Die Drei 6 / 2002

 

Buchbesprechung

 

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Evolution: Erklären oder verstehen?

Volker Storch / Ulrich Welsch / Michael Wink: Evolutionsbiologie. Mit einem Beitrag von Peter Sitte, Springer-Verlag,  Berlin/Heidelberg/New York 2001. 449 Seiten, 242 Abb., 25 Tab., 34,95 EUR

Nach einem kurzen, aber gut charakterisierenden geschichtlichen Abriss von der Naturerkenntnis der Antike bis zu den Denkansätzen im 20. Jahrhundert gibt das hier anzuzeigende (Lehr-)Buch eine umfassende und – soweit es der komplizierte Stoff zulässt – verständliche Darstellung der Evolutionsbiologie nach dem heutigen Stand der Forschung. Es ist übersichtlich aufgebaut und informativ illustriert.

Auf eine Würdigung der verschiedenen Wissenschaften, die zum Fundament der Evolutionstheorie beigetragen haben, folgt ein Überblick über die Entfaltung der Organismen in der Erdgeschichte. Es werden die Mechanismen und Ursachen der Evolution erläutert. Der molekularen Evolutionsforschung ist ein eigenes umfangreiches Kapitel gewidmet. Den Abschluss bildet eine Darstellung der Evolution des Menschen und seiner nächsten Verwandten, den Affen. Dazwischen sind immer wieder beispielhaft vertiefende Exkurse eingestreut, u.a. über Darwins Weltreise, das Phänomen des Massensterbens im Erdaltertum, die Evolution der Vögel, die Grube Messel mit ihrem alttertiären Fossilienreichtum oder über die »Symbiogenese« in der frühen Zell- und Lebensevolution (in diesem Beitrag von Peter Sitte erfährt man etwas darüber, wie die »echte« Zelle eigentlich ein Mosaik-Organismus ist, hervorgegangen aus der verschmelzenden Symbiose von Zellen unterschiedlicher Organisationsstufen und Herkünfte). In entsprechenden Exkursen wird die Populationsgenetik erklärt, werden Methoden der Stammbaumrekonstruktion vorgestellt oder die Rolle der Herzglycoside bei der Co-Evolution zwischen Insekten und Pflanzen erläutert. Die Darstellung über die Evolution des Menschen beginnt mit einer kurzen Diskussion der Frage »Was ist der Mensch?«, mit Blick auf die christliche Religion und den Humanismus auf der einen und die moderne Naturwissenschaft auf der anderen Seite: Es sei bemerkenswert, »dass für viele Naturwissenschaftler christliche Religion und Naturwissenschaft gut miteinander vereinbar sind; erst recht trifft dies für Humanismus und Naturwissenschaft zu.« (S. 350). Aus dieser Haltung heraus wird einerseits vor dem Kreationismus gewarnt und andererseits das reduktionistische Menschenbild der Soziobiologie problematisiert.

Vergleicht man diese – faszinierende – Darstellung mit ihrem (im Vorwort so benannten) Vorläufer, dem kleinen, erstmals 1973 erschienen Taschenbuch »Evolution. Tatsachen und Probleme der Abstammungslehre« (6. und letzte Auflage München 1989; dem Rezensenten liegt die 5., durchgesehene und erweiterte Auflage von 1980 vor), so ist auch hier eine gewisse »Evolution« feststellbar: Während in dem neuen Werk die Evolution und ihre Mechanismen als im Prinzip geklärt dargestellt wird, so sind in dem von Adolf Remane, einem Altmeister der Zoologie, zusammen mit seinen Schülern Volker Storch und Ulrich Welsch (die beiden letzteren sind zusammen mit Michael Wink die Autoren der »Evolutionsbiologie«) zusammen verfassten Vorläufer noch letzte Anklänge einer »idealistischen« Auffassung spürbar. Bereits im Untertitel ist von »Problemen der Abstammungslehre« die Rede, und so werden Begriffe wie Höherentwicklung, Vervollkommnung, Orthogenese (gerichtete Umbildung) usw. durchaus noch diskutiert, wenn auch »geheime Triebkräfte« und andere »innere Wachstumsfaktoren« im Sinne einer vitalistischen Anschauung zu Recht in den Bereich der Spekulation verwiesen werden. Man meint ein gewissen Unbehagen zu spüren, die Erklärung der Evolution ganz der Molekularbiologie zu überlassen, nicht nur wegen deren damaliger Unvollkommenheit, sondern offensichtlich auch aufgrund eines qualitativen Empfindens, wie es z.B. in der Verwendung von Entwicklungsvorgänge charakterisierenden Begriffen wie Differenzierung, Zahlenreduktion, Internierung von Organen usw. zum Ausdruck kommt. Solche sind in der »Evolutionsbiologie« von 2001 kaum mehr zu finden; das Bemühen zu verstehen scheint mir hier ganz dem Sog des Erklärenkönnens gewichen zu sein. Offene Fragen spielen nur noch eine untergeordnete Rolle; wirkliche »Probleme« existieren insofern nicht mehr, als der Erklärungsansatz als solcher und damit die Dimension des Phänomens Entwicklung nicht hinterfragt wird. Damit wird aber auch etwas auf den Punkt gebracht: Die (fast) vollständig beseitigten, einer idealistischen Tradition entstammenden »Sentimentalitäten« sind letztendlich dem erklärenden Ansatz gegenüber inkompatibel.

Abschließend muss betont werden, dass die Fortschritte, die die Evolutionsbiologie in den vergangenen 25 Jahren gemacht hat, gerade auch was die molekulatgenetische Analyse von Entwicklungsprozessen betrifft, überwältigend sind; dies hat so kaum jemand vorauszusehen gewagt. Und insbesondere diese Fortschritte demonstriert die neu vorgelegte Fassung der »Evolutionsbiologie« sehr eindrücklich, ohne den Überblick zu verlieren. – Dass sich auch die neuesten Forschungsergebnisse einem verstehenden, qualitativen Zugriff erschließen, der nicht in einem Dualismus mündet, zeigen die Autoren des oben besprochenen Sammelbandes im Anschluss an Goethe.                                             Stephan Stockmar