| |
Liebe Leserin, lieber
Leser,
dass der zu beobachtende Klimawandel
maßgeblich durch den Menschen verursacht ist, wird nach den neuesten
Berichten des Weltklimarates der UN (IPCC) kaum noch geleugnet. Darüber
hinaus zeigt die Nobelpreisverleihung, dass Klimaschutz heute als etwas
angesehen wird, das dem Weltfrieden dient. D.h. man rechnet damit, dass
die Folgen des Klimawandels – Stürme, Überschwemmungen, Dürren und
andere »Natur«-Katastrophen – die auf der Erde bestehenden
Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten noch verschärfen werden, da sie vor
allem die Ärmsten der Armen treffen. Vielleicht verbindet sich mit der
gemeinsamen Sorge um das Klima – Klimapolitik ist weltweit zur Chefsache
geworden – aber auch die Hoffnung, dass sich der Kampf um die fossilen
Energieträger mindert (wenn auch derzeit noch von Nationen aus allen
Lagern Ansprüche auf rohstoffreiche Seegebiete in arktischen und
antarktischen Gewässern lautstark und werbewirksam kundgetan werden).
Denn ihre Nutzung ist bekanntlich eine der Hauptursachen der
bedrohlichen Erwärmung.
Doch geht es auch um einen Frieden mit der Erde? Mit jemandem Frieden
schließen heißt ja nicht nur, ihn nicht zu bekriegen oder sich ihm devot
unterzuordnen, sondern und vor allem: ihn zu verstehen. Verstehen wir
die Erde, wenn wir sie durch immer ausgefeiltere Klimamodelle immer
berechenbarer machen, wirklich? (Und verstehen wir überhaupt uns, die
wir mit unserem Denken und Verhalten immer mehr zum Bestandteil dieser
Modellrechnungen werden?) Oder müssen wir uns neue Wege erschließen, die
Erde in ihrem Wesen wahrzunehmen? Letzteres unternehmen die Autoren
dieses Heftes. So verschieden diese Ansätze auch sind, so zeigen sie
doch alle: Jedes selbstlose Verstehenwollen des Anderen, Fremden führt
auch dazu, dass ich mich selbst neu kennenlerne. Denn ich selbst werde
zum Instrument des Verstehens.
Insofern geht es nicht nur um andere oder neue Inhalte, sondern auch um
eine neue Weise, mich mit der Erde in Beziehung zu setzen. Das erfordert
Übung: Mich existentiell den Erfahrungen, die ich z.B. mit den vier
Elementen Erde, Wasser, Luft und Wärme machen kann, auszusetzen, sie
sozusagen an und in mir selbst zu erfahren. Oder auch zu lernen,
Ganzheiten in den Blick zu nehmen: Die Einheit zu sehen und zugleich
durch Vielfalt zu beleben, damit sie nicht zu einem Abstraktum wird. Nur
im Annehmen solcher Herausforderungen entsteht die Möglichkeit, nicht
nur aus Angst zu reagieren, sondern schöpferisch und im Einklang mit der
Erde zu handeln.
Ihr
Stephan Stockmar
|
|