziehbar; es findet sich dort einfach nichts,
was sich als selbst erlebt in den Dramen spiegelt. Sie findet aber vielfältige
Bestätigungen, wenn man die Biografie von Edward de Vere betrachtet. Wenn
»Shakespeares Gestalten leben« (Steiner), dann deshalb, weil sie selbst erlebt
sind. Anderson biete dazu eine Fülle an Material. Die Nähe verschiedener
Handlungsstränge im Hamlet zu Ereignissen in Edward de Veres Leben ist mehr als
überraschend. Die Begegnung de Veres mit dem Humanisten Johannes Sturmius
(1507-1589) in Straßburg könnte Gegenstand einer geistesgeschichtlichen
Forschung werden. Seine Reisen in Italien erklären die sehr genauen
Ortskenntnisse, die für Shakespeares »italienische« Dramen immer Rätsel
aufgaben.
Die teilweise geographische Unbildung, die man für Shakspere aus Stratford
annahm, gipfelte immer im Hinweis auf die unglaubliche böhmische Küste im
Wintermärchen. Auch hier gibt es eine einfache und klärende Antwort: Zwar liegt
Böhmen nicht am Meer, wohl aber dehnte sich das Königreich Böhmen im 16.
Jahrhundert bis zur Adria aus, und in der Zeit, als Edward de Vere die
Mittelmeerländer bereiste, gab es ein Küste von Böhmen (als Königreich). Nicht
ohne Betroffenheit erfährt man, dass die unschuldig der Untreue beschuldigte
Frau, die durch die Eifersucht des Mannes zu Grunde gerichtet wird - ein Thema,
das viele Shakespeare-Dramen durchzieht, am stärksten in Othello und im
Wintermärchen -, ein durchlebtes und durchlittenes Lebensthema von Edward de
Vere war. Über die Fülle an Bestätigungen, die Looneys Entdeckung auch durch
Funde in jüngster Zeit erfahren hat, kann sich der Leser in den genannten
Büchern selber ein Bild verschaffen. Am überraschendsten ist der Fund von Edward
de Veres »Geneva Bible«, bei der sich in den zweifellos von seiner Hand
stammenden Anmerkungen und Unterstreichungen ein hoher Grad an Übereinstimmung
mit den Stellen in Shakespeares Werk nachweisen ließ, die sich auf Bibelstellen
beziehen. Es wird überzeugend dargestellt, warum es für Edward de Vere in der
höfischen Gesellschaft zwingend war, unter einem Pseudonym zu schreiben. In der
Literatur ist dies ja auch unter anderen Bedingungen nicht unbekannt. Da er aber
vermutlich selber auch als Schauspieler auftrat - für einen Adligen eine schwere
Verletzung des höfischen Codes -, war auch hier ein Strohmann gleichen Namens
notwendig.
Shakespeare und Bacon
Auch die immer
wieder zu hörende Vermutung, dass das Werk Shakespeares ein Autorenkollektiv als
Verfasser hätte, wird in diesem Kontext behandelt und findet eine einfache und
einleuchtende Auflösung.
Als im 19. Jahrhundert die Zweifel an der Autorenschaft von Shakspere aus
Stratford wuchsen, wurde auch die These entwickelt, in dem Philosophen Francis
Bacon den wahren Autor zu sehen. Diese Ansicht lässt sich heute kaum noch
vertreten. J. Sobran befasst sich ausführlich damit und kann auf umfangreiche
Sprach- und Wortschatzvergleiche hinweisen, die den Schluss erlauben: »Bacon
konnte nicht die Werke Shakespeares schreiben, aber ebenso konnte Shakespeare
nicht Bacons Werke schreiben.« Der sich hier andeutende Gegensatz wird auch im
Hinblick auf die Frage nach Edward de Veres Autorenschaft bedeutsam. Richard
Ramsbotham hat 2004 mit »Who Wrote Bacon?«5
eine Arbeit vorgelegt, in der er Shakespeare
und Bacon als Polarität beschreibt. Er legt dar, welche bis heute fortwirkenden
Impulse sie für die Welt der Wissenschaft einerseits und der Welt der Kunst
andererseits gegeben haben und entwickelt so einen Ansatz, der sich als sehr
fruchtbar erweist. Die Verbindung zwischen beiden sieht R. Ramsbotham in König
Jakob und er bezieht sich dabei ausdrücklich auf Rudolf Steiner, der diesem in
geistesgeschichtlicher Hinsicht eine außerordentliche Bedeutung zugesprochen
hat. R. Ramsbotham bezeichnet Jakob I als Schutzherrn/Gönner (patron) von
Shakespeare und Bacon, der die so unterschiedlichen Werke gleichermaßen
gefördert hat. Die Äußerung Rudolf Steiners, die manchem rätselhaft erscheint,
kann durch diese Betrachtung verständlich werden.
Auch wenn man diesem Ansatz gerne folgt, bleibt doch etwas ungelöst: Soweit
bekannt, hat sich kein Nachweis finden lassen, dass sich Jakob I und Shakespeare
jemals begegnet sind. Aber dass Jacob I. und Edward de Vere sich begegnet sind,
ist unstrittig. Ja mehr als das, Jacob I. spricht von ihm ganz unerwartet sogar
von »Great Oxford". Woher diese Wertschätzung kommt, ist bisher nie schlüssig
erklärt worden. Die de-Vere-These kann dies aber erklären: Man darf vermuten,
dass Jakob I. die eigentliche Aufgabe von Edward de Vere kannte, wenn er ihn -
historisch eindeutig belegt -, mit einer erheblichen jährlichen Geldzahlung
großzügig unterstützt hat. Der Grund für diese Zuwendungen, der bisher völlig
rätselhaft blieb, kann so verständlich werden. So zeigt sich auch an einer
unerwarteten Stelle die Tragfähigkeit der de-Vere-Annahme.
Ein Tabuthema
Dennoch: Es fällt
schwer, von einer lange bekannten, als sicher geltenden und vielleicht sogar
liebgewordenen Vorstellung Abschied zu nehmen. Eine mögliche neue Einsicht kann
zunächst wie ein Schock wirken, und es dauert oft lange, bis man die
Fruchtbarkeit einer neuen Erkenntnis sieht und die Fruchtlosigkeit der alten
begreift: Heftige, auch emotionale Reaktionen sind da nicht unerwartet. An
deutschen Universitäten ist die Autorenschaftsfrage ein Tabu. Die Deutsche
Shakespeare-Gesellschaft, deren Verdienste für das Werk Shakespeares
unbestreitbar sind, lehnt es unverändert ab, die Frage der Autorenschaft
überhaupt zu erörtern.
Anders an einigen US-amerikanischen Universitäten und inzwischen auch einer
englischen: Hier wird die Autorenschaftsfrage ernst genommen und ihre
wissenschaftliche Untersuchung als notwendig erachtet. Bis diese Entwicklung
auch die Wissenschaft in Deutschland erreicht, wird wohl noch einige Zeit
vergehen. Indessen waren auch in Deutschland außerhalb der universitären
Anglistik Forscher tätig. Das »Neue Shake-Speare« Journal dokumentiert hier eine
ungemein große Fülle an Material. Wer sich tiefer mit der Autorenschaftsfrage
befassen will, dem ist das Studium dieser Bände sehr zu empfehlen. Es liegen
seit 1997 elf Bände vor - der letzte erschien im April 2007. Alle Bände sind
noch erhältlich.6 Band 2
beschäftigt sich z.B. mit Entdeckungen und Fälschungen, Band 5 mit
Shakespeare und Italien, Band 9 mit Edward de Veres Lyrik.
Der Leser erfährt hier viele Details zu allen Aspekten der Forschungsgeschichte,
aber auch über die Angriffe, mit denen versucht wurde und wird, die Verbreitung
von Looneys Entdeckung zu verhindern.
Gegen ihn werden zwei Haupteinwände erhoben:
-
Looney habe
nur einen von zwanzig anderen Versuchen unternommen, einen unbekannten Autor
nachzuweisen und sei daher unbedeutend. - Durch die Einordnung in eine Reihe
von Fehlschlägen gewinnt dies Argument kein Gewicht. Nur die Prüfung im
Einzelfall hilft hier weiter. Die genannten Bücher entkräften diesen
Einwand, der keine inhaltliche Auseinandersetzung bedeutet.
-
Die
Lebensdaten von Edward de Vere (1550-1604) schlössen ihn als Autor von
Shakespeares Werken aus, da eine Reihe Dramen erst nach 1604 entstanden
seien.
Wenn dies
zuträfe, wäre es ein Ausschlussargument, dass jede weitere Beschäftigung mit
Edward de Vere als Autor von Shakespeares Werken zu einer überflüssigen Sache
machen würde. Hier ist aber Vorsicht geboten. Sicher bekannt ist nur, wann die
Dramen zum ersten Mal im Druck erschienen. Wann sie davor geschrieben und u. U.
auch aufgeführt worden sind, ist in keinem Fall mit Sicherheit nachgewiesen. Der
vorgebrachte Einwand darf sich nicht auf sichere Daten stützen. Wie sich das
Argument bei genauerer Betrachtung aber sogar in sein Gegenteil verkehrt und für
Edward de Vere spricht, ist bei J. Sobran und W. Klier nachzulesen. Das
Vorbringen von Argumenten gegen eine neue Theorie ist eine berechtigte Sache,
dies aber mit Polemik, die auch vor Diffamierungen nicht zurückgeschreckt, zu
tun, ist etwas anderes. Es macht nachdenklich, in welch emotionaler Art die
Looney-Annahme bekämpft wird. Das Ausmaß ist rational kaum mehr verständlich und
erinnert fast an Glaubenskämpfe. Diese Ebene wurde schon von Heinrich Heine mit
seinem sehr gewagten und vermutlich bitter ironischen Vergleich von »dem
nordischem Bethlehem, welches Stratford upon Avon geheißen« angesprochen. Es
wäre zu wünschen, dass die Auseinandersetzung nicht weiter in diese Richtung
abgleitet. Es drängt sich aber die Vermutung auf, dass die geahnte Schwäche der
eigenen Position auch hier wie so oft zur Polemik verleitet.
Bedenkt man, welcher Wert zur Würdigung der Dichterwerke der deutschen Klassik
darin liegt, dass wir die Biografien kennen, dann wird der Gewinn deutlich, der
durch eine überzeugende Shakespearebiografie entstünde. Der Grund zu einer
erweiterten Shakespeare-Rezeption wäre gelegt. Die Suche nach einer Biografie
ist alleine schon ein berechtigtes Interesse. Diese Forschungen leichtfertig zu
verwerfen, könnte eine verhinderte Biografie bedeuten. Dass man nicht nur danach
gesucht hat, sondern mit der Biografie Edward de Veres auch die Shakespeares
bekannt wurde, davon sind die Autoren oder Herausgeber der hier genannten
Veröffentlichungen überzeugt, und, wie ich meine, mit guten Gründen. Ob sich die
Leser dem anschließen mögen, bleibt jedem überlassen. Aber soviel sei
versprochen: Die Lektüre wird nicht langweilen.
Als gemeinsames Motto dieser auch recht verschiedenen Werke ließe sich in der
Art eines shakespeareschen Narren ein Satz von David Hilbert über Georg Cantor
vielleicht so abwandeln: »In das Paradies, aus dem uns John Thomas Looney, Ruth
Loyd Miller und Charlton Ogburn vertrieben haben, soll uns niemand
zurückversetzen können!« Von Goethe wird der Satz zitiert: »Jeder Schriftsteller
schildert sich in seinen Werken - auch wider Willen - selber«. Sollte sich
Goethe im Falle des Dichters, dem er nach eigenem Bekunden am meisten verdankt,
geirrt haben? Wer diesen Irrtum nicht annehmen will, den braucht kein Vorwurf
darüber zu treffen, dass er sich dabei in Gesellschaft mit Persönlichkeiten wie
Ralph Waldo Emerson, Mark Twain und Henry James u. a. findet.
1 J. Thomas
Looney: »Shakespeare« identified in Edward de Vere the Seventeenth Earl of
Oxford, New York 1920. (zurück zum Text)
2 Walter Klier:
Der Fall Shakespeare, Verlag Uwe Laugwitz, Buchholz in der Nordheide 2004,320
Seiten, 18 EUR. - Joseph Sobran: Genannt Shakespeare. Aus dem Englischen von
Heidi Zerning, DuMont Verlag, Köln 2002, 370 Seiten, 34,90 EUR.
(zurück zum Text)
3 Mark Anderson:
Shakespeare by Another Name, Gothham Books, New York 2005 (Paperbach 2006), 600
Seiten. (zurück zum Text)
4 Rudolf
Steiner: Erziehungs- und Unterrichtsmethoden auf anthroposophischer Grundlage
(GA 304), Dornach 1979, Vortrag vom 24.4.1923.
(zurück zum Text)
5 Richard
Ramsbotham: Who Wrote Bacon? William Shakespeare, Francis Bacon and James I, a
Mystery of the Twenty-first Century, Temple Lodge Publishing, Forest Row 2004,
162 Seiten(Taschenbuch). (zurück zum Text)
6 Robert Detobel,
Uwe Laugwitz (Hrsg.): Neues Shake-Speare Journal Bd. 1-11, Verlag Uwe Laugwitz,
Buchholz in der Nordheide 1997 - 2007, je Band ca. 170 Seiten, 15 EUR (www.laugwitz.de)
(zurück zum Text)
HANNO WEMBER, Studium der
Mathematik, Physik und Erziehungswissenschaften, Oberstufenlehrer in Hamburg.
Kontakt: Wember[AT]gmx.net
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