Die Drei 10/ 2006

 

Editorial

 

 

 

 
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Liebe Leserin, lieber Leser,

»Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben«, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem bekannten Gedicht »Herbsttag«. Das muss kein Fluch sein, so wie auch das Samenkorn nicht ein Ende bezeichnet, sondern geradezu das Gegenteil: einen neuen Anfang – als Möglichkeit. Doch die Aktivität wendet sich zunächst um, erwacht ins Innere. Was finde ich dort vor? Diese Frage führt oftmals in eine intime Prüfungssituation, der ich mich stellen muss.
Enno Schmidt lenkt den Blick in die eigene Seele, wenn er der Wirkung eines »bedingungslosen Grundeinkommens« in Zeiten der Entwürdigung der Arbeit und damit des Menschen nachspürt: Was oberflächlich betrachtet vielleicht wie der verständliche, doch egoistische Wunsch nach einer bedingungslosen Versorgung aussieht, entpuppt sich auf einmal als Sehnsucht nach Befreiung für die Gemeinschaft, für die Welt. Und gerade diese Freiheit würde ich aufs Spiel setzen, wenn ich mich einfach durch ein Grundeinkommen alimentieren ließe. Trotzdem ist die Geste in der Idee eines Grundeinkommens von Bedeutung für die Seele: Sie zeigt mir, dass allein mein Dasein als Mensch mit dem Recht verbunden ist, existieren zu können. Die Grundlage dazu kann nur aus der Gemeinschaft kommen. So finde ich meine Würde, die mich zur Verantwortung befähigt.
Um dieses Paradox der Bewusstseinsseele geht es auch Andreas Laudert, wenn er sich Bertolt Brecht annähert, dessen Todestag sich am 14. August zum 50. Mal gejährt hat: Auf der einen Seite ist Brecht der Marxist, der davon ausgeht, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. »Aber war er selber nicht die lebendige Widerlegung des marxistischen Postulats? Denn sein Bewusstsein von sich selbst bestimmte in beeindruckendem Maße sein Sein und Werden.« (Laudert). Für Ute Hallaschka ist Brechts alter ego »K.« geradezu der Protagonist des Widerstandes gegen jede Ideologie: »Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ›Sie haben sich gar nicht verändert.‹ ›Oh!‹ sagte Herr K. und erbleichte.« Man muss Brecht, der diese Keuner-Geschichte erzählt, nur einmal in seine wachen Augen schauen …
 

Ihr Stephan Stockmar