Die Drei 11/ 2007

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

dass der zu beobachtende Klimawandel maßgeblich durch den Menschen verursacht ist, wird nach den neuesten Berichten des Weltklimarates der UN (IPCC) kaum noch geleugnet. Darüber hinaus zeigt die Nobelpreisverleihung, dass Klimaschutz heute als etwas angesehen wird, das dem Weltfrieden dient. D.h. man rechnet damit, dass die Folgen des Klimawandels – Stürme, Überschwemmungen, Dürren und andere »Natur«-Katastrophen – die auf der Erde bestehenden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten noch verschärfen werden, da sie vor allem die Ärmsten der Armen treffen. Vielleicht verbindet sich mit der gemeinsamen Sorge um das Klima – Klimapolitik ist weltweit zur Chefsache geworden – aber auch die Hoffnung, dass sich der Kampf um die fossilen Energieträger mindert (wenn auch derzeit noch von Nationen aus allen Lagern Ansprüche auf rohstoffreiche Seegebiete in arktischen und antarktischen Gewässern lautstark und werbewirksam kundgetan werden). Denn ihre Nutzung ist bekanntlich eine der Hauptursachen der bedrohlichen Erwärmung.
Doch geht es auch um einen Frieden mit der Erde? Mit jemandem Frieden schließen heißt ja nicht nur, ihn nicht zu bekriegen oder sich ihm devot unterzuordnen, sondern und vor allem: ihn zu verstehen. Verstehen wir die Erde, wenn wir sie durch immer ausgefeiltere Klimamodelle immer berechenbarer machen, wirklich? (Und verstehen wir überhaupt uns, die wir mit unserem Denken und Verhalten immer mehr zum Bestandteil dieser Modellrechnungen werden?) Oder müssen wir uns neue Wege erschließen, die Erde in ihrem Wesen wahrzunehmen? Letzteres unternehmen die Autoren dieses Heftes. So verschieden diese Ansätze auch sind, so zeigen sie doch alle: Jedes selbstlose Verstehenwollen des Anderen, Fremden führt auch dazu, dass ich mich selbst neu kennenlerne. Denn ich selbst werde zum Instrument des Verstehens.
Insofern geht es nicht nur um andere oder neue Inhalte, sondern auch um eine neue Weise, mich mit der Erde in Beziehung zu setzen. Das erfordert Übung: Mich existentiell den Erfahrungen, die ich z.B. mit den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Wärme machen kann, auszusetzen, sie sozusagen an und in mir selbst zu erfahren. Oder auch zu lernen, Ganzheiten in den Blick zu nehmen: Die Einheit zu sehen und zugleich durch Vielfalt zu beleben, damit sie nicht zu einem Abstraktum wird. Nur im Annehmen solcher Herausforderungen entsteht die Möglichkeit, nicht nur aus Angst zu reagieren, sondern schöpferisch und im Einklang mit der Erde zu handeln.
 

Ihr Stephan Stockmar