Die Drei 07 / 2005

 

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Johannes W. Schneider
Der auf den Klang der Stille lauschen konnte
Zum 100. Geburtstag von Dag Hammarskjöld
 

Die Wahrnehmung der Lichtqualität in der Landschaft, der Birken vor den Wolken, des Wassers im See, der Hirschspur wird dem Mystiker Dag Hammarskjöld transparent für das Innere der Natur. Dieses Innere offenbart sich in Bildern, die nicht mehr für die Sinne wahrnehmbar sind. Die Welt der Stille bricht durch den Panzer der Sinne, durch die verhärtete Sinneserfahrung, und stellt diese nackt vor die Wirklichkeit der Natur.
 

Dag Hammarskjöld (1905-1961), in jungen Jahren schon Präsident der schwedischen Reichsbank, später stellvertretender Außenminister und von 1953 bis zu seinem Tode Generalsekretär der Vereinten Nationen - ein Mann mit fast unerschöpflicher Arbeitskraft, die er entschieden für den Frieden in der Welt einsetzte. Ein Staatsmann, dessen Leistung bis heute der Maßstab in internationalen Einsätzen ist, der aber seine Kraft nicht aus dem Erfolg, sondern aus der Stille schöpfte.

Immer ein Fragender
werde ich dort sein,
wo das Leben verklingt
- ein klarer, schlichter Ton
in dem Schweigen.
 

So schreibt der zwanzigjährige Student in sein Tagebuch.1 Auf dem Weg in die Stille findet er einen Begleiter, der stets gegenwärtig ist, den Tod. Ein reales Wesen in der eigenen Seele, das die Sehnsucht nach Ehre und Macht auslöscht (so heißt es 1941/42). Der Tod, der langsam in ihm wächst, Tag für Tag, der Raum schafft für ein neues Glück, das jedoch nicht sein eigenes ist (1950). Bis Hammarskjöld schließlich in das Totenreich hinabsteigt, wie die Helden der Antike, wobei sein Körpergefühl und sein Gefühl für die Erde miteinander verschmelzen. Das nennt er »in der rechten Art sterben« (1952). Mitten im tätigen Leben schon ein Verstorbener zu sein, das ist ein Einweihungsmotiv des modernen Menschen, das Dag Hammarskjöld in ganz eigener Art durchlebt hat. Und wie er es erfahren hat, wird sehr knapp ausgesprochen, noch knapper, als wir es sonst bei Hammarskjöld gewohnt sind.

Er ist in dem Nichts,
er schläft in dem Schweigen,
er weint im Dunkel,
kleiner Eingeweihter.

In der Welt, die für das gewöhnliche Bewusstsein ein Nichts ist, ist er nun zu Hause. Er hat dort ein andersartiges Bewusstsein, er »schläft« in der Stille. Beim Eintritt in die geistige Welt, die ja für den Erdenmenschen dunkel ist, fühlt er Schmerz, er »weint«. Er ist ein Mensch am Beginn der Einweihung, ein kleiner Incubus.
»Sich führen lassen von dem, was weiter lebt, wenn >wir< nicht mehr leben, wir als Interessenten und Besserwisser. Lauschen und sehen können - auf das in uns, was im Dunkel wohnt, und im Schweigen.« So schrieb Hammarskjöld im Jahre 1954, schon als Generalsekretär der Vereinten Nationen. Erst wenn der Alltagsmensch, der Besserwisser in uns gestorben ist, können wir in die Stille hineinlauschen, in die Stille, die Orientierung und Führung geben kann. Nicht aus der Entspannung holte Hammarskjöld seine Kraft, sondern aus der Konzentration auf den Klang der Stille. In jener Krisenwoche im November 1956 (Suezkrise), in der Hammarskjöld während der ganzen Woche nicht mehr als zwei Stunden geschlafen hat, wuchs die Sorge seiner Mitarbeiter um Gesundheit und Leben des Generalsekretärs. Man bat ihn um eine kleine Pause. Als nach einiger Zeit ein Mitarbeiter nach Hammarskjöld schaute, fand er ihn nicht schlafend, sondern im Evangelium lesend. Gerade in den härtesten Anforderungen des Berufs bewahrte er den Zugang zu den Quellkräften der Stille. Daher seine oft bewunderte Arbeitskraft.
In der Stille ist der Mensch noch nicht angekommen, wenn der Alltag schweigt, wenn das Bild der Welt rund herum in nichts versinkt und das Ego sich nicht mehr äußert. Denn wenn die Erinnerungen an das bisherige Leben ausgelöscht werden, wird das Bewusstsein hohl, aber noch nicht leer. Leere ist offen für Neues. Im leeren Bewusstsein steht der Mensch nicht mehr einer Außenwelt gegenüber, sondern er taucht ein in die Wirklichkeit. Selbstvergessen. Im leeren Bewusstsein wird die Welt zum Du, das aus seiner eigenen Tiefe spricht. Das ist der zentrale Gedanke in Martin Bubers kleiner Schrift Ich und Du, an deren Übersetzung ins Schwedische Dag Hammarskjöld noch in der letzten Stunde seines Lebens gearbeitet hat. Schon im Jahre 1950 hatte er sich gesehen als »einen von denen, die die Wüste über ihrem Haupt erlebt und einen Stern ihren Bruder genannt haben. Einsam. Aber die Einsamkeit kann eine Kommunion sein.« Das Ich im Lauschen auf das Du zu finden, das ist ein weiteres Einweihungserlebnis des modernen Menschen, das Hammarskjöld nach dem Überschreiten der Todesschwelle durchgemacht hat. Dass der andere zum Du wird, dass wir im Gespräch mit ihm erst wir selbst werden, dass Menschen über die Erde hin sich geschwisterlich begegnen, das ist - im Sinne Hammarskjölds - das Anliegen der Vereinten Nationen. Deshalb braucht deren Hauptquartier in New York einen Raum der Stille, einen Meditationsraum. Einen solchen hat Hammarskjöld geschaffen - als das Wort Meditation in der westlichen Welt noch recht fremd klang. Aber für ihn war Stille das Zentrum der Arbeit.
Stille war es auch, was er in der Natur suchte. Wenn die Arbeit im schwedischen Außenministerium wieder einmal recht aufreibend gewesen war, dann fuhren er und einige Freunde mit dem Nachtzug übers Wochenende in die Berge. Hammarskjöld war ein begeisterter Wanderer und Bergsteiger, und wer mit ihm zusammen aufbrach, brauchte eine gute körperliche Kondition. Wandern, das hieß für ihn: eintauchen in eine Welt, die in sich ruht, die uns als Gäste empfängt. Deshalb liebte Hammarskjöld die unberührte Natur. Wer selbst einmal in den schwedischen Bergen gewandert ist, wird es kennen, das Gefühl, in einen Lebensstrom einzutauchen, der uns entgegenflutet, der uns in sich aufnimmt und der uns immer deutlicher sagt, was Natur ist: das Leben aus der Schöpfung, das noch nicht sich selbst fremd geworden ist, das daher auch den Menschen wieder mit dem Quell seines Lebens verbindet und auf diese Weise regeneriert. Und das sein Geheimnis offen ausspricht, wenn wir in die Sprache der Naturerscheinungen hineinlauschen.

Das Licht bleichender Birken
gegen das Dunkel der Wolken.
Der Windstoß reibt das Wasser
des Waldteichs stahlgrau.
Fort zwischen dem Blutfleck der Erde
rinnt die Hirschspur -

Das Schweigen bricht durch den Panzer der Sinne,
stellt sie nackt
vor die Klarheit des Herbstes.


Die Wahrnehmung der Lichtqualität in der Landschaft, der Birken vor den Wolken, des Wassers im See, der Hirschspur wird ihm transparent für das Innere der Natur. Dieses Innere offenbart sich in Bildern, die nicht mehr für die Sinne wahrnehmbar sind, im Blutfleck der Erde. Es ist ein geist-bildliches, ein imaginatives Erleben, das das Leid der Naturwesen, der Elementargeister als Quell der Naturschönheit versteht, ähnlich wie die schwedische Dichterin Selma Lagerlöf das tut, wenn sie im Nils Holgerson den König eine Geschichte über den Mälarsee erzählen lässt. Dort hat das Blut einer Seejungfrau das Wasser gefärbt, als ein Mann, dem sie entfliehen wollte, den Speer nach ihr warf. Das Leid der Seejungfrau hat den See so schön werden lassen, dass der König ihn liebt. Nach dem imaginativen Blick auf die Natur wendet Hammarskjöld sich zurück auf den erlebenden Menschen. Die Welt der Stille bricht durch den Panzer der Sinne, durch die verhärtete Sinneserfahrung, und stellt sie nackt vor die Wirklichkeit der Natur. Nackt. Ein Wort, das aus der mystischen Literatur wohl vertraut ist und das für Hammarskjölds Erkenntnisweg von fundamentaler Bedeutung ist. Nackt, ohne dass einengende Begriffe sich zwischen Mensch und Welt schieben. Unmittelbar zur Welt, ursprünglich. Unmittelbar werden, das war es, was Hammarskjöld in den Bergen seiner schönen schwedischen Heimat gesucht hat, was er zwischen Menschen herstellen wollte, worauf es ihm auch in der Begegnung mit der geistigen Welt ankam. In der Unmittelbarkeit gibt sich der Mensch ganz, er setzt seine Existenz ein und riskiert sie. Das beginnt schon, wenn man im Gespräch sich ohne Vorbehalt öffnet und ausliefert. Und wer stark genug ist, kann das auch in den Konflikten der großen Machtblöcke tun. So, als Hammarskjöld in einer Krisensituation zwischen Israel und dessen arabischen Nachbarn ohne bewaffneten Schutz auf der Grenzlinie entlangfuhr, trotz der verständlichen Warnungen von beiden Seiten. So, als er in der Kongokrise 1961 den riskanten Flug nach Ndola wagte, um den politischen Kontrahenten, die nicht den Frieden wollten, Auge in Auge gegenüberzutreten und als er diesen Einsatz - mit dem Leben bezahlte.
Den Quell der Stille findet Dag Hammarskjöld in der Tiefe der eigenen Seele. Um dorthin zu gelangen, muss er eine Schwelle überschreiten. »An der Grenze des Un-Erhörten.« So notiert er schon im Jahre 1951. »Hier endet das Bekannte. Doch von jenseits her erfüllt etwas mein Wesen mit den Möglichkeiten aus seinem Ursprung.« Sechs Jahre später ist der Schritt über die Schwelle getan. Der nun schon auf der Höhe seines Ruhmes Stehende sieht in den empfangenen Auszeichnungen doch nur einen beschränkten Wert. »Heraustreten aus all dem, nackt, auf die Klippe des Morgenlichts, angenommen, unverwundbar, frei: im Licht, mit dem Licht, bestehend aus Licht. Einig mit mir selbst, und die Wirklichkeit meiner selbst erfahren in demjenigen, das mit sich selbst einig ist. Heraus aus mir selbst als dem Hindernis, hinaus in mich selbst, in die Erfüllung« (28.4.1957). Im Überschreiten der Schwelle enthüllt sich das Geheimnis des Ich. Es ist unmittelbar zur Welt, nackt. Auf der Klippe des Morgenlichts hat der Mensch weiterhin festen Boden unter den Füßen, aber er ist von Licht umflossen und getragen. Er entdeckt, dass er selbst aus Licht gewoben ist. In dieser Entdek-kung findet das Leben seinen Sinn, seine Erfüllung. Schon früher (1952) hatte er, wie es kürzer und prägnanter kaum möglich ist, beschrieben, wie der Mensch die geistige Welt imaginativ erlebt: als »Licht, Wärme, Kraft. Von außen her.« Diese drei Elemente sind in der irdischen Erfahrung getrennt, in der Imagination werden sie zu einer Einheit, in die der Mensch eintaucht. Oder, wie Hammarskjöld es formuliert, sie werden »ein tragendes Element wie die Luft für den Segelflieger oder das Wasser für den Schwimmer«. So zu erkennen, dass wir in uns ruhen, und die Welt in ihrer »heiligen Eigenständigkeit« belassen, das nennt Hammarskjöld Schlichtheit. Für den Schlichten wird »der Baum zu einem Mysterium, die Wolke zu einer Offenbarung, der Mensch zu einem Kosmos, dessen Reichtum wir nur anfänglich erfassen« (4.8.1959). Den Sinn seines Denkens findet der Mensch, wenn er aus der gewohnten irdischen Erfahrung aufwacht »und - einen Augenblick - weiß: Hinter allem Lärm, hinter aller Geschäftigkeit das einzig Wirkliche: die kühle, gerade Flamme der Liebe im Dunkel der zeitigen Dämmerung« (1958). Imaginative Erfahrungen haben immer eine persönliche Note und dürfen sie haben. Denn sie sind eine Berührung des Meditierenden mit anderen Wesen, sie spiegeln den Eindruck, den diese Wesen auf den Meditierenden machen. Hammarskjöld zeigt eine intime Seite seiner selbst, wenn er, betend, in der Tiefe seiner Seele DEN ANDEREN findet und ihn beschreibt als die »kühle, gerade Flamme der Liebe«. Wie verhalten gegenüber dem erlebenden Menschen, wie zart, dieser ANDERE, der »einzig Wirkliche«, wenn die irdische Welt versinkt. In DEM ANDEREN, in Christus, findet Dag Hammarskjöld denjenigen, der der Stille ihre Kraft und ihre Substanz gibt.

Autorennotiz:
Johannes W. Schneider, geb. 1928. Nach dem Studium von Pädagogik, Psychologie, Geschichte und Germanistik und Promotion (Dr. phil.) zehn Jahre Lehrer an einer süddeutschen Waldorfschule. Heute als Psychologe in der Ausbildung von Waldorfkindergärtne-rinnen und von Altenpflegern in Dortmund tätig. Vortragstätigkeit für die An-throposophische Gesellschaft. - Adresse: Mergelteichstraße 41, 44225 Dortmund.
 

1 Dag Hammarskjöld, Väg-marken (deutsch: Zeichen am Weg). Zitiert wird nach der schwedischen Ausgabe, Stockholm 1963, und nach dem Datum der Einträge. Übersetzung aller Zitate durch den Verfasser.