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Die Drei 5 / 2002
Buchbesprechung
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Ein neues Nachschlagewerk Anthroposophie
Urs Schwendener (Hg.): Anthroposophie. Die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Alphabetisches Nachschlagewerk in 14 Bänden unter weitgehender Verwendung des Originalwortlautes von Rudolf Steiner. Bestellbar nur beim Verlag Freunde geisteswissenschaftlicher Studien, Schränn 5, CH-8197 Rafz. Alle 14 Bände: 452 EUR oder als CD: 181 EUR.
Als Adolf Arenson sein – inzwischen legendäres – Nachschlagewerk zu den zunächst veröffentlichten 50 Vortragszyklen Rudolf Steiners herausbrachte, da war durchaus strittig, ob solch ein Verfahren überhaupt legitim sei, aus den mündlichen, jeweils in einen bestimmten Lebenszusammenhang hinein gegebenen Mitteilungen eine thematische Gliederung herauszuziehen. Einmal abgesehen davon, dass jeder Mensch ohnehin sein eigenes Urteil zu den Methoden entwickeln muss, nach denen er Geisteswissenschaft studiert, war es immerhin entlastend, wie sehr Rudolf Steiner selber Arensons Leistung würdigte. Später ist kein Nachschlagewerk von ähnlicher innerer Folgerichtigkeit erschienen. Ich habe früher einmal die gängigen Bände (Arenson, Karl, Mötteli I und II) auf deren Vollständigkeit hin überprüft anhand von Sachthemen, in denen ich selber gründlicher die Steiner-Äußerungen kenne. Nirgends habe ich – außer im unerreicht sorgfältigen Arenson – auch nur die Hälfte der mir bekannten »Stellen« nachgewiesen gefunden.
Nun ist eine neue Arbeit erschienen, die eine persönliche Denk- und Fleißleistung im Dienste der Anthroposophie Rudolf Steiners darstellt. Es ist ein vierzehnbändiges alphabetisches Nachschlagewerk »Anthroposophie – Die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners« von Urs Schwendener, mit 7400 Stichworten auf rund 6500 Seiten. Dies Werk ist methodisch ganz anders aufgebaut als die bisherigen, indem möglichst textnah die originalen Steiner-Wortlaute zitiert werden. Schwendener hat den Löwenanteil der Steiner-Gesamtausgabe selbst gründlich gelesen und dann die jeweils wichtigen Textstellen auf 35 000 Seiten von Hand abgeschrieben und daraus thematische Aufsätze gemacht. Die vierzehn Bände enthalten also fast durchweg Steiner-Zitate, die nur wenig sprachlich verändert worden sind. Im Heraussuchen und Zusammenstellen liegt die eigenständige Leistung. Da ich selber schon manche jahrelange Registerarbeit unternommen habe, kann ich ahnen, was Schwendener erbracht hat, indem er Rudolf Steiners Werk (das ja immer wieder überraschende Wendungen und Querbezüge enthält, die mit der gängigen Assoziations- und Begriffsfähigkeit nicht vorausgesehen werden können) durchgearbeitet hat, ohne dass die Neugier nach den jeweiligen Querbezügen ermüdet ist. Viel Liebe, Geduld und Urteilskraft gehört dazu. Dass solch eine Darstellung in fließendem Text nicht die gleiche Menge an Stichworten enthalten kann wie ein Register, das nach wenigen Worten nur den Fundort in Zahlen ausdrückt, dürfte selbstverständlich sein.
Herr Schwendener teilte mir mit, dass er einen Vertrieb im üblichen Buchhandel für zu teuer hält. Ein Mäzen hat für die Herausgabe eine erhebliche Summe gegeben, die in einem eigens gegründeten Verlag Freunde geisteswissenschaftlicher Studien investiert wurde. Das Werk gibt es auch als textgleiche CD, und dort ist die Hilfe gegeben, per Suchfunktion die Stichworte auch innerhalb der Texte mit Leichtigkeit (durch einen mitgelieferten Akrobat Reader) zu erschließen. Auch wenn ich nicht die geringste Computerabneigung habe: für ein ruhiges Studium ziehe ich die Bücher vor; wenn ich schnell nach Fundstellen suchen will, hole ich sie aus der CD und schlage dann die entsprechenden Bände der Gesamtausgabe auf. Beides hat seine Vor- und Nachteile.
Wem der Preis hoch erscheint, der möge bedenken: In dem Riesenwerk stecken 14 Jahre
konzentrierte Arbeit; und die Bände aus der Handschrift setzen, binden und drucken zu lassen, geht nicht billiger. Wer wirklich mit Rudolf Steiners Werk arbeiten will (und auch allmählich die Bände der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe erwirbt), für den ist diese Anschaffung – bezogen auf die jahrelange Nutzung – gar nicht so aufwändig.
Und damit sind wir auch beim springenden Punkt angelangt: Meines Ermessens ist das Werk von Schwendener hilfreich, wenn man zunächst einmal die Aufsätze, die er zu einem Stichwort geschrieben hat, in Ruhe liest, dann aber die im Text jeweils genau nachgewiesenen Steiner-Wortlaute in deren Zusammenhang stellt. Dann wird die Vielfalt der steinerschen Gesichtspunkte auf mehreren Dimensionen transparent: in ihrer begrifflichen Konzentrierung und in ihren weitverzweigten Bezügen. Und diese Vielfalt ist wichtiger als die (ohnehin unerreichbare) Vollständigkeit der »Stellen«. Wer mit Freude Rudolf Steiner liest, der wird reichen Gewinn aus dem Schwendener ziehen.
Frank Hörtreiter