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Liebe Leserin, lieber
Leser,
»Eine
Welt ohne Krieg und Hunger ist möglich« war die Vision von Rudi Dutschke
1967. Heute, gut 40 Jahre später, toben nach wie vor blutige Kriege in
der Welt, viele von ihnen um Energie- und andere Ressourcen. Weltbank
und Währungsfonds warnen jüngst vor künftigen Hungerkriegen. – Bereits
1960 sah Max Horkheimer als Folge einer »geistigen Regression Europas«
»eine neue Barbarei« voraus. »Der Lebensstandard wird gehoben,
gleichzeitig wird Philosophie und jede nicht rein auf Beherrschung
gerichtete Theorie neutralisiert und pervertiert. Die Sprache verkümmert
durch geschäftliche Kommunikation, die den Einzelnen zum Schweigen
bringt. Der Aufstieg wird mit dem Verzicht auf geistige Emanzipation
bezahlt.« Damit weist er, so
Adelbert
Reif in seinem Rückblick auf den
Aufbruch von 1968, auf einen Zustand hin, wie wir ihn in den
Industrieländern heute erreicht haben.
Das
»Jahr der Geisteswisenschaften« ist erst vor wenigen Monaten zueende
gegangen. Doch gegenüber der heute von der Gehirnforschung erhobenen
Deutungshoheit über den Geist können sie wenig ausrichten. – Wir setzen
auch in dieser Ausgabe mit Beiträgen zur Frage nach der Natur des
Bewusstseins
(Ulrich Weger) und über
»Individuelle menschliche Entwicklung zur Freiheit als Urbild aller
Entwicklung«
(Renatus Ziegler) etwas
gegen die »geistige Regression«. Dabei geht es um konkrete geistige
Erfahrungen im denkenden Verstehen und Erkennen. Es sind individuelle
Versuche, sozusagen Berichte aus der Werkstatt des tätigen und sich
dabei selbst reflektierenden Geistes. Das macht sie auf den ersten Blick
vielleicht spröde und durchaus auch mühsam zu lesen. Doch wir halten sie
für »Zu-Mutungen« im besten Sinne. Nur durch eigenständige geistige
Bemühungen entsteht ein tragfähiges Verhältnis zum Geist, das nicht
spekulativer Natur ist oder auf allgemeinen Empfindungen beruht. Solche
Versuche bedürfen das Interesse anderer.
Ein
Genie an Interesse am anderen Menschen ist der Dalai Lama. In diesem
Interesse ist er nicht zu hintergehen oder zu instrumentalisieren; es
ermöglicht ihm erst seinen unermüdlichen Einsatz für das Menschliche im
Menschen. Ist es vielleicht gerade diese Haltung, die ihn so bedrohlich
für alle Mächtigen dieser Welt macht? Interesse am Anderen als wahrer
Pragmatismus und Macht der Gewaltlosigkeit?
Ihr
Stephan Stockmar
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