Die Drei 3/ 2008

 

 

 

 

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Down in Africa
Ute Hallaschka
 

Sollte man nicht versuchen, sich in das Fremdeste seelisch hineinzuversetzen, um es zu verstehen? Gänzlich fremd ist mir der Gedanke der Identität auf der Basis des Blutes - die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, einem Stamm, einer Volksgruppe als bestimmende Komponente meiner Persönlichkeit. Als Teil einer Gruppe kann ich mich fühlen, aber nicht als deckungsgleich mit ihr. Was würde aber geschehen, wenn andere mich nur noch in meiner Gruppenzugehörigkeit identifizieren und mir jedes persönliche Sein über die Gruppe hinaus glattweg absprechen würden? Würde ich mich nicht, wenn mir alles andere entzogen würde, zwangsläufig über die Gruppe definieren müssen? Das ist der Mechanismus des Faschismus. In aufgeklärten Gesellschaften kann ich mich dagegen wehren. Ich kann Widerstand leisten, weil ich mich beziehen kann auf meine eigene Individualität. Wie immer sie aussehen mag, ich habe einen Begriff von ihr, weil die kulturelle Entwicklung mir einen gegeben hat. Die Idee der Menschenrechte, Begriffe von Würde und Freiheit des Individuums sind mir in die Wiege gelegt und mitgegeben worden als selbstverständliches Kulturgut der menschlichen Natur, als geistiges Erbe und Eigentum im Kulturkreis der Aufklärung. Wenn ich nun aber keine Idee davon (bekommen) hätte, sie nicht erfahren, erlebt, vorgefunden hätte - wenn ich sie selbstständig hervorbringen müsste, und dazu in einer feindlichen Umgebung, die mich totschlagen würde beim geringsten Versuch, mich außerhalb der Gruppe zu stellen - was dann? Dann wäre ich in der Situation eines Menschen im sogenannten afrikanischen Bürgerkrieg, wie er jetzt wieder in Kenia droht. Das Wort ist unzutreffend. Als ob sie jemals Bürger mit entsprechenden Rechten gewesen wären, die Menschen, die jetzt wieder in Todesangst auf der Flucht sind vor dem Dämon des ethnisch bedingten Mord- und Totschlags. Wenn ich versuche zu verstehen, wie ein bis dato völlig normaler Mensch sich plötzlich in eine Bestie verwandelt, die mit der Machete in der Hand auf Menschen losgeht und sie in Stücke hackt, bloß weil sie zu einem bestimmten Volk gehören - dann stehe ich vor einem geistigen Trümmerhaufen in mir selbst. Ich kann es nicht begreifen. Diese Unfassbarkeit ist jedoch das immer wiederkehrende Grundmuster der tödlichen Konflikte. Die unauflösliche Fixierung auf die Blutsverwandtschaft, die Abstammung legt den Menschen für ewig auf seine physische Vergangenheit fest, sie beraubt ihn seiner geistigen Gegenwart und Zukunft. Auch hierin wirken die Götter des Materialismus. Was aber soll ein Mensch in Afrika sehen, der die Ideale der Aufklärung sucht, wenn er ins gesegnete westliche Abendland schaut? Ethischen Individualismus - der einzig dem ethnischen Faschismus gewachsen wäre - wird er hier als weltbewegende Kulturkraft oder wenigstens Zivilisationskraft vergeblich suchen. Die posthumane Gesellschaft der Gegenwart organisiert sich ebenso räuberisch, nur dass hier der Einzelne Beute machen kann, auf der Basis seiner Eigenmacht, und dass das Totschlagprinzip ideell an der Börse gehandelt wird. Bis auf die Knochen blamiert, nackt steht die Idealität des Westens mit seiner Kulturgeschichte da. Gespenster grinsen höhnisch, denk ich an Afrika in der Nacht ... Es ist die Mitternachtsstunde der Zeit, und die aktuelle Schuldzuweisung ist schlimmer als die des Imperialismus. Heute sind die Herzen erobert und aller Hoffnung beraubt. Ich kenne Menschen aus Somalia und Nigeria, sie halten ihren Kontinent für dem Untergang geweiht. Sie haben die Ablösung der Diktaturen mit grandioser Hoffnung verfolgt und die anschließende Entwicklung mit ungläubigem Entsetzen. Sie verstehen so wenig wie ich und wissen nicht, was zu tun ist. Die Einzelhelfer vor Ort, die Brunnenbauer der Zukunft, sind Engel, die hier nicht diskreditiert werden sollen, aber es sind Engel, die immer mit in den Untergang gehen. Soll ich mich billig trösten mit irgendeinem Argument - und sei es, dass einer, der keine praktische Lösung weiß, kein Recht zu sprechen hat, weil die Resignation unerträglich ist? Ich kann es nicht und will es nicht. Ich will wenigstens mitfühlen wie es ist: entsetzlich und ausweglos. Ist irgendjemand mit diesem Gefühl gedient? Da fragt es sich jetzt, ob fühlen ein Handeln ist und was geschehen würde, wenn Millionen Menschen, die sich diesen Luxus ohne Todesgefahr leisten können, sich auf ihr Fühlen besinnen würden? Wenn es wahr wäre, dass die Herzen beginnen müssen Gedanken zu haben und nicht der Kopf - ob solches Handeln nicht Hand und Fuß hätte?