Die Drei 4/ 2008

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

in jedem Moment unseres Wachseins werden uns Wahrnehmungen zum inneren Erleben – die rote Ampel oder das Geklingel eines Handys ebenso wie der Blütenteppich aus Anemonen und duftendem Lerchensporn oder die Bilder von der Niederschlagung demonstrierender Mönche in Tibet. Dabei bemerken wir natürlich zunächst vor allem die sich an diese Wahrnehmungen anschließenden Gefühle. Das Auftreten der bloßen Sinneseindrücke in unserem Bewusstsein scheint viel weniger spektakulär zu sein als diese. Doch von der Erklärung, wie es dazu kommt, hängt entscheidend unser Welt- und Selbstbild ab: Sind unser Denken, Fühlen und Wollen lediglich durch biologische Vorgänge in unserem Nervensystem verursacht, wie es die Hirnforschung suggeriert?
»Und was ist mit dem gefühlten inneren Unterschied, je nachdem ob ich eine rote oder eine orange Rose betrachte?«, fragt Annette Pichler in diesem Heft. »Es ist dieser fehlende Bezug zwischen den in den Nervenzellen stattfindenden chemo-elektrischen Prozessen und den erlebten inneren Bewusstseinszuständen, der für die Naturwissenschaft problematisch ist.« Diesem Bezug geht unsere Autorin aus anthroposophisch-menschenkundlicher Sicht nach.
Das innere Erleben ist uns selbstverständlich, während uns die ›Erklärungen‹ der Hirnforscher zur Bewältigung des Lebens eigentlich nicht zu interessieren brauchen. Und doch drohen diese unser Leben mehr und mehr zu bestimmen, wenn z.B. in einer Studie über die Konsequenzen neurowissenschaftlicher Forschung für das Strafrecht argumentiert wird, dass letzteres heute den Delinquenten noch dazu zwinge, »für etwas einzustehen, was er mit seinem Geist objektiv nicht verhindern könnte«.
Uwe Justus Wenzel fragt in der Neuen Zürcher Zeitung von 2./3. Februar 2008: »Woher also die fatalistische Neigung, die Freiheit aufs Altenteil zu schicken und sich im Gewitter feuernder Neuronen dahintreiben zu lassen? Vielleicht daher: Selbstbestimmung macht Arbeit, der fortgesetzten Anstrengung wird auch das an sich freiheitsliebende Tier namens Mensch gelegentlich überdrüssig. Zumal in Zeiten eines entfesselten Kapitalismus, in denen die Freiheit zur Karikatur, Selbstverantwortung zur Selbstvermarktung werden kann. – Welches Mittel hilft gegen die Freiheitsmüdigkeit? Auf diese Frage wird niemand eine Antwort von der Hirnforschung erwarten.«
Die Antwort auf diese Frage kann sich nur jeder selber geben.

 

Ihr Stephan Stockmarr