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Die Drei 8-9/ 2005
Editorial
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Liebe Leserin. Lieber Leser,
mit der Angst ist es wie mit dem Geld: Man hat sie, aber spricht nicht darüber. Und wenn doch, so geht es oft um die der anderen. Aber kann man über die Angst eines anderen überhaupt etwas aussagen? Kann man über Angst sprechen/ schreiben ohne sie zu erleben oder zumindest erlebt zu haben?
Viele Autoren dieses Heftes sprechen sehr offen auch über ihre Ängste, und dazu braucht es Mut! So haben die Beiträge meist eine sehr persönliche Note. Sie erzählen von Lebens-Schritten am Abgrund – Schritten ins Leben, die sie vertrauensvoll gehen. Dabei dürfen wir sie ein Stück begleiten. Vielleicht verstehen wir dadurch auch unsere eigenen Ängste etwas besser oder können sie uns überhaupt erst einmal eingestehen ...
Damit sind wir schon mitten im Thema: Angst wie auch Vertrauen entstehen in der Konfrontation oder Begegnung mit dem anderen: dem Fremden, Neuen, Unbekannten oder Unvorhersehbaren, aber auch dem unausweichlich auf uns zu Kommenden und Bedrohlichen, mit dem anderen Menschen, mit der Liebe und mit dem Tod – also mit der Lebenswirklichkeit schlechthin. Es geht um Abschied und Trennung ebenso wie um Aufbruch, Neubeginn und Vereinigung. Angst und Vertrauen bestimmen unser Verhältnis zur Welt. Erleben wir den Abgrund zu ihr oder fühlen wir uns mit ihr einig, finden wir in ihr eine – unsere – Heimat? Liegt diese Heimat irgendwo in der Welt, vielleicht am Ort unserer Geburt (dann erleben wir meist den Schmerz der Trennung von ihr), oder finden wir sie in uns selbst – und damit dort auch die Welt?
Gesundheit hängt entscheidend davon ab, wie es uns von innen her gelingt, unser Verhältnis zur Welt zu gestalten – das ist das Ergebnis der modernen Salutogenese-Forschung (siehe unser letztjähriges Doppelheft »Salutogenese: Wege aus der Erschöpfung – Gesundheit aus dem Ich«, die Drei 8-9/2004). Dazu müssen wir zunächst versuchen, ein Verhältnis zu uns selbst zu gewinnen. Unsere Ausgangssituation beschreibt Gudrun Kindermann treffend: »Zwischen allen Welten und unbekannt uns selbst«. Der Abgrund liegt nicht irgendwo, sondern in uns. Und nur wir selbst können die Brücke bilden, ihn zu überwinden. Davon handelt dieses Fortsetzungsheft.
Ihr Stephan Stockmar