Die Drei 07 / 2005

 

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Christian Hiß
Freiheit und Landwirtschaft?
Auf dem Weg zu einer Agrarkultur, die sich »lohnt«
 

Eine zeitgemäße - vierte -Agrarkultur entsteht aus den individuellen Erkenntnissen und Einsichten des Landwirtes in der Auseinandersetzung und im Umgang mit Natur und Kultur. Doch was in der Anthroposophie so angelegt ist an schöpferischem Kapital, ist in der real existierenden biologisch-dynamischen Landwirtschaft kaum verwirklicht. Am bedenklichsten ist die Vereinheitlichung der Auslegung biologisch-dynamischer Kriterien und ihrer Kontrolle. Damit hat man eine Kategorie geschaffen, die außerhalb des Schöpferischen liegt.
 

Was heißt Fortschritt?
1992 schrieb ich einen kleinen Aufsatz mit dem Titel »Von der Möglichkeit zurückzukehren«. Es war eine persönliche Stellungnahme gegen den Denkzwang, dass die Landflucht monokausal die Folge einer unrentablen Landwirtschaft sei. Bis dahin hatte ich mich schon einige Jahre lang mit dem Phänomen des so genannten Strukturwandels in der Landwirtschaft auseinandergesetzt. Ich führte damals zusammen mit meiner Frau schon seit 10 Jahren selbständig einen landwirtschaftlich-gärtnerischen Betrieb in Eichstetten am Kaiserstuhl. Dieser war aus dem elterlichen Hof hervorgegangen, der seinerseits schon 1956 auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt worden war. Wir praktizierten damit eine sehr unübliche Form der Hofnachfolge. Unser Betrieb wurde praktisch aus dem Elterlichen heraus neu geschaffen. Wir arbeiteten nicht einfach bei den Eltern mit, in Konkurrenz um Macht und Verantwortung, sondern waren im Alter von 20 Jahren unternehmerisch selbständig. Die Eltern blieben auf ihrem Betrieb ebenfalls selbständig. So zog sich die Hofübergabe über 17 Jahre bis zum Tode meines Vaters hin und ließ beiden Seiten ihre Freiräume.
Dass dies gedacht und zugelassen werden konnte, hatte seinen Grund in dem Menschenbild, das meine Eltern durch jahrzehntelange anthroposophische Arbeit errungen hatten. Die frühe unternehmerische Selbständigkeit und die mit ihr verbundenen Freiräume waren Voraussetzung dafür, dass ich überhaupt in der Landwirtschaft bleiben konnte. Wir hatten zunächst nur einen ganz kleinen Betrieb, denn parallel zur Gründung des Unternehmens begann ich den zweiten Bildungsweg mit dem Ziel das Abitur nachzuholen - und später zu studieren. Ich wollte eigentlich gar nicht Landwirt und Gärtner werden, sondern hatte den starken Wunsch etwas ganz anderes zu machen. Inzwischen weiß ich, dass dies in allererster Linie auf den notwendigen Bruch mit der Tradition zurückzuführen war und mit einer Ablehnung des Gärtnerberufs eigentlich gar nichts zu tun hatte. Ich musste ja nicht nur mit der landwirtschaftlichen, sondern auch mit der biologisch-dynamischen Tradition brechen.
Wie konnte ich in dieser Ausgangslage mein Eigenes finden? Wie konnten meine eigenen Entwürfe aussehen, wenn die Eltern schon ein so hohes Maß an ethisch-moralischer Veränderung und Integrität in ihrem Schaffen erreicht hatten? Es ist zu beobachten, dass viele meiner Kollegen mit der Tradition brechen, indem sie auf Öko- oder Demeterlandbau umstellen, und sich dadurch selbst als Individuum erleben, welches die freien Entscheidungen sucht.
Im Gegensatz dazu unterbindet die klassische Hofnachfolge, wo Großeltern, Eltern und die nachfolgende Generation im gemeinsamen Verantwortungsraum arbeiten, die eigenen Entwürfe und die Selbsterfahrung an deren Umsetzung; man reiht sich als Mensch in seine Ahnenreihe ein. Da spielt es übrigens keine Rolle, wie der Hof bewirtschaftet wird. Demeterbetriebe unterliegen diesem Phänomen mindestens genauso, wenn nicht sogar in einem stärkeren Maße. Der eingangs erwähnte Aufsatz »Von der Möglichkeit zurückzukehren« belegt, dass die viel zitierte Landflucht ihre primäre Ursache in der Suche nach den eigenen Lebensentwürfen hat - und nicht, wie immer behauptet wird, aus in erster Linie ökonomischen Gründen erfolgt. Diese sind nämlich die Folge fehlender Freiräume und der ihnen folgenden Ideenlosigkeit.
Den Wunsch nach einem anderen Beruf stellte ich mit dem abgeschlossenen Abitur in den Hintergrund. Der Betrieb war inzwischen größer geworden und ein eigener Zugang zu dieser Arbeit gewachsen. Die Entscheidung, Landwirtschaft als Beruf zu betreiben, war somit in gewisser Weise frei. Nicht die Nachfolge stand zur Entscheidung, sondern die Umsetzung der eigenen Ideen und Entwürfe.
Als ich 1990 eine Exkursion in die Niederlande unternahm, hatte ich also bereits acht Jahre Erfahrung mit einem eigenen Betrieb. Während dieser dreitägigen Exkursion lernte ich eine Nahrungsmittelproduktion kennen, die mich tief betroffen machte. Schon 1990 wuchsen dort 97% der Fruchtgemüse auf Mineralwolle, wurden also erdelos kultiviert, und ich erfuhr, dass ein großer Teil des Gemüsesaatguts, das in Europa verwendet wurde, in Saudi-Arabien hergestellt wird. Ich musste erkennen, dass es den holländischen Kollegen wirtschaftlich und seelisch keineswegs besser ging als den Landwirten und Gärtnern in unserem Land. Im Gegenteil, die Suizidrate war und ist unter holländischen Gärtnern besonders hoch. Holland galt ja lange als das fortschrittlichste Agrarland in Europa. Es gibt dort überwiegend große, spezialisierte Betriebe, die technisch auf dem neuesten Stand sind und Erträge erwirtschaften, die im Gärtnerischen bedeutend höher liegen als bei uns. Den holländischen Kollegen hätte es also glänzend gehen müssen, wenn man den Schlüssel für Perspektive, Zuversicht und Lebenssicherheit im technischen Fortschritt vermutet. Nach dieser Erfahrung stellten sich mir neue Fragen: Was heißt eigentlich Fortschritt? Stimmt unser Fortschrittsbegriff? Sind Produktionsformen mehr als Wirtschaftsformen, sind die unterschiedlichen Produktionsformen vielleicht sogar Lebensformen? Diese Fragen wurden zentral für mich und aus der Auseinandersetzung mit ihnen resultieren sämtliche Erkenntnisse und Entwürfe für die Landwirtschaft, die ich heute als fortschrittlich und sinnvoll ansehe und betreibe. Landwirtschaft ist für mich die Kulturform, die aus meinen individuellen Erkenntnissen und Einsichten in der Auseinandersetzung und im Umgang mit Natur und Kultur entsteht. Ich bezeichne dies als die vierte Form der Agrarkultur. Diese ist nie universell, sie ist immer individuell und ihre Kategorien sind zu allererst im Künstlerischen und nicht im Technischen zu suchen. Wenn es aber eine vierte Form gibt, so stellt sich die Frage nach der ersten, zweiten und dritten. Wie sehen die anderen Formen aus und worin unterscheidet sich die vierte Form von ihnen?
 

Überlebenssicherung im Kampf gegen die Natur

Die alte, überlieferte Landwirtschaft - ich nenne sie die erste Form - war festgelegt. Ich rieche und fühle sie noch heute. Als ich 1961 zur Welt kam, gab es noch 1100 Milchkühe bei uns im Dorf, mit einem Durchschnittsbestand von 3 bis 4 Kühen pro Stall. Heute gibt es so gut wie keine mehr. Wir sind fast die Einzigen, die noch oder wieder Vieh haben. In dieser Wirtschaftsform waren die Arbeitsabläufe genau festgelegt und der Jahreslauf bestimmt durch die Tätigkeiten, die von allen im Dorf im Gleichschritt und auf die gleiche Weise ausgeführt wurden. Auch die Hierarchie im Dorf war festgelegt. Es gab zwei oder drei Persönlichkeiten im Dorf, die Führungsautorität besaßen und auf die geschaut wurde. Schritten sie zur Tat, dann war die Saison eröffnet, vorher nicht. Keiner wagte es, die überlieferten Rituale zu brechen. Das bestimmende Motiv dieser Lebensform war, das Überleben zu sichern, Hunger und Elend abzuwenden und im besten Fall zu Wohlstand zu gelangen. Alle Überlegungen und Handlungen galten der Herausforderung, aus den vorhandenen Mitteln das Beste herauszuholen. Dabei waren die Mittel - »die Ressourcen« würde man heute sagen - im System selbst vorhanden. Die Natur war nur Mittel. Sie wurde durch das Okular der Nützlichkeit, des Nutzenbringens betrachtet. Man sah genau, wo der Boden gut oder schlecht war, ob das Getreide gut stand oder schlecht, der Behang an den Reben einen guten Wein versprach oder ob das Vieh gesund war oder darbte. Dieser Blick war überlebenswichtig, denn ein guter Ertrag sicherte die Existenz über den Winter bis ins nächste Jahr. Dass jemand einen Vogel oder eine Pflanze, die keine landwirtschaftliche Bedeutung hatten, beim Namen kannte, war allerdings die Ausnahme. Man hatte keinen Abstand zur Natur, sondern man lebte in ihr und von ihr, und gegebenenfalls litt man unter ihr. Der Alltag war Kampf gegen die bedrohlichen, elementaren Kräfte der Natur. Das muss man verstehen, wenn man die auch heute noch überwiegend ablehnende Haltung der Landwirte gegen den Natur- und Umweltschutz begreifen will. Landwirtschaft war immer die Bemühung, durch Kulturmaßnahmen der Natur etwas abzuringen.

 An die Stelle der Dorfautorität tritt die Wissenschaft

Mit dem Einzug der Mineraldüngung und der Sekundärenergie Anfang des letzten Jahrhunderts bekamen die Bauern dann neue Mittel an die Hand. Die Gesetzmäßigkeiten des naturimmanenten ewigen Auf- und Abbaus wurden gesprengt. Die bis dahin gültigen Regeln verloren ihre Geltung. Die Erfindung des Kunstdüngers und des Verbrennungsmotors bereitete der industrialisierten Landwirtschaft den Weg. Die systemimmanenten Begrenzungen fielen. Die effizienten kleinbäuerlichen Strukturen lösten sich auf. Es wurden größere und vor allem spezialisierte Betriebe geschaffen. Die zweite Form war entstanden.
Allein das Arbeitsmotiv, durch Tüchtigkeit im Kampf gegen die Natur den Wohlstand zu sichern, ist bis heute gleich geblieben. Die Mittel schienen auf einmal unbegrenzt verfügbar. Die Banken gaben Kapital, die Industrie synthetisierte den Stickstoff, die Experten züchteten das Saatgut, die Traktoren und Maschinen wurden größer und schlagkräftiger. Die chemischen Spritzmittel halfen, die elementaren Kräfte der Natur in Schach zu halten. Die grüne Revolution gab den Menschen Mittel an die Hand, mit denen sie mit den alten Motiven weiterarbeiten konnten, dabei aber wesentlich effektiver wurden. Die Industrie stürzte sich auf die Ressourcen, um an der Zulieferung Geld zu verdienen. Dies hat dazu geführt, dass die Insel Trinidad in der Karibik heute der weltgrößte Exporteur von Stickstoffdünger ist, dass es in Deutschland keinen Gemüsezüchter mehr gibt, das Saatgut für Gemüse aus China, Südamerika und Australien kommt, die landwirtschaftliche Produktion vollständig von Erdöl abhängt und die Arbeitskräfte vorwiegend aus östlichen Ländern kommen. Was bis heute dieser zweiten Form anhaftet, ist die Hörigkeit gegenüber Wissensautoritäten. An die Stelle der Dorfautorität trat die Wissenschaft, mit ihr die Wissenschaftssprache und die Industrie. Sie bestimmt heute mit ihren Erkenntnissen, Entwürfen und ihrer Sprache die landwirtschaftliche Praxis. Vor etwa einem Jahr wurde in einer Umfrage unter Bauern und Gärtnern ermittelt, aus welcher Quelle diese ihr Praxiswissen beziehen. Etwa 10 Parameter standen zur Auswahl, Fachzeitschriften wurden angeführt, daneben staatliche Beratung, Internet usw. In der Auswertung war zu sehen, dass die befragten Kollegen angaben, lediglich 1 % ihres Wissens aus der eigenen Beobachtung zu beziehen.

Technologen erobern die Ökobewegung
In der Entwicklung der Industrialisierung gab es in den siebziger Jahren einen Einschlag. Mit der Ökobewegung bekam die Natur einen anderen Stellenwert, einen Eigenwert. Die Fronten wurden gewechselt. Die Natur wurde nicht länger als dem Menschen feindlich betrachtet, vielmehr galt der Mensch plötzlich als Feind der Natur. Es stellten sich Menschen vor die Natur, um sie zu verteidigen. Naturschutzgebiete entstanden, aus denen der Mensch ausgegrenzt wurde. Man verlangte unbelastete, giftfreie Nahrungsmittel.
Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass bei vielen ein sentimentaler Naturbegriff zugrunde lag. Die Natur wurde zu etwas Abstraktem. Sinnbild für diese Abstraktion ist das Bild des blauen Planeten, aus dem Weltraum fotografiert. Es war die Zeit, in der der Club of Rome »Global 2000« und Herbert Gruhl, Mitbegründer der Grünen, sein Buch »Ein Planet wird geplündert« herausbrachte. Seit dieser Zeit werden Naturschutzgebiete »konstruiert«. Natur wird zur Konstruktion, zum Labor. Im Zuge dieser Bewegung entstand der so genannte Ökolandbau, der aus Rücksicht auf die Natur den völligen Verzicht auf synthetische Hilfsmittel in der Nahrungsmittelproduktion proklamierte und durchsetzte. Eine neue Form der Agrarkultur, ich nenne sie die dritte Form, suchte und fand in diesen Zielen ihre Daseinsberechtigung. Die wesentlich früher entstandene biologisch-dynamische Wirtschaftsweise hatte nicht die äußerliche Verschmutzung der Umwelt oder eventueller gesundheitlicher Gefahren durch vergiftete Nahrungsmittel als Kernanliegen, sondern ging viel stärker von der Problematik eines drohenden Verlustes von Nahrungsmittelqualität durch die industrialisierte und in der Folge bewusstlose Landwirtschaft aus.
Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich die Fläche, auf der definiert ökologisch gewirtschaftet wird, vervielfacht und der Ökolandbau wird von Staatsseite anerkannt, gefördert und kontrolliert. Es werden Öko- und Energiebilanzen zur wissenschaftlichen Beweisführung der Vorzüge des Ökolandbaus erstellt. Fraktionen bilden sich für und gegen die Ansicht, dass ökologischer Landbau der zukunftsfähigere, weil nachhaltigere, ist. Ein Streit über den Gesundheitswert ökologischer Produkte entbrennt unter den Experten. Die Qualität wird als Merkmal in die Diskussion eingeführt und der Schutz der Umwelt ins Grundgesetz aufgenommen. Diese im historischen Vergleich neuen Paradigmen der Agrarkultur haben allerdings einen gewaltigen Pferdefuß, denn es zeichnet sich ab, dass die Technologen die Umweltschutzargumente für ihre Ziele nutzen und es zu einer hochtechnologischen Auslegung von umweltfreundlicher Nahrungsmittelproduktion kommt. Diese tritt zunehmend in Konkurrenz zu der, die wir meinten, als wir vor 30 Jahren die Forderungen nach mehr Rücksicht auf die Natur erhoben.

Landwirtschaft ohne Erde ...

Auf jener Reise nach Holland hatte ich dies zum ersten Mal deutlich wahrgenommen. Die erdelose Anbauweise, die dort, wie schon erwähnt, bereits vor zehn Jahren zu 97% praktiziert wurde, erhebt im Vergleich mit allen anderen den Anspruch, die umweltverträglichere zu sein. Diese Kulturmethode arbeitet im geschlossenen System, d. h. der Boden ist versiegelt und die Pflanzen wurzeln in einer Nährlösung, deren Überschüsse wieder in den Kreislauf zurückfließen und so ein Nitrateintrag ins Grundwasser verhindert wird. Computergesteuerte Sensoren regeln die Wachstumsfaktoren mittels genau abgestimmter Programme. Licht, Luft, Wasser und Nährstoffe werden der Pflanze in einer Präzision zugeführt, die die Handsteuerung bei weitem überragt. Die Erträge von Tomaten können dadurch gegenüber unserem Anbau bis ins Zehnfache gesteigert werden. In diese Steigerung lässt sich der gesamte Energieaufwand einrechnen, weshalb die Energie und Ökobilanzen auch zugunsten der Hochtechnologie ausfallen. Dies ist nur ein Beispiel. Ein weiteres, das die Entwicklung in diese Richtung belegt, ist die so genannte »Präzisionslandwirtschaft«, die gegenwärtig praxisreif gemacht wird. Sie funktioniert meist satellitengestützt. Die Äcker werden mittels GPS-Technik in virtuelle Schlagpläne aufgezeichnet und in einer Datenbank erfasst. Bevor Weizen eingesät wird, nimmt man Bodenproben, um festzustellen, wie viele Nährstoffe noch im Boden sind. Die Ergebnisse werden in die Datenbank eingegeben, danach fährt der Bauer, oder besser gesagt: der Traktorist mit dem Düngerstreuer über das Feld. Auf dem Traktor befindet sich ein Computer, der über Satellit mit der Datenbank im heimischen Büro verbunden ist. Der Schieber am Düngerstreuer reagiert nun je nach Datenlage und lässt viel oder wenig Dünger hinten heraus. Man nennt das »bedarfsgerechte und umweltgerechte Düngung«. Ist der Weizen schon höher gewachsen, wird eine so genannte »Kopfdüngung« ausgebracht. D. h. auf dem Traktor befindet sich ein Infrarot-Messgerät, das laufend den Chlorophyllgehalt des Weizenbestandes misst. Der Computer verrechnet die Daten und reguliert wiederum den Schieber am Düngerstreuer.
 

...und ohne Mensch

Ein anderes Beispiel aus dem Kuhstall: In größeren Ställen wird seit einiger Zeit ein Melkroboter installiert, der das Melkzeug am Euter anschließt, sobald die Kuh den Melkstand betritt. Die menschliche Hand ist nicht mehr beteiligt, es funktioniert alles mechanisch. Der Werbeslogan dazu lautet: Die Kuh wird gemolken, wenn das Euter drückt, nicht erst dann, wenn der Bauer Zeit hat. »Artgerechte« Haltung, in der die Kuh ihren natürlichen Trieben folgen kann und nicht mehr dem Menschen folgen muss, ist die moralisch-ethische Rechtfertigung für den Melkroboter.
Es wird zusehends deutlicher, dass Technokraten und Bürokraten die Definitionsmacht über die umweltbewusste Nahrungsmittelproduktion gewinnen. Sie zählen und messen und setzen Hochtechnologie ein, um das Ziel einer umweltgerechten Landwirtschaft zu erreichen. Schon 1998 bekamen die Tomatengärtner Niederrhein, ein Zusammenschluss von 13 Gärtnereien, die allesamt in Mineralwolle und in Ganzjahreskultur arbeiten, den Umweltschutzpreis des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen.
Es gibt unzählige Belege dafür, dass hier eine fatale Entwicklung im Gange ist, in der zwei »Laborsituationen« entstehen. Die eine erzeugt eine konstruierte Natur mit blühenden Landschaften, die von Landschaftspflegern nach den Gesetzen einer sich selbst überlassenen Natur gepflegt werden, die andere erzeugt Nahrungsmittel aus der Retorte auf besonders effiziente und schadstofffreie Weise. Die technischen Entwürfe, die in die Praxis umgesetzt werden, sehen geschlossene Systeme vor, die ohne den Handgriff eines Menschen funktionieren und hochertragsreich die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen. Die »Grüne Fee«, ein 1 ha großes Gewächshaus in Schleswig-Holstein, in dem Blattsalate am Fließband in 24 Tagen fertig gedeihen, beliefert bereits große Teile Norddeutschlands das ganze Jahr über mit eben diesen Blattsalaten im Topf. Es ist das Ziel der Technologen, einen Komplex zu erstellen, der in sich autark funktioniert. Mittels Recyclingwirtschaft und Sonnenstrom ist dies überall auf der Welt möglich. Warum macht die Natur das mit? Warum wachsen Tomaten ohne Erde so gut? Warum kann man Lebewesen durch Technik so stark beeinflussen? Diese Fragen unter anderen habe ich versucht in einem großen Forschungsprojekt in unserer Gärtnerei Ende der 90er Jahre zu klären. Ich war überzeugt, dass wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen um die Argumente zu finden, die uns weiterführen. Eine Gewissheit, die daraus entstanden ist, könnte ich so formulieren: Natur gerettet, Menschen verloren. Denn denkt man die Entwicklung konsequent weiter, so lässt sich ersehen, dass Mensch und Nahrungspflanze während ihres Wachstums nicht mehr in Kontakt stehen. Hochtechnologie korrespondiert mit ihnen. Hier entstehen Verluste, wahrscheinlich aber mehr für den Menschen als für die Pflanzen. Denn er verliert eine Möglichkeit sich als Mensch empfinden zu können, indem er den Pflanzen nicht mehr begegnen kann. Es hat mich tief beeindruckt, als ich dann las, dass Rudolf Steiner 1922 in einem Wiener Pfingstvortrag gesagt hat: »Das ist heute das, was in der geistigen Welt schwebt, als überragender Entschluss: Das Bündnis zustande zu bringen zwischen den ahrimanischen Mächten und den Naturkräften.«1 Peter Selg führt in seinem Buch »Krankheit und Christuserkenntnis« an dieser Stelle für die Medizin weiter aus: »So entsteht - nicht zuletzt mit Hilfe der ahrimanisierten Wissenschaft - progressiv jene Welt, die keinen Raum für biografische Werdeprozesse mehr gibt, das Individuum negiert, die Individualität des Menschen auslöscht.«2 Besser könnte ich das Resümee über die Agrarkultur, die sich gerade entwickelt, nicht formulieren.
 

Landwirtschaft als Entwurf des Inividuums

Es ist - wie ich meine - an der Zeit, das Augenmerk auf die von mir so genannte vierte Form zu richten, sie zu formulieren und zur Geltung zu bringen. Man könnte als Zeitgenosse nun einwenden: »Aber wir haben doch die vierte Form bereits, wir haben doch die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, wie sie im landwirtschaftlichen Kurs< von Rudolf Steiner skizziert wurde!« Doch muss ich diesen Einwand vehement zurückweisen. Wir haben sie und wir haben sie zugleich nicht. Was in der Anthroposophie angelegt ist an schöpferischem Kapital, ist in der real existierenden biologisch-dynamischen Landwirtschaft kaum verwirklicht. Am bedenklichsten ist die Vereinheitlichung der Auslegung biologisch-dynamischer Kriterien und ihre Kontrolle. Damit hat man eine Kategorie geschaffen, die außerhalb des Schöpferischen liegt. In der vierten Form der Agrarkultur ist einzig vom Menschen her zu argumentieren, und dies nicht einmal im Allgemeinen, sondern im Individuellen. Wir haben hier auch nicht von »dem Ich«, also von einem »Es« (d. h. Objekt) zu reden, sondern vom »Ich«, erste Person Singular! Nicht »Es ist«, sondern »Ich bin«. Es sind die philosophischen und spirituellen Kategorien, die aufgerufen werden müssen, um eine sinnvolle Landwirtschaft für die Zukunft zu beschreiben und zu gestalten. Ein erweiterter Landwirtschaftsbegriff ist notwendig. Wie sollte in einer reglementierten und überdies streng kontrollierten Landwirtschaft die moralische Phantasie entstehen können? Wie sollte der ethische Individualismus für einen nach Rezepten und Vorschriften handelnden Menschen überhaupt je erreichbar werden? Wo und wie kann sein Gewissen geschärft werden? Wo sind die Gegenstände und Fragen, an denen er sich entwickeln darf? Wo kann er noch Fehler machen, sie einsehen lernen und ausgleichen? Wo tritt er in Verbindung mit der Natur und Naturkräften, wenn Wärme, Licht und Wasser automatisch gegeben werden? Aus was soll sich die Natur in all ihren Stufen ernähren können, wenn Maschinen alleine den Zugang haben?
Will man zum Gegenbild einer entmenschlichten Landwirtschaft der Technokraten kommen, muss man eine ureigenst menschliche Tugend wachrufen, die moralische Phantasie. Dazu ist es notwendig alles, was mit der Tätigkeit des Landwirts und Gärtners zusammenhängt, auf den Prüfstand zu stellen. Woher beziehe ich den Stickstoff? Woher das Saatgut? Wie steht es mit dem Energieeinsatz? Macht das Sinn so, wie ich das mache? Und wie soll es sein, wenn nicht so, wie es ist? Beantwortet man die Fragen gewissenhaft, so entsteht das Bild des eigenen Entwurfes. Aus diesem Entwurf kommt dann die Kraft, die es möglich macht, trotz allem in der Landwirtschaft tätig zu bleiben, anstatt sich dem Treck der Landflüchtigen anzuschließen. »Es lohnt sich«, bekommt dann eine Bedeutung über das ökonomische Motiv hinaus. Sinn macht diese erweiterte Form der Agrarkultur aber erst dann, wenn sie verknüpft wird mit dem erweiterten Konsumbegriff. In genau derselben Weise, wie der Landwirt und Gärtner zu einer höheren Form des Handelns kommen können, ist es dem Konsumenten möglich, zu einem höheren Konsumbegriff zu kommen, indem er sein Handeln ebenfalls auf den Prüfstand stellt. Kommen beide in einer Vereinbarung über das weitere Vorgehen zusammen, dann hat die Agrarkultur Hand und Fuß, Kopf und Herz.
 

Autorennotiz:
Christian HIß, Jahrgang 1961, Gärtnermeister. Bewirtschaftet eine Gärtnerei in Eichstetten am Kaiserstuhl. Daneben Autor und Initiant verschiedenster Projekte. - Adresse: Haupt-str. 140, 79356 Eichstetten


1 Rudolf Steiner: Das Son-nenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung (GA 211), Vortrag vom 11. 6. 1922.
2 Peter Selg: Krankheit und Christuserkenntnis, Verlag am Goetheanum 2001, S. 63.