Die Drei 05/ 2007

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

in der anthroposophischen Welt schaut man jetzt zurück auf den sogenannten Münchner Kongress, der vor 100 Jahren zu Pfingsten 1907 stattgefunden hat und »eine neue Epoche der theosophisch-anthroposophischen Bewegung einläutete, in welcher das Künstlerische zum unverzichtbaren, ja konstituierenden Moment des spirituellen Lebens werden sollte« (Roland Halfen). Es finden in München, Stuttgart, Hamburg und anderswo gewichtige Veranstaltungen statt, z.T. mit Rekonstruktionen des eindrucksvoll mit rotem Tuch ausgeschlagenen Festsaales, an dessen Wänden sich Bilder okkulter Siegel und Säulen befanden. Auch das damals aufgeführte, von Eduard Schuré rekonstruierte »Heilige Drama von Eleusis« wurde neu inszeniert und musikalisch-eurythmisch als »mythisches Spiel« zu einer Komposition von Frank Michael Beyer auf die Bühne gebracht.

Wir nehmen mit diesem Heft das Gedenken an diese Ereignisse zum Anlass, Fragen zu stellen. Ganz grundlegend fragt Philip Kov´ce: »Was ist Kunst? Oder: Ist Kunst was?«, indem er erst einmal untersucht, wie eine solche Frage überhaupt angemessen zu stellen ist. Roland Halfen spürt dem »Rätsel im plastischen Prozess« nach, in Joseph Beuys’ Capri-Batterie ebenso wie in der plastischen Gruppe des »Menschheitsrepräsentanten« von Rudolf Steiner. Schließlich beschäftigt Ute Hallaschka aus aktuellem Anlass die schon von Rudolf Steiner mit seinen Mysteriendramen gestellte und seitdem bis heute Künstlerschicksale prägende Frage: »Sind Einweihung und Kreativität vereinbar?« – Andere Beiträge widmen sich dem Werk gegenwärtig arbeitender Künstler: Jochen Breme, der als Bildhauer um »Gestaltung im Grenzraum des Sichtbaren« ringt, sowie dem Komponisten Frank Michael Beyer und seinem Eleusis-Werk.

2007 ist auch noch in ganz anderer Beziehung ein Erinnerungsjahr: Vor 30 Jahren erreichten die mörderischen Aktivitäten der RAF einen Höhepunkt. Wie ein Blick in die Tagespresse zeigt, sind diese Ereignisse bis heute durchaus nicht abschließend bewältigt. Adelbert Reif erinnert sie nocheinmal in ihrem historischen Kontext bis zurück in die Anfänge der Bundesrepublik und legt damit seinen Finger auch in eine andere immer wieder aufbrechende Wunde … In diesem Zusammenhang liegen auch die Fragen nach der »inneren Sicherheit« nicht fern, die sich inzwischen globalisiert haben. Die Problematisierung des Überwachungsstaates durch Gerd Weidenhausen hat nun durch Wolfgang Schäubles Infragestellung einer grundsätzlichen Geltung der Unschuldsvermutung wieder an Brisanz gewonnen. Hierin zeigen sich die Mysterien der Gegenwart ebenso wie in den immer wieder neu Angst, Schrecken, Trauer und Ratlosigkeit erzeugenden Amokläufen Jugendlicher.

 

Ihr Stephan Stockmar