Die Drei 06/ 2004

 

Editorial

 

 

 

Heft bestellen! Startseite

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

in seinen Ausführungen über Konflikt, Biografie und Schicksal beginnt Mathias Wais mit der Frage: Wie entsteht ein Kunstwerk?  Wie kommt ein innerer – geistiger – Impuls in die Darstellung, in die sinnliche Erscheinung? Dabei geht es nicht einfach um eine Umsetzung, sondern im Vorgang des künstlerischen Schaffens, in der Auseinandersetzung mit Farbe, Material, Werkzeug, Traditionen und Reaktionen anderer entsteht letztlich etwas Neues, was sich jedoch auch wieder als stimmig im Hinblick auf den ursprünglichen Impuls herausstellt: »Es ist Teil seines Inkarnationsvorganges, also seiner irdischen Sinnverwirklichung, dass er die situativen Umstände und Abläufe ebenso ergreift und konstelliert wie die inspirierenden Prozesse in der Seele des Künstlers.« Von daher kommt Wais auf den Unterschied zwischen Schicksal und Biografie eines Menschen zu sprechen.

Der Berliner Maler Jobst Günther bezieht in sein künstlerisches Schaffen die ganze Menschheitsgeschichte mit ein, die man ja auch als einen groß angelegten Inkarnationsvorgang beschreiben kann. Mit Jean Gebser sagt er: »Ursprung ist Gegenwart«. »Nicht die Vergangenheit wird beschworen, sondern das, was an der Vergangenheit lebendiger Impuls war, wird in ein Gegenwärtiges gebracht.«

Elisabeth Wellendorf beschreibt das außerordentlich schwere, durch äußere Einflüsse nicht zu verstehende und daher rätselhafte Leben und Sterben eines jungen Menschen, den sie als Therapeutin begleitet hat. Diese Geschichte fiel ihr bei dem von uns gegebenen Stichwort »Reinkarnation« gleich ein, auch wenn die Reinkarnation »normalerweise« nicht zu den sie tragenden Gedanken gehört. Auch hier sind es die konkreten Umstände, unter denen ein Lebensimpuls in Erscheinung treten will (bzw. sich selbst scheinbar an diesem Erscheinen verhindert), die auf eine in der Gegenwart wirksame Vergangenheit, auf einen aus einer anderen Sphäre stammenden Impuls weisen, der sich entwickeln will. Solche Wahrnehmungen ergeben sich letztlich nur aus der konkreten Begegnung, wenn individuelle Schicksale zueinander in eine Beziehung treten – nicht nur im Konflikt, sondern auch dann, wenn durch selbstlose Zuwendung der eine dem anderen eine Tür öffnet.

 

Ihr Stephan Stockmar

 

i>