Menschwerden im Maschinenpark
Das Selbst in der Auseinandersetzung mit der Technik
Edwin Hübner/Stephan Stockmar
Menschmaschinen oder Maschinenmenschen? Eines scheint sicher zu sein: Menschen und Maschinen bewegen sich aufeinander zu. Einerseits wird mit enormem Aufwand daran gearbeitet, Maschinen zu erzeugen, die menschenähnliche Reaktionsweisen zeigen, und andererseits versucht man mit gentechnischen Verfahren und Implantaten den Menschen technisch zu optimieren. Der Mensch beginnt mit seinen eigenen Produkten zu verschmelzen. Die Auseinandersetzung des Menschen mit der Technik ist existentiell geworden und wird als Grundsignatur das 3. Jahrtausend prägen.
Was ist das Wesen der Technik und was ist das Wesen des Menschen? Alle anderen Fragen verblassen gegenüber diesen beiden ernsten und alles entscheidenden Fragen der gegenwärtigen Sphinx.
Die »Frage nach der Technik« (Martin Heidegger) ist nicht neu. Neu ist dagegen, dass heute ganz offen und wie selbstverständlich von dem anbrechenden »Posthumanen Zeitalter« gesprochen wird: Der Mensch hat gegenüber der von ihm selbst hervorgebrachten Technik ausgedient. Die bisherige biologische Entwicklung wird durch eine maschinelle ersetzt werden. Das zweite nachchristliche Jahrtausend des Homo sapiens ist bereits dessen letztes gewesen. Im neuen Jahrtausend wird ein neues Wesen die Bühne der Erde betreten – der Nachfolger des Menschen. Bei solchen Gedanken läuft manchem noch ein kalter Schauer über den Rücken, hin- und hergerissen zwischen Angst und wohligem Gruseln. Man versucht vielleicht noch, in diversen Ethik-Kommissionen die Fahne des Humanismus hochzuhalten; doch letztlich lässt man geschehen was geschieht, weil es unabänderlich erscheint: Die Technik wird es schon lösen …
Trotz – oder wegen? – aller Verunsicherung scheint das Vertrauen in die Technik ungebrochen und unbegrenzt zu sein. Ist die technisch geprägte Welt, die nicht nur zu unserer Umgebung geworden ist, sondern uns bis ins Denken hinein bestimmt, so übermächtig, dass der Mensch das Vertrauen zum Menschen – vordergründig zum anderen, in Wahrheit aber zu sich selbst – verloren hat?
Wir Menschen bestaunen die ungeheuer schnelle, unser Fassungsvermögen überfordernde Geschwindigkeit des Wachstums der Gerätewelt. Trotz vieler Probleme und Pannen haben wir mit ihrer Hilfe bisher immer noch Auswege gefunden. Im Zweifelsfall sind wir es ja, die die Geräte bedienenden Menschen, die versagt haben. Doch hinsichtlich unseres eigenen Menschseins ist uns eine solche fortschreitende Dynamik nicht erlebbar; wir spüren, dass unser im vorletzten Jahrhundert wurzelnder Humanismus den Herausforderungen der Technik offensichtlich nicht mehr genügt, dass wir immer mehr zu bloßen
Be-Dienern der Technik werden – und erleben uns so schließlich selbst als ein Auslaufmodell.
Wie eine Flucht nach vorn mutet es an, wenn der Mensch – zunächst nur in den Phantasiewelten der Science Fiction-Literatur – den von ihm selbst hervorgebrachten Geschöpfen eine eigene Würde verleiht, ihnen nicht nur Intelligenz, sondern auch Empfindungsfähigkeit und Gefühl zuschreibt. So verwischt sich der Unterschied zwischen Mensch und Technik immer mehr, und er vermeint, sich in und durch die Technik neu und besser erschaffen zu können. Der im vergangenen Jahr mit großem Werbeaufwand angekündigte Film »A.I. – Artifical Intelligence« zeigt dies als eindeutige Vision: Der im Zuge der natürlichen, biologischen Evolution gewordene Mensch erscheint gegenüber dem technisch erzeugten, zukünftigen Maschinenmenschen nur noch als roher Barbar.
In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat Heidegger seinen tief schürfenden und heute immer noch gültigen Artikel über »Die Frage nach der Technik«1 geschrieben. Liest man ihn aufmerksam, so wird deutlich, dass für ihn mit dieser Frage die »Frage nach dem Menschen« untrennbar verbunden ist – wie zwei Seiten einer Medaille: Die Technik ist im Wesen des Menschen begründet, und in der inneren Auseinandersetzung mit der Technik, ihrem Ursprung und Wesen nachgehend, stößt er auf sein eigenes Wesen. So erscheint – bei entsprechender Aufmerksamkeit – angesichts der höchsten Gefahr (dass der Mensch selbst nur noch funktionierendes Glied einer von Technik durchdrungenen Welt wird) auch das »Rettende« (Hölderlin): Der Mensch erkennt sich nicht als selbstherrlichen Schöpfer, sondern als ein (auch sich selbst) hervorbringendes und zugleich »gewährtes« Wesen, das sich zum Instrument schöpferischen In-Erscheinung-Tretens bildet. Zu einer aus diesem Bewusstsein hervorgehenden Technik kann sich der Mensch in eine freie Beziehung setzen und überwindet so die Gefahr, sich selbst zum Auslaufmodell zu degradieren.
Der Mensch wird dies letztlich nur leisten können, wenn er sich seines Verhältnisses zur Welt in grundsätzlicher Weise bewusst wird. Diesen Ansatzpunkt verfolgt Rudolf Steiner in seinem letzten Aufsatz »Von der Natur zur Unter-Natur«,2 der im März 1925 erschienen ist: Die Natur mit ihren Gesetzmäßigkeiten ist auf ein Ganzheitliches hin angelegt; man stößt überall auf übergeordnete Zusammenhänge, in die die einzelnen Phänomene eingebettet sind. Wahrnehmend und denkend lebt sich der Mensch in diesen Kosmos ein. In sein inneres, zunächst unbewusst bleibendes Lebensgefühl lebt sich jedoch heute noch etwas anderes hinein: ein Orientierungsverhältnis zur Welt, das bloß rein mechanischen Gesetzen folgt. In den vom Menschen erfundenen Apparaten manifestieren sich abgeschlossene Ursache-Wirkungs-Ketten, die keinen Bezug mehr zum Ganzen der kosmisch durchdrungenen Natur in sich tragen. So bildet sich mit der Technik eine neue Welt, die sich nach unten, zum rein Irdischen hin, emanzipiert. Indem sich der Mensch mit dieser selbstgeschaffenen »Unter-Natur« verbindet, droht ihm die Gefahr, auch selbst aus dem kosmischen Ganzen der Natur herausgerissen zu werden. Träte dies ein, verlöre er zugleich die Möglichkeit, die selbstgeschaffene Unter-Natur zu begreifen. Er braucht daher notwendig eine Erkenntnis, die über die Natur hinaus geht und der sich die bislang verborgen gebliebenen Zusammenhänge des Menschen mit dem Kosmos erschließen. Eine sich an das Erleben der Unter-Natur anschließende Wissenschaft starrt auf das Mechanistisch-Materielle und »erklärt« die sinnliche Welt durch sich in Kraft und Bewegung auflösende Materie. In dieser unsinnlich werdenden Materie verliert der Mensch sich selbst und gerät unter die Herrschaft einer geistigen Wesensmacht, die Steiner mit Ahriman bezeichnet. – Wie der Mensch mit der reduktionistischen Erkenntnisart und der aus ihr hervorgehenden Technik in die Unter-Natur herabsteigt, kann er durch eine auf Hervorbringung und Schöpfertum beruhende Geisterkenntnis über die Natur heraufsteigen und sich den Kosmos als spirituelle Übernatur erschließen.
In diesem Spannungsfeld zwischen Hightech und Esoterik ein Gleichgewicht halten – das sieht Steiner als Aufgabe der Zukunft, wenn der Mensch sich nicht als Mensch verlieren, sondern in seiner Wirklichkeit finden will.
1 Martin Heidegger: »Die Frage nach der Technik«, in: »Opuscula aus Wissenschaft und Dichtung. Die Technik und die Kehre«, Stuttgart 2002.
2 Rudolf Steiner: »Von der Natur zur Unter-Natur«, in: »Anthroposophische Leitsätze« (GA 26), Dornach 1982, S. 255-259.