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Die Drei 7 / 2002
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Reinhold Messners Grenzgänge
Volker Caysa / Wilhelm Schmid: Reinhold Messners Philosophie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002. 220 Seiten, 10 EUR.
»Ich habe keine Philosophie anzubieten. Ich bin kein Philosoph oder ein philosophisch gebildeter Mensch.« So Reinhold Messner gleich zu Beginn des vorliegenden Buches im ersten Interview. Richtig, er ist kein Philosoph, der hier von den Herausgebern vorgestellt wird, und seine Philosophie ist kein theoretisches Wertesystem oder Denkgebäude, sondern eher das Gegenteil: eine sehr pragmatische Lebensauffassung, die sich immer wieder konkrete Ziele setzt, diese mit aller Intelligenz, mit allem körperlichen Wagemut und mit einem unbedingten Über-Lebenswillen zu erfüllen sucht. Entweder es gelingt oder es gelingt nicht. Der Wille zur Tat ist das Herausragende in Messners Lebensauffassung, das Scheitern ist dabei nicht eingeplant, denn es würde die Willensenergie schwächen. Wer in der Felsenwand zwischen Himmel und Erde hängt, darf in diesem Augenblick nicht darüber reflektieren, ob dieses Unternehmen sinnvoll oder gar zu risikoreich ist. Nein, er darf nur über den nächsten Schritt – im wahrsten Sinne des Wortes – nachdenken und sollte ihn richtig setzen. Gegenwartspräsens ohne Selbstzweifel.
Der vorliegende Band umfasst zwei Interviews mit Reinhold Messner, zwei kurze Beiträge von ihm selbst und zwei grundlegende Artikel zu Messners »Grenzgängerkunst«. Reinhold Messner ist berühmt als Extrembergsteiger, als Wanderer durch die Wüsten und Durchquerer der Antarktis, stets ohne technische Hilfsmittel, nur auf die notwendigste Ausrüstung beschränkt und auf seine Intelligenz und seinen Überlebenswillen vertrauend. Das Bild, das die Medien von ihm zeichnen, ist gefärbt von sensationeller Darstellung und mitunter unterschwelliger Herabwürdigung und so kann der Eindruck entstehen, man habe es mit einem auf Wirkung bedachten Egoisten, einem Darstellungskünstler oder auch Spinner zu tun, der leichtfertig Leben und Gesundheit riskiert, um in der Medienwelt aufzufallen. Sicher, die Außenwirkung ist bei seinen Extremunternehmungen jeweils garantiert, Messner dokumentiert und lässt sich vermarkten, dennoch, dies ist nur die eine Seite des Phänomens Messner. Die andere Seite kann man aus seinen Büchern erahnen und in dem hier vorliegendem Band entdecken. Grenzgänge nennt er seine Unternehmungen. Grenzgänge, die zwar im Kopf geplant, aber dann tatsächlich in der Realität durchgeführt werden. Und das heißt, nichts ist scheinbar, virtuell oder Wunschdenken, die Todesnähe, der Grenzbereich vom Leben zum Tod, die reale Grenze des Seins wird direkt physisch, seelisch und auch geistig erlebt. Die Welt wird in ihrer ganzen Unwirtlichkeit, ihrer ungezähmten Gewalt erfahren und mit ihr die eigene Existenz in einer bisher nie gekannten Weise. »Grenzgang heißt immer Gang an der Grenze. Ohne Todesgefahr gibt es keinen Grenzgang! … Mir geht es beim Grenzgang ums Überleben in der möglichst schwierigen, anstrengenden, ausgesetzten, lebensgefährlichen Situation, und ich bezeichne dieses Überleben als eine Kunst.«
Dieses Denken und Verhalten Messners führt beim Leser natürlich sofort zu einer Reihe von Fragen, wie: Welchen Sinn haben diese Unternehmungen? Was bewirken sie? Führen sie zu besonderen – möglicherweise spirituellen – Erkenntnissen? Machen sie weltfremd? Die Interviews gehen diesen und ähnlichen Fragen nach und insbesondere der Artikel von Wilhelm Schmid über »Performance am Südpol« ist hervorzuheben, verknüpft er doch Messners Lebensweise mit der »Herausforderung der Moderne« an den heutigen Menschen. Messner betont immer wieder das Individuelle als die eigentliche Kraft des Menschen und stellt diese über jede gesellschaftliche Norm (z.B. Moralität, Konventionen), Wissenschaft und Religion. Nichts ist für ihn als solches bindend oder heilig, der Mensch selbst muss aus sich heraus die von außen gesetzten Grenzen und Vorgaben hinterfragen und kann sie mit seinen Fähigkeiten, Erkenntnisssen und real gemachten Erfahrungen überschreiten. Und: »Im Grenzgehen komme ich nicht nur an die Grenze dessen, was ich machen kann, sondern ich stelle vor allem fest, was ich alles nicht machen kann. … Die Grenze finden, heißt ja nicht nur, an die Grenze kommen und zu merken, weiter geht es nicht. Es heißt auch einzusehen: dahinter ist das Meer des Nichtmachbaren. Gerade dies finde ich ja faszinierend. Das Meer des Nichtmachbaren ist unendlich viel größer als der Tropfen des Geschaffenen.« Nach Messners Auffassung lähmt den Menschen von heute die überflutende Information, der Mensch wird damit »oberflächlich, geistig abwesend, hektisch, er kann nicht mehr kreativ sein. …Wo bleibt die Fremdheit? … Ja, eine starke Erfahrung kann ich nur machen, wenn es Fragen und Fremdheiten gibt.«
Doch diese Freisetzung des Eigenen, die Messner für sich in Anspruch nimmt, erfordert zugleich eine neue selbstentworfene und praktizierte Gestaltungsform des Lebens. Befreiung ist quasi der Negativentwurf und der erste Schritt in die Freiheit. Die aufgrund der Befreiung extrem fragmentierte Welt wird zunehmend als »Welt ohne Sinn« erlebt, erst im eigenen Zusammenfügen dieser Bruchstücke zu einer neuen Form, kann eine individuelle Sinngebung stattfinden. »Das moderne Individuum hat die Form, die ihm eigen sein soll, selbst zu finden und sich selbst das Maß zu geben; das ist ein Resultat der Freiheit, die es beansprucht und die das Menschwerden zur Kunst werden lässt.«
Mir kam bei der Lektüre dieses Buches Messners Lebenspraxis, seine Projekte, die Art der Planung und die Durchführung und schließlich seine dargestellten Erfahrungen und Reflektionen wie ein kontinuierlicher, ganz eigener Schulungsweg vor. Ein Schulungsweg der Willensbildung in erster Linie, der den physischen Leib bis aufs äußerste bei den Unternehmungen belastet und hieraus seelisch und geistig neue – von körperlichen Beeinträchtigungen losgelöste – Erfahrungen macht. Es ist eine Art meditative Klarheit im Fühlen und Denken, Messner nennt dies »Flow-Zustand«. Dieser Ausdruck stammt ursprünglich von dem amerikanischen Psychologen Mihaly Csikszentmihaly. Anstrengungen und Durchhalten sind zwar notwendige Vorbedingungen, aber irgendwann breitet sich in der Seele der Zustand des »flow« aus und es »fließt«. Alles gelingt aus der Übereinstimmung von Sein und Tun und führt zum Erfolg. Der Zustand setzt ein, wie Reinhold Messner ausführt, beim »vollständigen Aufgehen in einer Sache, einem Tun, einer Person, also in der absoluten Identifikation mit dem Da-Sein. Das, was ich beim Grenzgang erlebe, kann ich nur vor Ort erleben.«
Messners »Seinserfahrungen« sind mit der Grenzerfahrung seiner eigenen Leistungsfähigkeit verbunden, so sagt er: »Mit der Erfahrung der eigenen Möglichkeiten wächst der Respekt vor dem Erhabenen auch. Dies gilt nicht nur fürs Bergsteigen, sondern für mein gesamtes Leben. Mich freut es zu sagen: Das sind meine Mittel, die setze ich ein und mit denen mache ich das Bestmögliche. Immer im gleichen Rhythmus: Ich habe eine Idee, dann stecke ich sie in einen Rahmen und versuche sie umzusetzen – und dadurch mache ich meine Erfahrungen. Psychologische Erfahrungen, die Erfahrung des Sterbens und Wiedergeboren-Werdens, die Erfahrung des Alterns beginnt. Das ist das Leben.«
Erwähnt sein soll noch, dass Messner, inzwischen Ende 50, in eine neue Lebensphase eingetreten ist, er ist sesshaft mit Familie geworden, ist italienischer Grüner im Europaparlament und projektiert gerade eine interaktive Begegnungsstätte (Messner-Mountain-Museum auf der Burg Sigmundskron in Bozen), die vermutlich schon im nächsten Jahr eröffnet wird.
Eine anregende, spannende Lektüre, die zu Fragen nach den eigenen »Grenzgängen«, dem eigenen Schulungsweg und Lebenssinn führen kann. Achim Hellmich
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