Die Drei 5/ 2008

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

»Eine Welt ohne Krieg und Hunger ist möglich« war die Vision von Rudi Dutschke 1967. Heute, gut 40 Jahre später, toben nach wie vor blutige Kriege in der Welt, viele von ihnen um Energie- und andere Ressourcen. Weltbank und Währungsfonds warnen jüngst vor künftigen Hungerkriegen. – Bereits 1960 sah Max Horkheimer als Folge einer »geistigen Regression Europas« »eine neue Barbarei« voraus. »Der Lebensstandard wird gehoben, gleichzeitig wird Philosophie und jede nicht rein auf Beherrschung gerichtete Theorie neutralisiert und pervertiert. Die Sprache verkümmert durch geschäftliche Kommunikation, die den Einzelnen zum Schweigen bringt. Der Aufstieg wird mit dem Verzicht auf geistige Emanzipation bezahlt.« Damit weist er, so Adelbert Reif in seinem Rückblick auf den Aufbruch von 1968, auf einen Zustand hin, wie wir ihn in den Industrieländern heute erreicht haben.

Das »Jahr der Geisteswisenschaften« ist erst vor wenigen Monaten zueende gegangen. Doch gegenüber der heute von der Gehirnforschung erhobenen Deutungshoheit über den Geist können sie wenig ausrichten. – Wir setzen auch in dieser Ausgabe mit Beiträgen zur Frage nach der Natur des Bewusstseins (Ulrich Weger) und über »Individuelle menschliche Entwicklung zur Freiheit als Urbild aller Entwicklung« (Renatus Ziegler) etwas gegen die »geistige Regression«. Dabei geht es um konkrete geistige Erfahrungen im denkenden Verstehen und Erkennen. Es sind individuelle Versuche, sozusagen Berichte aus der Werkstatt des tätigen und sich dabei selbst reflektierenden Geistes. Das macht sie auf den ersten Blick vielleicht spröde und durchaus auch mühsam zu lesen. Doch wir halten sie für »Zu-Mutungen« im besten Sinne. Nur durch eigenständige geistige Bemühungen entsteht ein tragfähiges Verhältnis zum Geist, das nicht spekulativer Natur ist oder auf allgemeinen Empfindungen beruht. Solche Versuche bedürfen das Interesse anderer.

Ein Genie an Interesse am anderen Menschen ist der Dalai Lama. In diesem Interesse ist er nicht zu hintergehen oder zu instrumentalisieren; es ermöglicht ihm erst seinen unermüdlichen Einsatz für das Menschliche im Menschen. Ist es vielleicht gerade diese Haltung, die ihn so bedrohlich für alle Mächtigen dieser Welt macht? Interesse am Anderen als wahrer Pragmatismus und Macht der Gewaltlosigkeit?

Ihr Stephan Stockmar