Die Drei 01 / 2006

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

wir sind heute ständig mit Grenzen konfrontiert, mit von außen gesetzten wie mit eigenen: Tarifgrenzen, Leistungsgrenzen,  Sprachgrenzen, Grenzen des guten Geschmacks, Verstehensgrenzen … Sie bilden die kleinen und großen Herausforderungen im Leben und werden auch im Zuge von Globalisierung und medialer Vernetzung nicht weniger. Vielleicht versuche ich solchen Grenzen durch Tabubrüche zu entkommen. Doch in der Regel überschreite ich damit nicht meine eigenen Grenzen, sondern die der anderen und füge diesen Verletzungen hinzu – während ich mich selbst in um so größerer Isolation wiederfinde.

Grenzorte sind immer auch Orte der möglichen  Begegnung – mit mir selbst und mit dem anderen. Merkwürdiger Weise sind mir meist beide gleich fremd. Ich suche diese Begegnung, weiche ihr oft aber auch aus – in dem ich dem anderen etwas zu- oder abspreche, ihn (dis)qualifiziere, in eine Schublade stecke, ihn für seine Ansichten abstrafe. Oder ich bringe alles mit allem in Verbindung, demonstriere Offenheit, lasse alles irgendwie gelten – auf Kosten des Besonderen, Spezifischen, der eigenen Entscheidung. In beiden Fällen kann ich mich selbst in meiner Unsicherheit immer gut verstecken.

Manchmal wagt es aber auch jemand, etwas von sich Preis zu geben, was ihn wirklich innerlich umtreibt – auch dann, wenn er weiß, dass sein Gegenüber ganz anderer Ansicht ist. In diesem Augenblick wird die Grenze durchlässig; es leuchtet etwas von jenseits auf, das wahrgenommen werden will und kann: ein Glücksmoment mit hohem Risiko, aber zugleich Voraussetzung für jeden wirklichen Dialog. Erstaunlicherweise kann nun ein Doppeltes geschehen: Ich nehme den anderen als anderen wahr – und zugleich mich selbst im meinem Eigensein. Der oder das andere verliert seine Bedrohung. Alles Missionarische und jeder Dogmatismusvorwurf erübrigen sich. Es steht etwas Konkretes im Raum, was gemeinsam angeschaut werden kann, etwas Erlebtes, Erfahrenes, über das man als solches nicht streiten kann. Wesen begegnet Wesen.

Auch hinter jeder Erkenntnis steht eine solche Begegnung von Wesen zu Wesen, die die Erfahrung des Eigenseins einschließt bzw. voraussetzt. Insofern ist jede Erkenntnis auch mit einer Prüfungssituation verbunden, mit dem Durchschreiten eines Tores, das ich als mein eigenes erkennen muss – so wie Kafkas Mann vom Lande.

 

Ihr Stephan Stockmar