Heft bestellen! zurück Startseite  

Buchbesprechungen

"Menschwerden im Maschinenpark"

Die Drei 8-9 2002

 

Von der Keilschrift zum Cyberspace

 

Heinz Buddemeier: Von der Keilschrift zum Cyberspace. Der Mensch und seine Medien. Urachhaus Verlag, Stuttgart 2001. 312 Seiten, 16,50 EUR.

Einleuchtend und klar verständlich – so kann man Buddemeiers neuestes Buch charakterisieren. Von Anfang an werden die Erfahrungen des Lesers mit einbezogen und eröffnen so die Chance, an den eigenen Erlebnissen mit Medien auch eigene Erkenntnisse zu gewinnen.

Jeder von uns hat schon einen Brief geschrieben. Aber nur wenige werden sich dabei genau beobachtet haben. Was geschieht in dem einfachen Vorgang des Schreibens? Welche Möglichkeiten und Gefahren eröffnet bereits das einfache Medium »Brief«? Was verändert sich, wenn das Handschriftliche in den Druck übergeht? Von der gedanklichen Durchdringung solch einfacher Beobachtungen ausgehend, gelingt es Buddemeier recht schnell einen tieferen Einblick in das geschichtliche Werden des Mediums »Buch« und seiner geistesgeschichtlichen Bedeutung zu gewinnen. Es zeigen sich die Chancen und auch die möglichen Gefährdungen, die das Buch für die menschliche Kultur beinhaltet.

Jeder von uns betrachtet immer wieder eigene oder fremde Fotografien von allen möglichen bekannten oder fremden Orten. Was geschieht eigentlich, wenn eine Fotografie erzeugt wird? Was macht ein fotografisches Bild mit seinem Betrachter? Buddemeier vergleicht die einfache Fotografie einer Flusslandschaft – die Wümme-Wiesen bei Bremen – mit den Erlebnissen, die der Mensch hat, wenn er auf einem Spaziergang oder einer Wanderung die Landschaft real erlebt. Aus diesem Vergleich arbeitet er eine grundlegende Eigenschaft heraus, die bei allen anderen bildschaffenden Medien ebenfalls zu finden ist. Buddemeier nennt diese Eigenschaft das »mediale Urphänomen«:

»Die Fotografie trennt nicht nur Erscheinung und Wesen, sie treibt auch die Kräfte des wahrnehmenden Menschen auseinander. Da der Standort eines Menschen, der ein Foto betrachtet, nichts zu tun hat mit dem, was er sieht, entstehen zwei getrennte Wahrnehmungsbereiche. Mit den Augen taucht der Betrachter in das Bild der Wümme-Wiesen ein. Durch die übrigen Sinne ist er mit dem Ort verbunden, an dem er sich leiblich befindet. Die beiden Wahrnehmungsbereiche können nicht sinnvoll miteinander verbunden werden. Es entsteht eine Spaltung. … Das Medium führt den Betrachter aus seiner Lebenswirklichkeit hinaus, aber da, wo er hingeführt wird, kann er nicht als ganzer Mensch ankommen. …«

Buddemeier zeigt in den folgenden Abschnitten, wie dieses Motiv der Spaltung und Entfremdung von der Wirklichkeit beim Telefon, beim Film und Fernsehen zu finden ist. Auch bei dem Computer zeigt sich dieses Phänomen der Loslösung. Wiederum von der alltäglichen Beobachtung ausgehend, macht Buddemeier evident, dass beim Computer entscheidend ist, »dass die Intelligenz beim Übergang in die Maschine ihre Einbettung in andere menschliche Fähigkeiten verliert.«

Die Folgen des Umgangs mit dieser Maschine vor allem für das soziale Leben werden aufgezeigt und es werden Hinweise gegeben, welche Aufgaben sich dem Menschen dadurch stellen. Welche Fähigkeiten muss ich bewusst üben und schulen, um den Gefährdungen, die der Computereinsatz mit sich bringt, gewachsen zu sein? Der Computer ist das Instrument, mit dessen Hilfe Bilder und Klänge digital verarbeitet werden können. Entsteht dadurch eine weitere Veränderung in unserem Verhältnis zu den medial vermittelten Tönen und Bildern? Buddemeier untersucht auch diese Frage und kommt zu einleuchtenden Ergebnissen, die dann in eine Auseinandersetzung mit den computererzeugten virtuellen Welten – dem Cyberspace – münden.

Viele meinen, dass die Erzeugung virtueller Welten etwas vollkommen Neues sei. Der Autor verdeutlicht, dass die Sehnsucht nach der Schaffung eines »Cyberspace«  bereits vor zweihundert Jahren erste Schritte zur Verwirklichung unternommen hat. Damals entstanden in den Hauptstädten Europas die Panoramen – große Rundgemälde von 17m Durchmesser. Der Betrachter stand auf einer Plattform genau in der Mitte des Gemäldes, das eine Landschaft, eine Schlacht, eine Naturkatastrophe oder ähnliches darstellte. Die zeitgenössischen Beschreibungen der Panoramen heben besonders hervor, dass der Betrachter in eine totale Illusion eintauchte. Der Betrachter des Panoramas tritt in eine damals noch handwerklich hergestellte, künstliche Welt ein, die ihn vollkommen umgibt. Die Panoramen waren im 19. Jahrhundert sehr beliebt. Warum?

»Die Betrachter genießen ihren Standort, von dem aus sie an einem Ereignis teilnehmen können, ohne ihm ausgesetzt zu sein. Dazu gesellen sich Allmachtsgefühle. Die Panoramawelt hat der Mensch im Griff, denn er hat sie selbst hergestellt.«

Vom Panorama aus geht die technische Entwicklung über Foto, Film, Fernsehen und Computer hin zur virtuellen Welt. Und mit dem Cyberspace »ist man wieder beim Panorama angekommen, allerdings sind Bewegung, Ton und sogar die Möglichkeit der Interaktion dazugekommen.« Das ist allerdings nur möglich, weil der Computer mit einbezogen wird. »Er führt alle Medien zusammen und befreit sie außerdem von der Notwendigkeit, ihre Inhalte durch die Abbildung der äußeren Welt zu gewinnen. Damit entsteht die Möglichkeit etwas völlig Neues zu erzeugen. Wird diese Möglichkeit genutzt, … dann entsteht etwas, das mit dem Begriff ›Medium‹ gar nicht mehr angemessen erfasst werden kann.« Was meint Buddemeier damit? Nun, es würde zu weit führen, wollte man dies hier beschreiben, man findet es ja ausführlich in der in Rede stehenden Schrift ausgeführt.

Buddemeiers Buch ist die reife Frucht der jahrzehntelangen Auseinandersetzung eines Anthroposophen mit der Welt der technischen Medien. Es ist ein tiefsinniges Buch, das sehr viele feine Beobachtungen und treffende Gedanken enthält, die weite Zusammenhänge ausloten. Mit seiner kritischen Mediengeschichte hat Buddemeier ein gedankenreiches und gut lesbares Werk vorgelegt, dass jedem Leser reichen Gewinn bringen kann.                                                                                              Edwin Hübner

 

 

Heft bestellen! zurück Startseite