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»The real dirt
of Farmer John«
Ein amerikanischer
Landwirt erzählt seine Lebensgeschichte
Stephan
Eisenhut
John Peterson hat kein
Kamerateam dabei, als er in Darmstadt während seiner Deutschland Tournee das
Hofgut Oberfeld besucht. Wer seinen Film »Mit Mistgabel und Federboa« anschaut,
könnte den Eindruck bekommen, dass er, seit seine Mutter 1950 eine
Super-8-Kamera erwarb, daran gewöhnt ist, dass eine Filmkamera sein Leben
aufzeichnet. Dem Regisseur und erfahrenen Dokumentarfilmer Taggert Siegel lagen
immerhin 250 Stunden Filmaufzeichnungen vor, die er für »The real Dirt of Farmer
John«, so der englische Titel, verwenden konnte. Kein Wunder, denn Siegel selbst
begleitete Johns Leben fast 30 Jahre lang, seit er ihn 1979 auf dem Beloit
College kennenlernte. Der exzentrische Landwirt, auf dessen Farm sich damals
eine Hippie-Kommune angesiedelt hatte und der »Glitter and Glamour« liebte,
erweckte das Interesse Siegels. So kommt es, dass er sowohl den Niedergang des
Hofs in den frühen 1980er Jahren als auch dessen märchenhafte Wiedergeburt als
biologisch-dynamischer Betrieb zu Beginn der 1990er Jahre mit der Kamera
begleiten kann.
In den USA hat der Film ein sehr positives Medienecho und massenweise
Filmkunstpreise bekommen. Der frühere amerikanische Vizepräsident, Klimaaktivist
und diesjähriger Friedensnobelpreisträger Al Gore präsentierte den Film
persönlich bei einem Filmfestival.1 Was macht diesen Film, der
seit dem 8. September auch in Deutschland zu sehen ist, so beeindruckend? Sind
es diese Originalbilder, die immer wieder geschickt eingefügt werden und dadurch
den Film sehr authentisch erscheinen lassen? Oder ist diese Autobiographie
einfach eine sehr gute »Story«, die zudem ein ganz anderes Bild von Amerika
zeichnet, als wir durch Presse und Fernsehen tagtäglich präsentiert bekommen?
John Peterson ist nicht bloß Farmer; er ist vor allem Künstler, der sein eigenes
Schicksal literarisch verarbeitet hat. Er versteht es, Bilder zu gestalten, die
sich der Seele einprägen. Und er hat eine Botschaft, eine Mission, die er mit
seinem Film in die Welt bringen will: Es gibt nicht bloß Niedergangskräfte in
der Welt, sondern wir selbst können Kräfte in uns aufrufen, die den Niedergang
überwinden. »Das Studium der Schriften von Rudolf Steiner änderte meine
Ansichten über Natur, Gemeinschaft, Bildung und Spiritualität.« Dieser Satz
fällt etwa in der Mitte des Filmes. Zuvor wird die Geschichte des Niedergangs
der Farm erzählt: «My family has been plowing and plan-ting every spring for
generations. I inherited this history and I just about ended the whole thing
...«2 Da sind zunächst die Bilder, die von einer glücklichen
Kindheit erzählen. Sie zeigen eine Farm der 1950er Jahre, die in ihrer Blüte
steht und einer fünfköpfigen Familie einen bescheidenen Wohlstand ermöglicht.
Doch der Vater erkrankt und schon als Jugendlicher muss John neben der Schule
einen großen Teil der Hofarbeit übernehmen. Als der Vater stirbt ist John 19
Jahre alt. Die Verantwortung für das Familienerbe lastet nun allein auf seinen
Schultern.
Es folgen Bilder aus Johns Hippiezeit der 1970er Jahre. Um Landarbeit und
Studium verbinden zu können, hatte John sich auf einem nahe gelegenen College
eingeschrieben. Der Farmerjunge im College erweckt Interesse im Kreise seiner
aus der Stadt kommenden Kommilitonen. Viele der Stadtkinder, die ganz neue
Lebensformen suchen, jedoch noch nie eine Mistgabel in der Hand hatten, finden
sich auf dem Hof des kunstliebenden Farmers ein. Es entsteht eine
Hippie-Kommune, die in dem konservativ-ländlichen Umfeld von den Nachbarn
argwöhnisch beobachtet wird. Der Sheriff lässt die Farm beobachten und streut
Gerüchte, dass dort Drogenorgien und Satanskulte stattfänden. John wird in der
eigenen Heimat zum Geächteten.
Anfang der 1980er Jahre folgt der ökonomische Ruin. Obwohl er neben seinem
exzentrischen Lebensstil mit Leib und Seele Landwirt bleibt, kann er nicht
verhindern, dass er durch Preisverfall, Missernten und schlecht finanzierte
Maschinenkäufe genötigt wird, nahezu sein gesamtes Land zu verkaufen. Seine
Landmaschinen werden zwangsversteigert. Der ökonomische Ruin verursacht bei ihm
eine tief greifende Lebenskrise. Auch das Gefühl, seine Familie enttäuscht zu
haben, lähmt seine Willenskräfte. Zwei Jahre lang kann er sich zu nichts
motivieren und verbringt die meiste Zeit apathisch im Bett. Endlich entschließt
er sich zu einer Reise, um einen neuen Ansatz für sein Leben zu finden. Er reist
nach Mexiko und lernt dort die Homöopathie kennen, durch die er seine
Willensschwäche heilen kann. Auch wird ihm deutlich, dass er sein Leid
schriftstellerisch bearbeiten muss.
Mittlerweile hat die Entwicklung gezeigt, dass Johns ökonomischer Ruin nicht die
Konsequenz einer exzentrischen Lebensauffassung war, sondern vielmehr die Folge
einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Immer mehr der konservativen
bäuerlichen Familienbetriebe ereilte das gleiche Schicksal. John schreibt ein
Drehbuch, dass die Situation der Landwirtschaft verdeutlicht. Es wird durch
seinen Freund Taggert Siegel verfilmt und im amerikanischen Fernsehen
ausgestrahlt. Trotz dieses Erfolges weiß er, dass allein die Schriftstellerei
ihn nicht ausfüllen wird, sondern dass er ebenso die Arbeit an der Erde auf
seinem Hof benötigt. In Mexiko hatte er erlebt, wie liebevoll die Menschen die
Erde bearbeiten. Der modernen Landwirtschaft mit ihren Pestiziden und
Kunstdüngern fehlt diese Liebe, so empfindet er. Die Erde, so sagt er sich, ist
durch diesen lieblosen Umgang in ihrem Willen ebenso geschwächt worden, wie sein
individueller Wille beim Bankrott seines Hofes durch die äußeren ökonomischen
Verhältnisse. Er fragt sich, ob es nicht auch eine Art Homöopathie für die Erde
gibt, durch die deren Willensschwäche geheilt werden kann.3 Auf
jeden Fall will er seine Farm in Zukunft biologisch bewirtschaften. Die
Umstellung auf den biologischen Landbau Anfang der 1990er Jahre führt ihn
allerdings bald wieder an die Grenze des ökonomisch Machbaren. Zum einen ist es
sehr arbeitsintensiv, die Unkräuter auf den Feldern mechanisch zu beseitigen,
zum anderen wird er auch bald von Insektenplagen heimgesucht, die ihm seine
mageren Erträge noch weiter mindern. Bloß durch den Verzicht auf Unkraut- und
Insektenvernichtungsmittel wird der Wille der Erde noch nicht gestärkt. Da stößt
er auf die Schriften von Rudolf Steiner, durch die viele seiner Fragen
beantwortet werden. Er stellt daraufhin seinen Hof auf die biologisch-dynamische
Landwirtschaft um.
Nachdem John seine geistige Orientierung gefunden hat, geht es erst wirklich
bergauf. Er bekommt eine Anfrage von einer Initiative aus Chicago, ob er für
diese biologisch-dynamische Produkte liefern könne. Die Mitglieder dieser
Initiative würden für eine Saison Teilhaber des Hofes werden und ihm die
Produkte schon vor der Aussaat abkaufen. Damit sollte der Grundstein für die
notwendigen Investitionen gelegt werden. Aber John lehnt zunächst ab. Er kann
sich nicht vorstellen, dass das funktionieren soll; ihm graust vielmehr davor,
dass plötzlich unzählige »Teilhaber« auf seinem Hof herumlungern und ihn bei
seiner Arbeit stören. Stattdessen geht er einen Vertrag mit einer
Supermarktkette ein, die ihm seine komplette Kürbisernte abnehmen will. Doch als
er liefert, will diese Kette nichts mehr von dem Vertrag wissen. Er merkt, dass
er dieser Art von Geschäftsleuten nicht trauen kann, und wagt nun das Experiment
mit der von einer Gemeinschaft unterstützen Landwirtschaft (Community Supported
Agriculture/CSA). Nun macht John Peterson eine weitere wichtige Erfahrung. Die
an seinem Hof teilhabenden Städter kommen auf sein Land, aber sie stören nicht,
sondern setzen ihre Fähigkeiten ein, damit sich der Hof entwickeln kann. Das
geht so weit, dass jemand seinen 70.000 Dollar-Job an den Nagel hängt und für
bescheidene 6.000 Dollar im Jahr bei seinem Hof einsteigt, um die
organisatorischen Abläufe zu optimieren. Dies ist auch bitter nötig, denn der
Hof wächst sehr schnell. Ähnlich wie in den siebziger Jahren wird sein Hof der
Mittelpunkt für eine soziale Gemeinschaft. Doch jetzt ist es anders: Nicht eine
unbestimmte Selbstsuche treibt die Stadtkinder auf das Land, sondern das
konkrete Interesse an dieser Art von Landwirtschaft und Umgang mit der Erde. Und
die Gemeinschaft macht möglich, was die »unsichtbare Hand« des freien Marktes
zuvor immer mehr verhinderte: Durch die vereinten Kräfte kann der Hof sowohl
ökonomisch als ökologisch sinnvoll erblühen. Er wächst zu einem der größten
CSA-Betriebe der Vereinigten Staaten heran, der mittlerweile 1.600 Haushalte
versorgt. Der Film schließt mit einem Versöhnungsmotiv: John Peterson und der
ehemalige Sheriff des Dorfes treffen sich auf einem Feld, um die Verleumdungen
zu klären, die Farmer John vor 25 Jahren widerfahren sind. Auch das soziale
Leben in der Gemeinde soll geheilt werden.
Dieser Film ist durchaus wie eine Werbung für die biologisch-dynamische
Landwirtschaft und das CSA-Prinzip angelegt. Und er wirbt mit typisch
amerikanischem Missionsbewusstsein: Schaut her, ich habe einen Weg gefunden, der
eine Heilung der Erde und des sozialen Lebens ermöglicht. Getragen wird das von
einem künstlerisch-naiven Jugendimpuls. Es könnte ja auch lächerlich wirken,
wenn Farmer John mit Federboa auf dem Traktor fährt oder wenn er und seine
Freundin Lesley Littlefield als Hummeln verkleidet durch die Felder flitzen und
spielen, wie ihr Hummelliebesglück unter einer riesigen Insektizidspritzmaschine
ein tragisches Ende findet. Doch gerade diese kindliche Verspieltheit lässt den
Film ungezwungen und leicht erscheinen, so dass auch das Sendungsbewusstsein des
Farmers nicht aufdringlich wirkt.
1 Die Rede Al Gores zum Film
kann im Internet unter
http://www.farmer-john-film.de/site/al.html angehört werden.
2 »Meine Familie hatte seit Generationen jedes Frühjahr gepflügt
und gepflanzt. Ich erbte diese Geschichte und bin gerade dabei, die ganze Sache
zum Ende zu bringen ..«
3 Diese Fragestellung John Petersons geht aus dem Film selbst
nicht hervor. Bei einer Podiumsdiskussion in Darmstadt nach dem Film hatte er
dieses auf die Frage hin dargestellt, wodurch er denn genau zum
biologisch-dynamischen Landbau gefunden habe.
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