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Die Drei 07 / 2005 Brennpunkt |
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Ein Stellvertreter
Papst Benedikt XVI. und das 21. Jahrhundert
Ute Hallaschka
Von den Ursprüngen des Christentums her gesehen ist er der
Bischof von Rom, nicht mehr und nicht weniger: Es war die römischkatholische
Kirche selbst, die in ihrer hierarchischen Entwicklung den Papst zum
Stellvertreter Gottes auf Erden gemacht hat. So wurde das bekannte Christuswort
vom Felsen (Petrus), auf den die Kirche gebaut werden soll, vom Untersten zum
Obersten gekehrt und der Berg zum Propheten erklärt. Auch innerhalb der Kirche
ist das Prinzip des Primats nie unumstritten gewesen. Wie sollte es auch, wird
doch damit die Hälfte der konfessionellen Christenheit nach wie vor als
Ungläubige ausgegrenzt. Das Zweite Vatikanische Konzil, an dem auch der damals
noch liberal gesinnte heutige Papst teilnahm, hat nach Wegen gesucht, die
Theologie der Gemeinschaft zu versöhnen mit der Primat-Stellung des Papstes.
Nach einem Gesinnungswechsel ins konservative Lager distanzierte sich der zum
Kardinal ernannte Joseph Ratzinger ausdrücklich von den Zielsetzungen dieses
Konzils. 1977 entwirft er eine Theologie des Petrusamtes. Vor 28 Jahren
beschrieb der Theoretiker Ratzinger exakt die Aufgabe, die sich dem Praktiker
Benedikt nun von amtswegen her stellt. Sein Gedankengang ist leicht
nachvollziehbar an seinen Nahtstellen. Im Verlauf der gedanklichen Entwicklung
kommt es zu zwei bemerkenswerten Schlüssen, auf die weiter unten eingegangen
werden soll.
Eingangs ist vom trinitarischen Gottesbild des Ich-Du-Wir die Rede - und wie in
der Gottebenbildlichkeit des Menschen das Wir-Sein der Kirche begründet liegt.
Im nächsten Schritt entwickelt Ratzinger dagegen die Theologie der Personalität.
Die zentrale Glaubensstruktur des Neuen Testaments sei die der persönlichen
Haftbarkeit. Von dem (in
der Taufe) beim Namen Genannten, über den Zeugen hin zum Märtyrer verläuft die
begriffliche Reihe. Der Zeuge steht selbst mit seinem Namen für das Bekenntnis
ein, er haftet persönlich für das Wort. Die letzte Bekräftigung diese Prinzips
der Nachfolge aber sei das Martyrium als Antwort auf das Kreuz Christi. Auf
dieser Linie liegt, laut Ratzinger, die Petrustheologie. Nun fällt der erste der
beiden denkwürdigen Sätze: »Sterben kann man nur persönlich.« Weiter heißt es in
diesem Kontext: »Von der im Martyrium persönlich verantworteten Zeugenschaft als
Verifizierung des Zeugnisses für den Gekreuzigten und am Kreuz Siegreichen her,
ist der Primat als Bezeugung des Christusbekenntnisses zuerst zu verstehen.
Primat figuriert auf dem Grund solcher Martyriumstheologie wesentlich als die
Gewähr des Gegenüber der Kirche in ihrer katholischen Einheit zur stets
partikulären weltlichen Macht.« In schlichtes Deutsch übersetzt heißt das:
Papsttum als Martyrium verstanden ist bezeugtes Christentum. Der Papst als der
oberste Leidenszeuge - leitend durch Leiden - repräsentiert als Einzelner eben
die Gemeinschaft aller persönlichen Zeugnisse, die in ihrer Einigkeit als
katholische Kirche stets mehr sind als die Summe einzelner weltlicher Mächte.
Weiter heißt es über die Aufgabe des Papstes: »Im Amt des Hirten muss er sich
als der ganz Kleine halten und verhalten. Das Vikariat Christi ist ein Vikariat
des Gehorsams und des Kreuzes.« Hier fällt der zweite Kernsatz: »Die Teilhabe an
der Hoheit Christi geschieht nicht anders als konkret in der Weise der
Beteiligung an seiner Niedrigkeit, die die einzige Form ist, wie die Hoheit in
dieser Zeit präsent gemacht und vertreten werden kann.« Es sind lichtvolle
Gedanken, die hier vor einem gefährlich dunklen Hintergrund auf
scheinen. Zum Leiden gehören zwei. Es scheint höchste Zeit, den Begriff des
Opfers -als solches wird der Märtyrer verstanden -von dem des religiös
motivierten Täters - der sich ebenfalls als Opfer versteht - abzugrenzen. Man
kann unpersönlich sterben, wie der Zeitlauf inzwischen gezeigt hat. Man kann
seine Identität auslöschen im Gehorsam einer vermeintlich höheren Instanz
gegenüber. Es muss erlaubt sein zu fragen, was den katholischen Dogmatismus, mit
dem im Namen Gottes subtile Gewalt ausgeübt wird, unterscheidet von dem
religiösen Fanatismus, der Menschen zu lebenden Bomben werden lässt. Wenn die
katholische Kirche Zölibat befiehlt und Homosexualität verteufelt und damit ihre
Priester unter unmenschlichen Druck setzt (wer weiß, wie viele Trieb taten auf
das Konto dieses »Opfers« gehen?), wenn sie Analphabeten in der Dritten Welt
Enthaltsamkeit von Kondomen predigt (sie tut es bis heute unverdrossen mit ihrem
Unfehlbarkeitsanspruch), dann verwandelt sich jeder Träger des Aids-Virus in ein
lebendes Objekt einer Zeitbombe. Das ist kein gottgewolltes Martyrium, sondern
eine menschengemachte Doktrin, die unbekümmert um Wirklichkeit operiert und ihre
Schäfchen dem Verderben preisgibt. Für das Dogma des verbotenen außerehelichen
Geschlechtsverkehrs, der selbstverständlich, wie die Kirche weiß, dennoch
stattfindet, wird hier ein Menschenopfer bewusst in Kauf genommen.
Die Botschaft des zweiten Satzes Ratzingers, dem zufolge Hoheit nur in der
Niedrigkeit der Demut liege, kann heute beinahe jeder aus der Lebensrealität
unterschreiben. Kein Konflikt, der nicht aufzeigte, dass letztlich nur zwei Wege
zur »Lösung« bleiben: entweder verstärkte Aggresion oder freiwillige Devotion.
Aber auch hier können sich die Zusammenhänge ins Gegenteil verkehren. Schwierig
wird es, wenn die Hoheit der Niedrigkeit ausdrücklich gesucht und dadurch
geradezu zum Programm erhoben wird. Hier liegt ein spiritueller Abgrund. Es gibt
ein Theaterstück, das man Papst Benedikt
gern zur Lektüre empfehlen würde: »Mord im Dom« von T. S. Eliot. Darin ist von
einem vierten Versucher die Rede, den der Erzbischof Thomas Beckett nicht
erwartet hat. Es ist die persönliche Versuchung, die Lust zum Martyrium. Dagegen
könnte man ein Martyium der Neuzeit setzen, auf das sich gewiss nicht stolz sein
ließe, worin sowohl die Gefahr des Stolzes als auch der Gewalttätigkeit
aufgehoben ist. Dieses Opfer hängt mit dem christlichen Gebot der Feindesliebe
zusammen und folgt zugleich Lessings Konzept von Nathan dem Weisen. Derjenige
ist der wahre Träger des Ringes, der seine eigene Position dem scheinbar
Feindlichen entgegen opfert.
Wo sind die Feinde einer kirchlichen Gemeinschaft zu orten? Die Existenz ihrer
einzelnen Mitglieder kann von außen bedroht werden, der Zusammenhang aber gerade
nicht. Einigkeit kann - wie in jeder spirituellen Gemeinschaft - nur von innen
bedroht werden. Das Martyrium eines Papstes könnte bedeuten, seine eigene
Glaubensposition auszurichten auf den andern, auf den Widerspruch; das geistige
Stellvertretungsprinzip ein für allemal der spirituellen Autonomie zu opfern.
Die katholische Kirche lebt mit einer maßlosen Lüge. Die Christen der westlichen
Welt, die noch im Ernst an die menschengemachten Dogmen glauben, so glauben,
dass ihnen dabei nicht der Verstand stillsteht, dürften an einer Hand abzuzählen
sein. Hier liegt eine lebensfeindliche Spaltung vor. Die Unwirklichkeit, mit der
das individuelle Denken aus dem Bannkreis kirchlicher Macht verdrängt wird,
lässt die Gemeinschaft zum scheinheiligen, leblosen Gebilde werden. Ein Papst,
der einer lebendigen Gemeinde statt einem toten pharisäerhaften Apparat
vorstehen will, der dürfte diesen Kreuzgang nicht ignorieren. Das wäre ein
Papst, der sich selbst überwindet. Jeder andere zeigt sich heute von äußerer
Abschaffung bedroht. Es liegt Gewalt in der Luft oder Liebe - daran führt kein
Weg mehr vorbei.