Die Drei 11/ 2007

 

 

 

 

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»The real dirt of Farmer John«

Ein amerikanischer Landwirt erzählt seine Lebensgeschichte
 

Stephan Eisenhut

 

 

John Peterson hat kein Kamerateam dabei, als er in Darmstadt während seiner Deutschland Tournee das Hofgut Oberfeld besucht. Wer seinen Film »Mit Mistgabel und Federboa« anschaut, könnte den Eindruck bekommen, dass er, seit seine Mutter 1950 eine Super-8-Kamera erwarb, daran gewöhnt ist, dass eine Filmkamera sein Leben aufzeichnet. Dem Regisseur und erfahrenen Dokumentarfilmer Taggert Siegel lagen immerhin 250 Stunden Filmaufzeichnungen vor, die er für »The real Dirt of Farmer John«, so der englische Titel, verwenden konnte. Kein Wunder, denn Siegel selbst begleitete Johns Leben fast 30 Jahre lang, seit er ihn 1979 auf dem Beloit College kennenlernte. Der exzentrische Landwirt, auf dessen Farm sich damals eine Hippie-Kommune angesiedelt hatte und der »Glitter and Glamour« liebte, erweckte das Interesse Siegels. So kommt es, dass er sowohl den Niedergang des Hofs in den frühen 1980er Jahren als auch dessen märchenhafte Wiedergeburt als biologisch-dynamischer Betrieb zu Beginn der 1990er Jahre mit der Kamera begleiten kann.
In den USA hat der Film ein sehr positives Medienecho und massenweise Filmkunstpreise bekommen. Der frühere amerikanische Vizepräsident, Klimaaktivist und diesjähriger Friedensnobelpreisträger Al Gore präsentierte den Film persönlich bei einem Filmfestival.1 Was macht diesen Film, der seit dem 8. September auch in Deutschland zu sehen ist, so beeindruckend? Sind es diese Originalbilder, die immer wieder geschickt eingefügt werden und dadurch den Film sehr authentisch erscheinen lassen? Oder ist diese Autobiographie einfach eine sehr gute »Story«, die zudem ein ganz anderes Bild von Amerika zeichnet, als wir durch Presse und Fernsehen tagtäglich präsentiert bekommen?
John Peterson ist nicht bloß Farmer; er ist vor allem Künstler, der sein eigenes Schicksal literarisch verarbeitet hat. Er versteht es, Bilder zu gestalten, die sich der Seele einprägen. Und er hat eine Botschaft, eine Mission, die er mit seinem Film in die Welt bringen will: Es gibt nicht bloß Niedergangskräfte in der Welt, sondern wir selbst können Kräfte in uns aufrufen, die den Niedergang überwinden. »Das Studium der Schriften von Rudolf Steiner änderte meine Ansichten über Natur, Gemeinschaft, Bildung und Spiritualität.« Dieser Satz fällt etwa in der Mitte des Filmes. Zuvor wird die Geschichte des Niedergangs der Farm erzählt: «My family has been plowing and plan-ting every spring for generations. I inherited this history and I just about ended the whole thing ...«2 Da sind zunächst die Bilder, die von einer glücklichen Kindheit erzählen. Sie zeigen eine Farm der 1950er Jahre, die in ihrer Blüte steht und einer fünfköpfigen Familie einen bescheidenen Wohlstand ermöglicht. Doch der Vater erkrankt und schon als Jugendlicher muss John neben der Schule einen großen Teil der Hofarbeit übernehmen. Als der Vater stirbt ist John 19 Jahre alt. Die Verantwortung für das Familienerbe lastet nun allein auf seinen Schultern.
Es folgen Bilder aus Johns Hippiezeit der 1970er Jahre. Um Landarbeit und Studium verbinden zu können, hatte John sich auf einem nahe gelegenen College eingeschrieben. Der Farmerjunge im College erweckt Interesse im Kreise seiner aus der Stadt kommenden Kommilitonen. Viele der Stadtkinder, die ganz neue Lebensformen suchen, jedoch noch nie eine Mistgabel in der Hand hatten, finden sich auf dem Hof des kunstliebenden Farmers ein. Es entsteht eine Hippie-Kommune, die in dem konservativ-ländlichen Umfeld von den Nachbarn argwöhnisch beobachtet wird. Der Sheriff lässt die Farm beobachten und streut Gerüchte, dass dort Drogenorgien und Satanskulte stattfänden. John wird in der eigenen Heimat zum Geächteten.
Anfang der 1980er Jahre folgt der ökonomische Ruin. Obwohl er neben seinem exzentrischen Lebensstil mit Leib und Seele Landwirt bleibt, kann er nicht verhindern, dass er durch Preisverfall, Missernten und schlecht finanzierte Maschinenkäufe genötigt wird, nahezu sein gesamtes Land zu verkaufen. Seine Landmaschinen werden zwangsversteigert. Der ökonomische Ruin verursacht bei ihm eine tief greifende Lebenskrise. Auch das Gefühl, seine Familie enttäuscht zu haben, lähmt seine Willenskräfte. Zwei Jahre lang kann er sich zu nichts motivieren und verbringt die meiste Zeit apathisch im Bett. Endlich entschließt er sich zu einer Reise, um einen neuen Ansatz für sein Leben zu finden. Er reist nach Mexiko und lernt dort die Homöopathie kennen, durch die er seine Willensschwäche heilen kann. Auch wird ihm deutlich, dass er sein Leid schriftstellerisch bearbeiten muss.
Mittlerweile hat die Entwicklung gezeigt, dass Johns ökonomischer Ruin nicht die Konsequenz einer exzentrischen Lebensauffassung war, sondern vielmehr die Folge einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Immer mehr der konservativen bäuerlichen Familienbetriebe ereilte das gleiche Schicksal. John schreibt ein Drehbuch, dass die Situation der Landwirtschaft verdeutlicht. Es wird durch seinen Freund Taggert Siegel verfilmt und im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt. Trotz dieses Erfolges weiß er, dass allein die Schriftstellerei ihn nicht ausfüllen wird, sondern dass er ebenso die Arbeit an der Erde auf seinem Hof benötigt. In Mexiko hatte er erlebt, wie liebevoll die Menschen die Erde bearbeiten. Der modernen Landwirtschaft mit ihren Pestiziden und Kunstdüngern fehlt diese Liebe, so empfindet er. Die Erde, so sagt er sich, ist durch diesen lieblosen Umgang in ihrem Willen ebenso geschwächt worden, wie sein individueller Wille beim Bankrott seines Hofes durch die äußeren ökonomischen Verhältnisse. Er fragt sich, ob es nicht auch eine Art Homöopathie für die Erde gibt, durch die deren Willensschwäche geheilt werden kann.3 Auf jeden Fall will er seine Farm in Zukunft biologisch bewirtschaften. Die Umstellung auf den biologischen Landbau Anfang der 1990er Jahre führt ihn allerdings bald wieder an die Grenze des ökonomisch Machbaren. Zum einen ist es sehr arbeitsintensiv, die Unkräuter auf den Feldern mechanisch zu beseitigen, zum anderen wird er auch bald von Insektenplagen heimgesucht, die ihm seine mageren Erträge noch weiter mindern. Bloß durch den Verzicht auf Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel wird der Wille der Erde noch nicht gestärkt. Da stößt er auf die Schriften von Rudolf Steiner, durch die viele seiner Fragen beantwortet werden. Er stellt daraufhin seinen Hof auf die biologisch-dynamische Landwirtschaft um.
Nachdem John seine geistige Orientierung gefunden hat, geht es erst wirklich bergauf. Er bekommt eine Anfrage von einer Initiative aus Chicago, ob er für diese biologisch-dynamische Produkte liefern könne. Die Mitglieder dieser Initiative würden für eine Saison Teilhaber des Hofes werden und ihm die Produkte schon vor der Aussaat abkaufen. Damit sollte der Grundstein für die notwendigen Investitionen gelegt werden. Aber John lehnt zunächst ab. Er kann sich nicht vorstellen, dass das funktionieren soll; ihm graust vielmehr davor, dass plötzlich unzählige »Teilhaber« auf seinem Hof herumlungern und ihn bei seiner Arbeit stören. Stattdessen geht er einen Vertrag mit einer Supermarktkette ein, die ihm seine komplette Kürbisernte abnehmen will. Doch als er liefert, will diese Kette nichts mehr von dem Vertrag wissen. Er merkt, dass er dieser Art von Geschäftsleuten nicht trauen kann, und wagt nun das Experiment mit der von einer Gemeinschaft unterstützen Landwirtschaft (Community Supported Agriculture/CSA). Nun macht John Peterson eine weitere wichtige Erfahrung. Die an seinem Hof teilhabenden Städter kommen auf sein Land, aber sie stören nicht, sondern setzen ihre Fähigkeiten ein, damit sich der Hof entwickeln kann. Das geht so weit, dass jemand seinen 70.000 Dollar-Job an den Nagel hängt und für bescheidene 6.000 Dollar im Jahr bei seinem Hof einsteigt, um die organisatorischen Abläufe zu optimieren. Dies ist auch bitter nötig, denn der Hof wächst sehr schnell. Ähnlich wie in den siebziger Jahren wird sein Hof der Mittelpunkt für eine soziale Gemeinschaft. Doch jetzt ist es anders: Nicht eine unbestimmte Selbstsuche treibt die Stadtkinder auf das Land, sondern das konkrete Interesse an dieser Art von Landwirtschaft und Umgang mit der Erde. Und die Gemeinschaft macht möglich, was die »unsichtbare Hand« des freien Marktes zuvor immer mehr verhinderte: Durch die vereinten Kräfte kann der Hof sowohl ökonomisch als ökologisch sinnvoll erblühen. Er wächst zu einem der größten CSA-Betriebe der Vereinigten Staaten heran, der mittlerweile 1.600 Haushalte versorgt. Der Film schließt mit einem Versöhnungsmotiv: John Peterson und der ehemalige Sheriff des Dorfes treffen sich auf einem Feld, um die Verleumdungen zu klären, die Farmer John vor 25 Jahren widerfahren sind. Auch das soziale Leben in der Gemeinde soll geheilt werden.
Dieser Film ist durchaus wie eine Werbung für die biologisch-dynamische Landwirtschaft und das CSA-Prinzip angelegt. Und er wirbt mit typisch amerikanischem Missionsbewusstsein: Schaut her, ich habe einen Weg gefunden, der eine Heilung der Erde und des sozialen Lebens ermöglicht. Getragen wird das von einem künstlerisch-naiven Jugendimpuls. Es könnte ja auch lächerlich wirken, wenn Farmer John mit Federboa auf dem Traktor fährt oder wenn er und seine Freundin Lesley Littlefield als Hummeln verkleidet durch die Felder flitzen und spielen, wie ihr Hummelliebesglück unter einer riesigen Insektizidspritzmaschine ein tragisches Ende findet. Doch gerade diese kindliche Verspieltheit lässt den Film ungezwungen und leicht erscheinen, so dass auch das Sendungsbewusstsein des Farmers nicht aufdringlich wirkt.


1 Die Rede Al Gores zum Film kann im Internet unter http://www.farmer-john-film.de/site/al.html angehört werden.
2 »Meine Familie hatte seit Generationen jedes Frühjahr gepflügt und gepflanzt. Ich erbte diese Geschichte und bin gerade dabei, die ganze Sache zum Ende zu bringen ..«
3 Diese Fragestellung John Petersons geht aus dem Film selbst nicht hervor. Bei einer Podiumsdiskussion in Darmstadt nach dem Film hatte er dieses auf die Frage hin dargestellt, wodurch er denn genau zum biologisch-dynamischen Landbau gefunden habe.