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Liebe Leserin, lieber
Leser,
in jedem Moment unseres Wachseins
werden uns Wahrnehmungen zum inneren Erleben – die rote Ampel oder das
Geklingel eines Handys ebenso wie der Blütenteppich aus Anemonen und
duftendem Lerchensporn oder die Bilder von der Niederschlagung
demonstrierender Mönche in Tibet. Dabei bemerken wir natürlich zunächst
vor allem die sich an diese Wahrnehmungen anschließenden Gefühle. Das
Auftreten der bloßen Sinneseindrücke in unserem Bewusstsein scheint viel
weniger spektakulär zu sein als diese. Doch von der Erklärung, wie es
dazu kommt, hängt entscheidend unser Welt- und Selbstbild ab: Sind unser
Denken, Fühlen und Wollen lediglich durch biologische Vorgänge in
unserem Nervensystem verursacht, wie es die Hirnforschung suggeriert?
»Und was ist mit dem gefühlten inneren Unterschied, je nachdem ob ich
eine rote oder eine orange Rose betrachte?«, fragt Annette Pichler in
diesem Heft. »Es ist dieser fehlende Bezug zwischen den in den
Nervenzellen stattfindenden chemo-elektrischen Prozessen und den
erlebten inneren Bewusstseinszuständen, der für die Naturwissenschaft
problematisch ist.« Diesem Bezug geht unsere Autorin aus
anthroposophisch-menschenkundlicher Sicht nach.
Das innere Erleben ist uns selbstverständlich, während uns die
›Erklärungen‹ der Hirnforscher zur Bewältigung des Lebens eigentlich
nicht zu interessieren brauchen. Und doch drohen diese unser Leben mehr
und mehr zu bestimmen, wenn z.B. in einer Studie über die Konsequenzen
neurowissenschaftlicher Forschung für das Strafrecht argumentiert wird,
dass letzteres heute den Delinquenten noch dazu zwinge, »für etwas
einzustehen, was er mit seinem Geist objektiv nicht verhindern könnte«.
Uwe Justus Wenzel fragt in der Neuen Zürcher Zeitung von 2./3. Februar
2008: »Woher also die fatalistische Neigung, die Freiheit aufs Altenteil
zu schicken und sich im Gewitter feuernder Neuronen dahintreiben zu
lassen? Vielleicht daher: Selbstbestimmung macht Arbeit, der
fortgesetzten Anstrengung wird auch das an sich freiheitsliebende Tier
namens Mensch gelegentlich überdrüssig. Zumal in Zeiten eines
entfesselten Kapitalismus, in denen die Freiheit zur Karikatur,
Selbstverantwortung zur Selbstvermarktung werden kann. – Welches Mittel
hilft gegen die Freiheitsmüdigkeit? Auf diese Frage wird niemand eine
Antwort von der Hirnforschung erwarten.«
Die Antwort auf diese Frage kann sich nur jeder selber geben.
Ihr
Stephan Stockmarr
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