|
Die Drei 11/ 2006
Editorial
|
|
|
| Heft bestellen | Startseite | |
Liebe Leserin, lieber Leser,
um »Tod und Liebe« geht es in einem Kongress, der vom 24. bis 26. November in der Berliner Urania stattfindet.1 Bei diesem Thema denkt man zunächst vielleicht an eine traurige Liebesgeschichte. Im Untertitel wird jedoch gefragt: »Wie gehen wir mit Lebensbeginn und Lebensende um?« Dass man einem Neugeborenen mit Liebe begegnet, scheint selbstverständlich zu sein. Doch einem Sterbenden oder gar einem Toten? Sterben und Tod haben heute oft keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Gestorben wird auf der Intensivstation, im Pflegeheim oder allein in der Wohnung, abgeschoben in die Einsamkeit. Wobei es ja nicht nur darum geht, dass die Pflege irgendwie organisiert wird (so kostengünstig wie möglich), oder dass sich Angehörige um einen sorgen. Letztere sind oft nur mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt und im Todesfall mit ihrer Trauer. Vielleicht ist es gerade diese innere Einsamkeit, die Angebote von aktiver Sterbe»hilfe« oder »Freitodbegleitung« immer wieder so attraktiv erscheinen lässt.
»In dem Maße, wie der Leib zunehmend versagt, bin ich darauf angewiesen, dass mir die Würde von anderen Menschen zugesprochen wird«, sagt der Priester Johannes Fellner in dem Gespräch, das die Redaktion mit ihm und dem Arzt Leonhard Haller geführt hat. Doch wie kann ich jemandem Würde zusprechen, wenn ich ihn nicht liebe? Was geschieht denn durch die Liebe, die nicht kaschierte Selbstliebe ist? Sie fängt den anderen auf, wo er ins Ungewisse (und das ist der Tod immer) fällt, sie hüllt ihn wärmend ein, wenn er sich frierend zurückzieht (und der schwach gewordene Körper nicht mehr genug Eigenwärme hervorbringt). Und sie sieht durch den hinfällig gewordenen Leib hindurch auf das Geistwesen, dem der Leib nicht mehr recht zum Instrument dienen will, so dass vielleicht der Eindruck von Verwirrung entsteht. All dies gehört zu einer wirklichen »palliativen«, mantelbildenden Betreuung (lat. pallium=Mantel) Kranker und Sterbender dazu. Ohne diese seelische Hüllenbildung werden lebenserhaltende technische Maßnahmen vielleicht tatsächlich zur sinnlosen Qual, die dem Sterbenden nur seine Würde raubt …
»Um ewig einst zu leben muss man sich oft dem Tod ergeben«, schreibt der Maler Caspar David Friedrich, in dessen Landschaften oft Todessymbole wie abgestorbene Bäume, zerfallene Klöster oder Kreuze auftauchen. Und von hinten strahlt durch den Himmel immer ein wundervoller Glanz ins Bild, selbst dort, wo er auf den ersten Blick grau und fahl erscheint. Auch an seinen Zeichnungen, die jetzt neben vielen Gemälden in der großen Ausstellung in Hamburg zu sehen sind, lässt sich beobachten, wie allein durch die Striche und Schraffuren ein Werdendes in das Gewordene gerinnt, das wie tot erscheint und gerade dadurch durchlässig für ein geistiges Leben wird. So werden alle seine Bilder im Betrachten zu Schwellensituationen, die das Jenseits im Diesseits aufleuchten lassen. Dies zeigen Karin Haferland und Ekkehard Meffert in ihren Artikeln an verschiedenen Bildern und Motiven Caspar David Friedrichs.
»Es ist der Tod, der mit eigenen Augen/ sich selber in mir sehen will …«, heißt es in einem Gedicht aus »Sommerfugledalen (Das Schmetterlingstal)« der großen dänischen Dichterin Inger Christensen.2 »Ich spiele deshalb gerne Waldweißling/ und verschmelze Worte zu Phänomenen,/ … um die Lebensformen/ der ganzen Welt in eine einzige zu bringen.// So dass ich dem Tod antworten kann, wenn er kommt:/ ich spiele Braunauge …// Ich höre wohl, dass du mich niemand nennst,/ Ich aber, gehüllt in einen Kaisermantel,/ blicke dich vom Schmetterlingsflügel aus an.« – Dem Tod ins Auge schauen, »gehüllt in einen Kaisermantel«: Diesen Mantel muss ich mir während des Lebens selber weben – in der Hoffnung, dass sich der Tod dann in mir selbst erkennt und dadurch seine Macht verliert.
»Das Sterben ist eine geistoffene Situation, die sich fortwährend wandelt.« (Johannes Fellner). Im Wahrnehmen dieser Wandlung – vergleichbar der eines Schmetterlings – liegt ein erster Schritt, um den gestorbenen Menschen auch über den Tod hinaus mit meiner Liebe zu begleiten. Und eine Vorbereitung auf den eigenen Tod.
Ihr Stephan Stockmar
1 Tod und Liebe: Wie gehen wir mit Lebensbeginn und Lebensende um? Kongress zur Ethik des Sterbens vom 24. bis 26. November in Berlin (Urania). Mit Klaus Dörner, Matthias Girke, Michaela Glöckler, Rolf Heine u.a.. Moderation des Podiums »Pro und contra Sterbehilfe«: Jens Heisterkamp.
Information und Anmeldung: gesundheit aktiv. anthroposophische Heilkunst e.V., Johannes-Kepler-Str. 56, 75378 Bad Liebenzell, Tel. 07052-93010, Fax: 930110, Internet: www.ethikkongress.de.
2 Inger Christensen: Das Schmetterlingstal. Ein Requiem/ Sommerfugledalen. Et requiem. Dänisch und Deutsch, übertragen von Hanns Gössel, Frankfurt am Main 1998 (Bibliothek Suhrkamp). – Inger Christensen, geboren 1935, hat am 28. September 2006 in Frankfurt den Siegfried Unseld Preis erhalten. Die Laudatio hielt Durs Grünbein. Er nannte den Sonettenkranz Das Schmetterlingstal »ein Kunstwerk an der Grenze zur Vollkommenheit«. Inger Christensen sei ein Mensch, der mühelos an das Geheimnis der Sprache rühre. – Zum Abschluss der Festlichkeit im Frankfurter Schauspiel las die Dichterin selber aus diesem Kunstwerk, wunderbar melodiös auf dänisch, und auch auf deutsch. Dahinter traten alle Reden, so exzellent sie auch vorgetragen waren, zurück. Sie lieferte nichts ab, sondern war einfach sie selbst – und das mit großer Strahlkraft.
Korrigenda: In dem Beitrag »Rudolf Steiners ›Prüfungszeit‹« von Daniel Hartmann (Nr. 10/2006) ist versehentlich aus einer Fußnote eine Jahreszahl geworden (S. 52, rechte Spalte, 16. Zeile von unten). Die dort genannten Zeitangaben lauten richtig: »1900, 1900-1902, 19028« (statt »… 1908«). Damit ist auch die Fußnote 8 im Text verortet. Außerdem ist beim Satz der Kursivdruck einiger Worte und Buchtitel weggefallen. Wir bitten diese Fehler zu entschuldigen. red.