Die Drei 03 / 2006

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

in dieser Ausgabe versuchen wir eine Art Bilanz unserer seit Dezember 2004 laufenden Serie »Geist, Gehirn und Bewusstsein« sowie des Kolloquiums vom 18. Februar »Ist Freiheit denkbar – oder eine Illusion?« zu ziehen, auch wenn sicherlich noch einzelne Beiträge zu diesem schier unerschöpflichen und existentiellen Thema folgen werden.

Das Thema »Freiheit« ist zur Zeit auch in anderer Hinsicht in aller Munde: Die Presse- und Meinungsfreiheit scheint durch die gewalttätige Massenproteste in der islamischen Welt wegen der in Dänemark erschienenen Mohammed-Karikaturen bedroht zu sein. Dass man dem Islam jedoch nicht grundsätzlich den Sinn für einen selbstkritischen Humor absprechen kann, zeigt Otto Ulrich an den Geschichten vom legendären Mullah Nasrudin.

Wir veröffentlichen übrigens in dieser Ausgabe ebenfalls eine Karikatur aus Dänemark. Sie stammt allerdings bereits aus dem Jahre 1848 und zeigt Søren Kierkegaard und ›Das Abendblatt‹ (in Gestalt seines Redakteurs) in einer »theologischen Tarantella mit Kastagnetten«. Kierkegaard kämpfte dazumal vehement gegen die Verflechtung von Kirche und Staat in Dänemark. Er sah in ihr »ein Hindernis für die Menschen, zu einer eigenen Religiosität zu kommen und selbstverantwortliche Individuen zu werden«, so Richard Purkarthofer vom Søren Kierkegaard Forskningscentret in Kopenhagen im Gespräch mit Adelbert Reif. Purkarthofer hat uns auch die Abbildung der in Det Kongelige Bibliotek erst kürzlich aufgefundenen und bisher in Deutschland noch nicht publizierten Karikatur vermittelt.

Die Presse- und Meinungsfreiheit ist hier in Frankfurt auch noch von einer ganz anderen Seite bedroht – pünktlich zur Fasnachtszeit: durch Schauspieler, die ihre Kritiker tätlich angreifen und beschimpfen. Dank des couragierten Einsatzes der Oberbürgermeisterin (auf Bitten des Herausgebers der fraglichen Zeitung) bewegt dieser Skandal nun zwar noch nicht die ganze Welt, stattdessen aber stadtauf stadtab unsere Republik. Man fragt sich dabei schon, wer hier auf welche Weise frei handelt und wer hier welche Freiheit verteidigt. Der ebenfalls in Frankfurt ansässige Hirnforscher Wolf Singer hat sich diesbezüglich noch nicht gutachterlich zu Wort gemeldet …

 

Ihr Stephan Stockmar