Die Drei 12/2008

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

der »eigene Gott«, von dem Ulrich Beck im Gespräch mit Adelbert Reif spricht, ist nicht der Gott, den man sich irgendwo im Himmel vorstellt, mit weißem Bart und kraftvollen Schöpferhänden. Und auch nicht der, der damals vor 2008 Jahren in Bethlehem geboren wurde, als zartes Kind unter armen Leuten. Nicht, dass er mit diesen gar nichts zu tun hätte. Nur scheint heute zu gelten, er – Gott – bleibt hilflos, solange er nicht in die Seelen der Menschen einziehen kann. So fragt Andreas Laudert, wie es »mit der Ausbreitung des Christentums in der eigenen Seele, im eigenen Ich« steht. Doch auch das bleibt abstrakt, wenn ich mich selbst nicht anstrenge, ihn, den Gott, mir anzueignen. Nicht im Sinne eines Besitzes, über den ich willkürlich verfüge (und der mir, wie die Finanzkrise zeigt, auch wieder schnell entschwinden kann wie heiße Luft). Vielleicht muss ich umgekehrt fragen: Wie kann ich mich ihm aneignen – wenn ich es will? Aber auch das nicht im Sinne einer Selbstaufgabe; denn dann wäre ich selbst ja auch nur heiße Luft.

Also muss ich etwas in mir – mich – verändern. Hier zitiert Laudert ›seinen‹ Kafka, der sich zunächst damit begnügt, »den Platz, auf dem ich stehe, als einen anderen erfassen zu können«. Es geht also um einen Ort und eine Veränderung, aber nicht einfach um eine Ortsveränderung. Der Ort, an dem ich stehe, verändert sich durch mich. Und damit werde auch ich ein anderer, denn ich blicke nun anders in die Welt, mit anderen Augen. Kann ich mich dann noch selbst (wieder)erkennen, und mit wessen Augen? Habe ich nun nicht doch meinen Standort verändert? Wo bin ich jetzt, innen oder außen? Und wer bin ich: Der von draußen schaut oder der angeschaut wird – und von wem?

Nur in diesem Herumrätseln, im Suchen und Versuchen, wird der eigene Gott zur Tatsache, die mit mir zu tun hat, aber mich über mich selbst hinausführt – zu einem Anderen, der mit mir zu tun hat und mich zu mir selbst führt. Wenn es dann noch gelingt, dieses Zwiegespräch zu erweitern, den anderen Menschen und die uns umgebende Welt, so finster sie auch erscheint, mit einzubeziehen: Dann kann wirklich Weihnachten werden.

 

Ihr Stephan Stockmar