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Die Drei 8-9 / 2003
Editorial
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Liebe Leserin, lieber Leser,
Goethe fragt in seinen Xenien nach Deutschland: »Deutschland? Aber wo liegt es?« Daraus spricht Resignation: Existiert Deutschland überhaupt? Diese Frage muss heute bezüglich Europa gestellt werden. Doch zugleich liegt eine große Sehnsucht vor – nach einer Völker- und Menschengemeinschaft, die über die traditionellen Grenzen und Abgrenzungen aller Art hinausreicht, aber doch fassbar bleibt und Identität zulässt, gerade nicht im Sinne von Donald Rumsfelds »Old Europe«. Hat diese Sehnsucht aber bereits einen Inhalt? Es wird immer offensichtlicher, dass die Einigung unter wirtschaftlichen Aspekten ihr nicht entspricht. Und die nicht gelingen wollende Profilierung der selbsternannten Europapolitiker auf machtpolitischem Felde nimmt immer groteskere Züge an.
Jürgen Habermas stellt für sich fest: »Eine attraktive, ja ansteckende ›Vision‹ für ein künftiges Europa fällt nicht vom Himmel. Heute kann sie nur aus einem beunruhigenden Empfinden der Ratlosigkeit geboren werden.« Ganz recht! Das ersehnte Europa lässt sich nicht als ein Programm fassen, sondern ist ein Möglichkeitsraum, der sich nur und solange füllt, als einzelne Menschen ihn in Gemeinsamkeit gestalten – aus einer ins Schöpferische gewendeten Beunruhigung und Ratlosigkeit heraus. Europa in diesem Sinne ist »nicht von dieser Welt«, es braucht aber konkrete Rahmenbedingungen, um Wirklichkeit zu werden. Diese lassen sich nur aus einem Erahnen dessen, was ein auf Menschen gegründetes Europa sein kann, gestalten – im Umgang mit der Geschichte und aus einer Erkenntnis der Menschen und Völker.
Zu diesem vor allem durch meinen Kollegen Ralf Sonnenberg konzipierten und realisierten Themenheft (siehe seine Einführung auf Seite 5) findet am 27. September in Frankfurt am Main eine Tagung mit Autoren unserer Zeitschrift statt, die wir zusammen mit dem ›forum Zeitfragen in der Anthroposophischen Gesellschaft‹ veranstalten (s. Seite 4; das Programm liegt diesem Heft bei). Für Abonnenten ist der Eintritt besonders günstig! – Das Thema Europa ist uns so wichtig und ist bei unseren Autoren auf eine solche Resonanz gestoßen, dass wir es auch in den nächsten Heften immer wieder aufgreifen werden.
Ihr Stephan Stockmar