Die Drei 10/ 2007

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

»In der Dichtung eröffnet sich – wie in aller Kunst – die Möglichkeit, Brücken und Wege bildhaft auszumalen, die über die Schwelle des Alltagsbewusstseins hinüber führen und dem unvergänglichen Ich im Menschen Schritt für Schritt Neuland eröffnen.« Mit dieser Haltung »belauscht« Heinrich Schirmer den neuen Roman des Amerikaners Cormac McCarthy »Die Straße«. Und auf einmal erschließt sich ein apokalyptisches Weltuntergansszenario als ein Weg, auf dem sich »das junge Ich des alten Körpers« (Schirmer) enthüllt: ein Initiationserlebnis. Voraussetzung für diese Entdeckung ist eine entsprechende »Landkarte« als Orientierungshilfe (hier die Begrifflichkeit der anthroposophischen Geisteswissenschaft) und ein hermeneutisches Verfahren, in dem sich das eine in dem anderen aussprechen kann.

Ein solches Verfahren verweigert Helmut Zander in seinem monumentalen Werk über die Anthroposophie und ihre Geschichte. So kommt Günter Röschert in seiner ausführlichen Analyse zu dem Ergebnis, dass Zander weder als Philosoph noch als Historiker gegenüber der Anthroposophie (mit der sich dieser fast eineinhalb Jahrzehnte akribisch auseinandergesetzt hat) einen ernst zu nehmenden Zugang entwickelt.

Dass Bücher erst richtig zu leben beginnen, wenn sie eine dem Inhalt entsprechende äußere Form erhalten, bewegt den Kasseler Buchkünstler Gerald Aschenbrenner, der den in seiner AQUINarte presse erscheinenden Büchern eine Sinnlichkeit verleiht, die durch ihre schlichte Handwerklichkeit besticht und tatsächlich die Aufmerksamkeit auf den Inhalt lenkt.

Das Belauschen von Büchern (auf unserem Titel das Exemplar der Gutenberg-Bibel aus der Württembergischen Landesbibliothek) und anderen Gegenständen gehört zu den Aktionen von Edgar Harwardt, die er selbst unter dem Motto zusammenfasst: »Kunst, wo man sie nicht vermutet«. Dabei geht es ihm ebenso um das Aufspüren als auch das Setzen solcher Momente – um »der Zerstörung unserer Welt, die sich durch Unaufmerksamkeit vollzieht, entgegenzuwirken. – Wenn dieser Förderpreis seinem Namen Ehre machen soll, dann hätte er in der Öffentlichkeit, welcher der Künstler Edgar Harwardt seine unsichtbaren Gaben vor die Füße gelegt hat, eine Aufmerksamkeit zu fördern, die begänne, sich die Augen zu reiben, und zu sehen anfinge.« So endet Joachim Kalka seine Laudatio anlässlich der Verleihung des Kulturpreises Baden-Württemberg. – Um diese Aufmerksamkeit auf das was ist und werden will, um das neue Sehen bzw. Hören, geht es in vielen Beiträgen dieses Heftes.

 

Ihr Stephan Stockmar