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Liebe Leserin, lieber
Leser,
anthroposophische Forschung und
akademische Wissenschaft sind einander eine große Herausforderung. Dies
hat nicht zuletzt die Kontroverse um das Werk von Helmut Zander gezeigt.
Der Kulturwissenschaftler Robin Schmidt macht nun darauf aufmerksam,
dass es auch andere Ansätze in den universitären Geisteswissenschaften
gibt, sich mit Fragen der Esoterik zu befassen. Diese mehr oder weniger
unbefangenen Blicke machen auf bestimmte Denkstrukturen aufmerksam, wie
sie verschiedenen »Esoteriken« gemeinsam sind – ganz ohne
Wertungsabsichten. Gleichzeitig untersuchen sie Strukturen, wie sie die
Diskussionen zwischen Wissenschaft und Esoterik prägen. Darin kann man
sich seitens der Anthroposophie durchaus auch gespiegelt finden. Und
gleichzeitig fordert dieser Außenblick dazu heraus, sich des
Spezifischen der Anthroposophie zu vergewissern. Die-ses lässt sich eben
nicht in allgemeinen Merkmalen fassen, sondern gewinnt nur als
»individualisierte Anthroposophie« – sei es in der Forschung oder im
praktischen Gestalten der verschiedenen Lebensfelder – ihre Wirksamkeit.
Nur durch eine solche »werdende Esoterik« (Johannes Kiersch) lässt sich
die Akademisierung der Anthroposophie, vor der Steiner bereits vehement
gewarnt hat, vermeiden.
Für den Bereich der Naturwissenschaft zeigt der Evolutionsbiologe Bernd
Rosslenbroich, wie durch Goethes Ansatz der »geistigen Teilnahme« an den
Produktionen »einer immer schaffenden Natur« (die per se nur individuell
sein kann) sich das vorliegende Faktenwissen der Evolutionsforschung zu
einer dynamischen Ordnung fügt, die auch wieder den Begriff der
»Höherentwicklung« rechtfertigt – nicht um ein fiktives Ziel ins Auge zu
fassen, sondern als Beschreibung für die Qualitäten evolutiver Prozesse.
So kann die Begegnung von akademischer Wissenschaft und
anthroposophischer bzw. goetheanistischer Forschung fruchtbar werden –
nicht nur in Form eines theoretischen Diskurses. Während die eine Seite
auf das Gewordene wie von außen schaut, versucht die andere die Prozesse
von innen her zu begreifen bzw. selbstschöpferisch in Gang zu setzen. Im
Kreuzungspunkt steht jeweils das Individuum, das in der
Gegenüberstellung seine Freiheit bewahrt, die es in der teilnehmenden
Durchdringung bewähren muss. Ende und Anfang stehen wie Tod und
Auferstehung in der Mitte.
Ihr
Stephan Stockmarr
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