| |
Liebe Leserin, lieber
Leser,
der »eigene Gott«, von dem
Ulrich Beck
im Gespräch mit
Adelbert Reif
spricht, ist nicht der Gott, den man sich irgendwo im Himmel vorstellt,
mit weißem Bart und kraftvollen Schöpferhänden. Und auch nicht der, der
damals vor 2008 Jahren in Bethlehem geboren wurde, als zartes Kind unter
armen Leuten. Nicht, dass er mit diesen gar nichts zu tun hätte. Nur
scheint heute zu gelten, er – Gott – bleibt hilflos, solange er nicht in
die Seelen der Menschen einziehen kann. So fragt
Andreas Laudert,
wie es »mit der Ausbreitung des Christentums in der eigenen Seele, im
eigenen Ich« steht. Doch auch das bleibt abstrakt, wenn ich mich selbst
nicht anstrenge, ihn, den Gott, mir anzueignen. Nicht im Sinne eines
Besitzes, über den ich willkürlich verfüge (und der mir, wie die
Finanzkrise zeigt, auch wieder schnell entschwinden kann wie heiße
Luft). Vielleicht muss ich umgekehrt fragen: Wie kann ich mich ihm
aneignen – wenn ich es will? Aber auch das nicht im Sinne einer
Selbstaufgabe; denn dann wäre ich selbst ja auch nur heiße Luft.
Also muss ich etwas in mir – mich – verändern. Hier zitiert Laudert
›seinen‹ Kafka, der sich zunächst damit begnügt, »den Platz, auf dem ich
stehe, als einen anderen erfassen zu können«. Es geht also um einen Ort
und eine Veränderung, aber nicht einfach um eine Ortsveränderung. Der
Ort, an dem ich stehe, verändert sich durch mich. Und damit werde auch
ich ein anderer, denn ich blicke nun anders in die Welt, mit anderen
Augen. Kann ich mich dann noch selbst (wieder)erkennen, und mit wessen
Augen? Habe ich nun nicht doch meinen Standort verändert? Wo bin ich
jetzt, innen oder außen? Und wer bin ich: Der von draußen schaut oder
der angeschaut wird – und von wem?
Nur in diesem Herumrätseln, im Suchen und Versuchen, wird der eigene
Gott zur Tatsache, die mit mir zu tun hat, aber mich über mich selbst
hinausführt – zu einem Anderen, der mit mir zu tun hat und mich zu mir
selbst führt. Wenn es dann noch gelingt, dieses Zwiegespräch zu
erweitern, den anderen Menschen und die uns umgebende Welt, so finster
sie auch erscheint, mit einzubeziehen: Dann kann wirklich Weihnachten
werden.
Ihr
Stephan Stockmar
|
|