Die Drei 11/ 2007

 

 

 

 

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Erdenbürgerschaft erringen

Ein Erfahrungsweg zu den Elementen

Florian Theilmann

 

Die kleine rote Plastikrutsche hatte für meinen zweijährigen Freund genau die richtige Höhe, um selbstständig und gefahrlos hinabzurutschen. Das Problem bestand im Hinaufkommen: Das Holzpodest, von dem aus es hinab ging, war durch Klettergeräte verschiedener Schwierigkeitsgrade zugänglich, von denen für uns eigentlich nur eine Art Schiffstreppe mit beidseitigem Geländer in Frage kam. Die wenigen Stufen ließen sich auch mit seinen kurzen Beinen schnell und sicher ersteigen, allerdings war der erste Tritt etwa auf Höhe seines Bauches. Hier brauchte es vielleicht fünfmal eine stützende Hand, bis es ihm zum ersten Mal gelang, sich gegen das Übergewicht nach hinten, das durch das so hoch gehobene Bein zustande kam, durch eine Hand am Geländer nach hinten abzustützen. Es folgten ein paar Runden, in denen der Erwachsene noch gelegentlich eingriff, doch dann war die Lektion gelernt. Im Nachklang beschäftigte mich das kleine Wunder des Lernens, das sich da so spielerisch abspielte, aber auch, dass so schwer zu würdigen ist, was schnell eine selbstverständliche Bewegung unseres Leibes wird. Genau das scheint mir ein Teil des Erkenntnisproblems mit dem Klimawandel: die conditio humana, das allgegenwärtige, zuverlässige Dasein der Erde und unser Dasein und Bewusstsein auf ihr. Was sind typische Modalitäten des »Erdenbürger-Seins«, wenn dieses nicht wiederum schon in der Selbstverständlichkeit des Erdenbürgertums gedacht wird? Oder anders: Wie stellt sich die Frage Klimawandel ihrer Natur nach?

Erde

Schon der späte Morgen war sommerlich heiß. Reiseführer und Hinweisschilder auf dem Campingplatz erinnerten mich offenbar zu Recht daran, wie gefährlich die trockene Hitze der australischen Wüste sein kann. Die Straße, die uns Touristen und auch die riesigen road trains, die das Lebensnotwendige für all diese vielen Menschen herbeischafften, nach Uluru, dem Touristen-Muss Ayer's Rock, geführt hatte, zieht sich durch ein fremdartiges, erstarrtes Meer aus Sand. Dessen Wellen bildeten ein unübersichtliches Gewirr aus kleinen Sandhügeln und Tälern, das trotz der extremen Trockenheit (im nächsten Städtchen hatte es wohl seit Jahren nicht mehr geregnet) dank Wüsteneichen und Spintefex-Büscheln erstaunlich grün wirkt und sich ansonsten völlig flach nach allen Seiten bis zum Horizont erstreckte. Aus diesem Meer ragt der Berg wie der Rücken eines riesigen schlafenden Seeungeheuers. Es ist schwer, wenn er in Sicht kommt, ein Gefühl für seine Größe oder die Distanz zu haben, denn dafür fehlt der Kontext, die anderen Berge, Häuser, Wälder, irgendetwas, das sich vergleichen ließe. Der Parkplatz liegt direkt am Aufstieg, der durch eine Reihe von Pfosten markiert ist, an denen wiederum die Ketten befestigt sind, die als Aufstiegshilfe für den ersten, recht steilen Teil des Weges dienen. Ich wendete mich allerdings zunächst dem Wäldchen zu, das das kleine Tal zwischen den Felswänden füllt.

Der Berg ist den Ureinwohnern heilig, ein Sachverhalt, der im krassen Gegensatz zu seiner konsequenten Vermarktung steht. Praktisch wird die Sache so gelöst, dass eine Reihe von traditionellen Kultstätten nicht öffentlich zugänglich sind und von der Besteigung des Berges auf großen Schildern in allen möglichen Sprachen dringend abgeraten wird. Einer dieser heiligen Plätze liegt in diesem Wäldchen, das ich zum Glück für einige Minuten für mich allein hatte. In der feierlichen Stille zwischen den Steilwänden fand ich mich unwillkürlich mit meinem Hut in der Hand in einer Stimmung, die gut auch in eine Kathedrale gepasst hätte. Dies ist ein feierlicher Ort! Und zugleich Erleichterung: nach der Schwierigkeit, draußen in der Wüste den eigenen Leib in ein räumliches Verhältnis zur Umgebung zu setzen, war hier die Kategorie »Ort« endlich wieder sinnvoll, weil es möglich wurde, die eigene Größe und Bewegung - und den »Standort« - auf einen größeren Zusammenhang zu beziehen. Der Berg besteht aus extrem hartem Sedimentgestein, das an dieser Stelle wohl seit Urzeiten zu Tage liegt. Er hat seine charakteristische Farbe von der Patina aus rötlichem Staub, die im Übrigen sehr bald alles andere dort draußen auch bekommt. An den Flanken zeigen sich bis in einige Höhe komplexe Erosionsspuren, der Rücken ist mit Rillen überzogen, über die die seltenen Regengüsse abfließen. Der Berg bietet an vielen Stellen Gelegenheit für Orte sehr spezieller Qualität; Haine, Höhlen, Wasserlöcher, Bruchsteinfelder, die nicht nur jeweils sehr eigene Atmosphären bieten, sondern zum Teil auf diesen einen Standort spezialisierte Flora und Fauna. Dieser Sachverhalt spiegelt sich in den Riten der Ureinwohner: Die mehrtägigen Feierlichkeiten und kultischen Verrichtungen ziehen sich über eine Reihe von Orten rund um den Berg - die Besteigung des Berges (wie sie meist die einzige Bergbegegnung für die Sportlicheren unter den in der relativen Kühle des Morgens mit Bussen herangefahrenen Touristen bleibt) bildet in diesem Kanon den Abschluss. Auf dem Rücken des Berges bietet sich eine grandiose Rundumsicht. Markantestes Objekt ist das Massiv rund um Mount Olga mit seinen charakteristischen runden Formen aus weichem Sedimentgestein, in das große Flusskiesel eingelagert sind. In gerader Linie in Gegenrichtung liegt Mount Connor am Horizont, ein eindrucksvoller solitärer Tafelberg. Die Landschaft hat ein Gesicht bekommen. Zugleich habe ich meinen Platz bestimmt, auch innerlich: »Hier und jetzt« hat Sinn.

Wasser

Der Klassenlehrer meines Sohnes hat seine Schüler und die begleitenden Eltern zu einer Reihe sehr schöner Klassenfahrten veranlasst, darunter eine in die Innerschweiz, einen klassischen Tagesausflug voller Höhepunkte, vor allem die Besteigung des Niederbauen am Übergang vom Becken von Gersau zum Urnersee (Vierwaldstättersee). Unterhalb des Gipfels, der von Süden her durch einen spektakulären, aber einfachen Klettersteig durch eine praktisch senkrechte Rinne erreicht wird, bildet das sich an der hohen Felswand lösende Gestein ein Geröllfeld, das gequert werden muss. Ich war als Teil einer kleinen Gruppe ein Stück hinter den Kindern zurückgeblieben, die bereits am Fuße der Felswand der letzten Etappe des Aufstiegs entgegenzogen, und wollte gerade den Pfad über das Geröllfeld betreten, als ein singendes Klirren eine Veränderung ankündigte: Einige Kubikmeter Geröll begannen sich in Bewegung zu setzen und rissen bald weiteres Material mit. Was gerade noch ein Stück Weg und ein - zugegebenermaßen sehr steiniges - Stück Land gewesen war, verwandelte sich in den Träger einer gemächlichen, aber unerbittlich wirkenden Fließbewegung. Die vertrauenswürdige Festigkeit des Bodens, die bestimmte Form, der eigensinnige Widerstand gegen Schwere und Zeit, der ja immer um Felsen herum spürbar ist, all das war für Sekunden verschwunden. Der Zauber verschwand so plötzlich, wie er gekommen war, der Bach aus Steinen erstarrte nach wenigen Sekunden auf geheimnisvolle Weise; die Querung war kein Problem, die Zunge, die sich über den Pfad geschoben hatte, trug uns sicher. Ein Tag auf dem Wasser, vielleicht gar auf hoher See, macht einer Landratte wie mir immer großen Eindruck. Am Abend, zurück an Land, schaukelt der Boden, sobald man die Augen schließt - ein deutliches Nachbild der ständigen aktiven Orientierung hin auf die Aufrechte unter den erschwerten Bedingungen des schaukelnden Bootes. Erst auf dem Wasser habe ich verstanden, was Horizont meint, die Grenze von Himmel und »Erde« reduziert auf einen scharfen wagrechten Strich. Auf See wird erfahrbar, dass Brunnen, Bäche und sogar Flüsse noch nicht wirklich »Wasser« sind. Wenn Wasser wirklich Wasser sein darf, gibt es kein Ufer mehr, keine Brücken, keinen »Lauf« - nur noch Horizont auf allen Seiten und unerschöpfliche Bewegung. So viele Spielarten von Wellen - wirklich glattes Wasser ist so selten! Das energische, auseinanderstrebende Dreieck hinter einem Schiff; das feine Stirnrunzeln des Bächleins über ein paar Kieseln; Meereswellen, die als Brandung ans Land (oft buchstäblich) schlagen. Unzerbrechlich, aber so leicht (zer)störbar und darum kostbar - der Wasserspiegel: in Pfützen im Wald, oder an Teich oder pool am frühen Morgen. Auf dem abendlichen, blaugrauen See sind die glatten Stellen gleichsam Fenster, durch die Lichter vom gegenüberliegenden Ufer, vielleicht Berge, vielleicht sogar Sterne oder Mond zu sehen sind. Das Flüssige in der Welt begegnet uns nur vordergründig »körperhaft«, als »Wasserkörper« des Sees oder im Glas. Es ist das wasserumgebende, wasserfassende, wasserverdrängende Feste, das die Form gibt - als Küste, als Behältnis, als Boot oder Ruder. Die Flüssigkeit sucht keine Beständigkeit, sie folgt vor allem einer geheimnisvollen Tendenz des Sich-Ausbreitens, Eindringens, Benetzens und Auflösens. Der unerschöpflichen Vielfalt von Formen des Festen steht das Eintönig-Amorphe gegenüber, das allerdings seine eigene Vielfalt birgt: eine unerschöpfliche Vielfalt und Ausdauer an Bewegung, das Spiel der Wellen und des Fließens, aber auch das Spiel mit Licht und Wind. Zugleich geht mit dem Verlust der eigenen Form (die zugleich ein Verlust an Individualisierbarkeit ist!) in das einheitlich bewegte Flüssige hinein der Verlust der Schwere einher. Zu spüren, wenn wir ins Wasser steigen, aber auch zu sehen - etwa im Berliner Zoo, wo man den Nilpferden nicht nur an Land, sondern auch im Wasser zusehen kann - im Wasser tanzen die massigen Tiere. Wasser trägt, aber anders als fester Boden gewährt es keinen bestimmten, verlässlichen Ort, auf dem gestanden werden kann oder soll. »Niemand steigt zweimal in denselben Fluss« heißt es bei Heraklit, und er fasst konsequent auch die Zeitlichkeit, den Wandel der Welt in das Bild des Flüssigen: »Alles ist immer fließend!« Lebendiges Wasser lebt in Bewegung, genauer: in Kreisläufen in Raum und Zeit - im Regen und Niederschlag, im Fließen an Land, aber auch in den Strömungen des Meeres. Indem es am Tages- und Jahreslauf teilnimmt, wirkt es praktisch immer ausgleichend oder vermittelnd, als Tau die Nachtkälte mildernd, als Gewitterregen die Sommerhitze kühlend, aber auch als Landschaftsgestalter und Bringer von Fruchtbarkeit. Wir Menschen am Ufer erleben die moralische Qualität davon, manchmal auch wohl etwas Heilsames oder Erzieherisches ums Wasser herum, aber oft auch die beängstigende Unerbittlichkeit und Kraft.

Luft

»Der Geist weht, wo er will« [Joh 3.8]. Das Bild leuchtet unmittelbar ein. Wind, Luft, Fliegen-Können sind Urbilder von Freiheit, von Entbunden-Sein von Schwere und Irdischem. Doch in diesem Blickwinkel liegt noch mehr das Verneinen der Erdgebundenheit als eine positive Perspektive auf die Welt des Luftigen. Was ist dann Luft? Luft ist vielleicht zuerst vieles nicht, nicht Form, nicht schwer, nicht Gegenstand, kaum Medium. Da sind Wind und Wolken, der Himmel, der sich überall auf der Welt über uns wölbt. Dabei scheint Luft unsichtbar, aber sie verrät sich manchmal, durch Dampf oder Rauch, die sie mitnimmt, aber auch durch ihr - manchmal sehr grobes - Spiel mit dem Festen oder dem Wasser. Die Böe, die durch den Park am Seeufer fährt, wird hörbar, ehe sie fühlbar wird. Da, wo sie bläst, rascheln und rauschen die Blätter, Zweige, ja sogar Äste und Stämme mögen sich biegen. Mich irritiert dabei immer wieder, wie so ein Windstoß nicht einfach gemächlich beginnt, sondern wirklich als »Front« über einen hinwegzieht oder auf dem Wasser klar umrissene Formen zeichnet. Mehr noch als beim Versuch, Wasser zu verstehen, fordert uns die Luft ins »Draußen«, gar noch auf einen Berggipfel, eine Turmspitze oder an einen Platz an der Küste. Jetzt ist der Himmel Schauplatz, Bühne. Ein bestimmtes Wetter herrscht hier und jetzt, aber nie isolierbar vom Wettergeschehen im weiten Umkreis. Wetterkarten zeigen uns meist ganz Mitteleuropa oder noch größere Gebiete, und auch ein einzelnes Wärmegewitter ist immer noch kilometerbreit und auch -hoch. Nuancen der Wolkenbildung, feine Bildungs- oder Auflösungstendenzen zeigen dem Kundigen Änderungen an, die erst in Stunden stattfinden. Das atmosphärische Geschehen folgt physikalischen Regeln, aber die sprichwörtliche Unberechenbarkeit des Wetters zeigt uns auch, dass es nicht unsere oder wenigstens einfache Regeln sind. Das Wetter heute hier hat sich vor Tagen über dem Nordatlantik und vielleicht parallel dazu über der Ukraine angebahnt. Das heißt zugleich: Was wir der Atmosphäre an Staub, Wasser oder Chemikalien anvertrauen, verteilt sich über Landstriche, ja Kontinente - und von Meereshöhe bis in Dutzende Kilometer Höhe. Oder anders: Indem wir atmen, sind wir Bewohner der ganzen Welt.

An einem sonnigen Tag kurz vor Ostern versuchte ich von meinem Quartier am Ufer des Lago Maggiore den Bergrücken zu ersteigen, der den See dort begrenzt. Es war am Haus angenehm warm, doch in den Bergen ist der Winter nicht so leicht zu vertreiben - das Unternehmen scheiterte noch unterhalb der Baumgrenze in meterhohem Schnee. Enttäuscht suchte ich auf dem Rückweg die Aussicht von einem Felsen und zog abseits des Wegs durch knietiefes Kastanienlaub und kahle Bäume. Sonne und Stille luden zu einer Pause ein, ich ließ mich nieder. Ein Stück unterhalb zog ein feines Rascheln durch das Laub, das ich erst überhörte oder vielleicht einem Tier zuschrieb. Doch nach einigen Wiederholungen begriff ich, was vorging, und wurde Zeuge davon, wie Wind und Wolken beginnen: Die Frühlingssonne des Mittags heizte die Luft über den Blättern auf, und es bildeten sich etwa halbmeter hohe Wirbel, die über dem Boden den Hang hinaufzogen und dabei das trockene Laub beunruhigten. Luftwesen: unstet, also flüchtig und wandernd und ungebunden, mittendrin in (zwischen?) den »Dingen«, Gesichter eines allgegenwärtig-unmerklichen, durch und durch unruhigen Ozeans, der ständig neue Pläne schmiedet.

Wärme

Was für die Thermik eines stillen Frühlingstages überschaubar ist, wie die »Sonne als Urheber« wirkt, ist Bild auch im Großen für ihr Wirken in der »Biosphäre«, der »Lebenskugel« Erde. Echnaton besingt um 1350 v. Chr. den Sonnengott: Deine Strahlen säugen alle Felder - wenn du aufgehst, leben sie und wachsen für dich. Du schaffst die Jahreszeiten, um alle deine Geschöpfe sich entwickeln zu lassen - den Winter, um sie zu kühlen, die Sommerglut, damit sie dich spüren. Du hast den Himmel fern gemacht, um an ihm aufzugehen und alles zu schauen, was du geschaffen hast. Einzig bist du, wenn du aufgegangen bist, in all deinen Erscheinungsformen als lebendiger Aton, der erscheint und erglänzt, sich entfernt und sich nähert; du schaffst Millionen von Gestalten aus dir allein - Städte, Dörfer und Äcker, Wege und Strom. Alle Augen sehen sich dir gegenüber, wenn du als Sonne des Tages über dem Land bist.

Die Sonne spendet nicht nur das Licht, das die Pflanzen nährt und die Welt sichtbar macht, sie spendet Wärme, Leben, Zusammenhang. Und auf der Gegenseite des Tageslichtes und der Wärme liegt die Nacht - »Gehst du unter im Westhorizont, so ist die Welt in Finsternis, in der Verfassung des Todes« singt der Pharao. Nacht steht nicht nur für Dunkelheit, Abkühlung und für all die Oppositionen der Wirkungen auf der Tagseite, sondern auch für Vergehen, Zerfall, letztlich Tod. Echnaton gibt einem Erlebnis Ausdruck, das wir wohl meist verpassen: die lebendige, durch und durch lebendige Erde in ihrer komplexen Verwobenheit lebt von der Sonne. Die Nacht ist dabei sinnvolle, ja notwendige Gegenspielerin des Tages, ohne die nicht nur Ermüdung droht, sondern die beruhigt, reinigt und heilt - und kühlt. Wir sind oben schon der Dankbarkeit gegen die abendliche Abkühlung begegnet, der Gegenspielerin zur Hitze von heißen Sommer- oder Mittelmeertagen, zu denen auch das Spiel der Insekten, die Brauntöne der Landschaft, der Duft der Kiefern und die Erquickung durch Schatten oder eine Quelle gehören. Wir kennen aber auch das Gefühl immer härter und angreifender werdender Kälte, wenn sich der Wintertag neigt, die Geräusche beim Gehen über harschigen Schnee, den Geruch von Holzfeuer, die Gemütlichkeit, die erleuchtete Zimmer verströmen. Der mitteleuropäische Jahreslauf führt uns gewissermaßen durch eine Reihe von Klimazonen... Doch ob Tropen oder Sibirien, die Unterschiede oder Schwankungen sind gemessen an dem, wie groß sie sein könnten, klein, die Atmosphäre und ihr Feuchtigkeitshaushalt ermöglichen gerade das schmale Band an Lebensbedingungen, mit denen wir Erdbewohner uns heute eingerichtet haben. Nicht nur die moderne, technisierte Menschheit, sondern bereits die Biosphäre schafft durch Atmung, Verdauung und Vergehen wiederum kräftig mit daran, was da ermöglicht wird. Ein unerschöpflich wirkendes Angebot an Wärme und Licht wird zur Quelle der irdischen Lebensvorgänge durch chemische und physikalische Prozesse, die sich ihre Voraussetzungen selbst schaffen müssen - und darauf angewiesen sind, ihre Wirkungen und sich selbst der Nachtseite anvertrauen zu dürfen. Wir schauen auf ein schwindelerregendes Geflecht von Auf- und Abbau, von Bedingungen und Folgen, in dem es keine Fixpunkte mehr gibt.

Climate change ist der Name dafür, dass das eingespielte Miteinander von astronomischen Zyklen, Atmosphäre und Lebenswelt die alte Ordnung verliert. Die öffentliche Erkenntnisstimmung gegenüber diesem Problem schwankt zwischen einem buchstäblich bodenständig-klarem, aber zu wenig integrierendem (und wohl oft auch zu wenig erfürchtigem) »Erd-Bewusstsein« und biblischer Furcht angesichts von entfesselten Elementargewalten. Die Situation ist wirklich neu: Hier sind wir nicht mehr gelegentlich Täter und ansonsten Zuschauer, nein, unsere Taten holen uns überall ein. Handeln braucht nicht nur als privates, sondern auch als gesellschaftliches Handeln immer mehr Be-wusstsein - so vieles hängt zusammen und muss berücksichtigt sein. Die »Zivilisation«, die »Bürgerschaft« löst uns das Problem nicht, sie macht uns in unseren körperlichen Bedürfnissen durch Technik immer unabhängiger vom Weltgeschehen, schafft aber zugleich immer neue, komplexere Zwänge der Ökonomie, Politik, Bequemlichkeit etc. Klimawandel ist ein »Wärmeproblem« und damit noch grundsätzlicher als die »Atmosphärenprobleme« der technisierten Menschheit, etwa das Ozonloch oder der saure Regen. Diese lassen sich immer noch durch technische Lösungen, genauer: Alternativen angehen, doch das Problem Klimawandel konturiert sich erst im Blick auf das Ganze einer lebendigen Erde. Noch scheint eine stützende Hand da, die uns die nächste Stufe hinauf hilft, aber es scheint auch zunehmend nötig, dazu zu lernen.

Autorennotiz:

Florian Theilmann, Dr. rer. nat., wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Potsdam (Institut für Physik). Vorher Mitarbeit im Forschungsinstitut am Goetheanum mit Schwerpunkten Phänomenolgie und Goetheanismus; Erstellung von Lehrmaterialien für den Oberstufenunterricht in Physik an Waldorfschulen, Mitarbeit in der Lehrerbildung, Beschäftigung mit Zeitfragen und Berührungspunkte von Natur- und Geisteswissenschaft. Publikationen (u.a.): Expeditionen in die Mechanik (Stuttgart 2006), open eyes 2005 (Berlin 2006; mit J. Grebe-Ellis) sowie Essays und Aufsätze in Erziehungskunst, die Drei und anderen Zeitschriften. Kontakt: florian.theilmann[at]uni-potsdam.de