Die Drei 04 / 2005

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

»Die Erlösung im Tragischen findet da statt, wo sich im Unheil der Jubel des Seins einstellt.« Diese Weisheit des alten Sophokles gerät uns immer wieder in Vergessenheit. Von daher empfinden wir es letztlich auch als eine große Provokation der Weltgeschichte, dass die Passionszeit, die Tage des Leidens und Sterbens des Herrn, im Frühling liegen, in der Zeit der nach dunkel-kalter Winternacht wieder erwachenden, sprießenden und erblühenden Natur. Und so fällt es uns auch schwer, den Anschluss an den Lebensstrom zu finden. Dem mitteleuropäischen Menschen hat sich die Auseinandersetzung mit dem Tragischen tief in die Konstitution eingeprägt – nicht zuletzt durch die furchtbaren Geschehnisse des vergangenen Jahrhunderts. Die starke Beschäftigung mit dem Leiden hat die Möglichkeit der erlösenden Auferstehung in eine unerreichbare Zukunft abgedrängt. Unsere Zivilisation ist beherrscht von Todeskräften; alles ist ernst und schwer, und wer dem nicht standhält, weicht aus in eine gedankenlose, aushöhlende Dauerpartystimmung, der das Berauschen an Gewalt und fließendem Blut nicht fremd ist.

Vom Hang zur Schwergewichtigkeit ist auch die Anthroposophie nicht ausgenommen. So wird sie gelegentlich geradezu als »Strapaze« empfunden, als schwere Arbeit, die notwendig ist, aber einen auch zu ersticken droht. – Klaus Dumke beschäftigt sich in diesem Heft mit dem – schwergewichtigen – Thema »Die Überwindung des Tragischen durch Karma und Reinkarnation«. Die hier gemeinte Überwindungsarbeit ist letztlich nicht möglich ohne eine Element, von dem Ruth Walker selbstsicher behauptet, es sei »die einfachste Sache der Welt«: Lebensfreude. Lebensfreude entsteht durch aufmerksame Hinwendung zur Welt, an den Augenblick. Sie ist das Element der Kinder und des Kindes in jedem Menschen. Ohne Lebensfreude auch dann, wenn es nichts mehr zu lachen gibt, kann auf das Tragische der Passion keine Auferstehung folgen. Erlösung und Auferstehung sind nicht etwas, was irgendwann, am Ende der Zeiten – hoffentlich – einmal eintritt, sondern entsteht aus Geistesgegenwart im Hier und Jetzt.

– Wie bereits angekündigt, laden wir auf den 14. Mai 2004 Autoren und interessierte Leser zu einem Gespräch über »Reinkarnation und Karma« nach Frankfurt ein. Näheres hierzu finden Sie auf Seite 19.

 

Ihr Stephan Stockmar