Die Drei 11/ 2007

 

 

 

 

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Die gleichgeschaltete EUniversität

Zur Verwesung des europäischen Bildungsideals

Salvatore Lavecchia

 

 

Schreiende Sehnsucht nach Humboldts Bildungsidealen, Ungeduld einer allwaltenden Verwaltung gegenüber, Grundrecht auf eine freie geisteswissenschaftliche Grundbildung gleichgesetzt mit einem Recht auf Grundeinkommen ... Mit seinen provokativen Ausführungen zur Lage der deutschen Universität (Die Drei 10/07) hat es Konstantin Sakkas richtig auf den Punkt gebracht.1  Doch vielleicht geht seine Provokation nicht weit genug! Denn die verwaltete Bildung, die Sakkas sehr treffend charakterisiert, ist kein ausschließlich deutsches Phänomen, sondern die graue Realität, mit der, nach der Aufzwingung des Bologna-Abkommens über die Harmonisierung der europäischen Bildungssysteme, jeder EU-Akademiker (egal ob Dozent oder Student) konfrontiert wird. Das theoretisch positive Ziel jenes Abkommens hat sich in der praktischen Realisierung als eine Operation der kulturellen Gleichschaltung bzw. Verödung entpuppt. Das hatten viele vorausgesagt, nachdem der Geist der Bachelor/Master-Reform, eigentlich eine Emanation des »Bologna-Geistes«, die ersten Gesichtszüge gezeigt hatte. Denn diese Reform fußt auf der grotesken Vorstellung, ein Studiengang könne nach rein quantitativ-abstrakten Kriterien in streng umrissene und prädefinierte Untereinheiten (Module) zerfetzt werden, die einen festen »ökonomischen« Wert haben (reden wir nicht von Krediten, oder besser, wie man im anglisierten Deutschland eifrig tut, von »credit points«?), egal welchen Inhalt diese Untereinheiten anbieten. Und der Wert jeder Untereinheit wird so peinlich bestimmt, dass man in manchen europäischen Universitäten bis in die ungefähre Anzahl der zu lesenden Bibliographie-Seiten ein Prüfungsprogramm definieren will, um die entsprechenden »credit points« möglichst präzise zu rechnen. Das Ziel für alle EU-Studierende soll seit Anbruch des »Bologna-Zeitalters« darin liegen, eine bestimmte Anzahl von »credit points« zu sammeln, um den ersehnten, pompös-englisch herumposaunten Bachelor bzw. Master zu kriegen, und das von Portugal bis Schweden wie von Italien bis Großbritannien. Diese aufgezwungene Sammelwut, die jedes universitäre System zum Klon derselben verknöcherten, zentralistisch elaborierten Abstraktionen ausarten lässt, ist gerade dabei, aus der Vielfalt der europäischen Bildungserfahrungen einen grauen Einheitsbrei zu verfertigen, der Studierende und Dozenten in den engen Maschen eines anonymen, selbstreproduzierenden Automatismus erstickt. Überall werden wir in unserer glücklichen »EUtopia« »das Gleiche« durch die »gleichen« Stufen erlangen können, überall werde ich »festsichere« Evaluierungsmaßstäbe zu Verfügung haben dürfen, um beurteilen zu können, ob etwas dem »EUniversitätssystem« »angepasst« ist bzw. in seinem Rahmen (nach dem zentralistischen Willen von gespenstischen »Instituten«) »akkreditiert« werden kann. Selbstverständlich darf in einem solchen matrixartigen System kaum Raum für eine individualisierte Gestaltung des Studiengangs bzw. des Lehrangebots übrig bleiben. Viele werden jedoch einwenden: Wie viele Studierende waren früher so erwachsen, um aus der ihnen angebotene Freiheit echte Bildungschancen zu gewinnen? Dem Einwand kann man mit einer Gegenfrage antworten: Worin besteht eigentlich das Wesen und die Funktion einer universitären Ausbildung? In der gleichschaltenden Erziehung von pubertierenden, initiativlosen Langeweilern zu eifrigen, philisterhaften Funktionären einer rein wirtschaftsorientierten Gesellschaft? Oder vielmehr in der Schöpfung von Erfahrungen, die bei den Studierenden den Individualisierungsprozess und das Bewusstsein der eigenen Freiheit durch die Liebe zur Tat der Erkenntnis impulsieren?
Als Erkenntnisgemeinschaft wird die Universität seit langem nicht mehr betrachtet. Die Situation wurde aber richtig kritisch, seitdem die akademische Ausbildung einerseits zum Rechtsinstrument eines rein wirtschaftlich gedachten sozialen Aufstiegs umgewandelt,2 andererseits immer mehr durch Politik und Wirtschaft mit berufsgebundenen Aufgaben belastet wurde. Ergebnis ist die heutige Zermalmung der Universität unter dem Gewicht von Ansprüchen, die entweder der Rechts- oder der Wirtschaftssphäre entspringen. Alle wollen heute studieren, weil jeder Angst davor hat, ohne akademischen Titel zu einem Außenseiter zu werden; und Politik bzw. Wirtschaft verlangen immer mehr von der Universität die rein quantitativ gemessene Ausbildung von »Fachkräften«, die so rasch wie möglich den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts entgegenkommen können. Dementsprechend wurden Universitäten und dazugehörige Institute langsam zu Betrieben missgestaltet, die ihre Gelder rein nach der fließbandmäßigen Produktivität bei der Auslieferung von eingeschriebenen, geprüften und zum Abschluss gekommenen Studenten bekommen. Diese Logik, die zuerst in der anglo-amerikanischen Welt angewendet wurde, wird durch die gesamteuropäische Reform in dem Sinne bestätigt und bekräftigt, dass die Vereinheitlichung der Ausbildungssysteme nach quantitativ messbaren Kriterien unter anderem gerade mit der Notwendigkeit begründet wird, eine Verkürzung/Beschleunigung der Studienzeit beim ersten akademischen Grad zu erreichen und (damit) der Wirtschaft eine höhere Anzahl an akademisch qualifizierten Arbeitskräften zu Verfügung zu stellen. Das soll Europa konkurrenzfähig bei den nächsten Herausforderungen der Globalisierung machen. Innerhalb der gerade grob skizzierten Perspektive fehlt jeder Raum für eine akademische Ausbildung, die sich als Manifestation des Geisteslebens verstehen will. Rechts- und Wirtschaftssphäre zwingen die neue EUniversität in ein Verwaltungs- bzw. Betriebskorsett, das im Prinzip nur zu einer fließbandartigen Reproduzierbarkeit der Abschlüsse hinzielt. Ja, bald werden wir uns mit dem Thema »Der Akademiker im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« beschäftigen müssen! Ob jener Akademiker auch ein Kunstwerk sein wird, mag dahingestellt bleiben ... Letztendlich geht es hier nicht um die Ausbildung von Menschen, sondern um die »Produktion« eines geistigen Proletariats, das sich, immer wieder gelockt durch ein Mindestmaß an Wohlstand, ganz brav in die neue Arbeiterklasse des Cyberzeitalters einfügen soll.
Viele werden solche Ausführungen als defätistisch brandmarken. Vielleicht ist es aber an der Zeit, die Untergangsstimmung ernst zu nehmen, die viele, wirklich zu viele Studierende nach der Reform der Universität in sich empfinden. Dabei geht es nicht darum, eine solche Stimmung anzustacheln, sondern radikal über ihre Ursachen nachzudenken. Genauso radikal könnten wir darüber nachdenken, ob das Grundrecht auf eine freie akademische Ausbildung, die Konstantin Sakkas so schön provokativ anspricht,3 erst dann eine Realität werden könnte, wenn die akademischen Titel endlich nicht mehr als rechtlich verankerte Voraussetzungen zur Ausübung der meisten Berufe betrachten werden. Bis vor nicht so langer Zeit konnte Vieles im Berufsleben auch ohne akademische Titel erreicht werden. Ja, die Welt ist aber heute so kompliziert... Sind wir aber so sicher, dass wir die Welt nur durch ein paar zu belegende »credit points« besser meistern werden, insbesondere wenn solche »points« durch ein geistig so disqualifiziertes System vergeben werden? Nach der heutigen Logik der verwalteten Bildung wird bald die Zeit kommen, in der wir die notwendigen »credit points« belegen werden müssen, wenn wir auch nur ein Buch kaufen wollen ... ja, vielleicht wird uns irgendwann die EUniversität auch einen Bachelor in »Angewandtem Lesen« anbieten, der, nach den nötigen Schritten auf politischer bzw. wirtschaftlicher Ebene, als notwendige, durch das Gesetz festgelegte Voraussetzung zum »Leserberuf« verlangt werden wird! Wie heute das Recht auf Grundeinkommen wird vielleicht auch das Recht auf Freiheit vom abstrakt-rechtlich festgelegten Wert der akademischen Titel zu einem wichtigen Diskussionsthema werden. Oder wäre es vielleicht besser, schon heute über dieses Thema nachzudenken?
Europa wird eine Zukunft nur dann haben, wenn wir Europäer uns weiterhin fähig zu einer individuellen Gestaltung unserer Erkenntniswege zeigen werden, wenn wir weiterhin eine Konstellation von kulturellen Identitäten bilden werden, die durch eine lebendige Dialektik zum Wunder der vielfältigen, organischen Einheit eines freien Geisteslebens führen kann. Diesem Zweck wird die Rechtssphäre nur dann dienlich, wenn sie auf jede Schablonisierung des Geisteslebens mittels der Konstruktion von universalgültigen Regulierungen verzichtet. Wir Europäer haben eine Zukunft nur dann, wenn wir nicht einen »Durchschnittsmenschen« (genauso wie den Durchschnittsapfel usw.) (re) produzieren, sondern den wahrhaft freien Menschen verwirklichen wollen. Wir brauchen deswegen keine EUniversität, die »beim Examen den Nachweis fordert, an einer bestimmten Zahl von praktischen Übungen teilgenommen zu haben«, denn das bildet nur eine Fessel für denjenigen, der seine eigenen Wege gehen will. Wir brauchen eine Universität, die nicht fragt, »was jemand während seiner Studienzeit getrieben hat, sondern was er leisten kann. Wie er sich seine Befähigung erworben hat, das muss gleichgültig sein«.4 Zugespitzt in Bezug auf die jetzige Zeit: Wir brauchen heute eine Gesellschaft, die nicht nur danach fragt, welche Titel ein Individuum nachweisen kann, sondern welche Fähigkeiten es sich wirklich erworben hat.

Salvatore Lavecchia, geb. 1971, ist Dozent für Antike Philosophie an der Universität von Udine/Italien.
Kontakt: salvatorelavecchia@web.de
 

1  Konstantin Sakkas, Die verwaltete Bildung. Zur Lage der deutschen Universität, Die Drei 10/2007, S. 52-57.
2 Vgl. Sakkas, S. 53-54.

3 Sakkas, S. 54-55.

4 Diese und weitere interessante Bemerkungen Rudolf Steiners zum Wesen der universitären Bildung befinden sich im Aufsatz Der Universitätsunterricht und die Erfordernisse der Gegenwart, in: Das Magazin für Literatur 67 (1898), Nr. 9. Vgl. auch Hochschule und öffentliches Leben, in: Das Magazin für Literatur 67 (1898), Nr. 50 (beide in Rudolf Steiner, GA 31).