Die Drei 3/ 2008

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

anthroposophische Forschung und akademische Wissenschaft sind einander eine große Herausforderung. Dies hat nicht zuletzt die Kontroverse um das Werk von Helmut Zander gezeigt. Der Kulturwissenschaftler Robin Schmidt macht nun darauf aufmerksam, dass es auch andere Ansätze in den universitären Geisteswissenschaften gibt, sich mit Fragen der Esoterik zu befassen. Diese mehr oder weniger unbefangenen Blicke machen auf bestimmte Denkstrukturen aufmerksam, wie sie verschiedenen »Esoteriken« gemeinsam sind – ganz ohne Wertungsabsichten. Gleichzeitig untersuchen sie Strukturen, wie sie die Diskussionen zwischen Wissenschaft und Esoterik prägen. Darin kann man sich seitens der Anthroposophie durchaus auch gespiegelt finden. Und gleichzeitig fordert dieser Außenblick dazu heraus, sich des Spezifischen der Anthroposophie zu vergewissern. Die-ses lässt sich eben nicht in allgemeinen Merkmalen fassen, sondern gewinnt nur als »individualisierte Anthroposophie« – sei es in der Forschung oder im praktischen Gestalten der verschiedenen Lebensfelder – ihre Wirksamkeit. Nur durch eine solche »werdende Esoterik« (Johannes Kiersch) lässt sich die Akademisierung der Anthroposophie, vor der Steiner bereits vehement gewarnt hat, vermeiden.
Für den Bereich der Naturwissenschaft zeigt der Evolutionsbiologe Bernd Rosslenbroich, wie durch Goethes Ansatz der »geistigen Teilnahme« an den Produktionen »einer immer schaffenden Natur« (die per se nur individuell sein kann) sich das vorliegende Faktenwissen der Evolutionsforschung zu einer dynamischen Ordnung fügt, die auch wieder den Begriff der »Höherentwicklung« rechtfertigt – nicht um ein fiktives Ziel ins Auge zu fassen, sondern als Beschreibung für die Qualitäten evolutiver Prozesse.
So kann die Begegnung von akademischer Wissenschaft und anthroposophischer bzw. goetheanistischer Forschung fruchtbar werden – nicht nur in Form eines theoretischen Diskurses. Während die eine Seite auf das Gewordene wie von außen schaut, versucht die andere die Prozesse von innen her zu begreifen bzw. selbstschöpferisch in Gang zu setzen. Im Kreuzungspunkt steht jeweils das Individuum, das in der Gegenüberstellung seine Freiheit bewahrt, die es in der teilnehmenden Durchdringung bewähren muss. Ende und Anfang stehen wie Tod und Auferstehung in der Mitte.


 

Ihr Stephan Stockmarr