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Die Drei 8-9/ 2004
Editorial
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Liebe Leserin, lieber Leser,
immer mehr Menschen kennen heute den Zustand der Erschöpfung, der zunehmend andauert, ja zur Krankheit wird. Die Gründe sind vielfältig und in der Regel in den konkreten äußeren und inneren Lebenssituationen der Betroffenen zu suchen. Oftmals ist der Anlass aber nicht offensichtlich. Und meist spielt auch eine prinzipielle Schwächung der leiblichen und seelischen Konstitution eine Rolle (Allergien, Krankheiten des Immunsystems, Konzentrationsschwierigkeiten, Hypersensibilität, Depressionen u.a.). Wie kommt es zu diesem Phänomen? Schwinden uns die Lebenskräfte?
Neben individuellen Situationen und Veranlagungen liegt ein Grund sicherlich in den allgemeinen Zivilisationsbedingungen: Immer öfter klafft ein Abgrund zwischen den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen und den tatsächlichen physischen und psychischen Anforderungen des konkreten Lebens- und Arbeitsumfeldes – sei es bei der Arbeit am Computer, dem Leben in einer Großstadt oder den herrschenden sozialen Verhältnissen und Denkformen: Gebe ich mich ihnen ganz hin, droht ein Identitätsverlust; tue ich es nicht, so ist die Gefahr groß, dass ich den Spagat nicht aushalte, dass ich mich immer auf der Flucht befinde – nicht zuletzt auch vor mir selbst. Und das raubt Kraft. Ich bin – meist unbewusst – ständig damit beschäftigt, etwas Fremdes abzuwehren, Grenzen gegen Widerstand aufrecht zu erhalten. Dadurch entsteht ein leiblicher wie psychischer Dauerstress, der das Immunsystem lahm legt.
Wie stelle ich mich innerlich zu einer mehr oder weniger menschenfeindlichen Umgebung; wie finde ich ein Verhältnis zu ihr, dass mich Mensch sein und bleiben lässt? Die Bestimmung und Gestaltung dieses Verhältnisses aus eigener Kraft – aus dem Ich heraus – ist entscheidend nicht nur in Bezug auf das Verhältnis zu meiner Umwelt, sondern auch hinsichtlich meines Lebenskräftehaushaltes. Aaron Antonovsky, der die Bedingungen für die Entstehung von Gesundheit (Salutogenese) untersuchte, spricht diesbezüglich von der Fähigkeit, sich im Zusammenhang mit der Welt zu erleben (Kohärenzgefühl).
Dies ist auch das zentrale Element der Anthroposophie: »Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte« (Rudolf Steiner). Kohärenz in diesem Sinne ist nur möglich, wenn der Mensch sich selbst als ein geistiges Wesen entdeckt, das in der Lage ist, das Geistige in der Welt aufzufinden, anzuerkennen und sich auf es einzulassen.
Ihr Stephan Stockmar