Die Drei 5 / 2002

 

Buchbesprechung

 

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»Ein herrlich leuchtendes Gestirn«

 Ekkehard Meffert: Nikolaus von Kues. Sein Lebensgang – Seine Lehre vom Geist. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2001. 450 Seiten, 29,65EUR

Es ist richtig, dass es immer auf die Sache ankommt; es ist ebenso richtig, dass es auch auf den Gesichtspunkt ankommt, von dem aus die Sache betrachtet wird. Dieser kann in einer Fragestellung zur Sache bestehen oder in der Bedeutung, die diese Sache für eine bestimmte Zeit hat, oder auch in einem neuen Erkenntnisinstrument, durch das sie noch einmal ganz neu und ergänzend anders erscheint. Das alles, und besonders der letzte Gesichtspunkt, hat den Verfasser bewogen, sein Buch über Nikolaus von Kues zu schreiben und zu dessen 600. Geburtstag (2001) »neu bearbeitet und ergänzt« im Verlag Freies Geistesleben wieder erscheinen zu lassen.

Das neue Erkenntnisinstrument, in das sich der Verfasser lange und gründlich eingearbeitet hat, ist die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Dieser charakterisiert sie einmal so: »Worauf es ankommt, ist, dass hier mit den Mitteln, welche in der gegenwärtigen Entwicklungsperiode der Seele möglich und dieser angemessen sind, ein Einblick in die übersinnlichen Welten versucht wird und dass von diesem Gesichtspunkte aus die Rätsel des menschlichen Schicksals und des menschlichen Daseins über die Grenzen von Geburt und Tod hinaus betrachtet werden.« Für einen Menschen wie den Verfasser, der uns mitteilt, dass Nikolaus von Kues auf ihn vom ersten Erklingen seines Namens an eine unvergessliche Anziehungskraft ausübte, musste es eine reizvolle Aufgabe sein, des großen deutschen Kardinals, Humanisten, Naturwissenschaftlers, Philosophen, Theologen und Mystikers Lebensgang und Lehre vom Geist »vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft« zu untersuchen. So wird im Vorwort zur Neuauflage diese Zielsetzung des Buches betont neben der Tatsache, dass es im allgemein anerkannten Sinne viele gute Arbeiten über Leben und Wirken wie über das inhaltliche Vermächtnis des Kusaners gibt.

Der Verfasser gestaltet sein Buch in vier Teilen, von denen die ersten beiden unmittelbar und allein Cusanus gewidmet sind und der Gesichtspunkt des Verfassers im Hintergrund bleibt. Darin beschreibt er das dramatische Leben und Wirken, allerdings so, dass biografische Rhythmen darin anschaulich werden wie die Sieben-Jahre-Rhythmen und die Mondknoten. Wir erleben mit, welch große physische Strapazen mit den zahlreichen verantwortungsvollen Aufträgen und Reisen dieses außergewöhnlichen Menschen verbunden waren. Dabei begegnen wir auch dem Geografen Ekkehard Meffert, wenn er mit liebevollem Interesse so ausführlich die Bemühungen des Kusaners um die erste moderne Landkarte Mitteleuropas schildert. Wir lernen den Brückenbauer zwischen einer alten und einer neuen Zeit kennen, der aus dem philosophisch-theologisch-mystischen Reichtum der Vergangenheit schon zu jenen Keimen vorschreitet, die in dem heraufkommenden naturwissenschaftlichen Zeitalter die spirituelle Essenz bilden und sich in der Zukunft auswachsen können, die wir so sehr nötig haben. Wir sehen vor uns den Vermittler von West und Ost, der auf der Seereise von Konstantinopel zurück eines seiner großen Erleuchtungserlebnisse hat, ahnen etwas von der Bedeutung der Begegnung mit dem »Laien« in Rom, aber auch von den Schicksalswirkungen, die während seiner tragischen Prüfungszeit als Bischof von Brixen ihn weiter reifen lassen. Eingehend führt uns der Verfasser durch das St.-Nikolaus-Hospital in Kues, wie er das so kundig auch mit Reisegruppen immer wieder unternommen hat. Anschließend behandelt er Genese und Gestalt des schriftlichen Werkes.

Der zweite Teil befasst sich mit der Lehre vom Geist. Zunächst ist sie Trinitätsphilosophie, vor allem im Aufgreifen neuplatonischer Denkbewegungen. Dann aber entwickelt Nikolaus einen vierstufigen Erkenntnisweg. Beides bleibt bei ihm verklammert, aber das Neuere wird gegenüber dem Älteren immer deutlicher. Auf dem Horizont des vorgegebenen überlieferten Glaubens diesem die menschliche Erkenntnis anzunähern, erlebt der Kardinal als die bleibende Aufgabe. Aber er schreitet in diesem Bestreben Ansätze ab, die auch für sich – ohne jenen vorausgesetzten Horizont – eine eigene schulende Bedeutung haben und sich als Keime der Geisterkenntnis einer neuen Zeit erweisen. Es ergibt sich die Perspektive eines Aufstiegs zur Geisterkenntnis, die dann auch zu jenem Horizont wieder hinführen könnte, der für ihn selbst noch verpflichtender Ausgang war. Die Stufen des Aufstiegs sind: Sensus, imaginatio (Vorstellung), Verstand und Vernunft.

In diesem Kapitel werden die berühmten Zentralgedanken als Durchbrüche im Ringen um tiefere Erkenntnis erläutert: docta ignorantiacoincidentia oppositorum coniectura (Mutmaßung, Annäherung). Sie handeln gerade nicht von dem alten und neuen gewöhnlichen »ignorabimus«, sondern von den Grenzerlebnissen, die die menschliche Geisteskraft in einem allmählich erübten Erweckungsvorgang schließlich haben kann wie ein überintellektuelles positives Ertasten einer geistigen Wirklichkeit. Dahin dient ihm ein spiritueller qualitativer Umgang mit der Mathematik als wichtiges Hilfsmittel. Nebenbei gesagt, ist die Auffassung des Erkenntnisprozesses als niemals abgeschlossene Annäherung auch die undogmatische und damit richtige Auffassung der anthroposophischen Geisteswissenschaft im Sinne ihres Begründers.

Die beiden verbleibenden Teile des Buches werden wahrscheinlich nur auf diejenigen einen tieferen Eindruck machen, die auch auf die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners ernsthaft einzugehen sich bereit finden. Sie bilden das für ein allgemeines Lesepublikum ungewöhnliche, im Untertitel von dem Verfasser aber angekündigte Anliegen. Das erste ist die Cusanus-Rezeption durch Rudolf Steiner, angefangen von dem in jeder Beziehung zentralen Cusanus-Kapitel seines Buches »Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung« (1901) bis in sein letztes Lebens- und Schaffensjahr hinein. Für seine Bewunderung des Nikolaus Cusanus mögen hier nur die Urteile zeugen: »ein herrlich leuchtendes Gestirn am Himmel mittelalterlichen Geisteslebens« und »einer der größten Denker aller Zeiten«.

Eine weitere Untersuchung unternimmt Meffert, indem er ausführlich zeigt, wie die Freiheitsphilosophie Rudolf Steiners (die ja die entwicklungsfähige Keimgestalt der ganzen späteren anthroposophischen Geisteswissenschaft bildet, wie Steiner nicht müde wurde zu betonen) als Weiterführung der Geistphilosophie des Nikolaus von Kues gesehen werden kann – natürlich nicht unmittelbar historisch, sondern wesensgemäß. Wieder gelangen wir zu der Stufenreihe: Sinneswahrnehmung, Vorstellung, Verstandesdenken und intuitives Vernunftdenken; wieder stehen wir vor dem Grenz- und Schlüsselerlebnis, im konzentrierten Üben die sonst als solche verborgene Denkkraft gewahr zu werden als die erste Gestalt, in der die geistige Welt dem Menschen erscheint und durch Einbettung in ein umfassenderes Übungsfeld sich weiter differenzieren kann.

Das dritte Motiv bildet »Nikolaus von Kues in der spirituellen Sicht Rudolf Steiners«. Es ist natürlich gewagt, weil intime Details aus weit verzweigten Zusammenhängen der Anthroposophie hier herangezogen werden, für die nicht jeder Leser ein angemessenes Verständnis mitbringen kann. Der Verfasser tut, was er kann, um eine Verständnismöglichkeit zu eröffnen.

Mit diesen wenigen Bemerkungen, die den Inhalt nicht entfernt angemessen zusammenfassen können, möchte der Rezensent seine Freude und seinen Dank für das Neuerscheinen des Buches abstatten.       

 Arnold Suckau