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Die Drei 07 / 2005
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Spiritualität ist Wirklichkeitsbezug
Gespräch mit Elmar Lampson über Kunst und Anthroposophie
Enno Schmidt
Seit Herbst 2004 ist Elmar Lampson Präsident der Hochschule
für Musik und Theater in Hamburg, eine der renommiertesten und größten
Musikhochschulen in Deutschland. Neun Jahre lehrte er zuvor an der
UniversitätWitten/Herdecke, baute dort das Studium Fundamentale aus, war Dekan
der Fakultät, Mitglied der Geschäftsleitung und hatte einen Lehrstuhl für
Phänomenologie der Musik.
Elmar Lampson ist Komponist und Dirigent. Und er ist Anthroposoph.Auch seine
Eltern waren das und seine Großeltern, die Rudolf Steiner persönlich kannten. Er
selbst ging auf die Waldorfschule, seine Kinder gehen auf die Waldorfschule.
Seine Frau ist wie er aus der dritten Generation einer vollblütigen
Waldorffamilie.
Seit 1979 leben sie hier in Rosengarten-Ehestorf, einem Dorf bei Hamburg,
idyllisch unter Bäumen. Das alte Bauernhaus ist Efeu-überwachsen. Das geräumige
Atelier des Komponisten versetzt mit Charme in ein Epochenambiente, aus dem
Musik kommt. Notenständer, Clavichord und antikes Mobiliar, Flügel, Flöte und
weitere Instrumente, Bücher, Notenhefte stapelweise. Klassische Gemälde prägen
großflächig einen abgesetzten Raumteil, kleinere stehen am Boden und sind über
die Wände verstreut bis hoch an die Decke. Elmar Lampsons Großonkel war
Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Und genauso war sein Großvater
Maler. Beide überzeugend gut.
Herr Lampson, Sie sind Mitglied in der An-throposophischen Gesellschaft. Sind Sie auch Mitglied einer Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft? Oh, das weiß ich jetzt gar nicht. Bin ich in einer Sektion? Früher habe ich viel in der Sektion für redende und musizierende Künste gemacht.
- Viel gemacht hat Elmar Lampson auch in der Anthroposophischen Gesellschaft. Lange Jahre war er aktiv in der Zweigarbeit und im Vorstand des Rudolf Steiner Hauses in Hamburg, baute die Eurythmie Schule Hamburg mit auf und war dort Dozent, baute die Orchesterakademie auf, das Musikseminar Hamburg, war auch Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Landesgesellschaft in Deutschland. An der staatlichen Musikhochschule, deren Präsident er jetzt ist, hatte er bereits in den 90er Jahren einige Semester eine Professur für Ensembleleitung Neue Musik. -
Einen sehr großen Teil meines Lebens habe ich wirklich tief in der anthroposophischen Arbeit gesteckt. Was Anthroposophische Gesellschaft ist, das kenne ich sehr von Innen heraus. Ich habe die Erfahrung, wie das ist, wenn man so lebt, dass das die einzige Welt ist, in der man lebt. Allerdings, als Komponist habe ich mich immer ausschließlich als Musiker gefühlt. Ich war noch ein junger Spund, um die 25 Jahre alt, da wollten sie mich in einem Katalog für anthroposophische Komponisten bringen. Da habe ich gesagt: In einen Katalog für gute Komponisten gehe ich gerne. - Nicht, weil Anthroposophen keine guten Komponisten wären, sondern weil ich das nicht als eine Kategorie dafür empfunden habe, nichts, was man in dieser Art zusammenfügen sollte. Als Musiker habe ich sehr früh meine Kontakte überall dahin gewendet, wo interessante Leute waren, habe mit vielen mir wesentlichen zeitgenössischen Komponisten zusammengearbeitet, habe in den 80er Jahren ein Festival für zeitgenössische Musik aufgebaut in Hamburg und hatte von mir aus immer ein großes Interesse an allem anderen. Aber erst nach meinem 40. Lebensjahr bin ich in vollkommen neue Lebenszusammenhänge gekommen. Erst mal an die Universität Witten/Herdecke.
Das Anthroposophische ist nicht das anthroposophisch Gelabelte
Ist Witten/Herdecke eine anthroposophische Universität?
Je weiter man von Witten weg ist, um so mehr denken die Leute, es sei eine anthroposophische Universität. Aber das ist sie wirklich nicht.
Aber es leben dort doch Grundlagen, die mit Anthroposophie zusammenhängen? Die Anthroposophie gehört zur Gründungsgeschichte dieser Universität, und es sind einige Grundgriffe in der Gründungszeit gemacht worden, die so gut waren, dass sie sich mit allen Veränderungen der Hochschule mit entwickeln konnten und die so weitsichtig waren, dass sich auch die unterschiedlichsten Menschen damit verbinden können.
- Zu diesen Grundgriffen zählt zum Beispiel auch das Studium fundamentale, eine Auseinandersetzung mit künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Fächern wie Kunst, Musik, Philosophie oder Literatur, die parallel und prüfungsrelevant integriert ist in Hauptstudiengänge wie Medizin oder Wirtschaftswissenschaft. Kein Abschluss, keine Promotion oder Habilitation ohne einen eigenständigen Vortrag aus einem Bereich des Studium fundamentale. -
Dadurch ist der Perspektivwechsel in alle Studiengänge eingebaut.
Kunst, das hat dann nicht den Touch aus dem Anthroposophischen?
Nein, warum auch? Kunst ist eine freie, gesellschaftliche Sache. Übrigens ist das »Anthroposophische«, das irgendwo einen »Touch« hinterlässt, auch nicht das, was ich unter Anthroposophischem verstehe, denn für mich ist das Anthroposophische selbst eine freie, gesellschaftliche Sache. - Und Kunst, Musik usw. gehören in Witten mit Selbstverständlichkeit in das Programm des Studium fundamentale, nicht nur um ihrer positiven Auswirkungen willen, die sie auf die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden haben, etwa, weil sie intelligent, durchlässig oder feinfühlig machen - alles das sind sekundäre Ebenen. Das Primäre ist: Wenn man etwas von der Musik haben will, muss man sich für die Musik interessieren. Nicht: Musik macht intelligent, sondern: Musik ist selber intelligent. Unter diesem Gesichtspunkt blüht die Kunst dann auch.
Und doch noch mal die Frage: Konzipiert und gegründet wurde die Universität Witten/Herdecke von Anthroposophen, was ist das Anthroposophische an ihr?
Spiritualität als Wirklichkeitsbezug
Für mich steckt in dieser Frage schon ein Miss verständnis. Als ob es dieses Anthroposo-phische so gäbe und so geben könnte wie ein Label. Und als ob es da, wo es das offensichtlich zu geben scheint, dann das Anthroposo-phische wäre - als könne es Geistiges vergan-genheitsorientiert, abgeschlossen geben! Anthroposophie fängt da an, wo Prozesshaftes entsteht. Insofern ist das Anthroposophische nie das anthroposophisch Gelabelte. Sondern es ist eine bewegliche Qualität des individuell Menschlichen. Und das taucht in den schöpferischen Prozessen, in den Schicksalsnetzen, in den Arbeiten auf und vergeht und entsteht und vergeht und verändert sich. Da ist jede menschliche Begegnung etwas Neues.
Die Qualität des individuell Menschlichen kann man als Anthroposoph das Anthroposophische nennen, aber als Nicht-Anthroposoph kann man es auch anders nennen - oder gar nicht.
Viele Anthroposophen würden jetzt auch sagen, das Anthroposophische sei natürlich noch viel mehr als das individuell Menschliche.
Anthroposophie ist eine Kultur
Ist das Anthroposophische etwas, das zu dem, was Sie nennen, besonders befähigt, eine besondere Qualität darin darstellt? Es ging der Ruf um: »Hier wird ein Anthroposoph Präsident der Musikhochschule«. Da schwingt die Frage mit, was denn das Anthroposophische sei, was ein Anthroposoph an Merkwürdigkeit mitbringt, an Besonderheit und auch an Zugehörigkeit.
Und deswegen sage ich, wenn diese Frage kommt: Anthroposophie ist eine Kultur. Ich komme aus einer anthroposophischen Kultur und kenne ihre Grenzen, kenne ihren Geruch, ihre Farbe, ihre Stimmung und kenne ihre Mythologie. Das Wort Mythologie möchte ich gleich in Anführungszeichen setzen; »Mythologie« in Ermangelung eines passenden Wortes. Aber Mythologie ist etwas außerordentlich Tiefes, mehr als Glauben oder Philoso-phie, und letztlich immer Kultur bildend. Wie hinter der griechischen Kultur eine Mythologie gestanden hat, aus der heraus ein Plato oder Aristoteles dann abstrakte Gedanken formuliert haben, so ist das Anthroposophische solch eine farbige Schicht der Umkehr von unmittelbaren, nicht sprachlichen, nicht begrifflichen inneren Erfahrungen an den Grenzen des Denkens zu begrifflich und sprachlich fassbaren Gedankenformen.
Sagen Sie noch etwas zu der Umkehr. Erst mal sage ich, Anthroposophie ist eine Kultur. Das merkt man, wenn man durch die Welt fährt. Jede Waldorfschule erkennt man als Waldorfschule. Das ist ähnlich, wie wenn man etwa in Amerika einen Kirgisen oder Ungarn trifft, dann merkt man auch: das ist ein Kirgise oder Ungar. Aber beispielsweise Aitmatow oder Bartók wurden Weltbürger, an die sich jeder anschließen kann, egal aus welcher Kultur er kommt, und die sich ihrerseits auch auf jede andere echte Kultur beziehen können. Sie bleiben Repräsentanten ihrer Kultur und sind gleichzeitig Weltbürger geworden. Überall da, wo noch umfassende, das ganze Leben durchdringende Kulturen da sind, ist das eine menschliche, eine innere Heimat. In diesem Sinne ist Anthroposophie eine zu Beginn des 20. Jh. entstandene neue Kultur. Allerdings hat sie auch uralte Wurzeln. Wenn man diese Kultur nicht kennt, meint man, ihr Zentrum wäre eine Lehre. Sogar viele Anthroposophen beschreiben sie als eine Lehre. Aber als eine Lehre wäre sie nur Teilaspekt, Kommentar zu einer Kultur. Im Innern einer Kultur ist ihr Wesen, ihre Identität, ihre Geschichte, ihre Mythologie und ihr unmittelbarer Anschluss an die Zeit, in der sie entstanden ist.
Kultur, ja, Geschichte sowieso. Anthroposophische Mythologie?
Die Schriften von Rudolf Steiner sind immer in nachvollziehbaren Gedankenformen formuliert. Man muss sie mit einem eigenständigen und klaren Denken durchdringen. Sie führen dann aber in eine Ebene von Bild, von Ton, in die Ebene eines Bewusstseins, das sich zwar der begrifflichen Gedanken- und Sprachformen bedient in der Er kenntnisbildung und Kommunikation, aber nicht in ihnen aufgeht. Und diese nicht darin aufgehenden beweglichen, wahrnehmenden Bewusstseinsformen können wiederum jederzeit in begriffliche, von Logik geprägte Gedankenform zurückfinden. Diese Ebenen greifen ineinander, sind aber nicht miteinander identisch. So ist die anthroposophische Gedankenart ein Stilelement, das über die Gedankeninhalte hinausgreift.
Mythologie nicht in Form der vorhandenen Bilder, sondern im Sinne einer Denkweise? Im Sinne einer Denkstimmung, die denkend mehr erfassen und verstehen kann, als nur die Inhalte der Begriffe. Ich möchte es noch mal anders sagen: Ob es die griechische Mythologie ist oder die Bibel oder das Steinersche Werk: Sie finden Sätze, die, sogar aus dem Zusammenhang genommen, auf jede Lebenssituation zutreffen können. So findet man für jede Situation des Lebens aus den Bildern der Mythologie etwas, was mehr über die Lebenssituation sagt, als jede psychologische Theorie. Zum Beispiel trifft auf die meisten künstlerischen Entstehungsprozesse das Bild der Geburt des Apollo zu: Nie ist Zeit dafür, es ist ein irgendwie unlegitim zustande gekommenes Kind, der Erde wurde der Schwur abgenommen, dass die junge Mutter ja nirgendwo mit ihm niederkommen kann - wie sollte sie also. Und dann kommt ein Stückchen neue Erde, die nur für diesen Moment und vollkommen unvorhersehbar entsteht. Und da kommt sie nieder, da ist das Kind geboren. Da merkt man, das kommt aus einem höheren Zusammenhang, der in sich stimmig ist.- Die Besonderheit der Anthroposophie ist ihre Transparenz für das denkende Bewusstsein. Sei es in der inneren Dynamik ihrer Aussagen über Reinkarnation und Karma, über das nachtodliche und vorgeburtliche Leben und deren kosmische Dimension, über die Wesensglieder des Menschen - sie inspiriert zu einer Kultur bildenden Praxis auf allen Lebensgebieten.
Dann meinen Sie mit Mythologie aber doch das Wechselspiel zwischen Bildern, Zusammenhängen, die dort stehen wie die Götter, und dem, wie sich das in der eigenen Denkbewegung realisiert. Was die Kunst ausmacht, kann nur durch einen selber kommen. Es kann nicht ersetzt werden durch Vorgaben, durch Inhalte beispielsweise aus der Gedankenführung Rudolf Steiners, durch eine schon geschaffene Kunst quasi. Kann die Gedankenführung bei Steiner als Kunst erlebt werden? Ich glaube, dass Steiner ein Mensch war, der immer und überall an Konkretes angeknüpft hat. Er hat seine Anregungen und Impulse immer in konkreten Bezügen entwickelt. Diese Entwicklungen verliefen quasi selbst in Form von künstlerischen Prozessen und können deshalb auch über die Formen, die sie zu Steiners Zeiten hatten, hinauswachsen. Es gibt das Missverständnis, man könne die Anthroposophie als festgelegtes System verstehen. In Wirklichkeit ist sie so etwas wie ein künstlerisches Know-how in Bezug auf die Entwicklung einer menschlichen Kultur. Und es gibtdoch so viele Möglichkeiten, gemeinsam mit ganz verschiedenen Menschen, die aus den unterschiedlichsten Richtungen kommen können, an einer solchen Kultur zu arbeiten!
Die Kunst kommt aus der Kunst
Und was ist das Künstlerische daran? Dass da dieser Faktor von Authentizität ist, der wie neu als Lebensform dasteht? Was sich auch sofort dem Anspruch entzieht, ein anderes Kunstwerk müsste wieder so sein wie das.
Und was sich in sich selber beweist. Was auch nicht unbedingt zweifelsfrei stimmen muss. Sondern wo das, was sich bildet und entbildet in den gelungenen Momenten in eine ganz andere Schicht trifft, in der es diese Frage so gar nicht mehr gibt.
Die Frage gibt es dann nur äußerlich, wie die Frage: Wie, das soll Kunst sein? Ob jemand ein Künstler ist oder gute Kunst macht oder nur künstlerisch tätig ist, hängt von der biografischen Konsequenz ab, mit der er mit diesem Punkt lebt, in dem er nur ganz allein mit der Sache ist. Wenn es - in diesem Sinne, in dem wir jetzt zusammen sprechen, ohne es zu definieren - wirkliche Kunst ist, wird er es auch nie ganz bestätigt wissen. Denn weder der große Erfolg noch der große Misserfolg wird ihm da von Außen eine endgültige Sicherheit geben.
Damit ist viel gesagt auch über anthroposophische Kunstausbildung. Es wird nicht frei, wenn es an anthroposophische Hintergründe gebunden bleibt. Aber auch nicht, wenn die mal mutig weggelassen werden. Die Kunst kommt aus der Kunst und illustriert nichts, auch kein Wesen der Farbe oder so was. Es gibt den Satz: Die Mutter der Kunst ist die Kunst, der Vater ist das Leben. Auf der Ebene kann Anthroposophie zum Beispiel sie bereichern. Vielleicht ist es auch eine substantielle Ergänzung. Ist die Ergänzung aus verschiede-
nen Wissensbereichen das Anthroposophische?
Das ist nicht das Anthroposophische, sondern das ist nur etwas ganz Normales im Sinne der europäisch-humanistischen Bildung. Kunst braucht doch auch keine Bereicherung oder Ergänzung, sondern eher Kontexte, Zusammenhänge, auf die sie sich beziehen kann. Das Anthroposophische - würde ich viel radikaler sagen - ist eine Schicksalsebene. Und eine Bereitschaft, alles, was nur angelesenes Wissen ist, los zu lassen in dem Vertrauen darauf, dass ich als individueller Mensch sowieso nur mit dem wirke, was ich bin und mit dem, was durch Übung zur Fähigkeit geworden ist. Was ich selbst aus mir gemacht habe, das schafft neues Schicksal, neue Zusammenhänge.
Das Umgekehrte wäre, dass jemand, der anthroposophischen Zusammenhängen neu begegnet, das Gefühl bekommt, er müsste erst mal bestimmte Formen übernehmen, um dazuzugehören.
Anthroposophische Gesellschaft
Ist das nicht Schnee von gestern? - Wenn ich jemandem begegne ist die einzige Frage, die mich interessiert: wer bist du, was bildet sich neu?
Anthroposophische Gesellschaft als eine Gesellschaft, die ist, was selbständige Menschen sind? Und zur Selbständigkeit als Mensch gehört die spirituelle Auseinandersetzung. Aber was ist das als Gesellschaft? Auf welcher Ebene von Realität ist das Gesellschaft? Nicht als die Organisationsstruktur, die Sektionen, die Klasse; die zweite und dritte Klasse gibt es z.B. nicht, weil Rudolf Steiner vorher gestorben ist. Was da an gutem Geist frei würde, wenn man einfach die Kraft hätte zu sagen: Da war ein Bruch! Überall ist unser europäisches Geistesleben von Brüchen geprägt, und Spiritualität gibt es da, wo es einen starken Wirklichkeitsbezug auch gegenüber dem Scheitern gibt. Schaut man von einer bestimmten Perspektive aus in diese Anthroposophische Gesellschaft hinein, so ist sie etwas Altes, Absterbendes. Von einer anderen Richtung aus gesehen durchdringt sie unsere heutige Kultur. Und zwar in einer ganz fraglosen Art. Zwar weiß man nicht genau, was Anthroposophie ist, aber ganz genau kann man und muss man es auch gar nicht wissen. Was soll sie auch noch mehr sein, als ein Ausdruck einer tief menschlichen Kultur? Und das ist sie überall da, wo sie nicht durch zu enge Organisationsideen und die Schatten, die der einseitige Intellekt auf sie wirft, geprägt wird. Ich sage nicht, dass man all die alten anthro-posophischen Formen abschaffen muss. Man sollte sie da, wo sie sich nicht erneuern und weiterentwickeln wollen, in Ruhe - ja, in Ruhe sterben lassen.
Das Alte hat seine Berechtigung. Was ist für Sie das Aktuelle?
Die anthroposophische Gesellschaft ist an der Stelle interessant und überzeugend, wo ihre Mitglieder, Freunde, Partner identisch sind mit ihren anthroposophischen Lebens- und Arbeitsformen, die sie sich selbst gewählt haben, wo sie offen für Neues sind, auf andere Menschen zugehen - und interessante Projekte machen. Dem Alten gegenüber bleibt immer Takt und Respekt angebracht. Das einzige Element, gegen das ich eine tiefe Skepsis habe, sind anthroposophische Leitungsfunktionen, aus denen ein esoterischer Anspruch abgeleitet wird. Organisatorische Macht und Verantwortung gepaart mit einem esoterischen Anspruch ist eine brisante Mischung. Je nüchterner und dialogfähiger anthroposo-phisches Leben koordiniert ist, um so mehr wird man spüren: Dahinter steht nicht nur ein konventioneller Vorstand, sondern eine Gruppe, von der wirklich etwas Spirituelles ausstrahlt. Aber diese Chance verbaut man sich, wenn man dieses spirituelle Ausstrahlen institutionalisiert und Leitungsfunktionen in der anthroposophischen Gesellschaft so sehr mit Bedeutung auflädt. Wer immer von sich selbst behauptet, etwas Esoterisches zu sein,
kann das so gar nicht werden. Spiritualität und geistiges Leben entstehen durch Freilassen und auf indirekten Wegen. In der Anthroposophischen Gesellschaft gibt es eine geradezu frappierende Neigung, sich selbst ins Defizit zu versetzen. Man schafft eine Form, die einen so hohen Anspruch setzt, dass niemand jemals eine Chance haben wird, ihm gerecht zu werden. Ich würde all diese Ansprüche herunterfahren und mich an dem freuen, was wirklich entsteht, ohne immer auf das zu schielen, was eigentlich sein sollte.
Das haben Sie zum Beispiel in der Uni Witten/ Herdecke gemacht, in dem Sie die ständigen Konferenzen und Treffen zur Gemeinschaftsbildung abgesagt haben und festlegten, dass man sich nur noch trifft, wenn man sich wirklich etwas zu sagen hat. Da wurde es spannend. Bis dahin beherrschten die Treffen Probleme, die keiner vorher hatte und die hinterher keinen mehr interessierten. Gibt es auch in der Anthroposophischen Gesellschaft zu viele Treffen mit einem Festhalten an hermetischen Themen? Ist ein Problem der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, dass sie sich auf esoterische Texte von Rudolf Steiner beruft und zu wenig im Dialog auf gleicher Augenhöhe stattfindet?
Anfang der 90er Jahre habe ich mir die Auseinandersetzungen um die Veröffentlichung der Hochschultexte staunend angehört und gedacht: Warum redet ihr immer nur vom Scheitern und seht nicht, welch riesige Chance hier besteht? Ja, da ist etwas gescheitert. Aber in einer grandiosen Art gescheitert, wie eigentlich alles im christlichen Raum. - Auch jedes Kunstwerk ist das Scheitern eines besseren, das hätte entstehen können.
Logisch ist es erst im Nachhinein
Was ist das Grandiose daran? Ich könnte Ihnen jetzt eine Geschichte erzählen von einem Kunstwerk, einer Installation, die nie aufgebaut worden ist von dem Künstler, weil er gestorben ist. Und gerade darin, dass die Teile der Installation vorhanden sind, von Museen gekauft, aber nicht vom Künstler selbst zum Kunstwerk aufgebaut, liegt der Originalcharakter des Kunstwerkes, und zwar als Option zum Aufbau für jeden Menschen. Das Kunstwerk enthält seine Unaufgebautheit und die Aufforderung zum Aufbau, an dem jeder Mensch notwendiger Weise Künstler ist. Das finde ich grandios. Rudolf Steiner hatte für die »Freie Hochschule für Geisteswissenschaft« drei Klassen geplant, für einen Schulungsweg hin zu übersinnlicher Erkenntnis. Nun ist er gestorben und es gibt nur die Texte für die erste Klasse und die werden vorgelesen. Das weitere gibt es nicht. Was ist denn nun das Grandiose daran? Stellen Sie sich mal vor, das würde es tatsächlich in seiner Vollständigkeit geben. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich wünschen würde.
Wenn es das auch für die zweite und dritte Klasse von Steiner selbst geben würde ... Ich finde den Versuch begeisternd, die Andeutung, die Geste, so ein Bild zu haben, einen Ansatz zu machen und die Durchführung in der Option zu lassen ... ... die Menschen damit zu verschonen, dass es wie ein Lehrplan oder überhaupt in einer Form schon da wäre ..., ... aber diese Form schon mal vorausgedacht und gesehen zu haben und anzuerkennen, dass die Lebenswirklichkeit davor zurückgezuckt ist und unsere Wirklichkeit in einer freien Differenz dazu nehmen zu können -das finde ich sehr inspirierend.
Das Kunstwerk, von dem ich sprach, ist dann im Museum aufgebaut worden, als wäre es von dem Künstler, der aber schon gestorben war. Es steht auch nicht dran, wer es denn wirklich aufgebaut hat. Es ist halb nach eigenem Geschmack, halb restauratorisch aufgebaut vom Kurator. Das ist nichtssagend und eben nicht das Original, das darin besteht, dass jeder, der damit umgeht, selbst in die Verantwortung als Künstler gerät. Das Kunstwerk ist eigentlich die Ingangsetzung des Prinzips der Kunst. Das verstehe ich nicht genau.
Was ich mir vorgebe an Form und dann füllen soll, das geht immer daneben. Weil diese Mentalität nie eine schöpferische ist, nicht einer Notwendigkeit folgt, sondern eben dem Vorgegebenen. Kunst spielt offensichtlich eine entscheidende Rolle, um nicht ins Formalistische zu geraten. Was begegnet einem denn nun in der Kunst?
In der Kunst begegnet einem ein Lebensprinzip, das dem Prinzip der Biografie ähnlich ist. Logisch ist es erst im Nachhinein. Durchschauen lassen sich ihre Formen immer nur im Rückblick. Sie werden nie prognostizieren können, was Mozart im nächsten Takt macht, aber wenn der nächste Takt da war, ist es ganz klar, dass es - nicht die einzige, aber - die Möglichkeit gewesen ist, die bezogen aufs Ganze die Physiognomie der Sache am klarsten zur Erscheinung bringt. Und ich glaube, dass das ein sehr scharfer Unterschied ist zum Technokratischen und Bürokratischen. Da will man ja immer ableiten, da will man prognostizieren und eine sicher planbare Zukunft haben.
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Bliebe noch zu sagen, dass
Elmar Lampson
in seinem neuen Amt auch eine Abteilung
Rockmusik und den großen Bereich Elektronische
Musik zu betreuen hat. Bekanntermaßen
nicht die favorisierten Disziplinen im anthroposophischen
Kulturverständnis. So ging die
Befürchtung um, jetzt ginge es wohl
gerade diesen Errungenschaften
zeitgenössischer Mu
sik an den
Kragen. Dazu sagt Elmar Lampson und dies vielleicht als Fazit:
- Mir geht es darum, ob die Leute erstens dialogbereit sind und zweitens sich entwickeln wollen. Wenn sie in ihrer Sache stur sich um sich selbst drehen, dann werde ich sie nicht so richtig interessant finden.
Dieses Gespräch entstand im Zusammenhang mit der Broschüre «Anthroposophischen Gesellschaft« im Auftrag der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Deutschen Landesgesellschaft. Bezug über: Anthroposophsche Gesellschaft in Deutschland, Zur Uhlandshöhe 10, 70188 Stuttgart, Tel. 0711-1643121, Fax 1643130