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Buchbesprechungen

"Menschwerden im Maschinenpark"

Die Drei 8-9 2002

Bewusste Verführung?

 

Dave Grossman, Gloria DeGaetano: Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht? Ein Aufruf gegen Gewalt in Fernsehen, Film und Computerspielen. Mit Beiträgen von Werner Glogauer, Barbara Supp und Bruno Sandkühler, Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 2002. 194 Seiten, 14,50 EUR.

 

Wenn man die Untersuchungen und Berichte dieses eben erschienenen Buches liest, kann die Frage entstehen: Führt der Umgang mit elektronischen Medien und Techniken zwangsläufig zu ausufernder Gewalt in der menschlichen Gesellschaft? Es geht ja nicht nur um die Wirkung von Medien (speziell derjenigen, die hemmungslose Gewalt jeder Art zum Inhalt haben) auf die Kinder, wie sie durch zahlreiche Studien aus den USA ebenso wie aus Deutschland zweifelsfrei belegt ist, einschließlich der Zusammenhänge zu konkreten Gewalttaten von Kindern und Jugendlichen à la Littleton, Bad Reichenhall oder Erfurt. Wie kommt es, dass Produzenten und Händler auch heute noch fast uneingeschränkt die entsprechenden (Video-)Filme und Computerspiele bewerben (können)? Wie kommt es, dass selbst deutsche Staatsanwaltschaften, Verwaltungen und Politiker trotz alledem solche Zusammenhänge immer wieder nicht sehen wollen (siehe den Beitrag von Barbara Supp)? Wie kommt es, dass Eltern den Konsum solcher Filme und Spiele durch ihre Kinder nicht nur zulassen (und sei es durch schlichtes Desinteresse an ihren Kindern), sondern zum Teil auch noch fördern, da sie ihm selbst verfallen sind? Nach jedem Vorkommnis wird über solche Dinge breit und klug diskutiert; nach Erfurt konnte man wirklich gute und aufschlussreiche Beiträge lesen und hören. Doch was passiert dann? Nichts.

Werner Glogauer zeigt auf, dass ja nicht nur die fraglichen Medien selbst bei Kindern zu grausamen Taten führen können, sondern die Täter offensichtlich auch von der detail- und bilderreichen Berichterstattung über diese Massaker stimuliert werden. Diese erweckt immer wieder den Eindruck, als ob es sich bei solchen Taten um Naturereignisse handelt, die man einfach hinnehmen muss. Der Realitätsverlust trifft also auch die Erwachsenenwelt in kaum vorstellbarem Ausmaß, und zwar nicht nur im unmittelbaren Umgang mit den Medien. Erinnert sei nur an die Spekulation mit fiktiven Geldwerten, die zum Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften führt; an die in keinster Weise von der Wirklichkeit tangierte Preisbildung in der Landwirtschaft; oder an den völlig irrealen Umgang mit der menschlichen Arbeit. Schein und Wirklichkeit verdrehen sich in immer mehr Lebensbereichen. Die tatsächliche Wirklichkeit entgleitet dem Menschen immer mehr – und wird wie ein unkontrollierbares Naturereignis erlebt.

»Wer hat unsern Kindern das Töten beigebracht?« Wie können wir eine Antwort auf diese von dem amerikanischen Militärpsychologen Dave Grossman und der Erziehungsberaterin Gloria DeGaetano eindringlich gestellte Frage finden? So wie fast alle entscheidenden Entwicklungen der modernen Technik ursprünglich aus dem militärischen Bereich stammen (also aus der Intention, Menschen zu töten), so auch das Prinzip vieler Computerspiele: Es liegt den Simulatoren zu Grunde, an denen Soldaten und Polizisten nicht nur das Zielen üben, sondern auch die natürlicherweise vorhandene Hemmschwelle vor dem Töten anderer Menschen abbauen sollen. Ganz aus der Nachahmung handelnde Kinder bringen es im Umgang mit solchen Spielen zur wahren Meisterschaft. Fachleute staunen nur so über die Zielsicherheit und Trefferquote von Kindern, die Stunden um Stunden mit dem Joystick  an der Play-Station im Spielsalon oder gar im elterlichen Heim üben und dann, wenn sie zum ersten Mal eine echte Waffe in die Hand nehmen, mit 15 Schüssen 15 mal tödlich treffen. Eine solche Leistung legen Menschen, die erst im Erwachsenenalter mit dem Training beginnen, nur selten hin. – Anschließend bringen sich die Jugendlichen entweder selbst um, oder sie bleiben meist vollkommen cool und können Reue oder Schuld ebenso wenig empfinden, wie die verantwortlichen Erziehungsberechtigten, die Produzenten oder die für Jugendschutz zuständigen Verwaltungsbeamten und Politiker (siehe oben).

Ist es nur – bewusste – Verführung in einer Situation von erlebter Sinnlosigkeit, tiefster Einsamkeit und gnadenlosem Leistungsdruck, die Kinder nach Gewalt süchtig werden lässt und zu solchen Handlungen treibt? Oder hängt die Situation als solche entscheidend mit den ungelösten Fragen nach dem Wesen der Technik und dem Wesen des Menschen zusammen? Mir scheint, es geht heute gerade darum, den Zusammenhang zwischen diesen beiden Fragen zu erkennen; ein bloßes Vermeiden von Technik heißt heute, eine zentrale Herausforderung des Menschseins nicht anzunehmen, ganz zu schweigen davon, dass es der modernen Technik immanent ist, sich nicht wegschieben zu lassen, ohne dass sie in ihrem innersten Wesen erkannt worden ist. An Kindern kann der elementare Zusammenhang beider Fragen am unmittelbarsten erlebt werden. Es ist das große Verdienst des vorliegenden Buches, mit dessen deutscher Ausgabe Herausgeber und Verleger auf das Ereignis von Erfurt reagieren, dieses unübersehbar deutlich zu machen. Die Herausgabe erfolgte in Zusammenarbeit mit der »Alliance for Childhood«, auf deren Aufruf »Zukunft verpasst? Für einen sinnvollen Umgang mit dem Computer in der Erziehung« in diesem Heft gesondert hingewiesen wird.  

                                           Stephan Stockmar

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