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Buchbesprechungen

"Menschwerden im Maschinenpark"

Die Drei 8-9 2002

Gespräche über Mensch und Technik

 

Paolo Bavastro (Hg.): Individualität, Mensch und Technik. Beherrschen wir die Technik oder beherrscht die Technik den Menschen? Stuttgarter Gespräche Bd. 3, Urachhaus-Verlag, Stuttgart 2001. 272 Seiten, 23 EUR.

 

»Kann man die Frage ›Ist der Mensch eine Maschine?‹ heute stellen, ohne den Computer zu erwähnen?«, fragt der Computerspezialist und –kritiker Joseph Weizenbaum den anthroposophischen Mediziner Peter Heusser anlässlich dessen Vortrags im Rahmen der »Stuttgarter Gespräche« zum Thema »Individualität, Mensch und Technik«. An dieser Frage zeigen sich die unterschiedlicher Herkünfte, Wahrnehmungen und Intentionen der Menschen, die im Jahre 1999 auf Einladung von Paolo Bavastro zusammenkamen.1 Die Beiträge sind kürzlich als Buch erschienen.

Peter Heusser legt logisch dar, dass die analytische Erforschung des menschlichen Körpers reduktionistisch wird, wenn sie sich nicht für einen synthetischen Ansatz öffnet, der die spezifischen Gesetze des Lebendigen, Seelischen und Geistigen einbezieht. Seine Antwort auf die im anschließenden Gespräch von Weizenbaum gestellte Frage lautet: »Ich denke, das spielt überhaupt keine Rolle. Ein Computer ist genauso eine Maschine wie jede andere auch, nur dass sie halt mit elektronischen Prozessen läuft … Und die Tatsache, dass sehr viele Menschen aufgrund des seit zwei Jahrhunderten laufenden Paradigmas der Maschine glauben, der Mensch sei eine Maschine, ändert überhaupt nichts daran, dass der Mensch keine Maschine ist …« – Diese Auffassung ist sicherlich richtig. Und doch habe ich den Eindruck, dass sie die heutige Situation nicht (mehr) trifft. Heusser geht als geschulter Anthroposoph von der Idee des Menschen als einer geistigen Individualität aus und »beweist« – durchaus einsichtig –, dass, wenn man wirklich zu Ende denkt und die wissenschaftliche Erkenntnisart auf das Lebendige, Seelische und Geistige anwendet, man nur zu dem Schluss kommen kann, dass der Mensch keine Maschine sei. Eine solche Argumentation ist eben ganz unabhängig von der seit Steiners Zeiten fortgeschrittenen technischen Entwicklung möglich – und mutet in dieser Zeitlosigkeit heute etwas antiquiert an, zumal sie von einem dualistischen Grundton geprägt ist, der der heute herrschenden Tendenz zur Verschmelzung der verschiedenen Sphären nicht gerecht wird. Weizenbaum dagegen ist Empiriker. In seinem Beitrag »Mensch und Computer – gibt es eine künstliche Intelligenz?« führt er erzählerisch aus, wie die Beschäftigung mit den überwältigenden Möglichkeiten der Computer- und Gentechnik, die die Forscher in ihrem ganzen Denken besetzen, auf die Frage nach der Identität des Menschen führt. Aufgrund der faktisch menschenverachtenden Haltung droht diese tatsächlich verloren zu gehen. Wie Heusser geht auch Weizenbaum davon aus, dass Ideen Macht haben – und er zeigt diese drastisch auf.

In einem einleitenden Beitrag über die kulturgeschichtliche Entwicklung zeigt Frank Teichmann (Flugzeugbauer, Ägyptologe und langjähriger Leiter eines anthroposophischen Studienseminares) eindrücklich auf, wie das allgemeine Interesse für Technik und ihre Anwendung ein sehr junges Phänomen ist. Vorbereitet wurde dieses durch die  Aussage eines Francis Bacon,  dass es weniger darum ginge, die Natur zu verstehen, sondern vor allem darum, die Dinge handhaben zu können. Darüber ist allerdings, so das Ergebnis einer Studie des »Club of Rome«, die Fähigkeit verloren gegangen, Bewegungen denken und Ganzheiten überschauen zu können. Wir meinen, nur über ein Detailwissen verfügen zu können, wenn wir objektiv bleiben wollen (so Gerald Ulrich in dem anschließenden Gespräch) und greifen auf dieser Grundlage sowohl in Natur- als auch Sozialzusammenhänge ein (Rainer Patzlaff). Gegen Schluss des Gesprächs fragt Teichmann provokativ: »Wie müsste eigentlich heute eine Technik sein, die heilsam ist?« Auf alle Fälle bräuchte es eines Bewusstseins von dem, was man macht und denkt. Der Theologe, Klinikseelsorger und Jurist Heinz Kammeier beschäftigt sich mit der Provokation des juristischen Menschenbildes durch die Medizin- und Biotechnologie. Dadurch, dass die Begriffe Person und Körper z.B. in der Handhabung des Hirntod-Kriteriums immer mehr auseinanderdriften, verwandle sich der »neuzeitliche Körper« immer mehr in ein Objekt der Technologie. »Der Eigentümer des Körpers ist nunmehr sein Manager.« Diese »Versachlichung« des Körpers und seiner Teile führt zu einer absurden Rechtssprechung, indem z.B. die Beeinträchtigung oder Vernichtung von tiefgefrorenem Blut oder konservierten Eizellen dann als »Körperverletzung« und nicht als Sachbeschädigung betrachtet wird, wenn diese wieder in den Körper zurückgeführt werden sollten. »Bei einer solchen rechtlichen Ausweitung des Körperbegriffs erreicht der Mensch gleichsam die göttliche Eigenschaft der Ubiquität.« Wer dagegen bewusstlos ist und nicht einmal leidet, ist kein aufgrund der Menschenwürde zu achtendes Rechtssubjekt mehr. »Das Fehlen der Personalität bedeutet auch die Entbehrlichkeit eines Lebensrechts der ›Körpermaterie‹«; das Persönlichkeitsrecht verflüchtigt sich immer mehr. Im Zuge der Möglichkeiten der (Transplantations-) Medizin- und Biotechnologie wird die Sache Körper immer mehr zu einem verfügbaren Rohstoff und legt die Frage nahe, ob ich mit meinem genetischen Code nicht auch die Identität meines Subjekts in einen anderen Körper übertragen kann. Damit einher geht ein immer brisanter werdendes gesellschaftliches bzw. ökonomisches Interesse an einem enteignenden Zugriff auf den Körper. Fazit: »Das Bild des Menschen diffundiert. Es wird nicht nur an seinen Rändern unscharf, sondern es beginnt, sich vom innersten Kern her aufzulösen … Was ist Menschenwürde, wenn nicht mehr klar ist, wer und was der Mensch ist?« – Werner Tolksdorf weist im Gespräch darauf hin, dass man die von Kammeier geschilderte Situation wie ein Parallel- oder Gegenbild zur Trennung des Ich von seinen Leibern angesehen werden kann, die sich nach dem anthroposophischen Menschenbild jede Nacht vollzieht. In beiden Fällen würde es zu einer »De-Materialisierung« kommen. Leider wird dieser Punkt nicht weiter verfolgt. Es folgen noch zwei Beiträge, die sich speziell mit der Technik in der Intensivmedizin aus der Perspektive sowohl der Patienten als auch der Therapeuten (Werner Tolksdorf) und mit der Rolle des Arztes unter dem Wandlungsdruck durch die Transplantationsmedizin (Andreas Brenner) auseinandersetzen.

Es ist das Verdienst dieses Buches, nicht nur die einzelnen Beiträge des Stuttgarter Gesprächs zu veröffentlichen, die schon für sich genommen informativ und interessant sind, sondern auch die sich an diese anschließenden Gespräche der versammelten Expertenrunde unterschiedlichster Herkunft und Profession zu dokumentieren. Erst in diesen zeigt sich, dass das heute existentiell werdende Verhältnis von Mensch und Technik nicht durch einzelne Tatsachenbeschreibungen und Standpunkte zu klären ist, sondern nur im Dialog unter Menschen. Es geht nicht um Beweise, um ja oder nein (auch dies wäre ein Reduktionismus), sondern um tatsächlich im Bewusstsein zu vollziehende Prozesse, um ein geistiges Tun.                        Stephan Stockmar

 

1 Siehe »Die Drei«, Nr. 10/ 2001, S. 50.

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