Die Drei 07 / 2005

Brennpunkt

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Anwalt des Logos

Joseph Ratzinger als Philosoph und Theologe Wilhelm Maas

Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger beschäftigte in den vergangenen Monaten die Gemüter, was vor allem seiner außergewöhnlichen Medien-Präsenz zu verdanken war. Was hingegen in der Berichterstattung zu kurz kam bzw. nur oberflächlich angerissen wurde, war die Selbstpositionierung eines Theologen, der von sich behauptet, in der Tradition der mittelalterlichen Scholastik zu stehen. Tatsächlich unterscheidet sich das Denken Ratzingers von dem »liberaler« Theologen wie Hans Küng oder Eugen Drewermann: Im Unterschied zu den Genannten hält der Philosoph und Theologe Ratzinger an einem Verständnis von Kirche fest, das mit der übersinnlichen Realität des LOGOS als Maßstab eigenen Denkens und Handelns rechnet. -Während Wilhelm Maas die oft überraschende Kontinuität des theologischen und philosophischen Denkens Ratzingers nachzeichnet, unterzieht Ute Hallaschka im Anschluss daran die katholische Metapher des »Martyriums« einer Prüfung - und verleiht ihr eine Bedeutung, welche geradewegs ins 21 .Jahrhundert führt.                                                                                  red.


 

Die erste größere Veröffentlichung Joseph Ratzingers war seine theologische Dissertati­on über die Ekklesiologie des (angeblichen) »(Neu-)Platonikers« Augustinus: »Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kir­che«, erschienen 1954. Augustinus sieht die Kirche nicht so sehr als Institution, sondern als Volk Gottes, als Gemeinschaft der Glau­benden. Diese Kirche hat aber auch schon eine präexistente, überzeitliche Grundlegung und Dimension. Beide Aspekte, das (wan­dernde) Volk Gottes und die ideal-geistig­überzeitliche Dimension, kommen hier, auch in der Interpretation Ratzingers, zusammen. Es geht also nicht um ein rein platonisch-spiritualistisches Kirchenverständnis, das Ratzinger eigen sei, wie manche Kritiker mei­nen - unter ihnen auch, wenn auch nur in behutsamen Andeutungen, sein römischer Kardinalskollege und früherer Fachkollege, der »Aristoteliker« Walter Kasper. Wenn schon Platonismus, dann ist es bei Ratzinger immer schon ein durch die biblische Schöpfungs-, Geschichts- und Erlösungstheo­logie verwandelter »Platonismus«. Dann seine theologische Habilitationsschrift über »Die Geschichtstheologie des heiligen
Bonaventura« (München-Zürich 1959). Also wieder über einen (angeblichen) »Plato-niker«? Es geht aber um die Geschichts-theologie. Und ein radikales Ernstnehmen von Geschichte, von Inkarnatorischem, war noch nie eine herausragende Signatur von
reinen »Platonikern«! Allerdings gehörte der Franziskaner Bonaventura zu den Kritikern des mittelalterlichen Aristotelismus, im Sinne einer (zu!) stark rationalistischen Ausprä­gung der Theologie. Er ist nachhaltig faszi­niert von der charismatischen Gestalt seines Ordensbruders Franziskus von Assisi, lehnt jede Vernunftautonomie ab und fordert eine auf (den konkreten) Jesus Christus konzen­trierte und von ihm her gedachte Philosophie. Eine Christus-Zentriertheit herrscht auch in den jüngeren theologischen Arbeiten Bene­dikts XVI. vor. Bonaventura und Benedikt XVI. gemeinsam ist das Anliegen, einer Verselbst-ständigung der Philosophie entgegenzuwirken und für eine Einheit von Denken und Glauben, von Philosophie und Theologie, zu werben. Diese Stichworte führen uns bereits zum näch­sten Punkt: Joseph Ratzingers Logos-Theolo­gie. Doch zuvor sei noch kurz auf einen Ge­sichtspunkt hingewiesen,  von dem her es

durchaus legitim ist, hier von Platonismus zu sprechen, nämlich die »Rettung der geistigen, unsterblichen Individual-Seele«. Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Ratzinger 1979 gegen die damals unter Theologen sehr ver­breitete Theorie vom »Ganztod« des Men­schen ein Schreiben an alle Bischöfe gerich­tet, in dem er u. a. feststellt und daran festhält: »Die Kirche behauptet die Fortdauer und das Fortbestehen eines geistigen (spiritualis) Ele­mentes nach dem Tod, das mit Bewusstsein und Wille begabt ist, so dass das >menschliche Ich< selbst, in der Zwischenzeit jedoch ohne die Ergänzung seines Leibes, fortbesteht.« Es wäre - nebenbei bemerkt - von höchstem Interesse zu erfahren, ob Joseph Ratzinger sich nicht nur für die Post-Existenz, sondern auch, bestens platonisch, mit gleicher Vehe-menz für die Prä-Existenz des menschlichen Ich einsetzen könnte. Er hätte in der von ihm so hoch geschätzten griechischen Patristik ei­nige leuchtende Vorbilder! Um es einmal et­was überspitzt auszudrücken: In der Kirche darf jetzt wieder das Wort Vernunft (Logos) benutzt werden. Einige der der wichtigsten Themen Ratzingers sind die Idee Europas, die Krise der abendländischen Kultur, der Bezug von Vernunft und Glauben, die innere Vernünftigkeit des Christentums in der Kon­frontation mit der aufgeklärten Moderne. Zwar gibt Ratzinger einen gewissen Wahr­heitsanspruch nicht auf, aber dieser erarbei­tet sich vor der gegenseitigen (!) Verwiesen-heit von Vernunft und Glauben, wie späte­stens seit dem berühmten Münchener Ge­spräch vom 19. Januar 2004 zwischen Jürgen Habermas und Joseph Ratzinger klar gewor­den ist. Für Habermas ist »Wahrheit« be­kanntlich das Ergebnis eines öffentlichen, gewaltlosen, gleichberechtigten und aufrich­tigen Diskurses, während Ratzinger jenem Christus Jesus nachfolgt, der sich selbst die Wahrheit nannte (die FAZ kommentierte et­was simplifizierend: »Dogma gegen Dis­kurs«) . Dennoch hatten sich beide in einem höchst fruchtbaren Dialog erstaunlich viel zu sagen.

Im Vorabend des Todes seines Vorgängers, in jenen dramatischen Stunden des 1. April in Rom, begab sich Ratzinger nach Subiaco nördlich von Rom, zum Ursprungsort des Be­nediktinerordens, und hielt dort anlässlich ei­ner Preisverleihung einen Vortrag mit dem Ti­tel »Europa in der Krise der Kulturen«, in dem er hinsichtlich des Verhältnisses von Vernunft und Glauben sagte, es gehe nicht einfach um eine Ablehnung der aufgeklärten Vernunft und der Modernität. Das Christentum als Religion des Logos habe »seine Vorläufer nicht in erster Linie in den anderen Religionen ausgemacht, sondern in jener philosophischen Aufklärung, die den Weg von den Traditionen freigemacht hat, um sich der Suche nach der Wahrheit und dem Guten zuzuwenden, dem einzigen Gott, der über allen Göttern steht«. Es sei das Chri­stentum, das den Menschen in seiner unver­letzbaren Würde als Geschöpf Gottes ins Zen­trum rückt und so die wahre Aufklärung be­inhaltet und alles aufgeklärte Denken veranlasst. Die geschichtliche Bewegung der Aufklärung habe, so Ratzinger in Subiaco, ein großes Verdienst: Sie habe »die ursprünglichen Werte des Christentums wieder vorgebracht und der Vernunft die ihr eigene Stimme zu­rückerstattet«. So sei es nötig, dass das aufge­klärte Denken und das Wesen des Christen­tums über sich selbst nachdächten und bereit seien, sich gegenseitig zu korrigieren: »Das Christentum muss sich immer daran erinnern, dass es die Religion des Logos ist.« Für Ratzinger ist es der Glaube an den Creator Spiritus, an den schöpferischen Geist, von dem alles Wirkliche herkommt. Gerade hierin liegt nach seiner Meinung heute seine philo­sophische Kraft, insofern nämlich das Pro­blem darin besteht, ob die Welt aus dem Irra­tionalen kommt, und die Vernunft also nichts anderes als ein vielleicht sogar schädliches Nebenprodukt ihrer Evolution ist, oder ob die Welt nicht vielmehr vom Logos, von der Ver­nunft, herkommt, die so ihr Kriterium und ihr Ziel ist. Die Schwierigkeit in Bezug auf die Moderne ergibt sich für Ratzinger heute dar­aus, dass die Welt vernunftlos oder neutral

veranschlagt wird. Die Evolution der Welt und des Kosmos sind losgelöst von der Wirk­lichkeit stiftenden Vernunft, sowohl im im­manenten als auch im transzendenten Sinn. Mit der Aberkennung der schöpferischen Fä­higkeit des immanenten Logos im Menschen geht dann auch die Möglichkeit der ursprüng­lichen Anerkenntnis des göttlichen Logos ver­loren. In diesem Sinne dogmatisiert der hinter der Maske der Rationalität verborgene Irratio­nalismus der Moderne notwendigerweise sei­nen ihn grundlegenden Relativismus, vor dem Ratzinger so eindringlich in seiner Pre­digt vor dem Konklave gewarnt hat. In Subiaco schloss er mit den Worten: »Wir brauchen Menschen, deren Vernunft vom Licht Gottes erhellt ist und denen Gott ihr Herz öffnet, so dass ihre Vernunft zur Ver­nunft der anderen sprechen und ihr Herz die Herzen der anderen öffnen kann.«

In dem oben schon erwähnten Gespräch mit Jürgen Habermas hatte Ratzinger schon die bemerkenswerten Sätze gesprochen: »Ich würde demgemäß von einer notwendigen Korrelationalität von Vernunft und Glaube, Vernunft und Religion sprechen, die zu ge­genseitiger Reinigung und Heilung berufen sind und die sich gegenseitig brauchen und das gegenseitig anerkennen müssen.« Der damalige einflussreiche Kölner Erzbi­schof Kardinal Joseph Frings hatte den jun­gen Theologen Joseph Ratzinger 1962 für das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) als seinen Berater (später als Konzils-Peritus) mit nach Rom genommen. Ratzinger wirkte entscheidend mit bei der Formulierung der Vorlagen für die Konzils-Konstitutionen. Zwei Beispiele möchte ich anführen: Erstens: In seiner oben bereits erwähnten ersten kurzen Ansprache an die Kardinäle nach dem Kon

klave weist Benedikt XVI. mit Nachdruck auf ein entscheidendes ekklesiologisches Grund­element hin: das Verhältnis von Petrus zum Kollegium der Apostel bzw. das Verhältnis von Primat und Episkopat, oder auch: vom Bischof von Rom und den »übrigen« Bischö­fen der Weltkirche. Er betont, dass, so wie Petrus und die anderen Apostel zusammenar­beiteten, um mit dem Herrn eine einzige Ge­meinschaft der Apostel zu bilden, so auch der Nachfolger Petri mit den Bischöfen als Nach­folgern der Apostel zusammenarbeiten muss. Sie müssten jetzt wirklich vereint sein. »Von dieser Gemeinschaft hängt in besonderer Weise die Wirksamkeit der Evangelisierung in unserer Weltzeit ab.« Damit greift Bene­dikt XVI. ein zentrales ekklesiologisches Strukturprinzip der Dogmatischen Konstituti­on »Lumen Gentium« des Vaticanum II auf, in Ergänzung des durch den Kriegsausbruch ver­kürzten Vaticanum I. Schon 1961 hatte Joseph Ratzinger in einem zusammen mit Karl Rahner verfassten Buch »Episkopat und Primat« (Frei­burg 1961) für eine entschieden kollegiale Füh­rung der Kirche plädiert und gegen zu starke zentralistische Tendenzen seine Stimme erho­ben: »Eine Kirche, die ... nur noch römisch sein will, ohne katholisch zu sein, würde sich ... selbst verleugnen und zur Sekte degradie­ren«. Konkret hätte das eine erhebliche Dezen­tralisierung zur Folge, zugleich eine Stärkung der Kompetenzen der Ortsbischöfe und Bi­schofskonferenzen, des konziliar-synodalen Prinzips überhaupt.

Zweitens: Schließlich sei auf die epochal be­deutsamen Aussagen der Pastoralkonstitution »Über die Kirche in der Welt von heute« des Vaticanum II hingewiesen, an deren Formulie­rungen Joseph Ratzinger auch erheblichen Anteil hatte: Er hat in der eben erwähnten Pre­digt seinen Willen bekundet, konsequent und fördernd im Geiste dieses Konzils weiter fort­zuschreiten. Es ist ein Kennzeichen des Men­schen von heute, die Wirklichkeit mehr »sub specie mutabilitatis«, also unter dem Aspekt der Veränderung, zu betrachten. Die Mensch­heit »vollzieht  einen  Übergang  von  einem


 

mehr statischen Verständnis der Ordnung der Gesamtwirklichkeit zu einem mehr dynami­schen und evolutiven Verständnis« (Nr. 5,3). »Heute steht die Menschheit in einer neuen Epoche ihrer Geschichte« (Nr. 4, 2). Auch die Denkweisen, die modi cogitandi, haben sich tiefgreifend verändert, nicht zuletzt auch im religiösen Bereich (ebd.). Wir können hier nicht mehr auf die hieraus resultierenden Kon­sequenzen für Theologie, Glauben und Kirche eingehen. Es zeigt sich jedenfalls, dass hier eminent epochal-geschichtlich, unter dem Ge­sichtspunkt von »Entwicklung«, gedacht wird. Die Wahl der Kardinäle war in diesem Sinne eine Absage an die Geisteshaltung des Funda­mentalismus und an die (extrem-einseitige) Emotionalisierung von Religion. Die Frage wird sein, ob es Benedikt XVI. ge­lingt, seine überragende geistig-intellektuelle Präsenz und Potenz in den Dienst der Pasto­raltheologie zu stellen und seine Spiritualität der Welt von heute nahe zu bringen. Die Wahl der Kardinäle war auch eine Option da­für, dass die Kirche in der pluralistischen Mo­derne erkennbar und in bestem Sinne attrak­tiv bleibt - ohne falsche Anpassung (aggio-rnamento) an den Zeitgeist mit faulen Kom­promissen. Die Frage wird sein, ob Benedikt XVI. die Profilierung des Katholischen nicht als Abgrenzung und Verkürzung, sondern -wie er selbst es fordert - als Ausweitung und Öffnung gestalten kann.

Dr. theol. habil. Wilhelm Maas studierte Klassische Philologie, Philosophie und Theologie. Er war Leiter des theologischen Zentrums der Universität Kassel und dort als Gastprofessor im Bereich Reli­gionswissenschaften tätig. Publikationen u.a.: »Im Namen des barmherzigen Gottes? Der Islam zwi­schen Fundamentalismus und Erneuerung«, Stuttgart 1999. - Maas kennt Joseph Ratzinger aus persönlichen Begegnungen und Gesprächen. Als dieser noch Präfekt der Glaubenskongregation war, verfasste der Autor auf seinen Wunsch hin und unter seiner Herausgeberschaft gemeinsam mit Hans Urs von Balthasar, Henri de Lubac, Karl Lehmann, Walter Kasper u. a. einen Beitrag für das Buch »Credo. Ein theologisches Lesebuch« (Köln 1992).