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Down in Africa
Ute Hallaschka
Sollte man nicht versuchen, sich in das Fremdeste seelisch
hineinzuversetzen, um es zu verstehen? Gänzlich fremd ist mir der Gedanke der
Identität auf der Basis des Blutes - die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, einem
Stamm, einer Volksgruppe als bestimmende Komponente meiner Persönlichkeit. Als
Teil einer Gruppe kann ich mich fühlen, aber nicht als deckungsgleich mit ihr.
Was würde aber geschehen, wenn andere mich nur noch in meiner
Gruppenzugehörigkeit identifizieren und mir jedes persönliche Sein über die
Gruppe hinaus glattweg absprechen würden? Würde ich mich nicht, wenn mir alles
andere entzogen würde, zwangsläufig über die Gruppe definieren müssen? Das ist
der Mechanismus des Faschismus. In aufgeklärten Gesellschaften kann ich mich
dagegen wehren. Ich kann Widerstand leisten, weil ich mich beziehen kann auf
meine eigene Individualität. Wie immer sie aussehen mag, ich habe einen
Begriff von ihr, weil die kulturelle Entwicklung mir einen gegeben hat. Die
Idee der Menschenrechte, Begriffe von Würde und Freiheit des Individuums sind
mir in die Wiege gelegt und mitgegeben worden als selbstverständliches Kulturgut
der menschlichen Natur, als geistiges Erbe und Eigentum im Kulturkreis der
Aufklärung. Wenn ich nun aber keine Idee davon (bekommen) hätte, sie nicht
erfahren, erlebt, vorgefunden hätte - wenn ich sie selbstständig hervorbringen
müsste, und dazu in einer feindlichen Umgebung, die mich totschlagen würde beim
geringsten Versuch, mich außerhalb der Gruppe zu stellen - was dann? Dann wäre
ich in der Situation eines Menschen im sogenannten afrikanischen Bürgerkrieg,
wie er jetzt wieder in Kenia droht. Das Wort ist unzutreffend. Als ob sie jemals
Bürger mit entsprechenden Rechten gewesen wären, die Menschen, die jetzt wieder
in Todesangst auf der Flucht sind vor dem Dämon des ethnisch bedingten Mord- und
Totschlags. Wenn ich versuche zu verstehen, wie ein bis dato völlig normaler
Mensch sich plötzlich in eine Bestie verwandelt, die mit der Machete in der Hand
auf Menschen losgeht und sie in Stücke hackt, bloß weil sie zu einem bestimmten
Volk gehören - dann stehe ich vor einem geistigen Trümmerhaufen in mir selbst.
Ich kann es nicht begreifen. Diese Unfassbarkeit ist jedoch das immer
wiederkehrende Grundmuster der tödlichen Konflikte. Die unauflösliche Fixierung
auf die Blutsverwandtschaft, die Abstammung legt den Menschen für ewig auf seine
physische Vergangenheit fest, sie beraubt ihn seiner geistigen Gegenwart und
Zukunft. Auch hierin wirken die Götter des Materialismus. Was aber soll ein
Mensch in Afrika sehen, der die Ideale der Aufklärung sucht, wenn er ins
gesegnete westliche Abendland schaut? Ethischen Individualismus - der einzig dem
ethnischen Faschismus gewachsen wäre - wird er hier als weltbewegende
Kulturkraft oder wenigstens Zivilisationskraft vergeblich suchen. Die posthumane
Gesellschaft der Gegenwart organisiert sich ebenso räuberisch, nur dass hier der
Einzelne Beute machen kann, auf der Basis seiner Eigenmacht, und dass das
Totschlagprinzip ideell an der Börse gehandelt wird. Bis auf die Knochen
blamiert, nackt steht die Idealität des Westens mit seiner Kulturgeschichte da.
Gespenster grinsen höhnisch, denk ich an Afrika in der Nacht ... Es ist die
Mitternachtsstunde der Zeit, und die aktuelle Schuldzuweisung ist schlimmer als
die des Imperialismus. Heute sind die Herzen erobert und aller Hoffnung beraubt.
Ich kenne Menschen aus Somalia und Nigeria, sie halten ihren Kontinent für dem
Untergang geweiht. Sie haben die Ablösung der Diktaturen mit grandioser Hoffnung
verfolgt und die anschließende Entwicklung mit ungläubigem Entsetzen. Sie
verstehen so wenig wie ich und wissen nicht, was zu tun ist. Die Einzelhelfer
vor Ort, die Brunnenbauer der Zukunft, sind Engel, die hier nicht diskreditiert
werden sollen, aber es sind Engel, die immer mit in den Untergang gehen. Soll
ich mich billig trösten mit irgendeinem Argument - und sei es, dass einer, der
keine praktische Lösung weiß, kein Recht zu sprechen hat, weil die Resignation
unerträglich ist? Ich kann es nicht und will es nicht. Ich will wenigstens
mitfühlen wie es ist: entsetzlich und ausweglos. Ist irgendjemand mit diesem
Gefühl gedient? Da fragt es sich jetzt, ob fühlen ein Handeln ist und was
geschehen würde, wenn Millionen Menschen, die sich diesen Luxus ohne Todesgefahr
leisten können, sich auf ihr Fühlen besinnen würden? Wenn es wahr wäre, dass die
Herzen beginnen müssen Gedanken zu haben und nicht der Kopf - ob solches Handeln
nicht Hand und Fuß hätte?
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