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Buchbesprechungen

"Menschwerden im Maschinenpark"

Die Drei 8-9 2002

Mit Computern leben

 

Edwin Hübner: Mit Computern leben: Kinder erziehen - Zukunft gestalten. Mayer Verlag, Stuttgart/ Berlin 2001. 352 Seiten, 22 EUR.

 

Kann man mit Computern Kinder erziehen und die Zukunft gestalten? – Für viele Zeitgenossen scheint die Frage längst beantwortet. »Gute Lernprogramme sind besser als jeder Lehrer«, »Nur mit Computern gewinnen Kinder Anschluss an das reale Leben, deshalb gehören Computer in Kindergärten und Klassenzimmer«, »Internet erschließt unseren Kindern die Welt!« – so lauten die ständig wiederholten Argumente, und wer dagegen Einwände erhebt, gilt als hoffnungslos rückständig. Aber ist es wirklich so klar, dass die Zukunft der Pädagogik am Computer hängt? Zu oft schon sind neue Technologien eingeführt worden, ohne dass ihre Folgen und Spätfolgen gründlich untersucht waren. Nicht zuletzt aus der Ökologie wissen wir, wie verheerend es wirkt, wenn man sich mit wenigen vordergründigen Argumenten zufrieden gibt und nicht die ganze Breite der betroffenen Lebensgebiete in den Blick nimmt. Um wie viel mehr muss das erst bei Erziehungsfragen gelten! Daher kann man es nur begrüßen, dass Edwin Hübner, Pädagoge Physiker und Mathematiker in einer Person, sich des Themas angenommen hat. Schon der äußere Umfang seines 2001 erschienenen Buches zeigt, wie sorgfältig und umfassend er dabei zu Werke gegangen ist.

Der Leser findet eine überraschende Fülle von Gesichtspunkten, gewürzt mit konkreten Beispielen, aber auch mit interessanten Zitaten. Man spürt den erfahrenen Waldorflehrer, der statt abstrakter Deduktion lieber praktische Anschauungsbeispiele und packende Erfahrungsberichte bringt, die sich selber aussprechen. Das erhöht zwar die Seitenzahl, sorgt aber auch für Farbigkeit und Authentizität – ein durchaus gelungener Griff. Hübner entkräftet ganz nebenbei den Verdacht der Technikfeindlichkeit, indem er sich als ein profunder Kenner der Materie ausweist, der selbst täglich am Computer arbeitet und sich für die technischen Möglichkeiten begeistern kann. Es geht ihm nicht um ein Schwarz-Weiß-Urteil für oder gegen den Computer, sondern um eine echte Forschungsfrage: Was bewirkt der Computer im pädagogischen Einsatz, und wie beeinflußt er den Menschen langfristig?

Die Darstellung geht aus von der grundlegenden Funktionsweise des Computers, und schon hier muss der unkundige Leser ernüchtert feststellen, wie ungeheuer simpel der Computer letztlich alles auf die drei logischen Figuren »und«, »oder« und »nicht« zurückführt, die durch entsprechende Schaltungen imitiert werden. Lebenswirklichkeiten wie Farben, Töne, Gerüche, Musik, Bewegung, Freude, Schmerz sind damit nicht zu erfassen, es sei denn, man reduziert sie auf Messwerte, Zahlen und logische Strukturen wie etwa diese: Aus Bedingung A + Bedingung B folgt C.

Auf dieser Ebene gibt es keinen Unterschied mehr zwischen dem Entschluss eines Rentners, bei schönem Wetter und trockenen Wegen spazierenzugehen, und dem durch Können und gute Vorbereitung errungenen Prüfungserfolg eines Schülers, denn beide Vorgänge folgen formallogisch derselben Struktur. Höchstmögliche Reduktion der Wirklichkeit auf ein formales Abstraktum ist also die spezielle Leistung des Computers. Gerade diese Inhaltsleere, so erläutert Hübner, macht den Computer zu einem universal einsetzbaren Gerät, ja zu dem Universalgerät unserer Zeit. Denn zum ersten Mal in der Geschichte stehen wir vor einer Maschine, deren Anwendung nicht durch ihren Aufbau festgelegt ist, sondern durch Programme bestimmt wird, die beliebig nach den jeweiligen Absichten des Benutzers gestaltet werden können. Technisch gesehen produziert der Computer nichts weiter als einen millionenfachen Wechsel der Zustände »Strom an« und »Strom aus«, der als solcher völlig sinnlos ist. Erst die Interpretation des Benutzers, der das Programm einsetzt, gibt den Operationen eine Bedeutung, einen Sinn. Wird aber dieses Universalgerät als Arbeitsinstrument eingesetzt, dann führt es – und das kann Hübner mit einschlägigen Studien belegen – zu zwei problematischen Verhaltensweisen: Zum einen verändert sich bei längerem Gebrauch unmerklich das Denken und Empfinden des Benutzers; es passt sich mehr und mehr an die strukturelle Regelhaftigkeit des Computers an, das heißt, es wird immer technokratischer, reduktionistischer, maschinenhafter. Zum anderen schafft die aus der Inhaltsleere resultierende Universalität des Computers immerfort den Anreiz, diesem Gerät Fähigkeiten anzudichten, die es gar nicht hat. Menschliche Eigenschaften werden ihm zugeschrieben, irrationale Mythisierung setzt ein, so dass in grenzenloser Euphorie aller Segen der Zukunft von Computern in der Telekommunikation, im Internet, in Lernmaschinen usw. erwartet wird. Beiden Tendenzen arbeitet Hübner in seinem Buch entgegen. Blinder Euphorie entzieht er den Boden, indem er ausführlich die Qualität von Lernprogrammen für Kinder untersucht und pädagogischen Internet-Einsatz durchleuchtet. Der technokratischen Verengung des Denkens und Empfindens tritt er entgegen, indem er den Blick des Lesers von der Maschine auf den Menschen lenkt, der sie benutzt oder benutzen soll. Schritt um Schritt wird hier der Horizont erweitert durch spezielle Kapitel über die menschlichen Lebensalter und ihre Entwicklungsgesetzmäßigkeiten, über die tatsächlichen Erfordernisse eines zeitgemäßen Schulunterrichts, über das Wesen des Lernens, über die Gestaltung von Entwicklungsräumen für Kinder und vieles mehr. Es gelingt Hübner, ohne jeden moralischen Zeigefinger aufzuzeigen, wo wir heute die wahren Ziele der Erziehung und Zukunftsgestaltung zu suchen haben und wie abwegig es ist, alle diese Aufgaben auf rein technische Weise lösen zu wollen, indem man sie Maschinen überträgt, statt an die menschlichen Entwicklungsfähigkeiten zu appellieren. 

Den Höhepunkt des Buches bilden die Kapitel über den Zusammenhang der Maschinenentwicklung mit der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit, über das Aufbrechen spiritueller Erfahrungen im 20. Jahrhundert zeitgleich mit der einsetzenden Entwicklung künstlicher Intelligenz, über das Erlebnis des Doppelgängers, dessen Zerrbild uns im Roboter entgegentritt. Selbst die Möglichkeiten eines inneren Schulungsweges, der in das unmittelbare Erleben der geistigen Welten hineinführt, werden angerissen.

Vom Mikroprozessor bis zum Makrokosmos reicht so der Bogen, den der Autor spannt, und eben das zeichnet Hübners Buch aus. Man wird in der Flut der einschlägigen Literatur nicht leicht eine zweite Darstellung finden, die auf so natürliche, zugleich aber auch freilassende Weise Computertechnik und Esoterik miteinander verbindet. Das Credo des Autors, das dahinter steht, ist unschwer zu erkennen: Es ist die Überzeugung, dass wir der modernen Technik etwas Großartiges zu verdanken haben: Gerade durch ihre radikale Einseitigkeit und Fragwürdigkeit vermag sie das hervorzulocken und ins volle Licht des Bewusstseins zu heben, was unsere eigentliche Aufgabe in der gegenwärtigen Zeit ist: nicht, die Technik abzuschaffen oder zu verhindern, sondern Gegengewichte  zu ihr zu schaffen, indem wir neue Fähigkeiten in uns ausbilden, imaginative Wahrnehmungskräfte, moralisches Vermögen, soziale Intuitionen, die von keiner Maschine imitiert werden können. Erst wenn wir der materiellen Evolution der Maschinen frei errungene Schritte zur geistigen Evolution des Menschen an die Seite stellen, ist der Ausgleich geschaffen und der Mensch in die volle Freiheit versetzt, sich der Technik zu bedienen, ohne ihr zu verfallen.  – Man kann dem Buch nur wünschen, dass es wirklich bis zu Ende gelesen wird; es ist geeignet, fruchtbare Nachdenklichkeit zu erzeugen.                

                                                               Rainer Patzlaff