|
Die Drei 03/ 2007
Editorial
|
|
![]() |
| Heft bestellen | Startseite | |
Liebe Leserin, lieber Leser,
Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.« Dieses Wort Goethes, mit dem Jörg Soetebeer seine Betrachtungen zu Goethes »Novelle« abschließt, könnte auch über anderen Beiträgen in diesem Heft als ein Leitmotv stehen.
Für den Künstler und Ingenieur Paul Schatz – von Matthias Mochner porträtiert – ist die Entdeckung der Umstülpbarkeit des Würfels nicht zuletzt deswegen ein so bewegendes Ereignis, weil er diesen Vorgang als bewusstseinserweiternden Prozess in sich selbst erlebt. Es geht ihm nicht darum, Kristalle und mathematische Körper als solche zu studieren, sondern um die Frage: »In welcher Weise sind Kristall und Kristallform im menschlichen Bewusstsein verankert?«
Peer Schilperoord geht der »Entzweiung« als Prinzip der Pflanzenmetamorphose nach, »denn ohne vorhergedachte Entzweiung des einen [idealen Urkörpers] lässt sich kein drittes Entstehendes denken« (Goethe). Auch hier wird die Natur zum Bewusstseinsprozess, wie andersherum in diesem der Mensch sein eigenes Werden erfährt.
Wie als Resultat aus diesem Vorgang stößt Florian Theilmann auf seinem »Spaziergang im Spannungsfeld von Anthroposophie und Naturwissenschaft« auf die grundsätzliche Frage: Definiere ich das erkennende Individuum als einen von einer transzendenten Seele bewohnten Leib oder erschließe ich mir die Wirklichkeit durch konsequente Selbst- und Welterfahrung?
In Corinna Gleides Betrachtung zur Weltanschauung des »Psychismus« findet sich der Hinweis, dass wir in den Tiefen der Seele mehr entdecken können als nur uns selbst, nämlich das »jungfräulich« reine Elementes des Geistes, wie er auch der Welt zugrunde liegt. So ergänzen sich Psychismus und der ihm polare »Phänomenalismus«, dessen Augenmerk »sich auf die von sich her sinnerfüllte Welt« richtet.
Mit dieser Umstülpung als Vorgang in der Seele sind wir wieder bei dem eingangs zitierten Wort Goethes angekommen, dessen Todestag sich am 22. März zum 175. Mal jährt. Goetheanismus als Methode, so zeigt dieses Heft, ist in Zeiten der Dekon-struktion von Welt und Selbst, wie sie zum Beispiel in der Hirnforschung geschieht, aktueller den je.
Ihr Stephan Stockmar