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Erdenbürgerschaft erringen
Ein Erfahrungsweg
zu den Elementen
Florian
Theilmann
Die kleine rote Plastikrutsche hatte für meinen zweijährigen
Freund genau die richtige Höhe, um selbstständig und gefahrlos hinabzurutschen.
Das Problem bestand im Hinaufkommen: Das Holzpodest, von dem aus es hinab ging,
war durch Klettergeräte verschiedener Schwierigkeitsgrade zugänglich, von denen
für uns eigentlich nur eine Art Schiffstreppe mit beidseitigem Geländer in Frage
kam. Die wenigen Stufen ließen sich auch mit seinen kurzen Beinen schnell und
sicher ersteigen, allerdings war der erste Tritt etwa auf Höhe seines Bauches.
Hier brauchte es vielleicht fünfmal eine stützende Hand, bis es ihm zum ersten
Mal gelang, sich gegen das Übergewicht nach hinten, das durch das so hoch
gehobene Bein zustande kam, durch eine Hand am Geländer nach hinten
abzustützen. Es folgten ein paar Runden, in denen der Erwachsene noch
gelegentlich eingriff, doch dann war die Lektion gelernt. Im Nachklang
beschäftigte mich das kleine Wunder des Lernens, das sich da so
spielerisch abspielte, aber auch, dass so schwer zu würdigen ist, was schnell
eine selbstverständliche Bewegung unseres Leibes wird. Genau das scheint mir ein
Teil des Erkenntnisproblems mit dem Klimawandel: die conditio humana, das
allgegenwärtige, zuverlässige Dasein der Erde und unser Dasein und Bewusstsein
auf ihr. Was sind typische Modalitäten des »Erdenbürger-Seins«, wenn dieses
nicht wiederum schon in der Selbstverständlichkeit des Erdenbürgertums gedacht
wird? Oder anders: Wie stellt sich die Frage Klimawandel ihrer Natur nach?
Erde
Schon der späte Morgen war sommerlich heiß. Reiseführer und
Hinweisschilder auf dem Campingplatz erinnerten mich offenbar zu Recht daran,
wie gefährlich die trockene Hitze der australischen Wüste sein kann. Die Straße,
die uns Touristen und auch die riesigen road trains, die das
Lebensnotwendige für all diese vielen Menschen herbeischafften, nach Uluru,
dem Touristen-Muss Ayer's Rock, geführt hatte, zieht sich durch ein
fremdartiges, erstarrtes Meer aus Sand. Dessen Wellen bildeten ein
unübersichtliches Gewirr aus kleinen Sandhügeln und Tälern, das trotz der
extremen Trockenheit (im nächsten Städtchen hatte es wohl seit Jahren nicht mehr
geregnet) dank Wüsteneichen und Spintefex-Büscheln erstaunlich grün wirkt und
sich ansonsten völlig flach nach allen Seiten bis zum Horizont erstreckte. Aus
diesem Meer ragt der Berg wie der Rücken eines riesigen schlafenden
Seeungeheuers. Es ist schwer, wenn er in Sicht kommt, ein Gefühl für seine Größe
oder die Distanz zu haben, denn dafür fehlt der Kontext, die anderen Berge,
Häuser, Wälder, irgendetwas, das sich vergleichen ließe. Der Parkplatz liegt
direkt am Aufstieg, der durch eine Reihe von Pfosten markiert ist, an denen
wiederum die Ketten befestigt sind, die als Aufstiegshilfe für den ersten, recht
steilen Teil des Weges dienen. Ich wendete mich allerdings zunächst dem Wäldchen
zu, das das kleine Tal zwischen den Felswänden füllt. Der Berg
ist den Ureinwohnern heilig, ein Sachverhalt, der im krassen Gegensatz zu seiner
konsequenten Vermarktung steht. Praktisch wird die Sache so gelöst, dass eine
Reihe von traditionellen Kultstätten nicht öffentlich zugänglich sind und von
der Besteigung des Berges auf großen Schildern in allen möglichen Sprachen
dringend abgeraten wird. Einer dieser heiligen Plätze liegt in diesem Wäldchen,
das ich zum Glück für einige Minuten für mich allein hatte. In der feierlichen
Stille zwischen den Steilwänden fand ich mich unwillkürlich mit meinem Hut in
der Hand in einer Stimmung, die gut auch in eine Kathedrale gepasst hätte.
Dies ist ein feierlicher Ort! Und zugleich Erleichterung: nach der
Schwierigkeit, draußen in der Wüste den eigenen Leib in ein räumliches
Verhältnis zur Umgebung zu setzen, war hier die Kategorie »Ort« endlich wieder
sinnvoll, weil es möglich wurde, die eigene Größe und Bewegung - und den
»Standort« - auf einen größeren Zusammenhang zu beziehen. Der Berg besteht aus
extrem hartem Sedimentgestein, das an dieser Stelle wohl seit Urzeiten zu Tage
liegt. Er hat seine charakteristische Farbe von der Patina aus rötlichem Staub,
die im Übrigen sehr bald alles andere dort draußen auch bekommt. An den Flanken
zeigen sich bis in einige Höhe komplexe Erosionsspuren, der Rücken ist mit
Rillen überzogen, über die die seltenen Regengüsse abfließen. Der Berg bietet an
vielen Stellen Gelegenheit für Orte sehr spezieller Qualität; Haine, Höhlen,
Wasserlöcher, Bruchsteinfelder, die nicht nur jeweils sehr eigene Atmosphären
bieten, sondern zum Teil auf diesen einen Standort spezialisierte Flora
und Fauna. Dieser Sachverhalt spiegelt sich in den Riten der Ureinwohner: Die
mehrtägigen Feierlichkeiten und kultischen Verrichtungen ziehen sich über eine
Reihe von Orten rund um den Berg - die Besteigung des Berges (wie sie meist die
einzige Bergbegegnung für die Sportlicheren unter den in der relativen Kühle des
Morgens mit Bussen herangefahrenen Touristen bleibt) bildet in diesem Kanon
den Abschluss. Auf dem Rücken des Berges bietet sich eine grandiose
Rundumsicht. Markantestes Objekt ist das Massiv rund um Mount Olga mit
seinen charakteristischen runden Formen aus weichem Sedimentgestein, in das
große Flusskiesel eingelagert sind. In gerader Linie in Gegenrichtung liegt
Mount Connor am Horizont, ein eindrucksvoller solitärer Tafelberg. Die
Landschaft hat ein Gesicht bekommen. Zugleich habe ich meinen Platz bestimmt,
auch innerlich: »Hier und jetzt« hat Sinn.
Wasser
Der Klassenlehrer meines Sohnes hat seine Schüler und die
begleitenden Eltern zu einer Reihe sehr schöner Klassenfahrten veranlasst,
darunter eine in die Innerschweiz, einen klassischen Tagesausflug voller
Höhepunkte, vor allem die Besteigung des Niederbauen am Übergang vom Becken von
Gersau zum Urnersee (Vierwaldstättersee). Unterhalb des Gipfels, der von Süden
her durch einen spektakulären, aber einfachen Klettersteig durch eine praktisch
senkrechte Rinne erreicht wird, bildet das sich an der hohen Felswand lösende
Gestein ein Geröllfeld, das gequert werden muss. Ich war als Teil einer kleinen
Gruppe ein Stück hinter den Kindern zurückgeblieben, die bereits am Fuße der
Felswand der letzten Etappe des Aufstiegs entgegenzogen, und wollte gerade den
Pfad über das Geröllfeld betreten, als ein singendes Klirren eine Veränderung
ankündigte: Einige Kubikmeter Geröll begannen sich in Bewegung zu setzen und
rissen bald weiteres Material mit. Was gerade noch ein Stück Weg und ein -
zugegebenermaßen sehr steiniges - Stück Land gewesen war, verwandelte sich in
den Träger einer gemächlichen, aber unerbittlich wirkenden Fließbewegung. Die
vertrauenswürdige Festigkeit des Bodens, die bestimmte Form, der eigensinnige
Widerstand gegen Schwere und Zeit, der ja immer um Felsen herum spürbar ist, all
das war für Sekunden verschwunden. Der Zauber verschwand so plötzlich, wie er
gekommen war, der Bach aus Steinen erstarrte nach wenigen Sekunden auf
geheimnisvolle Weise; die Querung war kein Problem, die Zunge, die sich über den
Pfad geschoben hatte, trug uns sicher. Ein Tag auf dem Wasser, vielleicht gar
auf hoher See, macht einer Landratte wie mir immer großen Eindruck. Am
Abend, zurück an Land, schaukelt der Boden, sobald man die Augen schließt - ein
deutliches Nachbild der ständigen aktiven Orientierung hin auf die Aufrechte
unter den erschwerten Bedingungen des schaukelnden Bootes. Erst auf dem Wasser
habe ich verstanden, was Horizont meint, die Grenze von Himmel und
»Erde« reduziert auf einen scharfen wagrechten Strich. Auf See wird erfahrbar,
dass Brunnen, Bäche und sogar Flüsse noch nicht wirklich »Wasser« sind. Wenn
Wasser wirklich Wasser sein darf, gibt es kein Ufer mehr, keine Brücken, keinen
»Lauf« - nur noch Horizont auf allen Seiten und unerschöpfliche Bewegung. So
viele Spielarten von Wellen - wirklich glattes Wasser ist so selten! Das
energische, auseinanderstrebende Dreieck hinter einem Schiff; das feine
Stirnrunzeln des Bächleins über ein paar Kieseln; Meereswellen, die als Brandung
ans Land (oft buchstäblich) schlagen. Unzerbrechlich, aber so leicht (zer)störbar
und darum kostbar - der Wasserspiegel: in Pfützen im Wald, oder an Teich oder
pool am frühen Morgen. Auf dem abendlichen, blaugrauen See sind die glatten
Stellen gleichsam Fenster, durch die Lichter vom gegenüberliegenden Ufer,
vielleicht Berge, vielleicht sogar Sterne oder Mond zu sehen sind. Das Flüssige
in der Welt begegnet uns nur vordergründig »körperhaft«, als »Wasserkörper« des
Sees oder im Glas. Es ist das wasserumgebende, wasserfassende,
wasserverdrängende Feste, das die Form gibt - als Küste, als Behältnis, als Boot
oder Ruder. Die Flüssigkeit sucht keine Beständigkeit, sie folgt vor allem einer
geheimnisvollen Tendenz des Sich-Ausbreitens, Eindringens, Benetzens und
Auflösens. Der unerschöpflichen Vielfalt von Formen des Festen steht das
Eintönig-Amorphe gegenüber, das allerdings seine eigene Vielfalt birgt: eine
unerschöpfliche Vielfalt und Ausdauer an Bewegung, das Spiel der Wellen und des
Fließens, aber auch das Spiel mit Licht und Wind. Zugleich geht mit dem Verlust
der eigenen Form (die zugleich ein Verlust an Individualisierbarkeit ist!) in
das einheitlich bewegte Flüssige hinein der Verlust der Schwere einher. Zu
spüren, wenn wir ins Wasser steigen, aber auch zu sehen - etwa im Berliner Zoo,
wo man den Nilpferden nicht nur an Land, sondern auch im Wasser zusehen kann -
im Wasser tanzen die massigen Tiere. Wasser trägt, aber anders als fester
Boden gewährt es keinen bestimmten, verlässlichen Ort, auf dem gestanden werden
kann oder soll. »Niemand steigt zweimal in denselben Fluss« heißt es bei
Heraklit, und er fasst konsequent auch die Zeitlichkeit, den Wandel der Welt in
das Bild des Flüssigen: »Alles ist immer fließend!« Lebendiges Wasser lebt in
Bewegung, genauer: in Kreisläufen in Raum und Zeit - im Regen und Niederschlag,
im Fließen an Land, aber auch in den Strömungen des Meeres. Indem es am Tages-
und Jahreslauf teilnimmt, wirkt es praktisch immer ausgleichend oder
vermittelnd, als Tau die Nachtkälte mildernd, als Gewitterregen die Sommerhitze
kühlend, aber auch als Landschaftsgestalter und Bringer von Fruchtbarkeit. Wir
Menschen am Ufer erleben die moralische Qualität davon, manchmal auch wohl etwas
Heilsames oder Erzieherisches ums Wasser herum, aber oft auch die beängstigende
Unerbittlichkeit und Kraft.
Luft
»Der Geist weht, wo er will« [Joh 3.8]. Das Bild leuchtet
unmittelbar ein. Wind, Luft, Fliegen-Können sind Urbilder von Freiheit, von
Entbunden-Sein von Schwere und Irdischem. Doch in diesem Blickwinkel liegt noch
mehr das Verneinen der Erdgebundenheit als eine positive Perspektive auf die
Welt des Luftigen. Was ist dann Luft? Luft ist vielleicht zuerst vieles
nicht, nicht Form, nicht schwer, nicht Gegenstand, kaum Medium. Da sind Wind
und Wolken, der Himmel, der sich überall auf der Welt über uns wölbt. Dabei
scheint Luft unsichtbar, aber sie verrät sich manchmal, durch Dampf oder Rauch,
die sie mitnimmt, aber auch durch ihr - manchmal sehr grobes - Spiel mit dem
Festen oder dem Wasser. Die Böe, die durch den Park am Seeufer fährt, wird
hörbar, ehe sie fühlbar wird. Da, wo sie bläst, rascheln und rauschen die
Blätter, Zweige, ja sogar Äste und Stämme mögen sich biegen. Mich irritiert
dabei immer wieder, wie so ein Windstoß nicht einfach gemächlich beginnt,
sondern wirklich als »Front« über einen hinwegzieht oder auf dem Wasser klar
umrissene Formen zeichnet. Mehr noch als beim Versuch, Wasser zu verstehen,
fordert uns die Luft ins »Draußen«, gar noch auf einen Berggipfel, eine
Turmspitze oder an einen Platz an der Küste. Jetzt ist der Himmel Schauplatz,
Bühne. Ein bestimmtes Wetter herrscht hier und jetzt, aber nie isolierbar vom
Wettergeschehen im weiten Umkreis. Wetterkarten zeigen uns meist ganz
Mitteleuropa oder noch größere Gebiete, und auch ein einzelnes Wärmegewitter ist
immer noch kilometerbreit und auch -hoch. Nuancen der Wolkenbildung, feine
Bildungs- oder Auflösungstendenzen zeigen dem Kundigen Änderungen an, die erst
in Stunden stattfinden. Das atmosphärische Geschehen folgt physikalischen
Regeln, aber die sprichwörtliche Unberechenbarkeit des Wetters zeigt uns auch,
dass es nicht unsere oder wenigstens einfache Regeln sind. Das Wetter heute hier
hat sich vor Tagen über dem Nordatlantik und vielleicht parallel dazu über der
Ukraine angebahnt. Das heißt zugleich: Was wir der Atmosphäre an Staub, Wasser
oder Chemikalien anvertrauen, verteilt sich über Landstriche, ja Kontinente -
und von Meereshöhe bis in Dutzende Kilometer Höhe. Oder anders: Indem wir atmen,
sind wir Bewohner der ganzen Welt.
An einem sonnigen Tag kurz vor Ostern versuchte ich von
meinem Quartier am Ufer des Lago Maggiore den Bergrücken zu ersteigen, der den
See dort begrenzt. Es war am Haus angenehm warm, doch in den Bergen ist der
Winter nicht so leicht zu vertreiben - das Unternehmen scheiterte noch unterhalb
der Baumgrenze in meterhohem Schnee. Enttäuscht suchte ich auf dem Rückweg die
Aussicht von einem Felsen und zog abseits des Wegs durch knietiefes
Kastanienlaub und kahle Bäume. Sonne und Stille luden zu einer Pause ein, ich
ließ mich nieder. Ein Stück unterhalb zog ein feines Rascheln durch das Laub,
das ich erst überhörte oder vielleicht einem Tier zuschrieb. Doch nach einigen
Wiederholungen begriff ich, was vorging, und wurde Zeuge davon, wie Wind und
Wolken beginnen: Die Frühlingssonne des Mittags heizte die Luft über den
Blättern auf, und es bildeten sich etwa halbmeter hohe Wirbel, die über dem
Boden den Hang hinaufzogen und dabei das trockene Laub beunruhigten. Luftwesen:
unstet, also flüchtig und wandernd und ungebunden, mittendrin in (zwischen?) den
»Dingen«, Gesichter eines allgegenwärtig-unmerklichen, durch und durch unruhigen
Ozeans, der ständig neue Pläne schmiedet.
Wärme
Was für die Thermik eines stillen Frühlingstages überschaubar
ist, wie die »Sonne als Urheber« wirkt, ist Bild auch im Großen für ihr Wirken
in der »Biosphäre«, der »Lebenskugel« Erde. Echnaton besingt um 1350 v. Chr. den
Sonnengott: Deine Strahlen säugen alle Felder - wenn du aufgehst,
leben sie und wachsen für dich. Du schaffst die Jahreszeiten, um alle deine
Geschöpfe sich entwickeln zu lassen - den Winter, um sie zu kühlen, die
Sommerglut, damit sie dich spüren. Du hast den Himmel fern gemacht, um an ihm
aufzugehen und alles zu schauen, was du geschaffen hast. Einzig bist du, wenn du
aufgegangen bist, in all deinen Erscheinungsformen als lebendiger Aton, der
erscheint und erglänzt, sich entfernt und sich nähert; du schaffst Millionen von
Gestalten aus dir allein - Städte, Dörfer und Äcker, Wege und Strom. Alle
Augen sehen sich dir gegenüber, wenn du als Sonne des Tages über dem Land bist.
Die Sonne spendet nicht nur das Licht, das die Pflanzen nährt
und die Welt sichtbar macht, sie spendet Wärme, Leben, Zusammenhang. Und auf der
Gegenseite des Tageslichtes und der Wärme liegt die Nacht - »Gehst du unter im
Westhorizont, so ist die Welt in Finsternis, in der Verfassung des Todes« singt
der Pharao. Nacht steht nicht nur für Dunkelheit, Abkühlung und für all die
Oppositionen der Wirkungen auf der Tagseite, sondern auch für Vergehen, Zerfall,
letztlich Tod. Echnaton gibt einem Erlebnis Ausdruck, das wir wohl meist
verpassen: die lebendige, durch und durch lebendige Erde in ihrer komplexen
Verwobenheit lebt von der Sonne. Die Nacht ist dabei sinnvolle, ja notwendige
Gegenspielerin des Tages, ohne die nicht nur Ermüdung droht, sondern die
beruhigt, reinigt und heilt - und kühlt. Wir sind oben schon der Dankbarkeit
gegen die abendliche Abkühlung begegnet, der Gegenspielerin zur Hitze von heißen
Sommer- oder Mittelmeertagen, zu denen auch das Spiel der Insekten, die
Brauntöne der Landschaft, der Duft der Kiefern und die Erquickung durch Schatten
oder eine Quelle gehören. Wir kennen aber auch das Gefühl immer härter und
angreifender werdender Kälte, wenn sich der Wintertag neigt, die Geräusche beim
Gehen über harschigen Schnee, den Geruch von Holzfeuer, die Gemütlichkeit, die
erleuchtete Zimmer verströmen. Der mitteleuropäische Jahreslauf führt uns
gewissermaßen durch eine Reihe von Klimazonen... Doch ob Tropen oder Sibirien,
die Unterschiede oder Schwankungen sind gemessen an dem, wie groß sie sein
könnten, klein, die Atmosphäre und ihr Feuchtigkeitshaushalt ermöglichen gerade
das schmale Band an Lebensbedingungen, mit denen wir Erdbewohner uns heute
eingerichtet haben. Nicht nur die moderne, technisierte Menschheit, sondern
bereits die Biosphäre schafft durch Atmung, Verdauung und Vergehen wiederum
kräftig mit daran, was da ermöglicht wird. Ein unerschöpflich wirkendes Angebot
an Wärme und Licht wird zur Quelle der irdischen Lebensvorgänge durch chemische
und physikalische Prozesse, die sich ihre Voraussetzungen selbst schaffen müssen
- und darauf angewiesen sind, ihre Wirkungen und sich selbst der Nachtseite
anvertrauen zu dürfen. Wir schauen auf ein schwindelerregendes Geflecht von Auf-
und Abbau, von Bedingungen und Folgen, in dem es keine Fixpunkte mehr gibt.
Climate change ist der Name dafür, dass das eingespielte
Miteinander von astronomischen Zyklen, Atmosphäre und Lebenswelt die alte
Ordnung verliert. Die öffentliche Erkenntnisstimmung gegenüber diesem Problem
schwankt zwischen einem buchstäblich bodenständig-klarem, aber zu wenig
integrierendem (und wohl oft auch zu wenig erfürchtigem) »Erd-Bewusstsein« und
biblischer Furcht angesichts von entfesselten Elementargewalten. Die Situation
ist wirklich neu: Hier sind wir nicht mehr gelegentlich Täter und ansonsten
Zuschauer, nein, unsere Taten holen uns überall ein. Handeln braucht nicht nur
als privates, sondern auch als gesellschaftliches Handeln immer mehr
Be-wusstsein - so vieles hängt zusammen und muss berücksichtigt sein. Die
»Zivilisation«, die »Bürgerschaft« löst uns das Problem nicht, sie macht uns in
unseren körperlichen Bedürfnissen durch Technik immer unabhängiger vom
Weltgeschehen, schafft aber zugleich immer neue, komplexere Zwänge der Ökonomie,
Politik, Bequemlichkeit etc. Klimawandel ist ein »Wärmeproblem« und damit noch
grundsätzlicher als die »Atmosphärenprobleme« der technisierten Menschheit, etwa
das Ozonloch oder der saure Regen. Diese lassen sich immer noch durch technische
Lösungen, genauer: Alternativen angehen, doch das Problem Klimawandel konturiert
sich erst im Blick auf das Ganze einer lebendigen Erde. Noch scheint eine
stützende Hand da, die uns die nächste Stufe hinauf hilft, aber es scheint auch
zunehmend nötig, dazu zu lernen.
Autorennotiz:
Florian Theilmann, Dr. rer. nat., wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni
Potsdam (Institut für Physik). Vorher Mitarbeit im Forschungsinstitut am
Goetheanum mit Schwerpunkten Phänomenolgie und Goetheanismus; Erstellung von
Lehrmaterialien für den Oberstufenunterricht in Physik an Waldorfschulen,
Mitarbeit in der Lehrerbildung, Beschäftigung mit Zeitfragen und
Berührungspunkte von Natur- und Geisteswissenschaft. Publikationen (u.a.):
Expeditionen in die Mechanik (Stuttgart 2006), open eyes 2005 (Berlin
2006; mit J. Grebe-Ellis) sowie Essays und Aufsätze in Erziehungskunst, die
Drei und anderen Zeitschriften. Kontakt: florian.theilmann[at]uni-potsdam.de
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