Die Drei 4 / 2003

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser

während sich hierzulande der Zauber des Frühlings entfaltet, werden Bagdad und Basra bombardiert und marschieren die alliierten Truppen in den Irak ein. In Spekulation auf einen raschen Sieg über das Terrorregime Saddam Husseins steigen die Aktienkurse und fallen die Ölpreise.

Dies ist kein »humanitärer« Krieg. Die die Front der »Willigen« anführende amerikanische Regierung kaschiert kaum ihre machtpolitischen Motive. Und die ungeheure Maschinerie einer modernen Kriegsführung entzieht sich dem selbstbestimmten Handeln der beteiligten Persönlichkeiten. Die kurz- und langfristigen Folgen des Krieges sind nicht absehbar und insofern auch nicht mit den Folgen von Saddams Terrorherrschaft zu verrechnen. Angesichts dieser Tatsachen befremdet es, wenn der französische Philosoph André Glucksman in der Zeitschrift »Info3« die Kriegsunwilligen unter den Europäern der Gleichgültigkeit bezichtet. Allerdings ist nicht zu leugnen, dass auch die letzteren taktieren und sich nicht nur von humanitären Motiven leiten lassen.

So machen sich Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht breit. Die Demonstrationen am nun eingetretenen Tag X trugen mit pathetischen Antikriegsballaden und Flugblättern altlinker Splittergruppen durchaus nostalgische Züge. Doch zugleich spürt man: Wo alles argumentaive Denken und verstandesgeleitete Handeln versagt, hilft nur noch, aktiv eine Offenheit gegenüber dem realen geistigen Geschehen herzustellen. In diesem Sinne wurden in einem ökumenischen Gottesdienst in der Katharinenkirche in der Frankfurter Innenstadt, vor der gerade die Kundgebung stattgefunden hatte, die »Armen vor Gott«, die »Sanftmütigen« und »Barmherzigen« aus den Seligpreisungen der Bergpredigt zum Vorbild gewählt. Sie sind eben nicht die Naiven und Unbedarften, sondern diejenigen, die aus einer tieferen Schicht ihres Menschseins ihr Verhältnis zu Gott und Welt bilden. – Um solche Zuwendung, sei es zum Mitmenschen oder zur Natur, geht es auch in den verschiedenen Beiträgen dieses Heftes, so unzeitgemäß sie einem auch auf den ersten Blick erscheinen mögen. Hans Magnus Enzensberger sagte kürzlich in einem Interview mit dem »Spiegel« auf das ihm vorgehaltene bekannte Brecht-Zitat: »Heute ist es umgekehrt: fast ein Verbrechen, nicht über Bäume zu sprechen …«.

 

Ihr Stephan Stockmar