Die Drei 5 / 2002

 

Buchbesprechung

 

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Die Zweite Moderne

Götz Schmidt/ Ulrich Jasper: Agrarwende oder die Zukunft unserer Ernährung. Verlag C.H. Beck, München 2001. 220 Seiten, 12,50 EUR.

 

Angestoßen durch die BSE-Krise suchte ich nach einem Buch, das mir als Laien hilft, die Situation der heutigen Landwirtschaft besser zu verstehen. Dies leistet die vorliegende Publikation in vorbildlichem Maße. In der ersten Hälfte des Buches werden zahlreiche Bausteine zusammengetragen, welche die kritische Situation, in der sich die heutige Landwirtschaft befindet, nachvollziehbar machen.

Im Hintergrund der Darstellung steht die einseitige Gestalt der Modernisierung der Landwirtschaft vor allem in der Nachkriegszeit. Der Prozess der Modernisierung wird damals wie heute von den Bauern gewollt, weil er für sie mit der Hoffnung auf eine entscheidende Verbesserung ihrer Lebensbedingungen verbunden ist: »Der Fortschritt enthält für sie ein soziales Versprechen: die Teilhabe an den Lebensformen, die in unserer Gesellschaft für die meisten selbstverständlich geworden sind. Entlastung von schwerer Arbeit, Verkürzung der Arbeitszeit, Urlaub, ein freies Wochenende, Zeit für Fortbildung, ein angemessenes Einkommen – davon träumt bis heute jede neue Generation von Bauern. Dieses Versprechen ist nicht eingelöst worden.« Aus diesem Grunde kann eine mögliche Agrarwende heute nicht hinter die Versprechungen der Modernisierung zurückfallen. Agrarwende, so die Autoren, kann heute nicht heißen, auf vormoderne Bedingungen zurückzugehen, sondern es geht eher um eine Art »zweiter Moderne« (Ulrich Beck), welche die Einseitigkeiten der bisherigen Entwicklung vermeidet und im Kleinen bereits vorhandene, aber bisher übersehene Ansätze ausbaut.

Ein wesentlicher Faktor, der zu der einseitigen Form von Modernisierung in der Vergangenheit beigetragen hat, ist die Verwechslung zwischen landwirtschaftlicher und industrieller Arbeit. Ein einflussreicher Agrarwissenschaftler sagte einmal: »Es steht außer Zweifel, dass man Getreide, Zuckerrüben, Eier, Masthähnchen, Schweinefleisch und Milch genauso nach industriellen Produktionsmethoden produzieren kann, wie Damenmäntel und Personenwagen.« In diesen Worten kommt eine Denkweise zum Ausdruck, die völlig übersieht, dass zur Landwirtschaft ganz wesentlich die reproduktive Arbeit z.B. am Boden gehört, die nicht unmittelbar gewinnbringend ist. Auch die »Intensive Tierproduktion«, die mit den sechziger Jahren begann, führte zu einer extremen Verdinglichung im Umgang mit pflanzlichem und tierischem Leben und verwechselte das Tier mit Produktionseinheiten. »Die neuere Geschichte von Zucht, Fütterung und Haltung von Nutztieren ist eine Geschichte der Missachtung des Lebewesens Tier durch die Wissenschaft, die landwirtschaftliche Beratung und die Landwirtschaftsschulen.«

Ein kritisches Licht wird in dem vorliegenden Buch auch auf die politische Interessenvertretung der Landwirtschaft, beispielsweise auf die Weltmarkt-Strategie der EU-Agrarpolitik, geworfen. Die bisher staatlich gestützten Agrarpreise werden in den letzten Jahren auf Weltmarktniveau abgesenkt. Denn der Weltmarkt ist inzwischen das Ventil für die Agrarüberschüsse geworden. Der durch die Preissenkung verursachte Einkommensverlust wird durch direkte staatliche Prämienzahlungen an die Bauern teilweise ausgeglichen. So kommt es zu einer seltsamen Abkoppelung des Preises für die Produkte der Bauern von deren Einkommen: Preis und Einkommen werden »entkoppelt«. »Das Einkommen der Bauern bildet sich schon heute über die Hälfte durch staatliche Zuwendungen und immer weniger über Markterlöse.« So entsteht eine extreme Abhängigkeit von staatlichen Programmen und ihren Geldern. Aber auch der Weltmarktpreis entsteht nicht aus Angebot und Nachfrage, sondern bildet sich unter dem Einfluss verschiedener Strategien der Regierungen, die nationalen landwirtschaftlichen Produktionsüberschüsse auf dem Weltmarkt abzusetzen. Daher entspricht der Weltmarktpreis in keiner Weise den tatsächlichen Produktionskosten der Bauern. Eine weitere verfahrene Perspektive zeigt sich, wenn man den Blick auf die  Interessenvertreter der Bauern in Deutschland richtet, insbesondere auf die Genossenschaftsverbände und den Deutschen Bauernverband (DBV). Dieser erhebt den Anspruch, ein Einheitsverein zu sein, der alle Bauern gleichermaßen vertritt. Ein Blick auf die lange Ämterliste der wichtigsten Funktionäre des Bauernverbandes zeigt, dass diese gleichzeitig mit den Interessen der Bauern auch die der Futtermittelindustrie und der chemischen Industrie wahrzunehmen haben. Eine genaue Übersicht oder gar Kontrolle der Vorgehensweise der Agrarlobby ist, so die Autoren, wegen des Ausmaßes der »unvorstellbaren Verflechtung, die den Bereich der Agrarwirtschaft, Ausbildung, Beratung, Kreditwesen, Versicherungen, Rechtsberatung und Agrarpolitik durchzieht« fast unmöglich.

Im zweiten Teil des Buches zeigen die Autoren, dass die Agrarwende nicht neu erfunden zu werden braucht, sondern dass im ökologischen Landbau zahlreiche Versuche und »Initiativen von unten« in der Landwirtschaft entwickelt wurden, an die angeknüpft werden kann.  Der ökologische Landbau hat sich aus der Praxis heraus entwickelt. Er wurde vor allem von Bauern und Bäuerinnen entwickelt, um sich aus den Abhängigkeiten von der chemischen Industrie und der Futtermittelwirtschaft zu befreien. »Obwohl Wissenschaftler und Philosophen wie Rudolf Steiner, Hans Müller, Hanspeter Rusch, Lady Eve Balfour und Sir Albert Howard die Konzepte und Grundideen biologischer Produktion vorlegten, waren es vor allem erfahrene Landwirte und Gärtner, welche die Methoden der biologischen Landwirtschaft entwickelten und voranbrachten.« 

Neben einem Verständnis des Betriebes als eines eigenständigen, lebendigen Organismus sowie der besonderen Berücksichtigung der reproduktiven Aufgaben der Landwirtschaft,  ist es die »Eigenständigkeit des Betriebes, die Unabhängigkeit von der Chemie- und Futtermittelwirtschaft sowie das Bemühen, sich eine wirtschaftliche Perspektive fernab von den Zwängen der allgemeinen Entwicklungslogik in der Landwirtschaft aufzubauen« , was die Ökobauern kennzeichnet.

Bis in die Vermarktung hinein sind viele Jahrzehnte hindurch mit hohem persönlichen Einsatz neue Wege beschritten worden, wie dies im ausgeprägten ökologischen Fachhandel in Form von Naturkostläden sowie in verschiedenen Formen der Direktvermarktung (zum Beispiel in den Hofläden) zum Ausdruck kommt. Im Buch werden außerdem zahlreiche regional erfolgreiche Gemeinschaftsprojekte in der Verarbeitung und Vermarktung vorgestellt, wie beispielsweise der »Märkische Landmarkt« oder die »Upländer Bauernmolkerei», die »Erzeugergemeinschaft Sauerland und Umgebung« und das »Neuland«-Vermarktungskonzept. Auf dem ökologischen »Experimentierfeld Landwirtschaft« wurden außerdem neue, überraschende Erwerbskombinationen entwickelt. Beispielsweise werden Scheunen zum Seminarhaus mit Vollverpflegung ausgebaut. Nicht selten kommt es zum Anschluss von Altenheimen oder kommunalen Aufgabenbereichen an die Höfe. Ein weiteres zusätzliches Feld der alternativen Agrarwirtschaft ist die Erzeugung von Energie aus Wind und Biomasse.

Auch in der überbetrieblichen Zusammenarbeit, zum Beispiel in Form von Maschinengemeinschaften, sind neue Wege beschritten worden. Selbst wenn erst rund 3 % der landwirtschaftlichen Betriebe ökologisch wirtschaften, wird anhand der im Buch gegebenen Beispiele eine erfreuliche Lebendigkeit und Vielfalt von Ansätzen sichtbar, die, so die Auffassung der Autoren, für die Agrarwende genutzt werden sollten: »Die Agrarwende muss deshalb nicht in Berlin und in den Labors erfunden werden. Sie kann sich stützen auf die vielen Versuche, die in der Landwirtschaft andere Wege gehen. Diese Pluralität muss bestärkt und ermutigt werden. Die Politik kann dazu einiges beitragen. Sie kann eine Infrastruktur in der Beratung, der Landwirtschaftsschule, wie im Bereich der Verarbeitung und Vermarktung fördern, die dieser Vielfalt nützt.«

Das Buch »Agrarwende« informiert in erstaunlicher Breite und Genauigkeit über die verschiedenen Facetten der Landwirtschaftskrise. Auch schwierige politische oder ökonomische Probleme, wie beispielsweise das Problem der Preisbildung für Agrarerzeugnisse, werden sachlich und kompetent erörtert und für den Leser nachvollziehbar gemacht. Die von den Autoren anvisierte zweite Moderne in der Landwirtschaft in Verbindung mit der Anknüpfung an die vielfältigen Erfahrungen im Ökolandbau geben zu einem vorsichtigen Optimismus Anlass. Man fühlt sich nach dem Lesen dieses Buches auf dem Gebiet der Landwirtschaft »auf der Höhe der Zeit«.

                                                     Ralf Gleide