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Die
gleichgeschaltete EUniversität
Zur Verwesung des
europäischen Bildungsideals
Salvatore
Lavecchia
Schreiende Sehnsucht nach Humboldts Bildungsidealen, Ungeduld einer allwaltenden
Verwaltung gegenüber, Grundrecht auf eine freie geisteswissenschaftliche
Grundbildung gleichgesetzt mit einem Recht auf Grundeinkommen ... Mit seinen
provokativen Ausführungen zur Lage der deutschen Universität (Die
Drei 10/07) hat es Konstantin Sakkas richtig auf den Punkt gebracht.1
Doch vielleicht geht seine Provokation nicht weit genug! Denn die verwaltete
Bildung, die Sakkas sehr treffend charakterisiert, ist kein ausschließlich
deutsches Phänomen, sondern die graue Realität, mit der, nach der Aufzwingung
des Bologna-Abkommens über die Harmonisierung der europäischen Bildungssysteme,
jeder EU-Akademiker (egal ob Dozent oder Student) konfrontiert wird. Das
theoretisch positive Ziel jenes Abkommens hat sich in der praktischen
Realisierung als eine Operation der kulturellen Gleichschaltung bzw. Verödung
entpuppt. Das hatten viele vorausgesagt, nachdem der Geist der Bachelor/Master-Reform,
eigentlich eine Emanation des »Bologna-Geistes«, die ersten Gesichtszüge gezeigt
hatte. Denn diese Reform fußt auf der grotesken Vorstellung, ein Studiengang
könne nach rein quantitativ-abstrakten Kriterien in streng umrissene und
prädefinierte Untereinheiten (Module) zerfetzt werden, die einen festen
»ökonomischen« Wert haben (reden wir nicht von Krediten, oder besser, wie man im
anglisierten Deutschland eifrig tut, von »credit points«?), egal welchen Inhalt
diese Untereinheiten anbieten. Und der Wert jeder Untereinheit wird so peinlich
bestimmt, dass man in manchen europäischen Universitäten bis in die ungefähre
Anzahl der zu lesenden Bibliographie-Seiten ein Prüfungsprogramm definieren
will, um die entsprechenden »credit points« möglichst präzise zu rechnen. Das
Ziel für alle EU-Studierende soll seit Anbruch des »Bologna-Zeitalters« darin
liegen, eine bestimmte Anzahl von »credit points« zu sammeln, um den ersehnten,
pompös-englisch herumposaunten Bachelor bzw. Master zu kriegen, und das von
Portugal bis Schweden wie von Italien bis Großbritannien. Diese aufgezwungene
Sammelwut, die jedes universitäre System zum Klon derselben verknöcherten,
zentralistisch elaborierten Abstraktionen ausarten lässt, ist gerade dabei, aus
der Vielfalt der europäischen Bildungserfahrungen einen grauen Einheitsbrei zu
verfertigen, der Studierende und Dozenten in den engen Maschen eines anonymen,
selbstreproduzierenden Automatismus erstickt. Überall werden wir in unserer
glücklichen »EUtopia« »das Gleiche« durch die »gleichen« Stufen erlangen können,
überall werde ich »festsichere« Evaluierungsmaßstäbe zu Verfügung haben dürfen,
um beurteilen zu können, ob etwas dem »EUniversitätssystem« »angepasst« ist bzw.
in seinem Rahmen (nach dem zentralistischen Willen von gespenstischen
»Instituten«) »akkreditiert« werden kann. Selbstverständlich darf in einem
solchen matrixartigen System kaum Raum für eine individualisierte Gestaltung des
Studiengangs bzw. des Lehrangebots übrig bleiben. Viele werden jedoch einwenden:
Wie viele Studierende waren früher so erwachsen, um aus der ihnen angebotene
Freiheit echte Bildungschancen zu gewinnen? Dem Einwand kann man mit einer
Gegenfrage antworten: Worin besteht eigentlich das Wesen und die Funktion einer
universitären Ausbildung? In der gleichschaltenden Erziehung von pubertierenden,
initiativlosen Langeweilern zu eifrigen, philisterhaften Funktionären einer rein
wirtschaftsorientierten Gesellschaft? Oder vielmehr in der Schöpfung von
Erfahrungen, die bei den Studierenden den Individualisierungsprozess und das
Bewusstsein der eigenen Freiheit durch die Liebe zur Tat der Erkenntnis
impulsieren?
Als Erkenntnisgemeinschaft wird die Universität seit langem nicht mehr
betrachtet. Die Situation wurde aber richtig kritisch, seitdem die akademische
Ausbildung einerseits zum Rechtsinstrument eines rein wirtschaftlich gedachten
sozialen Aufstiegs umgewandelt,2 andererseits immer mehr durch
Politik und Wirtschaft mit berufsgebundenen Aufgaben belastet wurde. Ergebnis
ist die heutige Zermalmung der Universität unter dem Gewicht von Ansprüchen, die
entweder der Rechts- oder der Wirtschaftssphäre entspringen. Alle wollen heute
studieren, weil jeder Angst davor hat, ohne akademischen Titel zu einem
Außenseiter zu werden; und Politik bzw. Wirtschaft verlangen immer mehr von der
Universität die rein quantitativ gemessene Ausbildung von »Fachkräften«, die so
rasch wie möglich den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts entgegenkommen können.
Dementsprechend wurden Universitäten und dazugehörige Institute langsam zu
Betrieben missgestaltet, die ihre Gelder rein nach der fließbandmäßigen
Produktivität bei der Auslieferung von eingeschriebenen, geprüften und zum
Abschluss gekommenen Studenten bekommen. Diese Logik, die zuerst in der
anglo-amerikanischen Welt angewendet wurde, wird durch die gesamteuropäische
Reform in dem Sinne bestätigt und bekräftigt, dass die Vereinheitlichung der
Ausbildungssysteme nach quantitativ messbaren Kriterien unter anderem gerade mit
der Notwendigkeit begründet wird, eine Verkürzung/Beschleunigung der Studienzeit
beim ersten akademischen Grad zu erreichen und (damit) der Wirtschaft eine
höhere Anzahl an akademisch qualifizierten Arbeitskräften zu Verfügung zu
stellen. Das soll Europa konkurrenzfähig bei den nächsten Herausforderungen der
Globalisierung machen. Innerhalb der gerade grob skizzierten Perspektive fehlt
jeder Raum für eine akademische Ausbildung, die sich als Manifestation des
Geisteslebens verstehen will. Rechts- und Wirtschaftssphäre zwingen die neue
EUniversität in ein Verwaltungs- bzw. Betriebskorsett, das im Prinzip nur zu
einer fließbandartigen Reproduzierbarkeit der Abschlüsse hinzielt. Ja, bald
werden wir uns mit dem Thema »Der Akademiker im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit« beschäftigen müssen! Ob jener Akademiker auch ein Kunstwerk
sein wird, mag dahingestellt bleiben ... Letztendlich geht es hier nicht um die
Ausbildung von Menschen, sondern um die »Produktion« eines geistigen
Proletariats, das sich, immer wieder gelockt durch ein Mindestmaß an Wohlstand,
ganz brav in die neue Arbeiterklasse des Cyberzeitalters einfügen soll.
Viele werden solche Ausführungen als defätistisch brandmarken. Vielleicht ist es
aber an der Zeit, die Untergangsstimmung ernst zu nehmen, die viele, wirklich zu
viele Studierende nach der Reform der Universität in sich empfinden. Dabei geht
es nicht darum, eine solche Stimmung anzustacheln, sondern radikal über ihre
Ursachen nachzudenken. Genauso radikal könnten wir darüber nachdenken, ob das
Grundrecht auf eine freie akademische Ausbildung, die Konstantin Sakkas so schön
provokativ anspricht,3 erst dann eine Realität werden könnte,
wenn die akademischen Titel endlich nicht mehr als rechtlich verankerte
Voraussetzungen zur Ausübung der meisten Berufe betrachten werden. Bis vor nicht
so langer Zeit konnte Vieles im Berufsleben auch ohne akademische Titel erreicht
werden. Ja, die Welt ist aber heute so kompliziert... Sind wir aber so sicher,
dass wir die Welt nur durch ein paar zu belegende »credit points« besser
meistern werden, insbesondere wenn solche »points« durch ein geistig so
disqualifiziertes System vergeben werden? Nach der heutigen Logik der
verwalteten Bildung wird bald die Zeit kommen, in der wir die notwendigen »credit
points« belegen werden müssen, wenn wir auch nur ein Buch kaufen wollen ... ja,
vielleicht wird uns irgendwann die EUniversität auch einen Bachelor in
»Angewandtem Lesen« anbieten, der, nach den nötigen Schritten auf politischer
bzw. wirtschaftlicher Ebene, als notwendige, durch das Gesetz festgelegte
Voraussetzung zum »Leserberuf« verlangt werden wird! Wie heute das Recht auf
Grundeinkommen wird vielleicht auch das Recht auf Freiheit vom
abstrakt-rechtlich festgelegten Wert der akademischen Titel zu einem wichtigen
Diskussionsthema werden. Oder wäre es vielleicht besser, schon heute über dieses
Thema nachzudenken?
Europa wird eine Zukunft nur dann haben, wenn wir Europäer uns weiterhin fähig
zu einer individuellen Gestaltung unserer Erkenntniswege zeigen werden, wenn wir
weiterhin eine Konstellation von kulturellen Identitäten bilden werden, die
durch eine lebendige Dialektik zum Wunder der vielfältigen, organischen Einheit
eines freien Geisteslebens führen kann. Diesem Zweck wird die Rechtssphäre nur
dann dienlich, wenn sie auf jede Schablonisierung des Geisteslebens mittels der
Konstruktion von universalgültigen Regulierungen verzichtet. Wir Europäer haben
eine Zukunft nur dann, wenn wir nicht einen »Durchschnittsmenschen« (genauso wie
den Durchschnittsapfel usw.) (re) produzieren, sondern den wahrhaft freien
Menschen verwirklichen wollen. Wir brauchen deswegen keine EUniversität, die
»beim Examen den Nachweis fordert, an einer bestimmten Zahl von praktischen
Übungen teilgenommen zu haben«, denn das bildet nur eine Fessel für denjenigen,
der seine eigenen Wege gehen will. Wir brauchen eine Universität, die nicht
fragt, »was jemand während seiner Studienzeit getrieben hat, sondern was er
leisten kann. Wie er sich seine Befähigung erworben hat, das muss gleichgültig
sein«.4 Zugespitzt in Bezug auf die jetzige Zeit: Wir brauchen
heute eine Gesellschaft, die nicht nur danach fragt, welche Titel ein Individuum
nachweisen kann, sondern welche Fähigkeiten es sich wirklich erworben hat.
Salvatore Lavecchia, geb. 1971, ist Dozent für Antike Philosophie an der
Universität von Udine/Italien.
Kontakt: salvatorelavecchia@web.de
1 Konstantin Sakkas, Die verwaltete Bildung. Zur Lage
der deutschen Universität, Die Drei 10/2007, S. 52-57.
2 Vgl. Sakkas, S. 53-54.
3 Sakkas, S. 54-55.
4 Diese und weitere interessante Bemerkungen Rudolf Steiners
zum Wesen der universitären Bildung befinden sich im Aufsatz Der
Universitätsunterricht und die Erfordernisse der Gegenwart, in: Das Magazin
für Literatur 67 (1898), Nr. 9. Vgl. auch Hochschule und öffentliches Leben,
in: Das Magazin für Literatur 67 (1898), Nr. 50 (beide in Rudolf Steiner, GA
31).
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