Die Drei 6 / 2005

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

»Das Nicht-Wissen zu wissen ist das Höchste.« So wird meist der Beginn des 71. Kapitels aus dem Lao Tse zugeschriebenen Tao Te King übesetzt.1 Auf unser Verhältnis zur chinesischen Kultur angewandt, könnte der Satz etwa bedeuten: Die Einsicht, dass wir als Europäer eigentlich nichts über diese wissen, sollte ehrlicherweise am Beginn eines jeden Annäherungsversuches stehen. Nur so kann Raum für das ganz andere geschaffen werden.

Wie anders das chinesische Denken ist, zeigt sich schon in der Problematik obiger Übersetzung: Das »wissende Nicht-Wissen« (docta ignorantia) ist ein uns mehr oder weniger vertrauter Zentralgedanke des Nikolaus von Kues. So scheint also doch ein Anknüpfungspunkt an die abendländische Philosophie zu bestehen – zumindest auf den ersten Blick. Doch geht es überhaupt um eine in unserem Sinne philosophische Frage?

Eine andere Übersetzung lautet: »Das Nicht-Beherrschen zu beherrschen ist das Höchste.«2 Hier steht nicht das Wissen, sondern das Handeln im Vordergrund, und zwar des daoistischen heiligen Herrschers. »Nicht-Wissen« wird hier zum »Nicht-Beherrschen« und damit zur sozialen Gestaltungskompetenz, um in jedem Moment aus Geistesgegenwart heraus genau das Richtige tun zu können – sozusagen aus der Leere des Zentrums heraus. Es geht nicht um Beherrschen als Bevormundung, durch Erteilung von Direktiven, sondern um die Entstehung des Auges im Sturm, auf das sich alles Geschehen bezieht. So bildet sich ein sozialer Kosmos – das Reich – als Abbild des Himmels.3

Nicht das den Anderen für seine Ideale und Ziele einspannende Ich steht im Vordergrund. Aus der sich jeden Moment füllen könnenden Leere im Zentrum entsteht ganz natürlich – und doch als echte Kulturleistung – ein Wir. Dies liegt so vielleicht nicht auf unserem abendländischen Weg. Doch in dem Versuch, sich nicht-wissend, aus der Leere heraus, auf das völlig andere der chinesischen Kultur einzulassen, liegen große Chancen einer Begegnung, die nicht auf wirtschaftlicher Instru­men­talisierung oder geistiger Abgrenzung beruht, sondern eine gegenseitige Befruchtung ermöglicht. Einen solchen Weg versuchen wir mit unserem Heft über China zu betreten.

 

Ihr Stephan Stockmar

 

1 Auf der linken Seite des Titels ist dieser Satz in chinesischen Schriftzeichen wiedergegeben (Kalligraphie: Wang Ning); siehe auch S. 58.           

2  Hans-Georg Möller, in: Laotse, Tao Te King. Nach den Seidentexten von Mawangdui, hrsg. von Hans-Georg Möller, Frankfurt am Main 1995; dort Kapitel 36.

3  Die chinesischen Schriftzeichen auf der rechten Seite des Titels heißen »Das Reich als Abbild des Himmels« (Kalligraphie: Wang Ning).