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Buchbesprechungen

"Menschwerden im Maschinenpark"

Die Drei 8-9 2002

Hightech-Gespür

Hans G. Bauer, Fritz Böhle, Claudia Munz, Sabine Pfeiffer, Peter Woicke:

Hightech-Gespür. Erfahrungsgeleitetes Arbeiten und Lernen in hochtechnisierten Arbeitsbereichen. Ergebnisse eines Modellversuchs beruflicher Bildung in der Chemischen Industrie. W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2002. 208 Seiten, 19,50 EUR.

 

Immer wieder wird die Auffassung vertreten, dass menschliches Denken und Handeln nur logisch-operativ und dementsprechend maschinell ersetzbar sei. Gerade in der Arbeitswelt war lange Zeit diese Denkweise vorherrschend. Arbeit in technisierten Betrieben wurde als zweckrationales Handeln gesehen – und die subjektiven Erfahrungen und praktischen Fähigkeiten, die Menschen im Umgang mit hochkomplexen Industrieanlagen hatten, wurden meist übersehen und schon gar nicht bewusst ausgebildet. Die erfahrenen Facharbeiter sind jedoch durch ihr praktisches »Erspüren« und ihre langjährige Erfahrung fähig, »Unregelmäßigkeiten frühzeitig zu erkennen und so gegenzusteuern, dass die Anlage am Laufen bleibt und die Entstehung einer Störung vermieden wird.« Diese Fähigkeit der Arbeitskräfte wird leicht übersehen, »denn je mehr die erfahrenen Fachkräfte zum reibungslosen Ablauf der technischen Systeme beitragen, umso mehr bestätigen sie den Eindruck, dass die technischen Systeme ohne menschliches Zutun reibungslos funktionieren.« Dieses Faktum führte zu der irrtümlichen Auffassung, dass Fachleute mit großem Erfahrungswissen eigentlich nicht gebraucht würden. Aber es ist die Erfahrung der Fachkräfte – ihr Gefühl dafür, wann sich eine Störung anbahnt und wie sie diese durch eine Gegensteuerung ausgleichen können, bevor sie deutlich sichtbar wird – die der wesentliche Faktor des Funktionierens großer Anlagen ist.

Wie schult man dieses notwendige Erfahrungswissen bereits in der Ausbildung? Diese Frage liegt dem Buch »Hightech-Gespür« zu Grunde, das die Ergebnisse eines mehrjährigen Modellversuches in einem großen chemischen Betrieb veröffentlicht. Es sind diese Ergebnisse aber nicht speziell auf diesen Betrieb bezogen, sondern sie sind von allgemeiner Bedeutung – und sehr interessant.

Bevor die eigenen Versuche geschildert werden, wird die gegenwärtige Lage der Diskussion zur Berufspädagogik dargestellt, der eigene Ansatz erläutert und seine Anknüpfungspunkte an bisherige Entwicklungen aufgezeigt. Es wird versucht, den nicht leicht fassbaren Tatbestand des intuitiven Handelns aus Erfahrungswissen mit dem Konzept des »subjektivierenden Handelns« zu beschreiben;  in der Gegenüberstellung zu dem Begriff des objektivierenden Handelns gelingt dies auch. Im zweiten Kapitel werden die Anforderungsprofile der Arbeit in dem untersuchten chemischen Betrieb sehr anschaulich dargestellt. Betriebsleiter, Meister und Anlagenfahrer wurden ausführlich befragt und die Gespräche ausgewertet. An den dargestellten Ergebnissen wird sehr deutlich, welch starke Rolle der Mensch gerade in hoch automatisierten Anlagen spielt. Denn es »führt die ansteigende Komplexität der Systeme und deren damit einhergehende Trägheit dazu, dass ›der Faktor Mensch trotz Technisierung wichtiger als früher ist.‹« Diejenigen, die große Anlagen steuern – die Anlagenfahrer – brauchen zwar ein gutes theoretisches Wissensfundament für ihre Arbeit, aber darüber hinaus müssen sie sich mit allen Sinnen so in die gesamte Anlage hineingelebt haben, dass auch schon kleine, völlig unscheinbare Wahrnehmungen ihnen über den Zustand ihrer Anlage Bescheid geben können. Neben dem notwendigen rationalen Wissen über die Gesamtabläufe in der Anlage, kommt immer wieder ein Irrationales zum Tragen. Zu dem erfahrungsgeleiteten Wissen und Denken der Fachleute kommt ein Gefühlsmoment hinzu, das zum richtigen Handeln führt: »Ich weiß nicht, wie man dazu kommt, zu wissen, jetzt muss ich eingreifen. Ich weiß nicht. Das hat man im Gespür, irgendwie, ich weiß nicht.« Sie haben auch ein »Gespür für die Intensität einer Situation«. Aus diesen und vielen weiteren Merkmalen des Erfahrungswissens werden bisher wenig thematisierte, aber notwendige Qualifikationen für die erfolgreiche Arbeit mit hochtechnisierten Anlagen herausgearbeitet.

Das dritte Kapitel gibt einen neuen Blick auf die Geschichte der beruflichen Bildung und zwar unter dem Gesichtspunkt, wie in den letzten Jahrhunderten das Erfahrungswissen – das »subjektivierende Arbeitshandeln« – aus der beruflichen Erziehung verdrängt wurde und die Berufsbildung dadurch »erfahrungsverengend« wurde. Es wird darauf hingewiesen, wie in den letzten beiden Jahrzehnten in der Diskussion ein neuer Denkansatz auftritt, der einen »künstlerischen Handlungstypus« beschreibt, welcher über das bloße Beherrschen von Arbeitsprozessen hinaus gehen will. »Prinzip hier: die Notwendigkeit, sich dem ›Objekt‹ unbefangen zuzuwenden und es aus der Erkenntnis der sich in ihm andeutenden Eigenprinzipien heraus gestalterisch weiterzuentwickeln.«  Diese Art des Handelns setzt aber auch andere, zusätzliche Fähigkeiten voraus, die es zu schulen gilt.

Im vierten Kapitel werden die in dem Modellversuch leitenden Ideen für eine Umgestaltung der Ausbildung dargestellt. Grundmotiv: Gefühl und Gespür sind zwar nicht lehrbar, aber sie können gelernt werden. Diese Leitideen gehen darauf hinaus, den Bezug zur realen Praxis sehr viel stärker als bisher herzustellen (»Die Anlage … steht im Mittelpunkt aller Lernprozesse«) und den Auszubildenden zu einem selbstständigen, erfahrungsgeleiteten Lernen anzuregen. Eine Lernumgebung und eine Lernmethode werden entwickelt, die neben dem notwendigen objektiven rationalen Verständnis die Fähigkeit üben lässt, »mit Geistesgegenwart und geschärftem Wahrnehmungs- und Gefühlsvermögen … Situationen einschätzen und darauf angemessen reagieren« zu können. Dabei zeigt sich, wie wichtig es ist, dass die Ausbildung Lernelemente enthält, die vier Fähigkeitsbereiche besonders fördert: a) komplexe Sinneswahrnehmungen als originäre Informationsbasis, b) ein erlebnisbezogenes, assoziatives Denken, c) eine dialogisch-herantastende Vorgehensweise und d) den Aufbau einer persönlichen Beziehung zum Arbeitsgegenstand.

In einem weiteren Abschnitt werden die Umsetzungsschritte in die Praxis dargestellt und die dabei auftretenden Schwierigkeiten beschrieben. Zuletzt schließt das Buch mit einem Resümee aus der Sicht des Modellversuchsträgers. Das Buch wendet sich – auch von der Sprache her – an einen engeren Leserkreis, der sich vor allem mit der Gestaltung beruflicher Bildung befasst. Dennoch sind die in ihm enthaltenen gedanklichen Erweiterungen des Bildungsbegriffes und die real erprobten Veränderungen eines Ausbildungsganges für alle Pädagogen interessant. Es wird nämlich im Grunde von der erfolgreichen Erprobung eines Paradigmenwechsels in der Ausbildung berichtet. Und das ist gerade in einer Zeit, in der viele Stimmen einen »Laptop für jeden Schulranzen« fordern und sich der Illusion hingeben, dass mit einem funktionierenden Internetanschluss auch die Bildungsprobleme der Schule zu verbessern wären, wichtig zu hören, dass, neben der Bedienung eines PC, ganz elementare menschliche Fähigkeiten geschult werden müssen, wenn man mit Hightech-Anlagen sachgerecht umgehen will. Insofern gibt das Buch »Hightech-Gespür« sehr wichtige Denkanstöße, die für alle Schulen und Pädagogen von großer Bedeutung sind.                          Edwin Hübner