Die Drei 6 / 2002

 

Buchbesprechung

 

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Realvision eines

Frankenstein?

Christian Jungblut: Meinen Kopf auf deinen Hals. Die neuen Pläne des Dr. Frankenstein alias Robert White. Hirzel Verlag, Stuttgart, Leipzig 2001. 189 Seiten. 24,90 EUR.

Den Kopf eines Menschen auf einen jungen Körper zu verpflanzen – gewiss eine Horrorvision. Aber nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, wie man meinen könnte: Dieses Buch macht es deutlich. Der erfahrene amerikanische Chirurg Robert White hat die Transplantation eines Kopfes bereits vor zwanzig Jahren an Rhesusaffen erfolgreich ausprobiert und steht kurz davor, es mit dem Menschen zu versuchen. Der 76-jährige Topmediziner, der über 12 000 Operationen an Gehirnen ausgeführt und vielen Menschen das Leben gerettet hat, möchte gerne seine Laufbahn mit einer solchen Sensation krönen. Robert White ist also »kein Spinner, der abstruse Visionen propagiert; ihn treibt auch kein Dämon«, sagt sein Gesprächspartner, der Hamburger Topjournalist Christian Jungblut.

»Meinen Kopf auf deinen Hals« – ein geschickt gewählter Titel, der Emotionen weckt. Man kann mit Abwehr reagieren und die Augen weiter verschließen – oder man liest ein Sachbuch, um die eigene Position zu untermauern bzw. zu überprüfen. Es sei versichert: Mit diesem Buch wird man es nicht falsch machen, es informiert auf angenehme und mehrschichtige – durchaus freilassende – Weise.

Nach einem emotionsgeladenen Szenario – der geniale, aber körperlich stark behinderte  Astrophysiker Stephen Hawking bekommt einen neuen Körper – werden in der Hauptsache Teile der Gespräche wiedergegeben, die Jungblut mit dem Wissenschaftler geführt hat. »Ich beabsichtigte damals nur, mit ihm ein Interview zu führen, doch aus diesem ersten Treffen wurde ein wochenlanges, hoch anregendes Gespräch«, erklärt der Autor. Die Auszüge aus den Gesprächsprotokollen wurden, typografisch differenziert,  mit literarischen Zitaten und verschiedenartigen Bildern verbunden, so dass ein auch in der Gestaltung eher ungewöhnliches Buch entstanden ist.

Einige Aussagen des Mediziners sind geradezu entlarvend und beleuchten schlaglichtartig die Situation, vor der wir (wieder einmal) stehen: »Das Operieren ist eine Droge. Es erzeugt enorme Hochgefühle, wenn man erfolgreich war und jemandem geholfen hat.« Oder: »Ach was, der Körper ist nur ein Powerpack, eine Kraftstation, eine Versorgungseinheit für das Gehirn. Man wechselt ihn aus wie eine Batterie. Man transplantiert ihn wie eine neue Leber oder ein neues Herz. Es ist eine wundervolle Operation. Man macht nur einen kleinen Einschnitt am Hals. …« Und auf Jungbluts Einwurf »Aha, Sie wollen Gott spielen!« antwortet White: »Wer möchte das nicht. Aber mein wirklicher Beweggrund ist, Leidenden zu helfen. Man muss sich allerdings ernstlich Gedanken darüber machen, ob das traditionelle Konzept der Beziehung zwischen Körper, Geist und Seele stimmt.« 

Der Körper des Menschen wird als Maschine aufgefasst – wer sich jemals mit Embryologie befasst hat, muss schon das vehement bestreiten – und das Machbare wird auf jeden Fall gemacht und moralisch gerechtfertigt, das (Schein-?)Argument, der leidenden Menschheit helfen zu wollen,  ist dann schnell bei der Hand. Vor einem allzu raschen Urteil sollte man sich dennoch hüten, so einfach liegen die Dinge – wie meistens in unserer pluralistischen Gesellschaft – nun auch wieder nicht.

Wenn man genauer »hin-liest«, wird man auf eine merkwürdige »Überkreuzung« aufmerksam: Die stärker materialistische Haltung geht von dem Journalisten aus, das Staunen vor dem Wunder des Lebens und die tiefer gehenden Gedanken  finden sich bei dem Naturwissenschaftler. Jungblut bringt es im Gespräch selber auf den Punkt: »Es ist seltsam. Sie wissen nicht, ob ein Mensch, dessen Gehirn keine elektrische Aktivität mehr zeigt, vielleicht doch eine Seele hat, erklären ihn aber für gehirntot und geben sogleich seinen Körper zur Ausschlachtung frei. Ich dagegen – der nicht an eine Seele glaubt – würde das niemals wagen, weil ich immer Zweifel hätte, ob dieser Mensch weiterhin etwas fühlen kann. Er hat ja noch das Antlitz eines Menschen. Aber jetzt kommen Sie und wollen daraus einen neuen Menschen montieren. Das ist für mich Unsterblichkeitswahn. …« (Hervorhebung H.M.).

Besonders beeindruckend ist in diesem Zusammenhang das Beispiel eines Mädchens, dem man wegen Epilepsie den größten Teil der linken Hirnhälfte entfernt hat und das dennoch zu seiner vollen Persönlichkeit und der unverminderten Intelligenz zurückfand.

Hier entstand ein sehr anregendes Buch – und man muss es dem Verlag hoch anrechnen, wenn er auf diese Weise die aktuelle Diskussion bereichert: zu empfehlen für den, der es aushält, sich sachlich mit dem Thema zu befassen.                                  Helgo Mücke